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Jüdisches Volksblatt · 1901-05-03 · 18 (3.5.1901) · page 1

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
3 (1901)
Issue
18 (3.5.1901)
Date
1901-05-03
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Wie Lebensbalsam für die Menschen ist der Frühling, besonders sür die armen und unterdrückten. Wenn die Natur ihre Auferstehung feiert, wenn die Saal, die reiche Ernte verheißt, zn grünen beginnt, wenn alles sprosst und blüht, wenn alles sich enthüllt und dem Lichte entgegenstrebt, da kehrt auch in die Seele des Menschen neuer Muth ein, sein Geist fühlt sich verjüngt, und ahnungsreich erhebt sich eine schönere Zukunft vor ihm. Der Frühling der umgebenden Natur erweckt im Innern des Menschen einen geistigen Frühling und frisches Leben, jugendliche Begeisterung macht sein Herz schwellen. Es liegt ein tiefer Sinn darin, dass die Socialdemokratie den Frühling zu ihrem Symbol gemacht hat, dass sie gerade den ersten Mai zum Arbeiter- Feiertage gestempelt, zum Tage, an dem „bie Rechte des freien Menschen" ausgerusen werden. Aber warum klingt dieser Tag uns Juden so anheimelnd? Warum ist es uns, als ob auch wir diesen Gedanken besessen haben, warum erweckt er in uns Juden einen so lebhaften Wiederhall? Darum, weil vor dreitausend Jahren unser Lehrer und Meister Moses das Befreiungsfest unserer Nation mit dem Frühling für immer verschmolzen hat, weil er uns ausdrücklich anbefohlen hat: „Gedenket des F r ü h l i n g s m o n a t s, der Zeit, in welcher Ihr von der ägyptischen Knechtschaft befreit wurdet!" Unsere Thora hat also denselben Gedanken, nur noch mit einer denkwürdigen Thatsache verbunden, schon längst ausgedrückt, denselben Gedanken, den jetzt die Socialdemokratie wieder ausgenommen hat. Und seltsam! Auch in ihrem gesetzgebenden Theile läuft unsere Thora mit der modernen Socialdemokratie parallel. Sind denn nicht die Vorschriften über die Sclaverei, über das Zinsennehmen, über Pfand und viele andere Gesetze der Ausdruck des socialen Gewissens auch unserer Zeit? Bedeuten denn nicht die Verordnungen der „Schwüle" und des „Jobels" den Triumph des socialdemokratischen Gedankens nach den Verhältnissen jener Zeit? Ist der Satz, der allen diesen Verordnungen zugrunde liegt, der Satz, der im Namen Gottes verkündet wurde: „M i r gehört die ganze Erde!", dass also der Mensch kein Eigenthumsrecht auf Boden hat, nicht der Ausdruck des reinsten Socialismus? Unsere Lehre ist überall mit socialen Gedanken durchsetzt, und infolge der tausendjährigen Verfolgungen sind wir wie kaum ein anderes Volk geeignet, diesen Lehren Verständnis entgegenzubringen. Kein Wunder, O, scheint nur froh und heiter, unbefangen, lustig, Mich täuscht Ihr nicht durch Euer lautes, freches Lachen; Denn ich durchschaue Eure Masken und Costüme Und seh' dahinter scharf das blasse, starre Antlitz. Mit schonungsloser Hand will ich ans Herz Euch greifen. Euch Euer Selbst entdecken, bis gequält Ihr schreit: Ja, das ist Wahrheit, alles and're Komödie. Denn liebevoll, doch unbestechlich sieht mein Auge, Wie Euch ein unentrinnbar Zagen überfällt, Wenn scheinbar fröhlich Ihr die fremden Feste feiert; Wie Euch das Weinen näher ist, das bitl're Weinen, Wenn grell Ihr lacht und mit dem Lachen Euch betäubet; Wie Ihr mit Höflichkeit und Phrase überschüttet. Die Ihr im Grunde Eurer Seele doch verachtet. Wie bald für Schach und Sport, bald für ein nichtig Ziel, Die ganzen Geisteskräfte Eures Stamms verbluten, Wie Ihr am Altar fremder, ausgeliehener, bunt Staffierter Ideale Gut und Blut selbst opfert. Um nur die nagend' Seelenpein zu lindern. Doch eines Unglückstags zieht Ihr die Rechnung dann, Kalt, stumm und finster, regungslos und bleich: Nicht eines, aber auch nicht eines ist mir treu geblieben. Und alles Haschisch, nichts als Haschisch, Rauch und Dunst, Berauschung, dann ein traurig schmerzhaftes Erwachen. Dasselbe Spiel aufs neu', um einmal jäh zu enden. Leo S o f e r. dass die Lehrer und Meister der modernen Socialdemokratie Juden waren, dass ein Marx, ein Lassalle aus unserer Mitte auferstanden sind und dass der erste Mai uns an die Lehren unserer Thora erinnert. Der erste Mai ist keine religiöse und keine nationale Feier. Ihn feiern alle, welche im socialen Gedanken vereint sind, alle Confessionen und alle Nationen. Er ist ein Feiertag der Natur, ebenso wie unsere alten jüdischen Feiertage mit den Veränderungen in der Natur verknüpft waren, und wir könnten ganz gut mit dem modernen Arbeiter diesen Tag mitfeiern und die Hoffnungen, die der Frühling erweckt, in unserem nationalen Sinne mitfühlen. Denn auch unsere jüdisch-nationale Idee hängt mit Frühling, mit Auferstehung und mit froher Botschaft zusammen. Auch wir müssen uns des Bibelwortes erinnern: „Gedenket des Frühlingsmonats!" Seht, wie alles in der Natur aufersteht. Verzweifelt darum nicht auch an Eurer Zukunft. Arbeitet an der nationalen Idee! Seht die grünenden Felder, die blühenden Blumen! Sie verheißen reiche Frucht. Auch Eure redliche und geduldige Arbeit wird reiche Frucht tragen. Das bedeutet der erste Mai sür andere und auch für uns! I utero rem mit dem itatiMscheu nationaL-eonfcvmtlmn Abgeordneten Dr. Toner. Abgeordneter Dr. Conci äußerte sich einem unserer Mitarbeiter gegenüber betreffs der politischen Lage in Oesterreich, wie folgt: Das österreichische Parlament dürfte, wie die momentanen Verhältnisse liegen, weiter vegetieren. Von einer wirklichen Volksvertretung kann jedoch so lange keine Rede sein, als das österreichische Parlament sich seines wichtigsten Rechtes, der Bewilligung des Budgets, entäußert. Die normale Budgetbewilligung durch eine parlamentarische Majorität oder die Bildung eines parlamentarischen Ministeriums ist aber in Oesterreich noch für geraume Zeit ausgeschlossen. Darum wird auch das Ministerium Koerber ebenso weiter vegetieren, wie das jetzige Parlament, sowie auch jede einzelne Partei. Diese Zustände werden infolge der nationalen Reibungen trotz der scheinbar eingetretenen Besserung noch für die An die jüdischen Proletarier. 1. Ich bin aus Eurem Kreise, In mir kreist Euer Blut, Ich singe Eure Weise Und trage Eure Glut. Mein Großvater war ein Schneider Der and're ist ein Schmied Und jeder ein Hungerleider, Und jeder hatte sein Lied. — So Schmied als auch der Schneider Sein Sehnsuchts- und Hoffnungslied, Und denke ich stille beider Erbebe ich liebedurchglüht. Und liebeglühend erfass' ich Die Feder, in Thränen erweicht — Und die Euch erlösenden Waffen Ergriffe ich ebenso leicht. . . 2, Was Dich adelt, ist Dein Streben, Dein Verlangen, zu erfüllen. nächste Zeit andauern und infolge dessen auch die Unmöglichkeit der Bildung einer parlamentarischen Majorität und einer parlamentarischen Regierung. Die Gesundung des öffentlichen Lebens in Oesterreich wird eines längeren Zeitraumes bedürfen und kann keineswegs auf einem der bisher vorgeschlagenen Wege erfolgen. Alle die Mittel, die bisher Vorschlägen wurden, sind ungeeignet, und nur innerhalb eines längeren Zeitraumes kann eine Wandlung in Oesterreich eiutreten. Was speciell den deutsch-czechischen Streit betrifft,. so wollen die sinkenden Parteien keine Verständigung. Die einen beharren auf der deutschen Staatssprache, die anderen auf dem böhmischen Staatsrechte. Eine Beilegung dieses Steites ist nur möglich im Sinne der nationalen Gleichberechtigung. Die italienischen Abgeordneten nehmen diesem Streite gegenüber einen neutralen Standpunkt ein. Die italienischen Gravamina beziehen sich auf die autonome Verwaltung in Südtirol; unsere Forderungen sind keine sprachlicher, sondern nur wirtschaftlicher Natur. Wir fordern für das Treutino eine administrative Autonomie. Da wir so lange wirtschaftlich vernachlässigt wurden, so bedürfen wir des Ausbaues unseres Eisenbahnwesens, der Pflege der Seidenzuchts und insbesondere eines genügenden Weiuzolls zur Hebung der Weincultur. Die politischen und nationalen Gegensätze sind bei uns geringer, als in anderen Theilen der österreichischen Monarchie, und der nationale Gegensatz zwischen Deutschen und Italienern dürfte bald einer nationalen Verständigung Platz machen. Eine Judensrage gibt es bei uns nicht, somit existiert für uns auch die Frage nicht, ob die Juden eine Rasse oder Confession sind, ob sie sich assimiliren oder nicht. Die italienischen „Christlich-Socialen" sind keine Antisemiten, wenn sie auch vom wirtschaftlichen Standpunkte aus gegen den „jüdischen Capitalismus" Stellung nehmeu. Der ehemalige Abgeordnete Zanetti war der einzige, der eine gewisse antisemitische Färbung hatte, mit slavischen Abgeordneten diesbezüglich in wirtschaftlichen Fragen in Fühlung stand, derzeit aber nicht mehr im österreichischen Parlamente sitzt, sondern durch einen liberalen Deputierten ersetzt wurde. Die Verhältnisse liegen für die italienischen Abgeordneten bei uns im Treutino anders als für die ans dem Küstenlande. Die trentino-Gcuppe .neigt mehr zu den slavischen Deputierten, die italienischen Abgeordneten aus dem Küstenlands mehr zu den deutschen Deputierten. Das gemeinsame Band für alle italienischen Abgeordneten des österreichischen Parlamentes bildet die nationale Solidarität, mögen sie nun Conservative oder Liberale, Christlich-Sociale oder Socialdemokraten sein. (Letztere zwei Gruppen sind im Abgeordnetenhause nicht parlamentarisch vertreten.) Was der Schöpfer Dir im Stillen Vorgezeichnet für das Leben. Was Dich heiligt, ist Dein Ringen Mit den vielen Hindernissen, Bis sie mählich weichen müssen Nnd Dir lacht ein froh Vollbringen. 3. Seht Ihr, in Scharen, in Reihen und Haufen Die Kleinen heute gehen und laufen, Froh durch die sonnigen Gassen, Dann öffnet die Augen uud Herzen und Seelen. Beim freudigen Umzug dürft Ihr nicht fehlen; Denn Euch gilt das Jauchzen der Massen. Weil Eurem Stamme die Männer entsprossen, Die in die Menschheit liebend gegossen Die Strahlen der Freiheitssonne. Ihr gabt der Welt Apostel und Götter, Seid endlich Euch selbst aus Fesseln die Retter, Und hoffet im Monde der Wonne!! Wien, zum 1. M a i 1001. M. Sch er lag.

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