Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 3 (1901)
- Issue
- 12 (22.3.1901)
- Date
- 1901-03-22
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 22. März 1901 Nr. 12 Sie erfreuten sich des mächtigen Schutzes der Olmützer Bischöfe und späteren Erzbischöfe und hatten Gelegenheit, ihre Kinder auf dem nunmehr über 220 Jahre bestehenden, ehemaligen Piaristen-Gymnasium studieren zu lassen. So thaten sich gerade Kremsierer jüdische Kinder durch eine gewisse Intelligenz hervor zu einer Zeit, als die Judenkinder in anderen Gemeinden noch im Staube und Schmutze des Cheders und der Talwud- Jeschiba ihr dunkles Dasein führten. Es ist bezeichnend, dass am Kremsierer Gymnasium der als Gelehrter allgemein anerkannte Professor D. K a u f m a n n, welcher der juridischen Wissenschaft nur allzu früh entrissen wurde, seine ersten Studien gemacht hat. Als das Kremsierer Gymnasium im Jahre 1887 seinen zwcihundertjährigen Bestand feierte, konnte man eine ganz stattliche Zahl von in socialen Stellungen sich befindenden Juden herbeeilen sehen, welche in der Hannastadt einst studiert hatten. Dass das Bereinswcsen in dieser uralten Gemeinde e i n st lebhaft blühte, kann man au Frankls Buche auch ersehen. Wir sagen e i n st. denn auch diese Gemeinde hat die Zeit ihrer Blüte längst hinter sich, und mit der Czechisierung der Stadt geht der Niedergang der I ud en g e m e i n d e H an d i n H a n d. Die Ursache dafür hier auseinanderzusetzen, würde den Rahmen dieser Besprechung weit übersteigen, wem wären sic im übrigen unbekannt und nicht einleuchtend? Doch eine Buchbesprechung soll uns nicht in die Versuchung bringen, „das garstige, politische Lied" anzustimmen. Wie fleißig der Bearbeiter unseres Buches auf der Suche nach archivalischen Dvcumentcn gewesen, erkennen wir aus dem Capitel, in dem er Regesten aus diesen, chronologisch geordnet, aufführt. Aber wie viel ist verloren gegangen, vernichtet durch den Zahn der Zeit, und die „Schlamperei" (verzeihen Sie das harte Wort) unserer Volks- und Glaubensgenossen? Wieviel ruht noch im Staube der Archive? Doch seien wir dem Berfasier für das Gebotene dankbar. — Die aufgefundenen Archivalien reichen vom Anfang des 17. bis -um Ende des 18. Jahrhunderts. Auszüge ans Memorbüchern und Epitaphien, welche uns wehmuthsvoll ernst stimmen und in längst verklungene Tage zurückführen, ferner eine ungemein fleißig gearbeitete Biographie D. Kaufmanns, schließen diesen III. Band und das ganze Werk ab. Wir tvollen nicht verhehlen, dass wir eine mehr übersichtliche und systematische Ordnung des ganzen Stoffes gewünscht hätten. Auch hier lässt sich das Wort anwenden: „Weniger wäre mehr gewesen". Nichtsdestoweniger schulden wir dem Verfasser Dank für das wirklich in reichlicher Fülle aufgestapelte Material für eine Geschichte der Juden in Mähren überhaupt. Der Verfasser hat da jedem künftigen Bearbeiter einer solchen Geschichte rüstig vorgearbeitet. Wir möchten ihn nach dieser Richtung dem fleißigen Sammler Baron Christian d'Elvert an die Seite stellen. So viel steht fest, wer einmal darangehen wird, die Geschichte der Juden in dem Kronlande Mähren zu schreiben, wird Frankls Buch nicht links liegen lassen dürfen. Im übrigen können wir von diesem mit einem Worte der heiligen Schrift Abschied nehmen. Und dieses Wort besagt: ,,Gedenke der Tage der Vorzeit, nimm Einsicht in die Jahre von Geschlecht zu Geschlecht; frag' Deinen Batw, er wird Dir's künden, und Deine Alten werden Dir's erzählen." Studium unserer Geschichte thut uns wahrlich noth, und insoweit Franks Buch imstande ist, dieses zu fördern, begrüßen wir es mit Freuden. Brünn, 10. März 1901. Dr. Max Grünfeld. Mittheilimgrrr aus dem Publicum. Für jüdische Fleischhauer! Offerte bezüglich des zu übernehmenden Fleischhauer- Geschäftes sind an die C u l t u s g e m e i n d e Wr. Neustadt zu richten. Einträgliche Vertretungen! Jüdische Firmen, welche die Vertretung von Cur-Artikeln für die künftige Bade-Saison übernehmen wollen, mögen Offerte an Wolf Bank in Lubisn richten. (Internationale Fischerei - Ausstellung Wien 1902.) Der österreichische Fischereiverein veranstaltet in der zweiten Hälfte des Monats September 1902 in Wien unter dem Protektorate des Erzherzogs Franz Ferdinand eine große internationale Fischerei-Ausstellung, zu deren Durchführung das k.k. Ackerbau-Ministerium eine namhafte Subvention bewilligt hat. Das vorbereitende Comitö hat ein umfangreiches Programm ausgearbeitet, welches folgende Gruppen umfasst: a) lebende Fische und sonstige Wasserthiere, und zwar Süßwasser-und Seefische rc.; b) tobte Fische, darunter auch naturhistorische Präparate; c) Fischzucht (Pläne, Zeichnungen. Modelle, Fischzuchtgeräthe); ck) natürliche und künstliche Fischnahrungsmittel; e) Fischschädlinge des Thier- und Pflanzenreiches; t) Fischfang und Fischereisport; tf) Fischtransvort; ly Literatur; i) Historisches; k) Industrie- Erzeugnisse aus Fischereiprovucten, und 1) Fischzubereitung (KosthaUe). Wie man sieht, wird sich die Ausstellung auf Grund dieses Programmes umso lehrreicher und interessanter gestalten, als das Ausland sich in hervorragender Weise betheiligen wird. Besonderes Gewicht wird bei der Durchführung dieses Unternehmens auf eine möglichst vollkommene Darstellung der Seefischerei in der Adria gelegt werden, um dadurch den Seefisch-Import aus den österreichischen Gewässern zu fördern. Wünschenswert wäre es, wenn sich hiesige Interessenten möglichst bald melden würden, um eine Uebersicht bei Vergebung des vorhandenen Raumes in Bezug auf das Ausland zu gewinnen. Die Detailbestimmungen, sowie alle Auskünfte sind beim Ausstellungs-Comitö, Wien, 1., Herrengasse 13 zu erhalten. (Correspoudenz der Administration.) Besten Dank für Ihre freundlichen Mittheilungen. Wir sind für die Zusendung von Adressen, an welche wir das „Jüdische Volksblatt" versenden sollen, immer sehr dankbar. Es gibt leider noch kein jüdisches Adressbuch und die Mitgliederverzeichnisse der Cultusgemeinden sind noch sehr mangelhaft. Die uns freundlichst übermittelten Adressen werden das Blatt erhalten; hoffentlich nützt es auch. Nochmals schönen Dank. Der SchliW. Erzählung von Eduard Kulte. (Fortsetzung.) Man kann auch ohne das ein „Goi" sein, und ob einer am Schabbes schreibt, oder er thut sich taufen, das ist mir alles eins." „Hört's da den an," sagte Berech Krupp, „als wie wenn er nicht wissen möcht', dass ein Doctor oder ein Arzt am Schabbes schreiben darf, und als wie wenn der Dr. Berger nicht anch am Schabbes geschrieben hätt' und gefahren war' zu den Patienten, dem „Skone nefosches" (Lebensgefahr) geht über alles; das Hab' ich einmal vom „Row" selbst gehört, und da hört sich der Schabbes und alles auf, denn ein Doctor ist ein ganz anderer Mansch und hat ganz andere „Mitzwes mekajem" zu sein (Verpflichtungen zu erfüllen) wie die andern Menschen." „Aber Tabak zu rauchen am Schabbes," erwiderte hierauf Bärl Lederer, „das wird doch „efscher" (vielleicht) auch zu den „Mitzwes" von einem Doctor gehören, wenn Du schon ein so großer ,Lamden" (Gelehrter) bist. Verechel?" „Wer hat ihn gesehen Tabak rauchen?" fragte Sawel Kornmehl. .Ich Hab' derweil nur den Rauch beim Fenster gesehen, und dass das nicht Reb Löb selber gewesen ist, darauf will ichwören," antwortete Bärl Lederer; „und wenn sich einer mit'n Schormesser balbierea thut," fügte er weiter hinzu, „so ist er auch mehr kein braver Mensch, denn er ist „oiwer" (Übertritt) auf fünf „Lawen" (Verbote), hörst Du, Berechel, das hat, scheint mir, auch einmal der „Row" gesagt, und ich hab's gehört, „chodsche" (obgleich) Reb Mechol da meint, dass ich gar nicht weiß, was in Schul vorgeht." „Das ist noch schöner wie schön/' sagte darauf Ruche Plauscherin, „Du willst, scheint mir, gar haben, der soll sich am Freitag ein Schüssele Aurum kochen und sich den feinen Gestank auf sein „Ponim" (Gesicht) patzen, oder er soll sich von Schaul Balbierer lassen das „Ponim" verbrennen, dass er aussieht, wie wenn man einen aus der Kachelgrub' herauszieht." „Seht mir da meine neumodisch Aufgeklärte an. Weißt Du, Ruche! Mir scheint, man wird Dir können Brechwasser eingeben," sagte jetzt Gawriele Sttuffer. „Wie meinst Du das, Reb Gawriele?" fragten mehrere Stimmen. „Wenn Ihr die „Maiße" (Geschichte) nicht kennt." erwiderte er, „so will ich sie Euch erzählen. Einmal ist ein junger Mensch von der Fremd' nachhaus gekommen, hat mit lauter „Passechen" (lauter a) geredt und hat sich krank gelegt. Man schickt nach dem Doctor; der Doctor kommt und fragt ihn, was er gegessen hat, denn er hat' sich den Magen verdorben. „Was soll ich gegessen haben," sagt der „Baldower" (Mann, im verächtlichen Sinn), „einen guten Braten von „Chaserfleisch" (Schweinebraten), und der ist fett gewesen." „Wie kommt es aber, dass Sie „Chaserfleisch" essen," fragt ihn der Doctor. „Weil ich ein Aufgeklärter bin," sagt er. Wie der Doctor das hört, gibt der ihm Brechwasser. Der „Baldower" hat sich gebrochen, dass er gemeint hat, es ist sein letzter Tag; der Doctor aber hat gesagt: „So, jetzt geht die ganze Aufklärung wieder heraus, und Sie bleiben der alte Esel."" Die Erzählung fand viel Beifall. Alle lachten, nur eine nicht mit, das war Ruche Plauscherin; denn sie ärgerte sich über den Vergleich. Mehr Uebereinstimmung herrschte in den Urtheilen und Meinungen der jungen Leute. Die Mädchen fanden ihn ausnehmend schön, und mit Ausnahme einer einzigen scheute sich keine, solches Lob auch offen auszusprechen; nur Rösele war mit ihrem Unheil zurückhaltender und gab auf etwaige Fragen ausweichende Antworten. Die Jungen freuten sich zumeist darüber, dass Gumpel nicht mehr den Felix werde spielen können. „Wenn die Katz' aus dem Haus ist," meinten sie, „haben die Maus' „Machje" (Nahrung). Jetzt aber sei die Katz' wieder ins Haus gebracht, und die Maus sängt schon an. sich in ihr Loch zu verkriechen;" denn es war ihnen nicht entgangen, dass Gumpel seit jenem Samstag etwas kleinlaut geworden war, und das war kein Wunder, denn Menschen wie Gumpel sind ' nicht dazu gemacht, ihre Stimmungen zu beherrschen. Unterdess hatte Felix sich eingerichtet und lebte still in seinem ärzlichen Beruf. Der Doctor Berger, welcher inzwischen alt und schwach geworden war, sah mit Wohlgefallen die Thätigkeit des jungen Mannes, die er als sem Werk zu betrachten sich berechtigt glaubte. Felix war rüstig und stark und voll aufopfernder Hingebung. Da er aus reichem Hause war, so galt in seiner Praxis nicht das Ansehen der Person, sondern die Gefahr des Leidenden als Richtschnur; denn obwohl er Bezahlung für geleistete Dienste annahm, war er doch auf solche keineswegs angewiesen, und er brachte nicht selten halbe Nächte am Krankenbett armer Leute zu, um darauf zu sehen, dass die Pfleger und Wärter von der „Chewre kedischeh" seinen Anordnungen pünktlich Nachkommen. Er war tief überzeugt, dass der Arzt gegen die Natur nichts vermag, aber er war nichtsdestominder bestrebt, da wo Heilung möglich war, den Gang der heilenden Natur zu fördern, namentlich aber den Leidenden die peinliche Lage so viel als möglich d zu erleichtern, Diese Aufopferung gewann ihm bald die allgemeine Achtung, und er genoss als junger Mann bereits jene Ehrfurcht, wie sie sonst nur würdigen Greisen gezollt zu werden pflegt. Sein Benehmen war aber wieder andererseits so aufmunternd, seine Freundlichkeit gegen jedermann, der sich an ihn wandte, so ungezwungen, dass sich die Leute des Städtchens von seiner Ueberlegenheit nicht niedergedrückt, vielmehr zu ihm emporgehoben fühlten. Er wandelte unter ihnen umher als ein höherer Mensch, der sich nicht schämt, ihresgleichen zu sein. „Löb," sagte eines Abends Jentel Frank zu ihrem Mann, nachdem Felix sich entfernt und auf seine Zimmer zurückgezogen hatte, „ich muss Dir ein Geständnis machen, das ich nicht länger mit mir allein herumtragen kann, denn ich bin doch nur ein schwaches Weib und muss mich an Dir aufrichten." „Was hast Du, Jentel-Leben?" fragte der Gatte mit Bestürzung. „Sag mir, mein Kind", erwiderte sie, was hältst Du von unserm Felix?" „Was soll ich von ihm halten," sagte Löb Frank, „ich mein', er ist Gott sei Dank ein Mensch geworden, von dem Gott und die Welt eine „Noe" (Freude) haben kann." „Das mein' ich auch," sagte Jentel, „aber bereust Du es nicht, dass wir ihn haben studieren lassen? Hast Du nicht „Charoteh" (Reue), dass Du mir damals gefolgt hast? Denn ich weiß sehr gut, dass Du es lieber gesehen hättest, wenn er nach der Barmizweh in Dein Geschäft eingetreten wär', und heute könnt' er neben Dir der erste „Balbos" (Familienvater) in der Khille sein!" „Was soll ich bereuen," erwiderte Löb Frank, „was Gott selbst so gefügt hat. Wir Menschen machen gar nichts; er macht alles. Gott hat es Dir in den Sinn gegeben, und wir sind nur seine „Schelichim" (Boten) gewesen und haben ausgerichtet, was er gewollt hat." „Du nimmst mir eine Last vom Herzen mit solcher Rede", sagte Jentel und athmete etwas freier, „denn ich Hab' nicht gewusst, ob Du mir im Stillen vielleicht nicht Vorwürfe darüber machst und nur schweigst, um mich zu schonen." Löb Frank lächelte freundlich und sagte: „Wenn Dich weiter nichts drückt, als dieses, so kannst Du ganz ruhig sein und brauchst Dir nicht eine Minut' zu verstören; und was Du sonst noch meinst, dass er heut' neben mir der erste „Balbos" in der Khille sein könnt', das kann er als Doctor ebenso gut, wie wenn er das größte Geschäft führet; denn wo soll da der Unterschied sein? Er ist „Thille l'El" (gottlob!) ein Mensch geworden, er hat Kops und ist gut; betteln zu gehen braucht er auch nicht, Gott hat uns gesegnet mit Reichlhum, und er ist unser einzig Kind; er genießt die größte Achtung, man red't ihm die schönsten „Schiduchim" (Partien) weit und breit, und er ist nicht nur neben mir, sondern vor mir der erste. Und Du darfst mirs glauben, dass ich keine „Kineh" (Neid) auf ihn Hab', denn in ihm fühle ich mich selbst geehrt. Der „Kowed" (Ehre) der Kinder ist der „Kowed" der Eltern. Er ist, wie in „Mischleh" (Sprüche Salomonis) steht, ein weiser Sohn, der des Vaters Herz erfreut, und nicht ein Sohn, welcher der Kummer seiner Mutter ist. Danken wir Gott dafür!" „Ich bin noch nicht fertig, mein Kind," sagte hierauf Jentel, und eine Thräne perlte ihr im Auge. „Muss denn nur ein thörichter Sohn der Kummer seiner Mutter sein, kann dies nicht auch ein weiser?" „Red' Dich vom Herzen herunter, und sag' mir offen, was Du meinst," erwiderte Löb Frank, indem er seine Frau mit Zärtlichkeit zu sich auf den Divan niederzog. „Kannst Du Dir erklären," begnnn sie, „was ihn so plötzlich bestimmt hat, sich herauszusctzen? Die ganze Zeit, die er in der Fremd' zugebracht, wollt' ^er nicht nachhaus kommen. Nicht einmal die Ferien hat er hier zugebracht, wie dies andere Studenten doch gewöhnlich thun. Ich weiß das von meinen Brüdern. Ich Hab' mich gegen seinen Willen nicht gesträubt, obwohl ich ihn gern jedes Jahr ein paar Wochen gehabt hätte, und bin lieber zu ihm hineingefahren; denn ich Hab' mir gedacht, wenn es dem Kind mehr Vergnügen macht, in den Ferien Reisen ^zu unternehmen, so will ich ihm sein Vergnügen nicht stören. Aber sagen muss ich Dir, dass ich nicht anders gemeint Hab', als dass er eine geheime Ursach' hat, nicht herauszukommen, die er mir verbirgt, und ich Hab' weiter nicht in ihn gedrungen. Wie kommt es nur, dass er jetzt, da ihm doch die ganze Well offen steht, auf einmal den Einfall hat, sich herauszusetzeu? Ich Hab' ihn gewiss gern bei mir; aber eine Ursach' muss dieser Entschluss haben, die er verschweigt; es muss mit ihm etwas Außerordentliches vorgegangen sein. Wenn ich mir ihn so anseh', und das Herz lacht mir vor Freude, so kommt mir plötzlich ein Weinen an; denn ich glaub' er hat einen geheimen Schmerz, den er nicht offenbaren will. Er kommt mir vor, wie ein Mensch, der mit der Welt abgeschlossen hat, der mit der Welt fertig ist und nichts mehr von ihr haben will, machdem sie ihm das Liebste, was er gewünscht, versagt hat. Hast Du, seitdem er hier ist, schon einmal gehört, dass er irgendeinen Wunsch ausgesprochen? dass er dies oder jenes haben will? Nichts; alles ist ihm recht, nichts kann ihn erzürnen, aber nichts scheint ihn auch besonders zu freuen; er ist gar nicht wie andere Menschen in seinem Alter. Er kann sehr lustig sein; aber wenn er es ist. so thut er es, um andern Leuten Freude zu machen; er elbst scheint mir innerlich gar nicht recht dabei zu sein. Elr ist gegen alle Menschen so freundlich, in seinem Beruf als Arzt von einer Hingebung, wie sie sonst gar nicht vorkommt, er gönnt sich nicht Tag und Nacht, mit einem Wort, er kommt mir vor wie einer, der gar nicht seiner selbst wegen, sondern nur noch der andern Maschen wegen auf der Welt ist. Das, mein Kind, ist nicht so der natürliche Lauf. Wenn das ein Greis von achtzig Jahren thut, so wird man es sehr schön, aber doch natürlich finden; denn der Mensch geht endlich hinüber in eine andere Welt, und wohl ihm, wer sich hier auf diese Reise gut vorbereitet hat; aber ein junger Mensch in seinem Alter! (Fortsetzung folgt)