Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 3 (1901)
- Issue
- 23 (7.6.1901)
- Date
- 1901-06-07
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Lrdarlwn: TIII/1, Schlötzelgafle 11. Gpr«chstm»be«r Rn Wochentagen von 4 bi« 6 Nhr nachmittag«, ssofiadeefie: Jüdische» «aUSdlati, Wien, Vlli|l. »eschwerdr« vegm verspätet er oder gar nicht erfolgter tzustillung erbitten wir an« drin,md. - Mamrserwte t»erden nicht zmÄckgrstellt. Postsparcaflm»Lonlo »47VS7. In da« Rbonnement kann man täglich eintretm. Erscheint jeden Freitag unter MittnirKung der vom jüdischen Volks- Verein erwählten Pressromurisston. Jnserirte übernehmen die Firmen: I. Danneberg, Dt. Duke«, Hassen, stein 4k Bögler, Rudolf Masse, A. Oppelik, M. Pozsonvi, R. Schale! in Wim, sernrr alle Annoncm»SrpedMonm im NuSlande. Gi»zel>N»mmer i» Wie« I« Heller. *- ----4 Adrninillrakion; VHI/1, SrtzlStzrlgasse 11. AbouuemrntSprelS r Für Wie« «. Oesterreich-Ungar« Für da» gesammte A«»ian» sammt Yrancozustcllung. sammt Francozustellung. Ganzjährig . . str. 8.— Halbjährig . . . . „ 4.— Bierteljährig. . . . „ 4----- Ganzjährig ... Kr. »■— S3S&- Kr. 23 Mir«, 7. Juni 1901. 111. Jahrgang. „Gerechtigkeit für aLe Oesterreicher!" .... Und t’£ wohnen Deutsche und Tschechen in Frieden beisammen, Polen und Ruthenen umarmen einander und auch der Italiener fühlt stch wohl. . . Das messianische Zeitalter! . . . Diesen glückseligen Zustand verkündete Minister-Präsident Korber in seiner im Abgeordnetenhause am Montag den 3. Juni d. I. gehaltenen Rede. Nachdem er den Frieden auf wirthschaftlicher Basis zustande gebracht und die Abgeordneten arbeitslustig gemacht hat, gieng er einen Schritt weiter und kündete auch deu Frieden auf politischem Gebiete an, unter dein Schlagworte: „Gerechtigkeit f ü r a l l e O e st e r r e i ch e r." Für a l l e , mit alleiniger Ausnahme von uns Jude n. Jawohl, die Worte sind im Abgeordneten- Hause gefallen und dort gibt es keine jüdischen Vertreter, keine j ü d i sch e Nation, keine j ü d i s ch e n Interessen ... Unsere Abgeordneten sind alles mögliche, nur nicht jüdisch. Sie bilden keinen jüdischen Club, keine jüdische Vereinigung, uni, wo es noththut, für unsere Interessen einzutreten. Cs ist seltsam: Unser Parlament ist auf dem Prinipe der „Interessenvertretung" aufgebaut, nur wir Juden haben keine besonderen Interessen zu vertreten, weder politische noch ökonornische, von den Zuständen in Galizien gar nicht zu reden, wo der Jude in ökonomischer Beziehung von der Landesverwaltung systematisch unterdrückt wird, wo ihm jede Thätigkeit nach und nach entzogen und ihm allmählich der Bissen aus dem Munde geraubt wird, abgesehen von dem Treiben der Antisemiten in Wien und Niederösterreich, abgesehen auch von Specialfüllen, von Mädchenraub und Ritualmord-Affairen. Abgesehen von all dem gibt es denn für Juden keine Klagen, über Dinge, die direct von der hohen Regierung kommen? Wieviel jüdische Beamte in Civil und wieviel höhere militärische Chargen haben wir zu verzeichnen? Wie hält man es mit der Beförderung von Juden im Justizdienste und mit den Concursausschreibungen in anderen Ressorts bezüglich uns Juden? ... „Gerechtigkeit für alle Oesterreicher." Sind wir denn keine Oesterreicher? Keine gleichgestellten Bürger in diesem Reiche? Keine pflichterfüllenden Patrioten in Geld- und Blutsteucr? Und haben wir nicht die vollste Berechtigung, im Namen der „Gerechtigkeit" auch für uns einige Rechte zu fordern? ... Warum? N a ch d e m R u s s i s ch e n v o n F. L a n d e s b e r g e r. Im Frühling war es vor nicht langer Zeit, und besser wäre es, es wäre nie gelvesen. Ich weiß nicht, ob es nicht besser wäre, das Ganze todtzuschlveigen, doch nein, die Seele würde unter der Last einer Sünde erliegen und das Herz wäre bedrückt; die Mittheilung ersetzt die Beichte . . . d Die Frühlingssonne sank am Horizont und beleuchtete mit ihren goldenen Strahlen das junge Grün der Blätter, das knospende Gebüsch am Ufer des Bug — drüben am jenseitigen Ufer, beschien die frisch gepflügten Felder, die bunten Trachten der Bauerndirnen! Die Mädchen drehten sich im Neigen und sangen: „O! Könige lasset uns kämpfen." Ihre frischen jungen Stimmen klangen so hell, dass es in den umliegenden Wäldern wiederhallte. Eine andere Gruppe von Mädchen antwortete spöttisch: „Wir lassen Euch nicht, wir lassen Euch nicht die Brücken zerstören." Und dort, weiter unten, plauderten die alten und jungen Weiber lebhaft' „Ah, der Kukuk! Schau, der fängt vor dem Sanct Georg zu singen an. Ja, vor Sanct Georg, meine Liebe, das ist ein gutes Zeichen! „Ist das wirklich in gutes Vorzeichen, Tante?" „Warum sollte es nicht ein gutes Vorzeichen lein?" „Alles Gute kommt vom heiligen Georg! Er ist der Beschützer der Kirche, so lvie der heilige Nikolaus der Beschützer der Pferde." „Man sagt es. und lvenn man es sagt, so muss cs wahr sein." „Die alte Leute sagen: Der heilige Georg gehe durch die Felder und mache Getreide und Brod. Wenn sich am heiligen Georgstag eine Krähe im Korn verstecke, so werden wir Brot bekommen. Wenn das Korn nur bis zum Knie des Sperlings reicht, dann sterben lvir vor Hunger. Wenn es aber am heiligen Georgstag regnet, Aber Rechte lverden nicht g e g e b e n , Rechte muss man sich erkämpfe u. Man muss gefürchtet lverden, um Rechte zu erlangen, llnd die Stärke liegt in derVer - e i n i g u n g. Hielten lvir wirklich alle unsere Kräfte zusamnien, würde unser Volksbewusssein, unsere nationale Idee, unsere Stammeszugehörigkeit uns alle vereinen, würden wir, Juden Oesterreichs, lvenigstens uns als ein Volk, als eine Nation im Reiche fühlen, dann wären „unsere" Abgeordneten die U n s e r i g e u, dann tvürden sie u n - s er e Interessen vertreten und dann hätte Ministerpräsident Korber, als er „Gerechtigkeit für alle Oesterreicher" proclamierte, auch uns im Auge gehabt. Der alte Wahrspruch kommt lvieder zu Ehren: „Selbsthilfe!" „Wenn du selbst nicht für dich bist, wer lvird für dich sein?" sprach einst ein jüdischer Weiser. Je näher der Friede zwischen den Völkern Oesterreichs heranrückt, je mehr die beieiuanderlvohneuden Nationen sich verständigen, je stärker der Verband im Reiche lvird und je schwächer der Hass und die Zwietracht zwischen seinen Bewohnern, desto enger müssen lvir Juden das einigende Band Zwischen uns knüpfen, desto mehr müssen wir Juden aus allen Ländern und Provinzen Oesterreichs Zusammenhalten, uns in unserer gemeinsamen nationalen Sache vereinigen, damit der Zorn und der Hass der geeinigten Völker sich nicht plötzlich über uns entladet. Denn gegen uns sind sie ja alle, und nur ihren nationalen Zwistigkeiten zuliebe vergessen sie manchmal an uns. Infolge der inneren Zerwürfnisse sind ja manche Gesetzentwürfe, welche uns zu schaden geeignet waren, nicht Gesetz geworden .... Aber der Gedanke lieht uns ferne, solcher Gesetzentwürfe wegen, neue Streitigkeiten im Abgeordnetenhause hcrbeizusehnen. Mit allen gut österreichisch Gesinnten, und vielleicht noch mehr als sie, freuen wir uns an der Arbeit, welche in letzter Zeit so rasch vor sich geht und mit Genugthuung blicken lvir dem heraufziehenden Frieden im Reiche entgegen. Denn Friede ist die alte Devise unseres Volkes, Friede ist das höchste Ideal unserer Propheten und Lehrer gewesen und wir werden nicht die Letzten sein, dem Ministerpräsidenten unsere Anerkennung auszudrücken, lvenn es ihm wirklich gelingt, den Frieden zwischen den verschiedenen Völkern im Reiche zustande zu bringen. Aber gerade deshalb nnissen wir auch unser Volk zur Vereinigung unter sich auffordern, jetzt mehr denn je. Gerade jetzt müssen wir am eifrigsten Propaganda für unsere nationale Sache machen, lvir müssen stark lverden und zur „Selbsthilfe" greifen, damit lvir nicht von der „Gerechtigkeit für alle Oesterreicher" ausgeschlossen bleibein Wir müssen lernen, gleichfalls als Volk dazustehen, als besondere Nation zwischen dann gibt es Korn genug auch für die Dummen. Und am Abendecho klang es melodisch: Wir brechen die Brücken, zerstören die Dämme. — Doch welcher Lärm ertönt aus dem Dorfe, Geheul und Klagerufe! Es klingt, lvie lvenn der Fluss im Frühling alle Dämme durchbricht. Die Rufe tönen immer lauter. Es ist, als tobte ein gewaltiger Sturm. Aus dem Gewirr dringt ein lanter Jammerruf! Es ist lvie eine Todtenklage! „Oh Mutter, was ist denn das? Großer Gott! ist das nicht Feuer!? Der Hinuuel behüte uns!!" Nein, ich sehe keinen Rauch. Aber Mutter, was gibt es denn? Schnell nach Hause Mädeln! Vielleicht ist es doch ein Brand. Nein, es brennt nicht, doch ist es was Aergeres! Seht nur die Kinder, die aus dem Dorfe kommen; sie suchen ihre Mütter. Die andern heulen und schreien aus Leibeskräften. „Mutter! Mutter! Man schlägt die Juden! Man zerstört ihre Hütten, zerfetzt ihre Kissen und zertrümmert ihre Möbel!" „Gott, lvie viel Flaum in den Straßen, als ob es schneien würde. „Die Inden und die Judenkinder jammern." „Das ist ein neuer Aufstand der Haidamaken." (Der Aufstand der Haidamaken gegen das Ende der Regierung Stanislaus Augusts war eine von Rußland anfgehetzte Bewegung, um Polen zu schwächen.) Jetzt fehlen nur noch Zelezuiak und Gonta. (Zelezniak und Gonta, die Anführer dieser Horden, die unglaubliche Roheiten verübten.) „Armes, verblendetes Volk!" Wer ist es, der am Ufer des Bug hinstürmend, laut jammert: „Zu Hilfe!" Wenn Ihr an Gott glaubt, so helft nur!" O! O! Ein junges Mädchen flieht aus dem Dorfe, eine Jüdin. Ihr weißes Kleid ist von oben bis unten zerrissen; die langen halbgelösten Zöpfe umhüllen sie gleich einem Mantel und hindern sie am eiligen Lauf. Ein rothhaariger Riese verfolgt sie. Ist es nicht ein Jude, der seinem Kinde nachjagt? „Zu Hilfe, lvenn Ihr an Gott glaubt, rettet inich! Äh! Elende! Willst Du mit dem Heulen nicht aufhören. Ich lverde Dir schon Helsen! Haltet sie! Verfluchte Brut!" allen anderen, uni die Vertretung unserer politischen und ökonomischen Interessen selbst in die Hand zu nehmen, nicht aber bald mit dieser, bald mit jener Nation zu gehen, um etlvas zu erbetteln, bald in der, bald in jener Partei ein kärgliches Obdach zu finden. Wenn es eine Gerechtig-» feit für alle Oesterreicher" gibt, lvollen wir auch ihrer theilhaftig werden und wenn wir es aufrichtig wollen, dann gibt es nur ein Mittel: Juden aller österreichischen Länder und Provinzen, vereinigt euch! Demagogen als Sittenrichter. Ein seltsames Schauspiel bot der W i e n e r Gemeinderath am Mittwoch. Die Erziehungsstätte der Gregongs, Schneiders und Bielohlaweks, die Elementarschule für Erziehung zu Unflätigkeit, Nadausucht und Scandal war diesmal der Schauplatz einer exemplarischen Strafe, welche die Schüler an den Herren Lehrern vollzogen. Die Beschimpfungen, welche die Alldeutschen, von den christlich-socialen Volksgenossen auch „Stalldeutsche" genannt, dem Bürgermeister Dr. Lueger kürzlich im Reichsrathe zutheil werden ließen, waren der Anlass; man wollte dem Herrn Bürgermeister ein Pflästerchen in Form einer Zehrenden Vertrauenskundgebung" verabreichen. Im Gemeinderathe sind ja jene Männer die im Reichsrathe vom den Alldeutschen in Bezug auf rüde Grobheit die reinen „Waisenknaben" sind, die Herren; dort glaubten sie es riskieren zu können. Und darüber vergaßen sie ganz ihre Vergangenheit; vergaßen vollkommen die Ereignisse der früheren Jahre, wo sie sich ähnlich aufführten, wie heute ihre Connationalen im Reichsrathe; vergaßen ganz, dass heute auch im Gemeinderathe Leute sitzen, die nicht, wie die Liberalen, froh sind, wenn man sie in Ruhe lässt. Und da kam denn das Strafgericht. Herr S ch u h m e i e r, der Svcialdemokrat, hielt ihnen eine Moralpauke, wie sie beschämender nicht gedacht lverden kann. Der Herausgeber der „Volkstribüne", eines Blattes, das an Ausdrucksweise dem bekannten „Arizona-Kiker" nur wenig nachsteht, hielt den Christlich-Socialen ein Spiegelbild vor, vor dem selbst die naive Unverfrorenheit des Herr Strobach verstummen musste. Er sagte ihnen in dürren Worten, wie sie vor kurzer Zeit noch das Schimpfen, Verleumden und Scaudalieren ebenso eifrig und niederträchtig betrieben hätten, wie jetzt die „Stalldeutschen"; wie sie den Ton, den sie jetzt pathetisch verdammen wollen, großgezogen haben; wie wenig Recht sie hätten, ji-tzt anderen Leuten Anstand und Sitte lernen zu wollen. Und die Christlich-Socialen saßen da und wussten nichts zu Nein, dos ist kein Jude. Dos scheint ein Katzap (Katzob ist in Rnßlond die niedrigste Closse der Menschen) zu sein. Dos Mädchen stürzt vorwärts, jetzt steht sie am Ufer, on einem so dunkeln und tiefen Wasser, dos lvie ein gähnender Abgrund anssieht. .. Und hinter ihre die Greuel des Dorfes! Es ist als ob die Erde stöhnen würde! Dos Mädchen hält inne, sie blickt ans den hügeligen Abhang, on dessen Fuße die Wogen murmeln und sieht sich um. Todtenblässe bedeckt ihr Gesicht. Unsagbarer Liebreiz log ans diesen Zügen; große schwarze Augen, lange seidige Wimpern, prachtvolles Haar umrahmten ein schneeiges zartes Antlitz. t Er, der Katzob, kommt immer näher; schon Null er sie ergreifen; von weiten streckt er den Arm nach ihr aus und knurrt wie ein wüthender Hund. Die Aermste hebt die Hände gen Himmel, zu Ihm, zu Jehova, dem Gott ihrer Väter! Dann stößt sie einen Schrei der Verzweiflung aus! Doch vergebens, der Gott Israels hört ihre Klagen nicht. Errettet das arme Kind seines auserwählten Volkes nicht. Er ist des Bundes mit Jakob nicht eingedenk. „Ha! Jetzt habe ich Dich, Du Elende!" Weiße Gewänder stottern, dumpf rauschen die Wellen! .... Ein Sprung ins Wasser entzieht dem Verfolger seine Beute. Sie taucht nicht mehr aus. Lautlos fließt der Strom. Spurlos war die llnselige verschwunden. Der Mond taucht aus den Wolken, er beleuchtet mit seinen silbernen Strahlen den Ort, wo das Judenmädchen seinen Tod gefunden; dann verhüllt er sein Antlitz. Der Katzap 'steht am Rand des Abhanges. Erwartet, ob sie nicht an die Oberfläche emportanchen wird. Nein! Sie kommt nicht wieder zum Vorschein! Schad' um die Judendirne! Sie war doch sehr schön! Der Morgen ist klar, mild und warm. Die Sonne durchdringt kaum den grünen Vorhang des Waldes, sie brennt noch nicht, und scheint mit ihren Strahlen Altes, was sie berührt, zu liebkosen. — Hoch oben, in den Lüsten, schwebt die Lerche und sendet ihre frohen Triller zur Erde. Hinter dem Berge, über den Feldern säuselt ein leiser Wind am User des Bug. Ä