Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 3 (1901)
- Issue
- 16 (19.4.1901)
- Date
- 1901-04-19
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 19. April 1901 Nr. IG Complet in IS Heften. Preis pro Heft SO Pfennig. Leipzig. A. H. Payne, 1901. — Heft VI—XII. Die Neue Zeit. Revue des geistigen und öffentlichen Lebens. Nr. 27. XIX. Inhalt: Kaiserliche Aeußerungen. — Das Weib und der Stier, von Dr. H. B. Adams-Lehmann. — Die badische Budget-Abstimmung, von Rosa Luxemburg. — Tolstoi und Brentano, von K. Kautsky. — Notizen. — Feuilleton: In der Schlucht, von Anton Tschechow. Stuttgart, I. H. W. Dietz. Der junge Goldncr, Drama von Georg Hirschfeld. Berlin 1901. Verlag S. Fischer. Renate Fuchs. Jakob Wassermann, Berlin 1901. Verlag S. Fischer. * „ K lostererzichung", so lautet ein Artikel von F. v. Rüden in dem eben erschienenen 2. Hefte des III. Jahrganges der „Documente der Frauen", herausgegeben von M. Laug. Es weht uns Menschen des XX. Jahrhunderts wie Moderdufr aus längst verqangeneu-Zeiten entgegen, wenn wir hier von den Zuständen und Verhältnissen hören, in denen noch heutigentags so viele unserer Mädchen in den Klosterschulen schmachten; geistig und körperlich vernachlässigt und beraubt an den unschuldigsten Lebensfreuden. Keiner, der diesen Artikel liest, wird sich eines Schauderns hierbei erwehren können. Die Fortsetzung des hochinteressanten Artikels „Die freie Ehe" von Jacques Mesnil und des Schlusses der anmuthigen altitalienischen Liebesgeschichte wäre noch besonders Erwähnung'zu thun. — Die ..Documente der Frauen" sind zum Preise von 3 Kr. vierteljährlich, die einzelne Nummer für 60 H. in allen Buchhandlungen und in der Administration, Wien, VI., Magdalenenstrape 12, zu haben. Von der „Neuen Zeit" (Stuttgart, Dietz'Verlag) ist soeben das 28. Heft des 19. Jahrganges erschienen. Aus dem Inhalte heben wir hervor: Ueber Kamaschendrill. — Karl Lueger. Von Fritz Austerlitz (Wien). — Mutterschaft und geistige Aroeit. Von A. Bebel. — Einige Argumente für die Verstaatlichung des Bergbaues. Bon H. Möller. — Die foeialistischeu Gewerkschaften in Spanien. Von'Heinrich Curiow. — Technische Fortschritte im Bauwesen. Bon P. M. Grempe. — Literarische Rundschau: Emil Perthes, Eine moderne Gründergeschichte. — Notizen .-In eigener Sache. Von F. Mehring. Nochmals „Der Zukunftskrieg". Von Rudolf Krafft. Kosten der Rübenverarbeitung. Von P. M. Grempe. - Feuilleton: In der Schlucht. Von Anton Tschechow. Aus dem Russischen übersetzt von Eugenie Kliorin. (Fortsetzung.) Vereinsuüii VerjMStlMgsbeiWe. Wien. Der Allgemeine jüdische Arbeiterverein veranstaltet Samstag den 20. April l. I. im Saale der Tanzschule Leo Dubois, II., Pfarrgasse 12, das Benefiz-Kränzchen seines Tanzlehrers Max Richter. Die Gesinnungsgenossen werden um zahlreiches Erscheinen ersucht. Wien. (Jüdisch-akademische Verbindung „Unita s", Wien.) Samstag den 20. d. M., 7", Uhr abends, findet im Locale der Verbindung, VIII., Josefstädterstraße 14, ein Vortrag des Herrn Dr. Paul Weisengrün „Ueber jüdische Tagespolitik" statt. Gäste herzlichst willkommen. Wien. („Tomech Ewjaunim".) Unter den vielen Wohlthätigkeitsvereineu, die ihr Entstehen und Gedeihen ausschließlich der Opferwilligkeit und Munificenz der hiesigen Judenschaft verdanken, verdient wohl der Verein „Tomech Ewj aunim", zur Unterstützung armer, jüdischer Zugereister, II., Herminengasse Nr. 6, mit Fug Und Recht auf publicistischem Wege erörtert und beleuchtet zu werden. Die Thätigkeit dieses, den edelsten menschlichen Motiven entsprungenen Vereines, die sich ursprünglich nur darauf beschränkte, armen, hier auf der Durchreise befindlichen Glaubensgenossen durch Gewährung von Geldunterstützungen und Freitischen an Sabbath- und Festtagen über momentane Verlegenheiten hinwegzuhelfen, hat in letzterer Periode, den Zeitverhältnissen Rechnung tragend, den Rahmen ihres Gebietes überschritten und auch die Unterstützung hiesiger verschämter und würdiger Arme in ihrer Sphäre gezogen. Als ob sie die Devise des Vereines, die da lautet: „Kol dichfin jesse wejechaul" — wer da Noth und Hunger hat, der komme, esse und labe sich — zu hohen Ehren und zur vollen Geltung bringen, scharen sich allabendlich nach dem Gottesdienste in der Synagoge zahlreiche zugereiste Fremde um die daselbst anwesenden Vorstandsmitglieder, um von ihnen die üblichen Speisemarken ausgesolgt zu erhalten, jenes Freibillet, das ihnen auf ihrer beschwerdevollen Nomadenwanderung, nicht selten nach Tagen und Wochen voll Kümmernis und Entbehrungen, des Hungerns und Darbens wieder einmal einen ordentlichen Bissen, ein menschenwürdiges Mahl, eine erquickende und stärkende Labung an gastlicher Stätte sichert. So war es auch am verflossenen Passah-Feste und besonders an den beiden Sederabenden herzergreifend und erbauend anzusehen, wie die mit Freitisch Bedachten, unter denen sich diesmal eine stattliche Zahl Auswandererfamilien aus Rumänien befanden, ernst und andächtig an den für sie eigens im Restaurationslocale improvisierten Seder-Ceremonie theilnahmenjwie wohlthuend und erhebend dieser Act der Gastfreundschaft auf ihr schwer bedrücktes Gemüth einwirkte und wie dankerfüllten Herzens sie das ihnen von mitfühlenden und mitleidigen Stammesgenossen in so humaner Weise Dargeboteue entgegennahmen. Da der Verein, wie eingangs erwähnt, nunmehr auch der heimischen Armut und Dürftigkeit sein Augenmerk zuwendet und derselben überall, wo sich die Noth wendigkeit und Dürftigkeit herausstellt, nach Thunlichkeit unter die Arme greift, und da bte Leitung des Vereines, an deren Spitze seit dem Rücktritte des langjährigen Obmannnes Professor H o f f m a n n Obercantor Schorr steht, nach wie vor nur zielbewusste, selbstlose Männer zu seinen Mitgliedern zählt, so darf wohl angenommen werden, dass sich das schon so oft bewährte Mahnwort des Propheten: „K il a u alm o n Jisroel" auch in diesem Falle sich bewähren und sich sowohl hier als auswärts hochherzige Wohltäter und Menschenfreunde finden werden, die dieses hilfreiche, segenbringende Institut der N ä ch st enliebe durch regenBeitritt und Spendenzuschuss kräftig st fördern undunterstützen und zur gedeihlichen Weiterentwicklung verhelfen. fi . Skutezky. Kolonien. (Verein „B e t h I s r a e!".) Dank der wahrhaft unermüdlichen Sorge der Leiter des hiesigen „Beth Israel- Vereines, der Herreil Dc. Rosenheck und Löbl Taube s", kam die G r ü n d u u g «- i u e s Frauenu u b Mädchenvereines „Rache l" zustande, die in Gegenwart von 20.» den vornehmsten Ständen augehörenden Frauen am 13. April stattfand. Schon das zahlreiche Erscheinen der Frauen kürrdet von der Wirkung der unter den ungünstigsten Bedingungen mühsam geleiteten Agitation. Herr Dr. Rosenheck begrüßte die Versammelten mit einer tiefempfundenen Ansprache. Nach seinen eindrucksvollen Worten ergriff Fräulein Rosa P o m m e r a n z das Wort zu einer erhebenden Rede. Die Kraft dieser sehr begabten Nednerin liegt in der formvollendeten und doch volksthumlich gemüthlichen Redeart. Hierauf schritt man zur Wahl der Fuuctionärinnen mit folgendem Ergebmsse: In den Ausschuss wurden gewählt: Frau C-zarne K r e b s, Präsidentin; Frau Ernestine Bergler, BicepräsideiUlii; Früulem Guste Rath, Frau Julie R o h a t y n, Schriftführerinnen; Frau Laure K n ö p p e r, Cassierin; Frau Anna Red er, Verwalterin; Frau Sale Hausknecht, Fräulein Marie K r i w e r, Biblloihekarinnen; Frau ">ertha Baidaff, Frau Bertha Borttler, Frau Rosa Frisch, Fräulein Bertha Herb st, Frau Baste H o f f m a n n, Frau Adele Horn, Frau Jetti Singer, Frau Adele Seidmann, Frau Ettel Wieselberg. Briefkasten. Rich. Her, Netschetin. Ihren Brief haben wir unserem Bureau für Heimatsrecht übergeben. Bezüglich der Annonce bitten wir um Nachricht, wie groß sie sein und wie oft sie erscheinen soll. Wcrther, Abbazia. Wir wünschen baldige Besserung. A. K. u. C., Salzburg. Wir danken Ihnen für Ihre Mittheilung und warnen hiermit jüdische Kaufleute vor Annahme des „Allgemeinen Gewerbe- und Hausadvocaten". Hausierer, Wien. Wenden Sie sich mündlich an unseren Rechtsconsulenten im Bureau des „Jüdischen Vollsvereines". Wir ersuchen alle auswärtigen Leser unseres Blattes, uns Nachrichten aus dem Gemeinde- und Vereinsleben der dortigen Judenschaft zu geben. Besonders erwünscht ist die Einsendung antisemitischer Localblätter, welche Angriffe gegen die Juden enthalten. Die Sprechstunden des Heimatsrechts- Bnreaus des „Jüdischen Volksvereines" sind jeden Dienstag, Donnerstag nnd Samstag von bis 8 Uhr abends. Auskünfte in Heimatsrechts - Angelegenheiten ertheilt weiters die Nedaetion dieses Blattes. Die Frei-Lesehalle ist an Wochentagen von 12 bis rr Uhr mittags und von v bis 1« Uhr abends, an Sonntagen von 9 bis 2 Uhr, an Samstagen und jüdischen Feiertagen von 19 bis 4 Uhr mittags geöffnet. Chesredacteur Alois Munk hat eine längere Erholungsreise angetreten. Es wird gebeten für die Redaetion bestimmte Briefschaften nicht an ihn perfönlich, sondern an die Redaetion zu adressieren. i Der Schlüssel. Erzählung von Eduard Knlke. (Fortsetzung.) Wir fühlten, dass wir fürs Leben einander angehöreu, und suchten vergebens ein Mittel, die zwischen uns gezogene Schranke zu durchbrechen. Aurelie wagte nicht, das Wort auszusprechen, mittelst dessen ich die Brücke hinter mir abgebrochen hätte; desto stärker fühlte ich in meinem Innern die Forderung der Taufe an mich herantreten. Was ich auch theoretisch dagegen einwenden mochte, die Leidenschaft übertönte die Stimme der Vernunft. Was ist nichtbefriedigter Wissensdrang gegen die Qualen des Zustandes, in dem ich mich befand. Ich kann sie . Ihnen nicht schildern, diese Qualen. Ich stellte mir den Meineid vor die Seele, den ich durch die Taufe begienge, da ich doch nicht aus Ueberzeugung Christ werden wollte; dagegen donnerte mir der Meineid ins Ohr, den ich begehe, wenn ich Aurelie verlasse. Kurz, ich war entschlossen, die Brücke hinter mir abzubrechen und mich in den Besitz des geliebtesten Wesens zu setzen. Nun hören Sie. Die Ceremonie war für den folgenden Tag bestimmt, und ich gieng den Abend zu Bett mit allerlei wunderlichen Gedanken, ich konnte nicht schlafen. War es Ungeduld? Konnte ich die Stunde nicht erwarten? Oder fühlte ich schon Reue über eine That, die noch gar nicht begangen war? Unruhig wälzte ich mich auf meinem Lager hin und her; endlich schlief ich ein und hatte einen merkwürdigen Traum. Ich sah mich mit Aurelie bereits in der Kirche und den Priester vor uns, der mir mit einigen Tropfen Wasser mein Judenthum wegwaschen und das einzige Hindernis meines Glückes aus dem Wege räumen sollte. Da tauchten plötzlich Gestalten auf, die der Situation in der Kirche ein groteskes, aber doch rührendes Gepräge verliehen. Meine Eltern kamen zur Kirchenthür herein, der Vater und die Mutter, Hand in Hand, schweigend, ohne die Lippen auch nur zu bewegen, aber mit Blicken eine- Sprache redend, die vernehmlicher klang als Orgelklänge. Sie schienen ängstlich des Ausganges zu harren, sie schienen zu warten, ob es denn wahr sei, dass ich mich von ihnen lossagen und sie einem Mädchen zum Opfer bringen wolle. Der Vater schien mir etwas gefasster und ruhiger, als ob er sagen wollte : Ich habe keinen Theil daran; die Mutter aber bekümmert wie eine Sünderin, die das Geständnis ablegt: Das Hab' ich verschuldet, aber so Hab' ich's nicht gewollt. Ich nahm Aurelie bei der Hand und führte sie zu meinen Aeltern. „Seht hier Eure Tochter," sagte ich; „Mutter, sie ist gut und verständig wie du; und sie schien freundlich zu winken. Ich führte Aurelie wieder zurück, da kamen Sie, mein Lehrer, mit zwei Büchecn, in jeder Hand eins, ich glaubte, das Alte und das Neue Testament vor mir aufgerollt zu sehen. Sie sprachen auch nicht, aber Sie zeigten mir die Bücher hin, als ob Sie sagen wollten: »Wer wird mich einst rechtfertigen, dass ich Dich dahin gebracht habe." Ich schritt auf Sie zu, nahm Ihnen beide Bücher aus der Hand, küsste jedes inbrünstig und sagte: „Eine und dieselbe Wahrheit. Eines heilig wie das andere." Sie schienen freundlich' zu winken, und ich kehrte zum Altar zurück. Da kam Bärl Lederer und an seiner Hand ein reizendes Mädchen, es war Rösele. Er machte ein grinsendes Gesicht, streckte die Zunge auf mich heraus und rief mir dann mit teuflischem Hohne zu: „He, Feiwele! Hab' ich Dir's gleich gesagt"? Ich wendete mich ab, um die Fratze nicht länger sehen zu müssen. „Du wahrlich," sagte ich mir, und mein Inneres empörte sich dabei, „Du wahrlich bist es nicht, der mich in meinem Entschluss wankend machen wird. Was diese da mit ihrer zärtlichen Liebe über mich nicht vermögen, Du wirst es nicht mit Deinem Grinsen und Höhnen. Ich spotte Deiner Prophetie, auf die Du Dir so viel einbildest, und Schmach war' es für mich, länger noch einem Volke anzugehörcn, das Dich zu den Seinigen zählt. Da riss es mich gewalsam herum, die Gestalt war fort, aber sie, sie stand noch da, das Mädchen, in Schönheit und Unschuld strahlend wie ein Engel. Sie warf mir einen Blick zu, dass es mir eiskalt über den Rücken lief: „Weißt Du noch," sprach sie, „wie Du von uns Abschied nahmst, was ich da für Dich gelitten habe? Und kennst Du das Vertrauen, Das ich meinem Vater zu Trotz in Dich gesetzt? Und willst so es rechtfertigen und mich zur Lügnerin machen, dass ich verschämt die Augen Niederschlagen muss, wenn mich der Blick meines Vaters trifft?" „Du kennst'nicht die Macht der Liebe," erwiderte ich, „sieh her, sieh Aurelie, unb du wirst alles verstehen und mir vergeben." „Ich sollte die Macht der Liebe nicht kennen?" vernahm ich darauf aus ihrem Munde, „aber doch ja, sie ist schöner, als ich bin; zieh' hin und sei glücklich." Nun erschien der Bauerbursche, mit dem Strick in der Hand, mit welchem er mich im Walde mishandelte. Sein Gesicht war voll von Schadenfreude. „So ist's recht, Jud'," schrie er, „nun, da Du Dich von den verfluchten Juden lossagst und einer der Unseren wirst, magst Du auch ruhig im Walde liegen, du wirst keine Prügel mehr bekommen." Schon wollte ich znrücktreten und die Handlung nicht an mir vollziehen lassen, so empörte mich diese Roheit; mein Blick fiel auf Aurelie, und ich blieb. Nicht Gewalt, sagte ich mir, hat mich hierher geführt; die Liebe allein hat dieses Wunder vollbracht. Da erhob der Priester seine Hand, und eine neue Gestalt schlich zur Thür herein: Gumpel. „Felix!" rief er, „ist es so schön dort drüben, wart', ich folge Dir, nimm mich mit. Denk' an unsere Kindheit, Du hast mich ja immer mitgenommen, mich allein vor allen anderen. Warum willst Du mich zurncklassen? Hab' ich mit Dir nicht schon damals den Galech mit dem Glücke! gegrüßt? Warte, warte, Felix, dass ich Dir Nachkommen kann." „Halten Sie ein!" ries ich dem Priester zu, der'die Ceremonie vollziehen wollte, um Himmelswillen, haltcn Sie ein, diesen Menschen darf ich mir nicht auf mein Gewissen laden; er soll mir nicht nach, ich bleib' Jude!" Mit dem Schrei: „Ich bleib' Jude!" erwachte ich aus dem ängstigenden Traum und bebte an allen Gliedern. Die Sonne strahlte bereits hell ins Zimmer, so spät war ich erwacht; rasch eilte ich zu Aurelie, und ihr habe ich alles zu danken, sie bewirkte in ihrer schlichten Herzenseinfalt den Process meiner inneren Läuterung. Ich hatte vor Aurelie kein Geheimnis; mein ganzes Wesen lag vor ihr offen, wie vor mir das ihrige. Nachdem ich ihr den Traum erzählt hatte, bemerkte ich, dass sie davon sehr ergriffen war. Sie schwieg und sah mich mit dem Ausdruck tiefster Wehmuth an. Ich fragte, ob die Erzählung des Traumes sie erschreckt habe, und ob sie auf Träume etwas gebe. Darauf fragte sie, wie sie nicht erschrecken sollte, da derselbe mich doch so gewaltig erschüttert hätte, und es müsse in den Träumen doch auch ein Unterschied gemacht werden, und mancher Traum werde doch etwas mehr sein als ein schlecht ablaufender Verdauungsprocess. Hierauf bat sie mich, wenn es mir nicht beschwerlich falle, diejenigen Punkte aus dem Traume aufzuhellen, welche nur durch Mittheilungen aus meiner Jugendzeit verständlich gemacht werden können. Sie erkundigte sich namentlich nach den Personen und nach dem Zusammenhänge derselben mit dem gehabten Traumgesichte. Ich erzählte ihr aus meiner Jugendzeit die wichtigsten Momente, die Ihnen bekannt sind. Ich sprach ihr von meiner Freundschaft mit Gumpel, von Bärl Lederers Prophezeiung, von meinen kindlichen Zweifeln, von Ihnen, vom Neuen Testamente, von dem Herrn Blumenthal, von dem Schlüssel, der nothwendig ist, ein Schloss aufzusperren, endlich von meinem Abschied und von Rösele. Sie hörte mich ruhig an, und es schien mir, als ob jedes meiner Worte sich in ihr Herz eingrabe. Nachdem ich mit meiner Erzählung fertig war, umfasste sie mein Haupt, küsste mir die Stirn und die Augen, dann sprach sie: »Herrlicher Freund, der Himmel segne Dich!" Sie wollte fort, aber ich versuchte sie zurückzuhalten, indem ich sie heftig an meinen Busen drückte und ihr Gesicht mit lausend Küssen bedeckte. „Du willst fort, Aurelie," fragte ich, „und hast mir sonst nichts zu sagen?" „Nein," antwortete sie, „Deine innere Stimme hat bereits gesprochen, es ist kein Wort mehr nöthig." »Bleibe, Aurelie," bat ich, da sie sich aus meiner Umarmung losmachte, „verlass mich nicht; meine innere Stimme schweigt, ich verstehe sie nicht." „Du wirst Dich verstehen," erwiderte sie, „sobald Du ruhiger und fähig geworden sein wirst, über Dich nachzudenken; deshalb, mein Freund, erweichen wir uns nicht weiter durch kindische Zärtlichkeit. Lebe wohl!" „Ich sollte ruhiger werden," sagte ich, „da Du mir die Ruhe auf immer rauben willst? Rathe mir, sprich, dass Du mir nicht zürnst!" Mild lächelnd reichte sie mir nochmals die Hand zum Abschiede und sagte: „Theurer Freund, verstehst Du mich so wenig? Wenn ich Dir aber rathen soll, so höre: Ich will Dir nicht sagen, dass Du mich vergessen sollst, denn Du wirst mich so wenig vergessen, als ich jemals Deiner vergessen könnte, aber eines ist möglich: Trennung, das ist das Beste, was ich Dir rathen kann, und verlasse diesen Ort, wo Dich tausenderlei Beziehungen immerfort mit quälender Erinnerung plagen, so wie ich ihn ungesäumt verlassen werde, und", fügte sieH hinzu, „forsche nicht nach mir!"