Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 3 (1901)
- Issue
- 20 (17.5.1901)
- Date
- 1901-05-17
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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ÄfifiartlDn: TIil/1, ÄchLotzetgassr Li. Evrechstimdeur litt Wochmragen von 4 Biä 6 Uhr nachmittags. pofiadr.fi»: Jüdisches «SottSkHatl, «Ulen, vlll|l. Vrfchwrrdrn wegen verspäteter oder gar nicht erfolgter gustellung erbitten wir un» driugmd. — Nianuserttttr werde« nicht zurÜSgestellt. Lostsparcafien-lkonto S47N»7. In da» Abonnement sann mau täglich eintteten. Erscheint jeden Freitag ttstier Mitwirkung der vom MdiMien Volksverein erwählten Prefsemnmisston. Inserate übernehmen die Firmen: I. Danneberg, M. DukeS, Haasen» ftein äe Bögler, Rudolf Mofie, tk. vppelik, M. Pozsonyi, v. Schalel in Wien, ferner alle Nnnoncen-Sxpeditionen im NuLlande. Giuzel Nummer in Wie« 16 Heller. Ndminifkrakton: VIII/1, Schlohelgallr ll NbonnementSpreiS: Für Wie« u. Oesterreich-Ungar« fammt Francozustellung. ganzjährig Halbjährig Bierteljährig Kr. 8.- :i= Für baS gesummte An-land fammt Francozustellimg. Ganzjährig ... Kr. Halbjäbrig.. 4.50 Vierteljährig.„ L»S IW IKVtHfKM»* ■!—>* . 30 Wien. 17. Mai 1901. III. Jahrgang. EUÜl'idliü'tÜWU« d» » Die Seele fehlt! (Die tieferen Ursachen der Klosteraffairen.) Der arme Talmud! Seit jeher wird er im Munde unserer Feinde zum Zwecke seiner und unserer Verunglimpfung falsch citiert, Sätze, von denen nicht ein Iota wahr ist. werden ihm angedlchtet, um Feindschaft und Hetzereien gegen uns zu verbreiten, Nicht nur jene böswilligen Lumpen, welche wissentlich Worte aus dem Zusammenhang reißen, ibnen falsche Deutungen unterlegen, um ihr Machwerk für Geld zu verkaufen, nicht nur jene, welche ihn wenigstens lesen können, lügen bewusst und mit Absicht, sondern auch Männer, welche nicht einmal die Buchstaben, in denen er geschrieben ist, kennen, nicht einen Traktat aus ihm gesehen haben und nicht einmal vom Hörensagen von ihm etwas wissen, sprechen und predigen in seinem Namen, berufen sich auf ihn mit dumm erdichteten Aussprüchen, um das dümmste Zeug für das Volk vorzubringen und ihre vergifteten Brandreden auf ihn zu stützen. . . Zur aumutbigeu Schar der letzteren gehört seit jüngster Zeit der Fürst Alois Liechtenstein! Es scheint, dass er mit unserem parlamentarischen Talmudist en a la Mechaniker Schneider concurrieren will, um seine unsinnige Weisheit im Namen des Talmud zum Besten zu geben. In der in der vorigen Woche stattgehabten Versammlung des »Christlichen Frauenbund" hat nämlich Fürst Liechtenstein eine Rede vom Stapel gelassen, in der er, auf den Mädchenraub in Galizien zu sprechen kommend, alles, was die Zeitungen darüber berichtet haben, als »puren Schwindel" bezeichnete; die Mädchen giengen gerne und selbst ins Kloster, denn nach dem Talmud, rief er mit erhobener Stimme, hätten die Judenmädchen keine Seele, nur die Knaben besäßen eine solche, folglich begeben sich die Mädchen ins Kloster, um die Seele, die ihnen fehlt, zu finden... Es ist überflüssig, diesen Unsinn zu widerlegen, und es liegt uns ferne, mit dem Prinzen zu polemisieren oder gar von ihm zu verlangen, dass er uns den von ihm citierten Satz an Ort und Stelle zeigen solle, er weiß es ja selbst, dass er erdichtet ist. Wir wären auch auf diese Blüte der prinzlicheu Redekunst nicht zurückgekommen, wenn wir nicht dadurch an die schlechte Erziehung der jüdischen Mädchen im allgemeinen erinnert würden, indem der Prinz, ohne es zu wissen, eine wirklich wunde Stelle in Bezug auf die Erziehung unserer jungen Töchter berührt hätte, denn in diesem Punkte bleibt noch sehr viel zu wünschen übrig. Die besser situierten Eltern schicken ihre Mädchen gerne in die Nonncnschulen, die ärmeren wieder geben ihren Töchtern gar keine Erziehung. In Galizien sowohl wie nicht minder in den anderen Ländern der Monarchie sehen wir mit Bedauern, wie die empfänglichen Gemüther Das jüdische Leben und seine Volkslieder. (Schluss.) In der Sammlung sind über hundert Liebeslieder ausgenommen, doch findet man in keinem den fröhlichen Sinn glücklicher Liebe, die Kundgebung innerer Seelenerhebung; es sind Klagelieder; bald wird über äußere Hindernisse, die Nichteinwilligung der Eltern, bald über falsche Liebe geklagt, oder gar, weil der Geliebte in die Ferne ziehen muss. Hohe Poesie wird man in ihnen vergebens suchen, aber Ausdrücke der Trauer und herzzerreißenden Schmerzes finden sich genug. Z. B.: Main siß-Leben fort awek, Un ich blaib allein; Wenn ich dermohn sich on main siß-Leben, Sitz ich nur un wein. Main siß-Leben awekgefohren, Un ich bin allein geblieben; Wollt ich wissen, wu er is, Wollt ich ihm a Briew'l geschrieben. Wollt ich gewen a Veigel?, Wollt ich zu ihm gefleigeiC; Nichai wollte er auch gesehen Maine varweinte Eigen! Wollt ich gehat a Fligcle, Wollt ich zu ihm gefleigen Un leben ihm gesessen, — Efscher wollt ich ihm auSgestroft, Wos er Hot on mir asei vargessen unserer Mädchen von ihrer frühesten Jugend von christlichen Bonnen und Erzieherinnen — zumeist Nonnen — die Dogmen der christlichen Religion in sich ausnehmen. Die Liebe zum Christenthum wird ihnen direct ins Blut eingeimpft und als Kehrseite dessen selbstverständlich — Verachtung ihrer eigenen Religion und Rasse. Vom Judenthum weiß das jüdische Mädchen nichts, der jüdische Religionslehrer, wenn sie ihn schon zu Gesichte bekommt, wird in den Augen dieser Schülerinnen verlacht und verhöhnt, die übrigen Lehrerinnen wissen schon, wie man das besorgt, und das jüdische Mädchen verlässt die Schule mit einem wohlpräparierten Hass gegen ihr Volk, ja sogar gegen ihre eigenen Eltern. Was Wunder, wenn sie bei erster Gelegenheit, namentlich wenn ein Schein von Liebe ihr winkt, das Vaterhaus verlässt und in ein Kloster flüchtet? Noch viel schlimmer steht es mit den armen Mädchen in Galizien, namentlich in den Dörfern, wo sie weder eine Schule besuchen, noch sonst irgend eine Erziehung genießen und zusammen mit den christlichen Burschen des Dorfes herumlungern. Die Eltern lassen es an Strenge nicht fehlen, aber diese richtet sich auf religiöse Ceremonien, welche ihnen nicht erklärt werden und die sie blindlings befolgen müssen. Nie hören sie ein Wort der Milde und deS Trostes, niemand ist da, der ihnen die Idee des Judenthums, die geschichtliche Entwicklung ihres Volkes, die nationale Zusammengehörigkeit und die religiösen Wahrheiten begreiflich machen soll. Sie haben keine Gelegenheit, den Sinn des jüdischen Familienlebens, den hehren Zweck des heiligen Verbandes von Eltern und Kindern kennen zu lernen, sie wissen einfach nicht, was sie mit dem für sie todten Judenthum anfangen sollen... Prinz L i e ch t e n st e i n hat recht! Die Seele fehlt, aber nicht den Mädchen, sondern den Eltern! Es fehlt ihnen die jüdische Seele, um sie ihren Töchtern einzupflanzen!. . . Das ist ein bitterer Zustand, aber er lässt sich nicht ableugnen. Die Entfremdung unserer Kinder ist eine Folge der Assimilation, welcher wir vor einigen Decennien verfallen sind, sie leitet sich direct von der falschen Sucht ab, anderen Völkern nachzuahmen, von dem unseligen Triebe, alles zu verunglimpfen, was jüdisch ist, und alles zu verherrlichen, was wir bei anderen sehen, ohne zu begreifen, dass dort die nationalen Gefühle stark ausgeprägt sind, dass dort die Religion vom Staate fest gestützt wird, und dass wir nie in der Assimilation aufgehen können. Die Reichen thaten es vielleicht mit Absicht, sie wollten vielleicht wirklich aufgehen, aber die armen Dorfjuden Galiziens thaten es unbewusst, sie begriffen nicht die Gefahr und beschränkten sich auf die trockenen Ceremonien, die sie ihren Töchtern nicht einmal zu erklären verstanden. Solche Uebel können nur durch die jüdisch - nationale Idee beseitigt werden, durch Popula- Wollt ich gewen a Fischele, Wollt ich zu ihm gcschwummen; As er wollt wissen main bitter Harz, Wollt er zu mir gekuminen. Manches Lied klingt sagenhaft, wie: Geih ich mir zu dem Brunnen Wasser arausziehn, Steiht dort a Meidele — ich kenn sie nit bekummen: — Chap a Bär mm Wald un lern ehm aus schraiben, Ot damolst, damolst westu mainer blaiben! Reih mir aus sieben Hemder ohn Laiwind un ohn Said, Mach mir sieben Wiegen ohn Holz und ohn Gezaig, Chap mir aus vun Jam die Fisch, und in Jam sollen sei blaiben, Mach mir asa Leiter, — zu dem Himmel soll er staigen. oder hat in sich etwas Phantastisches, wie: Steih ich mir bai'n Fenster, thu ich mir deinken, Fall ich arain in allerlei Kreinken. Vun allerlei Kreinken kenn a Docter heilen, Die Wunden vun main Harzen kenn ich var keinem nit derzeilen. Schwarz binstu, schwarz ot wie a Zigainer, Zehn, Liebes ausgespielt un geblieben mainer! Schwarz binstu, schwarz wie a Toter Wer is do schuldig — main Mutter mit'n Boter! Eine ganz besondere Species bilden die Lieder der Verlobten, welche gegen ihren Willen, sondern nur auf Geheiß der Eltern zusammengesührt wurden. Oi mir oreme Meidelech, Wos teig unser ßach Radau, Az men putzt uns aus A Ferd far a Mann! Unsere Eltern thuen Schiduchim, Sie thuen uns gor nit fragen, — Darum verbreingen mir sehr schlecht dem Leben! Andererseits findet sich auch ein Lied, in welchem die Tochter sich ganz auf den Standpunkt der Eltern stellt: risierung und Verbreitung dieses Gedankens, der wie auf die Eltern, so auch aus die Kinder heilsam wirken muss. Wir wollen uns hier nicht mit Einzelheiten beschäftigen, mit jenen Mädchen, die, von sinnlichem Rausch befangen, sich halb willig ins Kloster schleppen ließe», wie manche traurige Nachricht aus Galizien beweist; mir wollen aüch hier nicht die Gerechtigkeit anrnfen, um ein Wort für die um den Verlust ihres Kindes trauernden Eltern zu sprechen, wir sind jetzt bei den großen Gesichtspunkten dieses Themas, bei den lieferen Ursachen dieser epidemischen Erscheinungen, und da müssen wir sagen: „Ja wohl, die Seele fehlt, die jüdische Seele — den jüdische n Eltern! Unsere Aufgabe muss sein, die jüdisch-nationale Seele unserem Volke wiederzugeben, ihm Selbstbewusssein im nationalen Sinne beizubringen. und dann wnÄ es keinem Prinzen Liechtenstein einfallen, christlichsocialen Spießerfranen mit geschwollenem Pathos zu erzählen, unseren Mädchen fehle die Seele! Jüdische SonalMI». (Schluss zum letzten Leitartikel.) Eine Socialreform, die ihre Aufgabe vollkommen erfüllen soll, muss alle produeierenden Stände des jüdischen Volkes vor Ausbeutung schützen, sowohl als Produceuten wie auch als Consumenten. Das thut keineswegs der sogenannte „Arbeiterschutz", der nur einen Theil einer radicalen Socialreform bildet und überdies in Oesterreich noch keineswegs weit, fortgeschritten ist. Die Gründe für die Rückständigkeit in dieser Beziehung sind mannigfacher Natur, vor ollem kommt der Umstand in Betracht, dass wohl alle Parteien vor den Wahlen die Inangriffnahme der socialen Reform der Wähler-- schast — versprechen, nach der Wahl aber beginnt statt d?r fruchtbringenden wirtschaftlichen Reform — die nationale undconfessionelle Hetze wieder von neuem. Die wirtschaftlichen. Fragen in Oesterreich toerden immer und immer wieder in den Hintergrund gedrängt durch die nationalen und Rassenkärnpfe und wenn endlich doch einmal an die wirtschaftliche Reform, herangetreten wird, so trägt diese, wie §§ 59 und 60 brr G e- Werbeordnung beweisen, einen antisemitischen Stempel., So macht sich denn die wirtschaftliche Unfruchtbarkeit aller und jeder österreichischen Parteipolitik in Gemeinde, Land und Reich insbesondere für den jüdischen Mittelstand und den. jüdischen Proletarier fühlbar. Beide leiden unter den täglich, ungünstiger werdenden wirtschaftlichen Verhältnissen und werden überdies noch als Juden für dieselben verantwortlich gemacht.. Infolge des Mangels an einer Gcsammtösterreich umfassenden jüdisch-socialen Organisation sind sie kein Machtfactor und werden von der Negierung und Gesetzgebung nicht berücksichtigt.. So lange aber diese, alle produeierenden Stände der Judenschaft umfasiende Organisation fehlt, ist jedwede Formulierung, A scheine Meidl bin ich doch, Reithe Fodim spinn ich doch, A raichn Tat'n hob ich doch, — Haint wos fehlt mir noch? Tate, Tate, geih auf'n Ben-sochor Un klaib mir aus a scheinem Bochur, Mit lange Peiß'n, mit schwarze Eigen, Und zu der heiliger Teire soll er teigen. Fast alle tragen dasselbe Motiv, und keines bringt die Wonne der Verlobungszeir zum Ausdruck. Auch die L.eder, welche unter der Ueberschrist »Familie" gesammelt sind, klingen traurig; wir vernehmen Klagen über Schwiegermütter oder über unglückliche Heiraten, wir hören Flüche über die Heiratsvermittler : Schadchon, Schadchon, a klog zu dir! Oi, wos hostu gehat zu mir? Du host genummen die Schadchones Un host gekeilet ohne Rachmones, a Klog zu dir, a klog zu dir! Auf wos hostu mir gegeben a Mann a Ferd. Kreinelech, Harzelech, uehm ihm zu in der Erd! Auf wos hostu mir gegeben a Mann a Byk, Kreinelech, Harzelech, nehm ihm zu zurick! Einen frohen, heiteren Ton schlägt keines dieser Lieder an. Im großen un) ganzen verlassen wir die Lectüre dieser Lieder in gedrückter Stimmung, das Leben im Ghetto war schwermüthig und stumpf und bot wenig Raum für die Entwicklung wahrer, herzerhebender Poesie. R. A. Brandes.