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Jüdisches Volksblatt · 1901-03-29 · 13 (29.3.1901) · p. Seite 6

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
3 (1901)
Issue
13 (29.3.1901)
Date
1901-03-29
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 29. März 1901 Nr. 13 Zur Lage in Russland. Petersburg, im März 1901. Tie Leiden unserer Glaubensbrüder in S ü d r u s s l a n dscheinen bereits ihren Höhepunkt erreicht zu haben. Alle Briefe und Berichte aus den Gouvernements Cherson und Bessarabien sprechen nicht mehr von einer gewöhnlichen Noth, sondern von einer veritablen H u n g e r s n o t h mit allen ihren Nebenerscheinungen. Aus den Kreisen Ananiew, Cherson, Elisabethgrad und Odessa kommen Hiobsbotschaften über die dort herrschende Armut, welche gegenwärtig 4200 Familien mit 1 2.060 Seelen ergriffen hat. „Diese Familien leiden buchstäblich Hunger, da sie absolut ohne Lebensmittel sind. Ihre Zahl n immt rasch zu, und die Menge der hungernden jüdischen Familien wächst sichtlich von Tag zu Tag." Aus anderen S tädten Südrusslands theilen die Herren M a r g u l i s, Dr. Finkelstein und Notar H u r o w i tz in einem an die jü dischen Blätter gerichteten Schreiben ähnliche Nachrichten mit. „ Infolge der Missernte," heißt es in diesem Schreiben, „sowie d urch die Stockung im Handel und Gewerbe sind die jüdischen H andwerker, Arbeiter und Kleinhändler in den Städten, S lädtchen und Dörfern Südrusslands ohne Arbeit und Verdienst. D ie Leiden während der vorjährigen Missernte haben die jü difche Bevölkerung der Gouvernements Cherson und Bessarabien d erart entkräftet, dass sie gegen die Wiederholung der vorjä hrigcn Katastrophe ganz widersiandsunsähig geworden sind. Bi de Leute, die im vorigen Jahre noch zu den wohlhabenden zä hlten, sehen sich jetzt selber gegenüber der bittersten Noth. Die localen Hilfsmittel wurden bereits im vorigen Jahre ers chöpst, die Regierung Hilst, ausschließlich den Bauern, und die von der Gesellschaft zum „Rothen Kreuz" in den Städten erö fsneten Volkslüchcn nehmen ans die religiösen Vorschriften unserer Cpeisegesctze keine Rücksicht, so dass sie infolge dessen von den jüdischen Volksmasscn nicht.benützt werden können." Leider haben die Ccmites, welche im vorigen Jahre in O dessa und Kischinew so vorzüglich funciioniert haben, sich vorzeitig aufgelöst und sind bis jetzt nicht wieder in Action gerr etcn, obgleich die Hungersnoth nunmehr seit zehn Wochen in Südrussland wüthct. Offenbar muss cs noch weit schlimmer ko mweu, wenn die Führer des Judenthnms in Südrussland fi ch zu einer größeren gemeinsamen Action ausroffen sollen. Nun wohl! Dieses Schlimmste ist bereits cingetreten: in manchen jüdischen Städten des Gouvernements Cherson ist die schlimmste Begleiterscheinung d es Hungers — der Hungertyphus — unter b eii ärmsten Schichten der jüdischen Bevölkerung ausgebrochen. Aus Cherson wird der „ Budustschnosij" geschrieben: „Tie jüdische Wohlthätigkeits- Gesellschaft, deren Mittel vollständig erschöpft sind, hat an den M ogistrat eine Eingabe gerichtet, in der es unter anderen he ißt: Die Noth unter der hiesigen jüdischen Bevölkerung ist so groß, dass bereits der Flecktyphus ausgcbrochen ist. Ter M agistrat hat daher Baracken aufgeschlagen, um speciell diese Kr anken aufzunehmen. Villeicht wird die Nachricht dazu dienen, die jüdische Wohllhätigkeit, welche durch die im vorigen Jahre, an sie gesteülin zahlreichen Ansprüche erschöpft zu sein scheint, wied er zu beleben." Religion und Natioualiswus. Eine Betrachtung. Es kommt manchmal vor, dass wir uns von einer R edensart, die im Laufe einer Discussion gebraucht wird, üb erzeugen lassen. Wir halten sie für Worte, hinter denen Thaten und Ueberzeugung sticken, und nehmen sie als etwas P vsitives hin. Wir gelangen dazu, den Standpunkt unseres G egners als einen solchen zu achten und ihm von seinem S landpunkte aus recht zu geben. Wenn wir nachher, der Nothwendigkeit rascher Ucberlegung, wie sie die Discussion erheischt, enthoben, über das Vernommene ruhig und bedacht Nachdenken, di e Behauptung unseres Gegners in ihre Coniequenzcn hinein ve rfolgen, sie mit seinen Handlungen in Einklang bringen wollen, werden wir mit Erstaunen gewahr, dass die gebrauchte Redensart ni cht den Handlungen entspricht, dass sie nicht dem Bewusstsein sol cher entspringt, dass wir einer Phrase aufgesessen sind. So rrgieng cs mir jüngst, als mich ein Cultusgewaltigcr in eine D iscussion über den Nationalismus zu ziehen geruhte. Es war ei n sehr geachteter Mann. Ich achtete ihn auch sehr. Ich wusste zwar nicht, warum, kannte Marner, die nicht um ein Haar schlechter waren, und nicht so geachtet, und andere wieder, die besser waren, und nicht so geachtet, die waren aber wieder nicht reich. Aber wenn ihn die anderen achten, denke ich mir, müssen sie wissen, warum, und so achte ich ihn auch. So antwortete ich ihm dann auf Ernstes und Dummes mit gleich höflichem Ernst. Nachdem die officiellen Gegenargumente: „Es gibt kein jüdisches Voll" und „Ter Nationalismus erzeugt erst nvthwendigerweise den Antisemitismus", in ihrer Erguicklichkeit bearbeitet waren, kam die „Redensart" heraus: „Ich hänge mit Leib Seele an der jüdischen Religion und brauche keinen Nationalismus." — Ich war so froh, Grund zur Achtung zu haben, dass ich gerne übertrieb, fast gerührt von zwei verschiedenen, aber gleich jüdischen Standpunkten sprach und das leutselige Handreichen und Lächeln mit einer verbindlichen Verbeugung quittierte. Sie sind doch brave Leute, unsere alten Führer! Ja, wenn mir nicht unser „Erbfehler", die Kritiksucht, die einen auch alles beschnüffeln lässt, einen Streich gespielt hätte! Ich dachte über die „Redensart" nach, setzte ihr die Handlungen, die mit ihr übereinstimmen sollten, entgegen, und bald schlug ich die Hände über dem Kopse zusammen. Der gute Mann ist ja gar nicht religiös, und ich bin aufgesessen. —: Er hält nicht die Speisegesetze. Ich halte sie auch nicht. Aber ich behaupte auch nicht, fromm zu sein und deswegen keineanderen Ausdruckes des Judenthums zu bedürfen. Er hält nicht die Sabbathruhe. Ich auch nicht, und ich weiß sehr gut, dass man sie nicht oder sehr schwer halten kann; aber1 ich sage nicht, dass ich fromm bin. Und so konnte ich vieles aufzählen. In den Tempel geht er zwar, aber auch nicht so, dass man sagen könnte, er sei fromm. Also? .. . Ich kenne das: „Alles andere ist Nebensache. Die Hauptsache ist, dass man an einen Gott im Himmel glaubt" ... Und wer an ihn glaubt, kommt nach dem Tode selbst in den Himmel, wenn er gebetet hat, Almosen nach Vorschrift gegeben und nach Maßgabe seines Vermögens zu dem oder jenem frommen Zwecke Geld beigesteuert hat. Ich weiß nicht ob das recht ist, aber ich mag so einen Schacher nicht. Wenn mir hunderttausende sagen würden, „Du kommst für Dein Judentbum in die Hölle" und andere hunderttausende, „Du kommst für Dein Judenthum in den Himmel", ich würde nicht dieser und nicht jener wegen Jude sein wollen und mein Judenthum bethätigen, sondern weil ich nicht anders kann, weil ich anders unglücklich wäre, aber glücklich sein will. Und ich glaube, ich habe recht, wenn ich seinem Judenthum solch selbstsüchtige Motive unterschiebe. Denn seinen Kindern hat er nicht gesagt: Das Judenthum ist Dein höchstes Gut, kostbarer als Dein Leben. Zwar wird, solange er lebt, sich keines seiner Kinder taufen lassen. Aber er hat sie nicht so erzogen, dass dies auch nach seinem Tode unbedingt der Fall wäre. Soll darin wirklich diese Religion bestehen? Dass man in den Tempel geht, von feiner Million tausend, selbst zehntausend Gulden hergibt, nicht stiehlt, nicht betrügt und nicht falsch schwört? Ist das wirklich schon der höchste Lebensinhalt, dass man keines Nationalismus mehr bedarf? Man gehe mir auch mit dem Gefühle für die ganze Menschheit, dem ein jüdisches Volk ein zu kleiner Rahmen wäre. Irgendwo habe ich gelesen, dass nie der Menschheit wegen das Volk jgeleugnet werden darf. Wer das Volk leugnet, dem ist die Menschheit eine bloße Phrase. Nein, er hängt nicht mit Leib und Seele am Judenthum. Was ihn mit dem Judenthum verbindet, ist kein im lebendigen Bewusstsein gelegenes Band. Es sind die Folgen der Jugendeindrücke, die von den Eindrücken des Mannesalters nicht mehr verwischt wurden. Aber auf die Kinder vermag er dieses Baud nicht mehr zu übertragen. Die werden indifferent, und wenn nicht diese, lassen sich seine Kindeskinder taufen, wenn sie nicht — Nationaljuden werden. Der Fall ist typisch. Diesen directen Abkömmlingen des Ghrttojuden ist der lebendige Sinn fürs Judenthum, wie er im Ghetto bestand, abhanden gekommen, und hat der Anschauung eines bloßen Tempel- und Friedhosverwaltungs- Judenthums mit einem ganz unbestimmten Glauben, dessen wegen man gerade nicht Jude sein muss, Platz gemacht. Und wenn dieses Wenige an Judenthum erschüttert wird, ist es mit dem Judenthum ganz vorbei, wenn eS nicht in neuer Form aufersteht. Es liegt eine tiefe Lehre in dem. Im Ghetto bestand zweierlei Sehnsucht. Eine nach Judenthum, eine osficielle, wie sie im Tempel verkündet wurde; und eine andere, heimliche, nach dem Leben da draußen. Die eine ist in dem Halbdunkel der Tempel, in der dumpfen Luft der Lehrzimmer, in all dem tausendjährigen furchtbaren Harten vertrocknet, sie ist körperlos geworden, lebt nur als Erinnerung und unbestimmte Hoffnung. Die andere aber ist von Fleisch und Blut, sie ist der Thaten-, der Lcbensdrang. Und wenn Erinnerung und Hoffnung von anderen sehr starken Eindrücken geschwächt werden und die Sehnsucht aus Fleisch und Blut durch Lebensänßerung stark wird, dann verwischt sie jene bald ganz, und um das Judenthum des Individuums ist cs geschehen. Wir muffen der Sehnsucht aus Fleisch und Blut Judenthum und der anderen, der körperlichen, Fleisch und Blut geben. Wir müssen Judenthum in unser öffentliches Leben hereinbringen, es zu einem bestimmenden Factor in unserem Berhältnisie zur übrigen Gesellschaft machen, und die abstract, religiöse Formel gewordene andere Sehnsucht zu lebendiger Erinnerung und lebendiger Hoffnung umwandeln, ihr Richtung und Ziel und — Erdgeruch geben. Wer nur körperliche Sehnsucht hegt und nicht die andere, der ist nicht von Fleisch und Blut. Und wer die und die Sehnsucht hegt, und will der zweiten nicht jüdischen Inhalt oder der ersten nicht Fleisch und Blut geben, der ist ein Heuchler oder ein Narr. ,, Jecheskel hakauhen. Ter SchlSffcl. Erzählung von Eduard Kulke. (Fortsetzung.) Ich bin auch einmal jung gewesen und Du auch, und ich weiß, dass man in jüngern Jahren die Freuden dieser Welt auch nicht verachtet. Mau kann sich „Oilem habo" (Jenseits) erkaufen durch „Maißim toiwim" (gute Handlungen), aber man braucht deshalb „Oilem haseh" (diese Welt) nicht zu verschmähen. Von einem „Cchidech" (Partie) trauet' ich mich gar nicht mit ihm zu reden. Für die Schönheit scheint er gar keine Augen zu haben, oder er hat für dieselbe schon zu viel Auge gehabt und ist darüber erblindet. Das ist es, mein Kind, was ich auf dem Herzen gehabt habe, und jetzt ist mir leichter." „Was Du da gesprochen hast, ist alles „Thoires Emcs" (reine Wahrheit)!" sagte Löb Frank, „Du kannst in einen Menschen so hineinsehen, wie wenn er aus Glas gemacht war', und nachdem Du mir es gezeigt hast, nun seh' auch ich alles klar und deutlich. Aber meine Meinung ist, die Sache ruhig laufen zu lassen und keine Voreiligkeit zu begeh'n, die man später vielleicht bereuen könnte. Wir dürfen nicht vergessen, dass Felix schon als Kind kein gewöhnliches Kind gewesen ist, und wir dürfen uns auch jetzt nicht darüber verwundern, dass aus dem ungewöhnlichen Kind ein ungewöhnlicher Mensch geworden ist. Das alles kann man sich nicht „aufriemen" (bestellen), wie man will, und so wie es Gott schickt, so muss man damit zufrieden sein." Wenn Jentel Frank, die liebende Mutter, deren Herz von Sorgen um den geliebten Sohn belastet war, die Unterredung hätte hören können, welche Felix mit seinem ehemaligen Lehrer hatte, so wäre sie über ihre Fragen aufgeklärt worden. Besser, dass dies nicht der Fall war. Bleibe fort in dem Dunkel Deiner Vermuthungen, liebendes Mutterherz! Die volle Wahrheit würde es Dir zu schwer belasten; es thut nicht allen Augen wohl, ungebrochenes- Licht zu sehen. XII. Enthüllungen. Reb Sawel Kornmehl war sehr erfreut über die Wendung, welche die Dinge genommen hatten; denn jetzt erst, nachdem Felix nach jahrelanger Abwesenheit wieder zurückgekommen war, glaubte er ihn in den sicheren Hafen, einlanden zu sehen, worin ihm keine Gefahren mehr drohen. So lange Felix abwesend war, fühlte der ehemalige Lehrer sich nicht ganz frei im Gewissen, und wie sehr er auch den Angriffen Bärl Lederers gegenüber alsj Anwalt des Abwesenden auftrat, innerlich musste er sich gestehen, dass Bärl Lederer am Ende doch noch recht behalten könne,, denn man soll den Tag nicht loben vor dem Abend. „Und wenn Felix wirklich einen falschen Schritt gethan hätte, wer wäre daran mehr schuld als ich?" sagte er. Jetzt aber war er beruhigt, ja mehr als das, er war innig vergnügte Hocherfreut war er aber auch über das Benehmen desehemaligen Schülers. Da er Felix zum erstenmale wiedergesehen, begrüßte er ihn mit einer Art von Scheu, nannte ihn „Herr Doctor" und redete ihn per „Sie" an. Felix aber hat das nicht zugeben wolle. „More rabboch kemore schomaim (die Furcht vor dem Lehrer muss sein wie die Furcht vor Gott)," sagte er. „Ich habe noch^nicht vergessen an den wahren Spruch: Von allen meinen Lehrern bin ich klug geworden. Darum reden Sie zu mir, wie Sie es ehemals gethan haben, da ich noch ein Kind war. Heißen Sie mich nicht: Herr Doctor, sondern: Felix, und sagen Sie mir nicht: Sie, sondern: Du — so ist's mir lieber." Reb Sawel war entzückt über solche Dankbarkeit und wollte von diesen ihm eingeräumten Rechten nur unter der Bedingung Gebrauch machen, dass auch Felix ihn nun nicht mehr als den ehemaligen Lehrer, sondern als treuen Freund ansehen solle, der, wenn auch älter an Jahren, doch noch jung am Herzen sei. Das Vorrecht der Freundschaft, sich mit „Du" anzureden, solle zwischen ihnen gegenseitig geübt werden, wünschte Reb Sawel in seiner Bescheidenheit. Auf diesen letzteren Vorschlag ging der ehemalige Schüler allerdings nicht ein. Schnell entfaltete sich aber zwischen beiden Männern ein inniger Freundschaftsbund, und Felix brachte die Stunden, die er seinem Opfer verlangenden Berufe abkargen konnte, wenn nicht bei den geliebten Eltern, am liebsten jmit seinem neuen alten Freunde zu. So saßen die beiden denn auch eines Abends im unterhaltenden Gespräch beisammen, als plötzlich Reb Sawels Weib mit der Schreckensnachricht ins Zimmer trat, mau bekomme schon wieder kein Fleisch in der Khille, der „Schoichet" (Schlächter) hat einen Ochsen „trefeh" (un- ' genießbar) „geschochten". „Koch „Farwelech" (eine Mehlspeise)," sagte Sawel. „Ohne Supp'?" fragte die Frau. „N'ba, koch „Lokschen" (eine-andere Mehlspeise) und lass Dir denken, es sind die neun Tag'!" war die Antwort Reb Sawels, und er entsedete hiermit getröstet die Gattin, die in Verlegenheit war, was sie kochen sollte. Nachdem sich die Thüre hinter ihr geschloffen, fuhr er fort: „So kommt es, wenn ein „Schoichet" kein anstelliger Mensch ist und keinen „Chalef" (Schlachtmesser) stellen kann". Felix verzog die Lippen zu einem stillen Lächeln, ohne auf die Bemerkung seines Freundes etwas zu erwidern. Reb Sawel aber, dem dies nicht entgieng, sagte: „Was lachst Du darüber?^ Es trifft Dich ja auch so gut wie mich." „Ich werde mich zu trösten wissen," antwortete Felix. „Ich ärgere mich nicht so sehr darüber, dass ich kein Fleisch essen kann," fuhr Reb Sawel fort, „als über das, dass der „Schoichet" ein so ungeschickter'Mensch ist; mir hat noch kein „Chalef" von ihm gefallen, wenn ich die Wahrheit reden soll, denn ich pfleg' ihn manchmal, wenn ich just beim „Row" bin, auch anzusehen; ich finde noch immer ein „Pegimele" (eine Scharte), wenn der Schoichet fertig ist und meint, der Chalef ist ganz gut. Wer weiß, wie viel „Trefes" (Ungenießbares) die Khille schon „beschoigeg" (unwissentlich) gegessen hat. Wenn Bärl Lederer das müsst', möcht er sagen, dass ein großer „Chet" (Sünde) auf der ganzen Khille lasten müsse." „Mein Freund," sagte Felix, durch die letzte Wendung ernst gemacht, „eine große Sünde lastet allerdings nicht nur auf dieser Gemeinde, sondern auf dem ganzen menschlichen Geschlecht; diese rührt aber nicht her von einer Scharte an einem Schlachtmesser, sondern von einer Scharte in der Seele der Menschheit. Oder glauben Sie wirklich, dass man Gott damit beleidigt, wenn das Messer, das den Ochsen tödtet, weniger glänzend und glatt geschliffen ist?" „Wenn ich das will sagen," erwiderte Reb Sawel erstaunt, „so kann ich auch fragen, ob ich Gott damit beleidige, wenn ich am Schabbes rauche oder an „Peßach Chomez" (an Ostern ungesäuertes Brot) esse, oder gar am „Jom-Kipur" (Versöhnungstag) nicht faste." „Dehnen Sie diese Fragen aus, so weit Sie wollen," sagte Felix, „sie werden immer berechtigt bleiben; ich meinestheils fasse diese Fragen alle in eine einzige zusammen, und ich habe hier nur an eine speeielle Frage angeknüpft, weil sich zu dieser gerade Gelegenheit geboten."

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