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Jüdisches Volksblatt · 1901-03-22 · 12 (22.3.1901) · page 1

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
3 (1901)
Issue
12 (22.3.1901)
Date
1901-03-22
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Ziedartton: flil/i, KSrUifjeitiasto 11. Lprechftmrde« r Hn Wochema^en von 4 bis 6 Uhr nachmittags. pofiavttft«: Jüdisches «o»Sblatt, Wie». Vlll>1. Vrschwordrn wegen verspäteter oder gar nicht erfolgter Zustellung erbitten wir uns dringend. — Mamrserwle tv erben nicht znrnkkgestellt. Vostfparcafsm-Conto S470S7. In das Abonnement kann man täglich eintreten. KHmt jtdeu Freitag unter Mitwirkung der vom jüdischen Volksvrretn erwählten Pressrommisston. Inserate übernehmen die Firmen; I. Danneberg, M. DukeS, Haasenstein L Bögler, Rudolf Mosse, «. Oppelik, M. Pozsonyi, H. Schale! in Wien, ferner alle klnnoncen-Expeditionen im kluslande. Einzel-Nummer in Wien IG Heller. Administration: VIII/1, Schlnljrlgalse 11. Abonnementspreis: Für Wien n. Oefterreich-Nugarn sammt Francozustellung. Ganzjährig . . Kr. 8.— Halbjährig.. 4.— Vierteljährig.. 2.— Für daS gesummte AnSland ianimr Francozustellung. Gunzjäiirig . Halbjährig . vierteljährig Kr. „ 4.50 2.25 Kr. 12 Wien. 22. März 1901. III. Jahrgang. Die Veiwaltungsresorm im Cultusvorstande. Der Kampf der Principien, wie er in den Nedetournieren der öffentlichen Plenar-Versammlung des Cullusvvrstandes vom 17. März d. I. zwischen den „Alten" und „Jungen" entbrannte, galt dem bisherigen System der Cultueverwaltnng und deren Reform. Ter Kampf zwischen der rem jüdischen Idee allgemeiner Demokratie und dem eingeflelschten Plulokratismus kam in seiner vollen Reinheit in der Debatte zum Ausdrucke. Zwei entgegenstehende Sätze, von zwei Gegnern einander entgegengeschleudert, beleuchteten blitzhell die Situation. „Das für die Hochbesteuerten neu creierte Privilegium verstößt gegen die Tradition unserer Religion, gegen den demokratischen Punkt unseres Glaubens" — ruft Hermann (Ht bogen im Slreite. „Wir treten überall ein für Gleichheit und Brüderlichkeit, und doch haben wir für die Neichen besondere Privilegien geschaffen." Und nun schleudert er ihnen entgegen: „Weil sie so glücklich sind, mehr Steuern zu zahlen, wählen sie zweimal. Das ist ungerecht und unjüdisch." Noch nie wurde eine Idee treffender, kürzer, prägnanter zum Ausdrucke gebracht. Hören wir den Gegentheil, ebenso unverblümt, offen und klar sprechen: „Religiöse Traditionen und Grundsätze der Brüderlichkeit find bloße Schlagworte" — ruft Herr von Taussig. „Wir, die materiell Hochgestellten, haben keine Lust, ■ allgemein zu condidieren. Wir wollen von jenen Leuten gewählt werden, mit denen uns ein gemeinsames Interesse verknüpft, mit denen wir in ständigem Contocte stehen, und von denen wir Anregungen empfangen können. Wenn wir nicht in der Lage find, von Interesse-Genossen gewählt zu werden, wollen wir überhaupt verzichten." Das allgemeine jüdische Interesse stand im Kampfe gegen das Sonderinteresie der wenigen „materiell Hochgestellten". Und welches sind die Interessen derer, von denen Herr von Taussig allein und von niemand anderem gewählt sein will? Jüdisch-religiöse Interessen sind es nicht, denn religiös waren diese Kreise nie. Jüdisch-volkliche sind es auch nicht, denn dagegen protestieren ja die „materiellen Hochstehenden" bei jeder Gelegenheit. Jüdische Interessen sind für diese Kreise nicht das gemeinsame Bindemittel. Die anderen Interessen jedoch, welche diese privilegierten Kreise verbinden Der Zufall der Geburt. Von Leo Sofcr. Die Wohnung der Seele ist das Blut. (Bibel.) In der Kabbala steht eine eigenthüniliche Legende. Sie sagt, dass Gott nur eine bestimmte Zahl von Judenseelen gesch affen habe, die, unsterblich, nur einem fortwährenden Wechsel ihrer Wohnung unterworfen seien, nach ihr wandelte unter uns die Seele Mosis und Jesaias, aber auch, was viel glaubwürdiger klingt, die Seele Korachs. Philosophisch genommen, besteht der Wert der Legende darin, dass sie die jüdisch-nationale Wiedergabe des universellen Gedankens der Seelenwanderung ist; ethisch will ich sie als das Symbol der seelischen Continnität des jüdischen Volkes im Laufe der Jahrtausende auffaffcn. Nichts ist lächerlicher als das Wort, das man nur zu oft zu hören bekommt: Wozu verpflichiet es mich, dass ich zufällig als Jude geboren wurde? Ist die Geburt eines Juden, als Jude wirklich ein Zufall? Tie Geburt eines Juden setzt im allgemeinen eine jahrtausendalte jüdische Vorfahrenkette voraus. Nach dem Gesetze der Wahrscheinlichkeit müssen diese Vorfahren um ihres Glaubens willen öfters den Scheiterhaufen und öfters das Rad gestreift haben. Manches Glied dieser Kette opferte seine Habe und seine Stellung, auf dem Altäre des Judenchums und mancher — sein Leben. In der Geschichte einer jeden jüdischen Familie liegt ungeschrieben ein düsteres Buch, voll Martern der Seele und des Körpers. Das beweist einen heiligen Willen, der, stärker als der Tod, auch den Zufall bezwingt. Und dies alles, damit der späte Enkel, umgeben von allem Comfort oder wenigstens von Widerwärtigkeiten, die nicht im entferntesten an die Qualen seine Ahnen heranreichen, gähnend versichert: Es sei ein Zufall, das er als Jude geboren wurde. Fürwahr, die schlimmsten Lügen sind die, welche unter unseren Augen überall herumlanfen und nicht einmal zurttckgewiesen werden. Wenn etwas einem Manne den Muth und die Lust zum Werke nehmen könnte, so wäre es der Anblick des Enkels, der in seiner geben wohl Legitimationen zu Wahlen für finanzielle Ehrenstellen, für Ehrenstellen in jüdische Gemeiden können diese Interessen nicht maßgebend sein. Tie Cultus-Gemeinde ist keine General-Versammlung für Actien-Gesellschaften, Argumente aus dem Arsenale der Steyrer Waffenfabrik, der Staatsbahn und Bodencredit dürfen für unsere heiligen, allgemein jüdischen Interessen nicht maßgebend sein. Die Logik des mit unsauberen Mitteln arbeitenden finanziellen Hochfaiseurs kann und darf nicht das Reservoir abgeben, aus dem die Gedanken jüdischer Verwaltung, jüdischer Humanität und jüdischer Erziehung geschöpft werden. — Diese Interessen sind geeignet, innigen wenigen Vortheile und Vorzüge zu verschaffen, die Blutsteuer hierfür wird von den kleinen Juden, von jüdischen Kleingewerbetreibenden und Kleinkaufleuten und jüdischen Intelligenzlern entrichtet, welche von Herrn von Taussig verächtlich als „Elemente" bezeichnet werden. Und welche Früchte zeitigten diese Interessen? Während für jeden jüdischen Hochfinancier und für die von diesem eingeheimsten Profite die kleinen und kleinsten jüdischen Existenzen von dem arischen Spießbürger so zur Verantwortung gezogen werden, als ob sie die Speculanten, Syndicateure oder Cartelliers wären, während für Kohle, Nordwestbahn-Tarife, Staatsbahnen rc. der jüdische Unterlehrer nicht befördert, dem jüdischen Gewerbetreibenden durch Boyeott und antisemitische Verwaltungschicane Nahrung entzogen wird, was thun diese „besonders Interessierten und Privilegierten"? Sie bauen Kirchen, Reconvalescentenheime für Officiere, Wöchnerinnenheime für Arierinnen, spend«en ihnen Kreuze, all das zu einer Zeit, wo es Dank dieser „Interessenten" so viel jüdische Noth und jüdisches Elend zu lindern gibt. Während das „bemooste jüdische Haupt" lieber in Noth sein Brot verdienen will, bevor es einer Staatsstelle wegen seinen Glauben schnöde verräth, sind die Kinder und Verwandten dieser Hochbesteuerten entweder schon getauft oder nahe daran, es zu werden. Herr von T au ssig nennt den jüdischen Mittelstand, den von Tagesanbruch bis spät in die Nacht emsig schaffenden jüdischen Arbeiter, jüdischen Handwerker und jüdischen Kaufmann verächtlich „Elemente", er bezeichnet es als Gebot der Selbstachtung — es ist sonderbar, dass er so wenig an die Achtung and er er denkt :— sich bei solchen „Elementen" nicht um ein Cltttusmandat zu bewerben. Diese „Elemente" des Herrn von Taussig sind jedoch der goldene Kern unseres jüdischen Volksthums, diese Elemente mit ihren Leiden und mit ihren Freuden bilden die Garantie für den Bestand unseres Volkes. Sie sind nicht so charakterlos, zusammenzuschrumpfen, wenn ein arischer Adeliger sie mit seinem Monoele freundlich Seelenblindheit mit einer lästigen Handbewegung in den Koth wirft, wofür sein Ahne sein Leben gelassen Hütte. Aber glücklicherweise bricht sich, wenn auch mit großem Widerstreben, unter den Besten unseres Volkes langsam das Verständnis für den nationalen Sinn Bahn. Die Feinsten beginnen auf die Stimme des Blutes zu horchen. Wenn auch die Gefühle verworren und ungeklärt sind, so lassen sie doch den geduldigen Gärtner auf die besten Früchte hoffen. Zu einer viel größeren Klarheit als Wassermann ist B e e r - H o f f m a n n in seinem letzten Buche „Der Tod Georgs" gelangt. Die Kritiker kommen in Verlegenheit, wenn sie uns den Inhalt dieses wunderbaren Buches berichten sollen, sie sagen daher, es habe keine Handlung, sondern nur Stimmung. Und doch hat es eine Handlung, eine sehr wichtige Handlung. Ein Mensch entdeckt seineSeele, ein Jude entdeckt fein Iudenthum. Durch ein erschütterndes, tragisches Ereignis, durch den Tod seines Freundes Georg wird der Held zur Selbsteinkehr geführt. Er erkennt, dass jedes denkende Individuum nicht nur sein Leben, sondern auch das Leben der ganzen Vorfahrenkette lebt; mit unsichtbaren, aber unzerreißbaren Ketten ist es an die Vergangenheit geknüpft. Unwillkürlich tauchen die Gestalten feines Großvaters, der emsig das Studium des Talmuds und der Bibel pflegte, seines Almen, der, geächtet, im Staube der Landstraße dahinzog, feines Urahnen, der sich zürnend von dem wilden Treiben des heidnischen Astarte-Cultus dem reinen Jehova-Dienste zuwandte, auf. Doch lassen wir B e e r - H o f f m a n n selbst sprechen: „Aber was diese Abendstunde ihm gegeben, blieb; immer in ihm, und nur in ihm; dem Blute in feinen Adern nicht bloß vergleichbar, sondern sein Blut selbst, das zu ihm geredet hatte; und darauf zu horchen, hatte ihn diese Stunde gelehrt. Denn über dem Leben derer, d er e n B l ut in ihm floss, war Gerechtigkeit wie eine Sonne gestanden, deren Strahlen sie nicht wärmte, deren Leuchten ihnen nie geleuchtet und vor deren blendendem Glanze sie dennoch mit zitternden Händen ehrfürchtig ihre leidenerfüllte Stirne beschatteten. anschaut, sie sind nicht so charackterlos, den Glauben ihrer Väter als nothwendiges Hebel anzusehen. Diese Träger jüdischen Martyriums, welche all das zu büßen haben, was Herr von Taussig und seine Consorleu verschulden, diese Tiäger jüdischer Moral, diese Repräsentanten der „jüdischsittlichen Familie", sind gewiss nothwendigere „Elemente", wie die Rennställe besitzende und Maitressen svutenierenden Jnteressengenossen des Herrn von Taussig. Herr v. Taussig nennt die untere Schichte Leute, die ihr Interesse nicht wahrgenommen haben und materiell Schiffbruch gelitten haben. Diese — sagt Herr v. Taussig — haben im jüdischen Gemeinwesen nichts zu suchen? — Wie steht es aber mit denen, die moralisch Schiffbruch gelitten haben. Ist ein Cultnsmandat dazu da, all die Makel, die man sich bei diffamen Courstreibereien, bei die kleinen Existenzen ruinierenden Großspeculationen, bei „Waffen" rc. geholt und auch dem Vermögen anhaften, wegzuwaschen? Soll man auf dem Umwege über ein Cultnsmandat in das Herrenhaus gelangen, nachdem man es auf anderem Wege nicht konnte? Lieber die „materiell" Schiffbruch leidenden, sich eines makellosen Rufes erfreuenden Juden, als das besitzende „Jobberthum". In das jüdische Gemeinwesen gehört der „goldene Kern" unseres Volkes, der jüdische Mittelstand, aber nicht die goldenen Kälber. Eine traurige Figur bildeten daher in dieser Debatte jene ehrenwerten Herren im Cultusvorstande, die dieses goldene Kalb umtanzten, eine noch traurigere aber ein Wochenblättchen, welches den Excurs des Herrn v. Taussig „glänzend, formvollendet und überzeugend" nennt. Herr v. Taussig muss sein Pauschalien-Etat erhöhen. Neben den volkswirtschaftlichen Wochenblättern aller Art das „Oesterreichische", denn dieses Blatt kommt durch das „Glänzende" zum „Ueberzeugenden" und durch beides zur höchsten Formvollendung. Wir eilen dem Schluffe entgegen. Die Verwaltungs- Reform — und das ist auch bezeichnend — wird per acclamationera en bloc angenommen. Der alte Schlendrian mit all seinen Mängeln wurde perpetuiert. Von einer Decentalisation ihrer Verwaltung keine Rede, die Bczirks-Collegien bleiben weiter Schein-Corporationen, die Bntgetierung bleibt die alte, die Steuerbemessungs-Grundlagen mit ihren gähnenden Deficit dieselben. Kurz gesagt, der große Kehraus hat noch immer nicht stattgesunden. Er wird schon kommen, wir werden schon dafür sorgen. Vorfahren, die, irrend, den. Staub aller Heerstraßen in Haar und Bart, zerfetzt, bespieen mit aller Schmach, wunderten; alle gegen sie, von den Niedersten noch verworfen, aber nie sich selbst verwerfend; nie nach Bctllersinn ihren Gott ehrend nach dem Maße seiner Gaben; in Leiden nicht zum barmherzigen Gotte, sondern zu Gott, dem Gerechten, rufend. Und vor ihnen viele, deren Sterben ein großes Fest, anderen bereitet, war: rings um sie Feierkleider, das Leuchten edler Steine, flatternde Fahnen und der Hall von Glocken und der Gesang vesperlicher Hymnen und ans allem ein Wiederschein von sinkender Sonne und von Flammen, die königliche Hände entfachten. — Sie selbst an den Pfahl geschnürt, das Feuer erwartend, schuldlos sich Sünden erdichtend und ihre Qualen Strafen nennend, um dass ihr Gott ein unbezweifelter, gerechter ist. Und hinter ihnen allen ein Volk, um Gnade nicht bettelnd, im Kampfe, den Segen seines Gottes sich erringend, durch Meere wandernd, durch Wüsten nicht aufgehalten, und immer vom Fühlen des gerechten Gottes so durchströmt, wie vom Blute in ihren Adern; ihr Siegen Gottes Siegen, ihr Unterliegen Gottes Gericht; sie selbst sich bestimmend, von seiner Macht zu zeugen, e i n B o l k, v o m E r l ö s e r z u D o r n e n g e s a l b t und a u s e r w ä h l t z n m Leiden. Und langsam ihren Gott von Opfern und Räucherungen lösend, hoben sie ihn hoch über ihre Häupter, bis er, kein Kampfesgott von Hirten mehr, ein Wahrer alles Rechtes, Herrscher über Sonne und Welt, unsichtbar, allen leuchtend, stand. „Und von ihrem Blute war auch er." So spricht ein Dichter von der Stipune des Blutes, der Seele. Wir wollen hier nicht B e e r -- H o f f m a n n bewundern, wie er, einem Goldschmiede gleich, die Sprache zu gleißenden Geschmeiden zu formen weiß; wir wollen hier nicht die Farbenpracht seiner Bilder preisen. Wir wollen hier nur dem sittlichen Ernste des Dichters die Ehre geben, der, unverführt von allerlei Lockungen, unbeirrt durch allerlei Schrecknisse, den Weg zur Quelle einzig wahrer Kunst zu finden wusste: nämlich zum Hause seines Volkes.

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