Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 3 (1901)
- Issue
- 13 (29.3.1901)
- Date
- 1901-03-29
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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AÄ» m&ws&asBBm utmefmBsmaaztmaimsiBm •yr&tfSBwmn BB|U)WWBglWM|M^W I N- 13 Wen. 39. März 1901. HI. Jahrgang. —tiijiz-^-M^izzs^^x=!n3rxxszT.:xzizz=j=z=a--r-- VT::r.--^-=?-.-r.-= Juden, erwerbet das Heimatsrecht zu Eurem und Eurer Kinder Schutze! Die nächste Nummer des „Jüdischen Volksblattes" erscheint am Mittwoch den S. April. Principien oder Interessen? (U-ch ein Wort.) Die Discussion über die grundlegenden Bestimmungen der Wahlordnung in den Wiener Cultusvorstand und der hierbei von einem Vertreter der privilegierten Curie kundgegebene Standpunkt ist viel zu wichtig, als dass man sich mit derselben nicht des Genaueren beschäftigen sollte. Die Selbstachtung — sagte Herr Ritter v. T a u s s i g — verbiete ihm und seinen Jnteressengenoffen, in der allgemeinen Curie zu candidieren. Fürst L i e ch t e n st e i n caudidiert iu der Arbeitercurie in Hernals, Fürst Schwarzenberg in der Städtecurie in Budweis, Fürst Sapieha in den Landgemeinden von Brody. Diese hohen Aristokraten, blaublütig bis ins letzte Aederchen, verwandt und verschwägert mit regierenden souveränen Fürstenhäusern, setzen ihren Stolz darein, von dem Bauern, von dem Gewerbsmann, von dem Beamten und von dem Arbeiter gewählt zu werden, ja sie wenden alle möglichen und unmöglichen Mittel auf, um ihrer Wahl zum Siege zu verhelfen. Sie freuen sich, wenn sie, durch das Vertrauen großer Bevölkerungsmassen getragen, in den Reichsrath eintreteu. Sie drücken dem Gewerbsmanne, dem Landwirte, dem Arbeiter die schwielige Hand. Sie bedauern es und empfinden es als eine Kränkung, wenn sie von diesen im Stiche gelassen werden. Herr Ritter von T a u s s i g mit seinem um ein paar Wochen jüngeren Adel und mit viel weniger Ahnen greift hingegen zum Riechfläschchen, wenn man dieser allgemeinen Curie nur Erwähnung thut. Würde es ein Schwarzenberg, ein Liechtenstein, ein Sapieha nur wagen, im Neichsrathe diese anmaßende Sprache zu führen, ein Sturm der Entrüstung würde daS ganze Haus durchbrausen, aus dem Neichsrathe hinausgepeitscht würden sie werden? Im CultuSvorstande sitzen jedoch 24 von dieser allgemeinen Curie gewählte Vertreter, und diese schweigen? Ja, der Präsident ist von jener Curie erkoren, in die hinabznsttigeil Herr von Tanssig als Verletzung des Gebotes der Selbstachtung ansiebt, und er findet kein Wort zum Schutze der beleidigten 13.000 jüdischen Wähler Wiens. Und dieser Präsident Dr. Gustav K o h n wurde einstimmig gewählt! Als wir in der vorigen Nummer Herrn von Tanssig etwas derber anfassten, prompt fand sich die Präsidialgewalt Das jüdische PolMebcni» seinen Liedern. II. Wir wollen nun direct zu den Liedern übergehen. Es sei vorausgeschickt, dass man in denselben vergebens irgendwelchen poetischen Geist oder dichterischen Schwung suchen wird. Und dies ist durchaus uicht überraschend. Die Ursache liegt im inneren Leben der jüdischen Volkes zu jener Zeit. Cingeschlossen in den schmalen finsteren Gässchen des Ghettos, entrückt von allen weltbewegenden Strömungen, abgestunipft durch beit mühseligen Kampf ums Dasein, konnte das jüdische Volk für Poesie gar kein Verständnir haben. Diejenigen, die auch nur das mindeste Talent besaßen, widmeten sich ausschließlich den» ernsten, grüblerischen Studium des Talmuds. Und wenn eine wahre dichterische Seele iu einem lebte, die ihn zur poetischen Bethätigung stürmisch drängte, so dichtete er in seinen Mußestunde» bloß in hebräischer Sprache, welche Verse sodann entweder den Pijutim und den Semiroth einverleibt geworden und so uns ausbewahrt geblieben sind, oder sie sind völlig verschwunden. Zn Volksliedern konnte diese Gattung nicht werden. Dichterlinge hingegen sind als Müßiggänger betrachtet worden, sie wurden von der Gesellschaft gewiffermaßeu verachtet, und sie selbst suchten gar uicht sich in ihrem Fache zu vervollkommnen. Aus dieser Tlasse recrutierten sich ein. Sie bedaure, sagte Herr Dr. Sie r n, die persönlichen Ausfälle. Ja, wo waren Sie meine Herren Präsidenten und Bicepräsidentcn, als die gesammte jüdische Wählerschaft beleidigt wurde. Hat diese nicht das Recht, von ihren durch sie gewählten Vertretern mindestens Ehrgefühl zu verlangen? Einem Minister oder Abgeordneten, der es wagen würde, die Redewendung T a u s s i g ß zu gebrauchen, würden die Fenster eingeschlagen werden. Die jüdische Cultuswählerschaft ist ruhig, lässt sich das gefallen, und da kommen Leute und sagen, die jüdischen Wähler verstehen es nicht, jüdischen Autoritäten Achtung entgegenzubringen. Wir wollen von denjenigen ^gewählt werden — sagt Herr von Tanssig—mit denen uns ein gemeinsames Interesse verbindet, bei denen wir Belehrung und Anregung finden? Diejenigen, welche nicht in der Lage waren, ihr Vermögen zu bewahren, bemooste Hänpter, die ihre Studien nicht vollendet haben, sind agitatorischen Schlagworten leicht zugänglich, die will Herr von Tanssig in der Verwaltung nicht sehen? Sind diese Grundsätze mit den Aufgaben des Cultnsvorstandes in diesen für die hartbedrängten Juden schwierigen Zeiten vereinbar? Soll der Wiener Cultusvorstand seine Aufgabe, Schutz und Wehr für die bedrücke Judenschaft zu bilden, erfüllen, ist es vor allem nothmendig, dass er Maste und Macht repräsentiere. Das kann er nur, wenn er jede geistige Bewegung der jüdischen Bevölkerung und die Stärke der jüdischen Bevölkerung repräsentiert.- Dazu ist nothwendig, dass jeder Jude im Gemeindeverbande auf die Zusammensetzung des Cultusvvrstandes Einfluss übe. Welch imponierende Wirkung kann eine von 60.000 Juden gewählte Körperschaft und welche Wirkung eine von ein paar hochbesteuerten Juden gewählte Vertretung erzielen? Der Besitz als Organisations-Factor ist sehr unzuverlästig, wirkt zersetzend und gar nicht einigend. Unzuverlässig, weil derselbe, welcher sich heute durch Geschick und Glück emporschwingt, morgen wieder fallen kann. Und der' Jude von heute soll weniger sein als der Jude von gestern, weil er paar Kronen weniger besitzt oder zahlt? Er wirkt aber auch zersetzend, weil in einer solchen Körperschaft nicht mehr Principien, sondern bloß Interessen maßgebend sind und zudem eine Unterscheidung nach Besitz nichts anderes als den jüdischen Bürgerkrieg, den Gegensatz zwischen arm und reich schafft. Der Stenercensus wirkt aber auch direct schädigend gegenüber unseren Feinden. Wir verlangen als Minorität Gleichheit vor dem Gesetze, und in unserem Gemeinwesen schaffen wir selbst Unterschiede zwischen arm und reich. Ja, aber warum ist denn gerade und ausschließlich der Stenercensus Organisationsfactor? Warum nicht der Bildungscensus? Der Jurist, der Architekt, der Ingenieur, der Naturforscher, die alle eine Welt für sich bilden, die sollen wegen die »Batchouim", „Marschaliks", deren Hauptberuf in der Belustigung der Menge bei Hochzeiten und anderen Festen bestand. Diese suchten selbstverständlich nicht irgendeine Idee znm Ausdrucke zu bringen, einen poetischen Gedanken in Worte zu kleiden, ihnen genügte vollauf das bloße Neimgebimmel, hie und da mit einem matten Witz gewürzt. Der überwiegende Theil der uns in der Sammlung vorliegenden Lieder scheint nun solche „Dichter" zu Verfassern zu haben. Selten finden wir unter ihnen wahre Poesie, aber noch seltener einen ernsten Gedanken. Die Sammler haben uns im ersten Abschnitte religiöse und nationale Lieder angeführt. Die Bezeichnung „nationaletrifft eigentlich hier nicht zu, denn dasjenige, was wir heutzutage unter diesem Worte zu verstehen gewohnt sind, deck sich durchaus nicht mit dem, was uns in dem Inhalte dieser Lieder begegnet. Höchstens wenn wir dazu diejenigen Lieder rechnen würden, welche die Hoffnung auf den Messias ansdrücken, oder die, welche sich auf die Feiertage beziehen; aber selbst diese sind so abgeschmackt, so inhaltslos, burlesk, dass sie als nationale Volkslieder durchaus nicht betrachtet werden können. Hier einige Beispiele: „Omein w'vmein, dos is wohr: Moschiach wet knmmen haintigeu Johr. Moschiach wet kummen zu raiten, Welen sain gute Zaiten. Moschiach wet knmmen zusohren, ein paar Kronen gar kein Wahlrecht haben? Der Stenercensus theilt das jüdische Volk in «tehrere Lager, von denen das eine das andere nicht versteht. Wie ganz anders steht es aber mit dem allgemeinen Wahlrechte? Bei diesen! bildet der Mittelstand das einigende und harmonisierende Bindeglied zwischen reich und arm. -Die Stände kommen sich entgegen. Wenn Herr Ritter v. T a u s s i g in ein paar Versammlungen zur jüdischen Bevölkerung hinaufsteigt und dieselben sich gegenseitig aussprechen, so tritt jener Gemeingeftthl zwischen den verschiedenen Schichten der Bevölkerung ein, welches für das Gemeinwesen nothwendig nnd förderlich ist. „Wer die Stimmen von Angehörigen verschiedener Schichten auf sich vereinigt, ist naturgemäß genöthigt, Compr,- miffe zwischen den Claffenintereffen zu vertreten, während umgekehrt die Vertreter von Jntereffentengruppen mit aller Schroffheit sich gegenüberstehen/ Auch ist bei Wahlen ans möglichst breiter Basis der Gewühlte nicht gehalten, auf die persönlichen Wünsche einzelner einzugehen, er kann das Gesammtintereffe über daS Interesse des einzelnen Wählers stellen. Und so kann man mit Recht sagen: Bei Actien-Gesellschaften ist Bestand nnd Umfang deS Stimmrechtes in die General-Versammlung wohl abhängig von der Zahl ber Actien, im CultuSvorstande kann und darf dieses Princip nicht maßgebend sein. Im allgemeinen, gleichen und directen Wahlrechte liegt daS Heil und der Friede in der Gemeinde und die Arbeitsfähigkeit der Gewählten. Dieser Gedanke ist auch jüdische Tradition. Unsere heilige Schrift kennt keinen Unterschied zwischen arm und reich. Sie kennt nur ein Privilegium, das Privilegium des Wissens nnd des Charakters. In einigen Tagen wird in allen jüdischen Familien das Osterfest gefeiert. In allen Familien wird das „Kehn lachmu anju" ertönen. Bei offenen Thttren wird der Hausvater ausrufen: „Der Arme setze sich an meinen Tisch und stärke sich/ Nicht als Bettler an der Thüre, nein, als vollkommen Gleichberechtigter soll der Arme Platz finden an der Seite der jüdischen Familie nnd theilnehmen am Festesmahle. Ihr Herren in der jüdischen Gemeindestube, lasset alle Juden, die an den Thoren pochen, hinein in den Berathungssaal, damit sie theilnehmen am Mahle jüdischer Gerechtigkeit, jüdischen Friedens und jüdischen Wohles. Ihr werdet der neuen Ankömmlinge Euch nicht zu schämen brauchen, Ihr werdet Freude finden an den neuen jüdischen Brüdern. In diesem Zeichen wolle wieder Frieden einkehren in die jüdische Gemeinde znm Heile aller Juden. Welen sain gute Johren. Moschiach wet knmmen auf a waißen Ferd, Welen alle Meissim anfstcihn vnn der Erd/ (Nr. 13.) Oder: „Peiffach zum Seider bin ich freilech 0 Die Weib a Malke un ich — a Meilech Der Sühn —- der Nasljednik iu kurze Frack Un ich mach mir: hop-zik-zak." (Nr. 33.) Oder: „Nosch haschono dawent me» mit groß kawvne, Un iber Peireß macht men „Schecheiorn/. Rosch haschono mus a Chasen beim Omud singen Uu „Hameize" mit Honig tunken. Bis drei Uhr dawnen mir bin'imes Dernoch essen mir den beißen Zimes. Ach wie woil, ach wie gut IS doch zn sein a Jid!" (Nr. 38.) Eine Ausnahme machen die Lieder, welche auf alten hebräischen Motiven gegründet sind (stehe Nr. 18, 19, 25,37 und 38), auf welche wir übrigens noch zurückkommen werden. R. A. B.