Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 3 (1901)
- Issue
- 9 (1.3.1901)
- Date
- 1901-03-01
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Mär; 1901. III. Jahrgang. Purim. Und diese Tage werden erwähnt und gemacht in allen Zeiten und in allen Ländern. < E st h e r, IX. 28.) „Purim ist kein Feiertag," sagt das Volk, und in der That, es ist weder ein religiöser, noch ein synagogaler Feiertag, da an demselben die Arbeit nid)t eingestellt wird und die Gebete die alltäglichen bleiben. Purim ist nichts weiter als der Tag der Erinnerung an Begebenheiten, die sich vor dritthalbtauseud Jahren in Persien zugetragen haben und denen eine Geschichte zugrunde gelegt ist, die alt, aber ewig neu bleibt. „Es gibt ein Volk, zerstreut in allen Ländern, dessen Religion anders als die unserige ist, und die die Staatsgesetze nicht befolgen." So lautete die Anklage Hamans zu jener Zeit, und in ähnlicher Weise lauten die Anklagen gegen die Juden in allen Zeiten und in allen Ländern bis auf den heutigen Tag. Aber nicht nur die Anklagen gegen die Juden sind sich bis auf unsere Zeiten gleich geblieben, sondern auch die Mittel und Wege, die zu jener Zeit von den Juden zu ihrer Vertheidigung angewendet wurden, haben sich seitdem kaum verändert. „Sich zu sc-mmeln und Selbsthilfe zu leisten," heißt es in der Megilah (VIII, II) als Rettungsmittel vor dem 13. Adar. Run, wahrlich, es ist^ das einzige Mittel zur Rettung der Juden und zur Lösung der Judenfrage zu allen Zeiten und in allen Ländergebieten. Leider ist jedoch das Schicksal des 13. Adar dasselbe wie das des 9. Ab. Das langjährige Leben im Exil hat jeden politischen Sinn in uns abgestumpft und uns derart von jeglicher politischer Thätigkeit entwöhnt, dass wir uns am 9. Ab am Lesen der Klagelieder Genüge thuen und es uns nie einfällt, daran zu denken, wie wir es besser machen könnten, ebenso wie wir am 13. Adar die ewig neue Geschichte der Megilah lesen, ohne die Consequenzen daraus zu ziehen. Wenn uns ein Dichter „das Volk des Buches" genannt hat, so liegt in dieser Anerkennung auch ein klein wenig Haman auf Erden. (Ein Purim-Märchen v. Dr. E. Sabura.) In einem mattbeleuchteten Weinkeller einer entlegenen Straße saßen einst Vertreter verschiedener antisemitischer Parteien beisammen. Die Uhr zeigt eine späte Nachtstunde, die vielen leeren Flaschen auf und neben dem Tis che zeigen auf den bereits in Massen getrunkenen Wein. Die Gesellschaft isi eiheitert. Toaste aus mehr oder weniger hervorragende Männer der Parteien sind bereits aus gebracht worden. Und nun erhebt sich einer mit dem Glase in der Hand zu folgendem Toaste: „Gesinnungsgenossen! Heute ist der H a m a n - T a g. Die veifl . . . Juden benützen den Tag, um den eisten Kämpfer unserer Idee, ja. den Märtyrer derselben, zu verfluchen. Der persische König Achaschweroth (Rufe: Judenknecht!) ließ ihn in schändlicher Weise hinrichteu, (Rufe: „Pfui!") und ich glaube im Sinne der ganzen Gesellschaft zu handeln, indem ich mein Glas erhebe und auf den ersten Antisemiten Haman ein Hoch ausrufe." „Hoch!" „Heil!" klang es stürmisch von allen Seiten des Kellers. Die Gläser klirrten, die Gemüther wurden noch mehr erhitzt, und eine Stimme ließ sich hören: „Ach, wenn wir riffr den Haman in unserer Mitte hätten!* Plötzlich taucht, wie aus dem Boden hervor, eine hagere Gestalt. Das Gesicht bleich, um den Hals einen Strick. Und mit dumpfer Grabesstimme spricht sie: „I h r habt mich aus der Hölle herausbeschworen — da bin ich/ Wie versteinert blieb die ganze Gesellschaft, starr blickten sie auf die Erscheinung, „Haman!* lispeln alle Lippen. „Ihr glaubt beim Glase Wein mich zu feiern?... Bei der Arbeit suche ich meine Nachfolger, nicht in Weinkellern!" Sarkasmus darüber, dass wir kein Volk der Thaten sind. Wir haben uns zu sehr an Worte gewöhnt und vergessen, wie sehr uns heute die That noththut. In den Zeiten des Mittelalters, da wir durch Vorurtheil und Gesetz von aller Thal ausgeschlossen waren, blieb uns nichts übrig, als ein Leben der Erinnerung und der Hoffnung zu führen. Aber nunmehr da wenigstens die äußerlichen gesetzlichen Schranken gefallen sind, in den constitutionellen Staaten, wo uns die persönlichen Rechte nicht mehr abgesprochen werden, ist Raum genug, an die That zu denken und das alte Recept „Sich sammeln und Selbsthilfe zu leisten" als Heilmittel für alle unsere Leiden zu benützen. Möge der Purim-Tag nicht mehr ein Tag der Erinneving und des „Megiloh-Lesens" sein, sondern dev Tacy der ,nM Air Selbsthilfe weckt und aufrüttelt. Ein Religionskampf im Parlamente. Die verflossene Parlamentswoche bot ein unerquickliches Bild. Man hörte Eingriffe gegen religiöse Einrichtungen, Hierarchien, Heilige, Schristthum und Lehre einer „individuell bestimmten Classe der menschlichen Gesellschaft". Natürlich spielten hierbei die erste Geige — die Antisemiten waschechter Couleur, der alldeutsche Verband. Und wer waren die Betroffenen? Diesmal waren es — man traut kaum seinen Ohren — nicht die Juden, nein, die Katholiken. Die Moraltheologie des „heiligen Liguorius" stand auf der Tagesordnung, und sie nimmt nun in den stenographischen Protokollen Platz an der Seite des so vielfach verleumdeten, gefälschten und geschändeten Talmud. Die Excesse, welche einzelne dem geistlichen Stande angehörige Personen angeblich unbekannt wo und unbekannt wann, begangen haben sollen — die Angaben der diesbezüglichen Interpellation haben wir nicht controliert, Abgeordneter S ch e i ch e r dementierte sie — wurden generalisiert und allen Geistlichen zur Last gelegt. Der unappetitliche und nnauständige Zwischenruf „Schweinepfaffen" leistet Gesellschaft dem Zwischenrufe „Saujude". Und wollten wir das Bild weiter fortspinnen, wie eigenartig würde es sich gestalten. Neben dem Vereine zur Abwehr des Autisemiti-mus, der „Judenschutztrnppe", wird cs vielleicht bald «vthwentig sein, eine Schutztrnppe für die gleich unseren Volksgenossen angegriffenen und verleumdeten „Geistlichen"zu gründen. „Pfaffenschutztruppe" würden, die Meister der Wortbildung sagen. Allein, kaffen wir den Humor. Die Situation ist wirklich nicht darnach angethan, Scherze zu machen, und dazu dann, wenn die heiligsten Gefühle eines „Aber, Haman ..." „Ja, ich kenne Euch, Ihr lustigen GesellenWie der ewige Jude, wandere auch ich in der Welt umher, komme in alle antisemitischen Kreise und sehe alles, die äußeren und die inneren Triebfedern. Ich schaue Euch auch in die Herzen hinein, ich sehe Eure Gestalten hinter den Masken ..." „Masken?!" rief entrüstet die ganze Gesellschaft. „Ja, Masken! Antis e m i t e n nennt Ihr Euch, warum nicht direct „Anti juden"? Was habt Ihr denn gegen die Araber und die anderen semitischen Völker? ^,Ch r i stl i ch - s o c i al" — als ob es eine christliche Sociologie gäbe, die im Judenthum nicht ihre Wurzeln hätte! „Talmudjuden" schimpfet Ihr, als ob die Bibeljuden Euch lieb -wären. Ich lebte, noch bevor der Talmud entstanden ist, und in meiner Anklage wider die Juden sagte ich schon: „Und ihre Gesetze sind andere, als die unsrigen." Und ist denn der Nus: „Los von Rom!" nicht bloß eine Maske für das gewünschte: Los vom Christenthum — was Ihr offen auszusprechen nicht den Muth besitzet . . . Ja. der Muth ist es, der Euch allen fehlt! (Rufe: „Oho!" „Oho!") Blicket ans mich, offen und ehrlich bin ich seinerzeit aufgetreten und habe unverblümt die gänzliche Ausrottung der Juden, ihre Vertilgung. Ermordung und Vernichtung vom König gefordert. (Rufe: „So ist's!" „Bravo, Haman!") „Bravo!" rufet Ihr — ja, warum handelt Ihr aber nicht auch so'? Eure Stärke besteht bloß im Schimpfen, in Zwischenrufen ..." „Aber lieber Haman, die Juden beherrschen ja Europa mit ihrem Gelde; das Capital ist eine gar gewaltige Macht und diese besitzen sie." „Schon wieder ein Vorwand, wieder eine Maske!" donnerte Haman. „Ist nicht viel mehr Geld in christlichen Händen, als in den jüdischen, — und warum geben sie Menschen verletzt werden. Der heftige Schmerz, welchen Ka ihre in, Dzi eduszycki, Schuster schic, diese ergebenen und treuen Bekenner ihrer Kirche innerhalb einer kurzen Weile bei Verlesung der Interpellation empfanden, kann einem Volke, welchem seine treuesten Güter im Parlamente geschändet werden, nie frewd sein. Vielmehr, wir kennen und begreifen diesen Schmerz. Haben wir ihn ja an unserem eigenen Leibe fühlen gelernt. Wir haben es daher stets verdammt, wenn ein int Bordertreffen einer Partei stehendes confessionsloses, oder deutsch gesagt, ein in religionsgenossenschaftlicher Beziehung „gesinnungsloses", einst der jüdischen Religion angehörig gewesenes Jndividuuni in unanständiger Sprache religiöse Einrichtungen anderer angriff und mit Worten, wie „Pfaff", „schwarze Bande" herumwirft. Wir haben die von einem jüdischen Millionär in der Kirchenbanfrage inaugurierte Campagne, wiewohl er sich hierbei streng auf dem Boden des ausdrücklichen Wortlautes des Gesetzes bewegte, nie gutheißen können. Man kann also uns Religiousfeindlichkeit gegen die andersgläubigen Mitbürger gewiss nicht vorwerfen. Aber eines dürfen wir betonen: Jener Moment, in dem die gutgläubige katholische Welt in Oesterreich so tief in ihren zartesten Empfindungen durch die Interpellation E i s e n k o l b verletzt wurde, bedeutet die „Nemesis" in der Geschichte — die Nemesis für die Haltung der katholischen Parteien in jenen Momenten. in welchen das Volk des Heilands in seinen heiligsten Gefühlen durch die ordinärsten, rüdesten und gemeinsten Beschimpfungen der ihnen nahestehenden „Christlich-Socialen" verletzt wurde. Hat in unserem Parlamente sich je ein „Katholik im engeren Sinne des Wortes, etwa wie W i n d t h o r st in Deutschland erhoben, um gegen die Blutbeschuldigung zn sprechen? hat sich ein Katholik erhoben, wenn das Schristthum des alten Testaments besudelt — beschmutzt werde? Umgekehrt, warme Händedrücke wurden seitens der Katholischen Bolksparteiler mit christlich-socialen Verleumdern und Ehrabschneidern /gewechselt, wenn diese Verleumdungen und Ehrabschneidungen gegen die Juden und ihre Religion gerichtet waren. Heute kommt das „Vaterland" und entdeckt auf einmal sein Herz für die jüdisch-heiligen Schriften, jenes Blatt, welches die Expectorationen des D e ck e r t und Rohling über das Blutrituale aufnahm; dieser Johannestrieb, diese späte Liebe kann keine Früchte mehr tragen. Als Pfarrer D e ck e r t auf der Kanzel der Weinhanser Kirche fulminante Reden gegen die Juden hielt, als er die „Beschneidnng" lächerlich machte und die gründliche Beschneidung jüdischer Nasen verlangte, als er die Kirche durch Zoten und Witze zu einer Brantweinschenke degradierte, wo waren die Kirchen oberen, die dies verhinderten. Der Staatanwalt musste einschreiten, aber ohne Erfolg. Die katholischen Geschwornen waren im Rechte, wenn ihr Bischof die Abhaltung solcher Reden gestattet, wie können sie, die Laien in der Kirche, es verbieten? es nicht her, um unsere erhabenen Ziele zu erreichen? Ich war es, der dem König Achaschweroth zehntausend Kikor Gold bar ausbezahlte, um die Bewilligung zur völligen Vernichtung der Juden zu erhalten. Ja, Opfer muss man für seine Ueberzeugnng bringen können! Ich bin im Kampfe zwar durch die Jntriguen einer Jüdin unterlegen, aber meine Ueberzeugnng hat mich selbst auf dem Galgen nicht verlassen." Blos vereinzelte Bravo-Ruse ertönten nach diesen Worten. Auf den Gesichtern der meisten war eine deutliche Missstimmung zu lesen. „Was will der Haman mit all dem gemeint haben? Sollen wir uns etwa auch aufknüpfen lassen, der Juden wegen?" . . . Und die Stimme Hamans ertönt stärker und stärker, seine Augen blitzen, und mit der Hand ans die ganze Gesellschaft weisend, ruft er: „Mich hat mein Judenhass Geld und Leben gekostet — Ihr aber wollet durch ihn Geld und angenehmes Leben erwerben! (Rufe: „Oho!" „Namen nennen!") Geschäfts-Antisemiten seid Ihr ... Ein Entrüstungssturm durchbraust den Weinkeller, die ganze Versammlung geräth in höchste Aufregung, alle ballen die Fäuste. „Jude!" „Judenknecht!" hört man aus allen Ecken schreien. „Pfaffenknechte!" „Capitalsknechte!" schreit ihnen Haman entgegen. Ein ganzes Chaos ensteht im Keller, alle wollen sich auf Haman stürzen, und mit dem Rufe: „Von Juden geschlagen, von Antisemiten bedroht", verschwand die Erscheinung. Alle Versammelten bleiben vor Ueberraschung wie betäubt, blicken einander ins Gesicht, und einer von ihnen macht seine Genossen daraus aufmerksam, dass Haman bei seinem Verschwinden den Strick von seinem Halse znrückgelaffen hat.