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Jüdisches Volksblatt · 1901-02-15 · 7 (15.2.1901) · page 1

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
3 (1901)
Issue
7 (15.2.1901)
Date
1901-02-15
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Lrdartion: Tin/1, Schlötzelgaffe 11. EpUechfttmbeur Kn Wochentagen von 4 bi» * Uhr ««chmtttag». pof»<rtuftt: «übtschet Dalktblott, «Sie», YHI|1. «egen verspäteter oder gar nicht erfolgter Lustellnng «SUteu wir in« dringend. ~ Mamifttwte werben nicht pmtckDeft»«. ißostsparcafsen-Lont» «47v»7. In da» Abonnement kann man täglich eiutrete». EOM jeden frritag unter Milvrirkung der vom jüdischer: Volks- Verein erwSkrlten Pressrorrimisston. Inf ernte übernehmen die Firmen: I. Darnieder-, M. Duke«, Haasm» stetn & Vogler, Rudolf Masse, K. Oppelil, M. Pozsonhi, A. Schale! in Wim, ferner alle Kiinoncen--Srpeditionen im Sufllanbe. M»zel'N»Wwer in Wien lö Heller. Rdministrrüion: YIII/1, SchlStz-lsaff» 11. RbonuemeutSpreis r Für Wie» u. Oesterretch-Urrgarn lammt Francozustellung. Ganzjährig . . Kr. 8.— Halbjährig.„ 4.— Vierteljährig.„ 5t.— Fiir bat gefammte GluSlamb fammt FrancoiRstellang. Ganzjährig . Halbjährig . Vierteljährig . Kr. . » 4.50 .! 9ü5 aB3aaw WtWMjWHWWWW Ur. 7 msiMSisaammmai Wie«. 15. Februar 1901. 111. Jahrgang. nttnnwfiMianois J\n die jüdische Bevölkerung der Stadt Wien Seid nicht indolent, gedenket Eurer Existenz, gedenket Eurer Frauen und Kinder, denket an etwaige böse Tage. Denket an all das Unrecht und all die Vergewaltigungen, denen die Fremden ausgesetzt sind. Denket, dass Kinder armer Eltern oft ausgeschult werden, oft keine Armenlehrmittel, keine Stipendien und keine Begünstigungen erhalten, d« ihre Eltern nicht zuständig sind. Denket, dass Wohlthätigkeits-Vereine, Heirats-Stiftungen, Heime für Wöchnerinnen, Krankenanstalten und ReeonvaleScentenheime Zuständigkeit verlangen. Viel Elend wird durch Erlangung des Heimatsrechtes beseitigt. Nicht unvergessen darf die Erlangung der staatsbürgerlichen Rechte, wie Gleichberechtigung, actives und passives Wahlrecht, Freizügigkeit rc., bleiben. Kurz, man wird durch Erlangung des Heimatsrechtes ein Vollbürger. Derjenige Jude, welcher in den heutigen Zeitläuften die Feststellung seiner Heimatsoerhältnisse unterlässt, ist ein Verbrecher an sich, an seiner Familie. §tv Jüdische UoLksverein, eingedenk der Wichtigkeit de» Aeimntsrechte» für die Inden, etaktierte ein eigene» Kecht»1ch«tzfcutttft«, Welches allen, die Grlangung der Inständigkeit anstredenden Juden, thatkraftig zur Kette steht. Auskünfte in Heimatsrechts-Angeiegenheiten Werden durch fachkundige Juristen im Uereinsiseale des „Jüdischen U olks- «eriine»", II«, Lespsldsgajse 49, erthriit. Kprechstunden stnd jeden Dienstag, Donnerstag nnd Samstag non halb 7 krs 8 Uhr akends. Wir Wiederholen «och einmal: Jüdische Bürger, jüdische Arbeiter, gedenket der Erlangung des Heimatsrechtes! Ein Stüülein „Fortschrittsgeschichte". (Z u m Fall P e r g e l t - E l ö ck n t v.) Da die Scham vor der Charakterlosigkeit doch noch größer war, als die Furcht vor den Radikalen, hat man dem Ausreißer Pergelt und dem Halb-Analphabeten Glöckner den Stuhl, den diese beiden Herren vor das Elublocal der sogenannten „Deutschen Fortschrittspartei* setzten, ruhig stehen gelassen, bis die beiden Charaktere die Geste! wieder hereintrugen. Natürlich ist der Riss damit «ur verkleistert. Jede Secession hat noch mit Drohungen und Beschwichtigungen angefangen. Im Jahre 1890 war die letzte Secession im Deulschthum. Damals traten die Abgeordneten P e r g e l t und Genossen aus der „Vereinigten Deutschen Linken" aus. Natürlich auch mit dem Hinweise darauf, dass für die nationale Bethätigung in der »Vereinigten Deutschen Linken" kein Platz sei. Immer, wenn ReichsrathSwahlen die Mandate der Abgeordneten bedrohten oder bedroht hatten, durchrüttelte die Brust der gewissen Mandatskleber ein urgewaltiger Nationalsinn. ' So stark, so groß, dass dafür in der großen Partei kein Platz war. So auch vor den Wahlen des Jahres 1897. Da setzte sich in Prag am 29. Juni ein Zehner-Ausschuss zusammen, in dem Herr P e r g e l t eine Rolle zn spielen gehabt hätte, und braute bis zum 12. December desselben Jahres an einem Programm, von dem damals ein liberales Provinzblatt meinte: „Ein Glänger ist es entschieden nicht, dieses Programm." Das ganze Programm ist in der That nichts anderes, als breitgetretener Quark früherer Tage. ES sagte nicht so und nicht so, wahrscheinlich damit man dem Zehner-Ansschnsse nicht nachsagen könne, er hatte so oder so gesagt, und dem vielumstrittenen „Judenpunkte" wich er mit folgenden Worten aus: „Für eine deutsche Fortschrittspartei ist die Forderung eine selbstverständliche, an den w eu i g en mühsam erkämpften freiheitlichen Errungenschaften fe st zuhalten und dieselben auf daö nachdrücklichste zu vertheidigen. Die verbürgte Gleichheit aller Staatsbürger vsr dem Gesetze, shne Rückstcht der Confession, Nationalität und deS Standes, die freie Meinungsäußerung in Wort nnd Schrift, das freie VersammlungS- und BereinSrecht, sowie die Freiheit der Wahlen in alle Vertretungskörper bedürfen in der aufmerksamsten U«b«rmachung ihrer Durchführung unseres stetigen Schützet." Das hat Doctor Pergelt m i t a u s g e a r b e i t e t, unterschrieben und proklamiert, und vier Jahre später ist er gegen die Aufnahme von „Staatsbürgern" in einen parlamentarischen Club! Mit solch einem Herrtl braucht man sich wohl über diesen Gegenstand nicht weiter anseinanderzusetzen, das I wäre vergebliche Mühe. Dagegen darf man den Club der sogenannten „Deutschen Fortschrittspartei" wohl fragen, was man von seinem ganzen Fortschritt und Liberalismus halten soll, wenn er solche Leute in seiner Mitte duldet! Wird sich Herr Pergell, oder wird sich Herr Glöckner zum Liberalismus bekehren? Gewiss nicht. Eher ist anzunehmen, dass alsbald die ganze Fortschrittspartei antisemiteln wird, nicht? Nun hätte Herr Dr. Vogler Gelegenheit gehabt, sein Führertalent zu zeigen, zu documentieren, dass unsere Ansichten über den Wert seiner Wahl falsch waren, dass die Juden der Leopoldstadt, des Alsergrund und der Inneren Stadt recht hatten, wenn sie liberal wählten. Er hat nichts gethan und nichts gesprochen, die anliliberalen Herren aus Deutschböhmen bleiben im Club, nnd diese werden es zu verhindern wissen, dass man infamen Interpellationen Gchönerers oder Schneiders entgegentritt. Als wir vor der Wahl die Juden vor jeder Einmengung warnten, gab es Stimmen, die «ns »zu große Empfindlichkeit und Kurzsichtigkeit" vorwarfen. Wir haben nur auf vier Wochen vorauszuempfinden und zu sehen gehabt; wir mussten, dass die Strafe bald folgen werde. Heute hat sich die Zahl der Judenfeinde nicht nur quantitativ vermehrt, die aetive Theilnahme der Juden an der Wahl hat auch die Judenfeinde verbittert. Die Schläge werden immer dichter fallen, zur Abwehr haben wir niemanden gewonnen. Jetzt zahlen wir die Kosten der Wahl; es „pergelt" bereits in dem von uns begrüßten „Fortschritt", und die dienstwilligen Frackträger, denen es eine Wohlthat ist, am liberalen Stammtische sitzen zu können, werden alsbald die Fußtritte für ihren Diensteifer erhalten. jPrr erste Iuden-M m unserem uengemuhlten Purlumente. Er ist gefallen, und nicht am rechten Platze! Wahrlich, Herr Stransky hat weder als Privatmann, noch als Parlamentarier zu dem Rufe „Jude!" Anlass gegeben. Im Gegentheile, auch abgesehen von seiner Taufe, war er beständig ängstlich darauf bedacht, seine jüdische Abstammung zu verleugnen. Als Junqezeche hat er in der Adress-Debatte das Wort ergriffen, und „Jude!" wurde ihm von Seite der Alldeutschen zugerufen. »Czeche!" hätten sie ihm eigentlich zurufeu sollen — aber hierin würde ja niemand eine Schmähung erblicken. Und „Jude!"? Liegt etwa in diesen Worten etwas Verletzendes? Als derselbe Ruf einst dem getauften D i s r a e l i im englischen Parlamente zugeschleudert worden war, wusste er zu antworten : »Ja, ich bin stolz auf meine jüdische Abstammung, denn zur Zeit, als Eure Ahnen noch in tiefster Barbarei sich befanden, haben die meinigen schon einen kultivierte« Staat besessen." — Allerdings, es wäre zu viel verlangt, von einem Stransky eine ähnliche Antwort zu erhoffen, aber auch die Antwort, die er gegeben, bietet sowohl für die Alldeutschen, als auch für «ns Juden selbst so manche Lehre. »Eo mancher von Ihnen würde hier nicht sitzen, wenn die Juden Ihnen nicht die Stange halten würden!" rief S t r a n S k y den zwischenrufenden Deutsch-Radicalen zu. Möglich, dass derselbe Vorwurf auch manchem czechischen Abgeordneten gemacht werden könnte. Aber mehr als diese beiden einander bekämpfenden Parteien, sollten wir Juden die sich aus der Antwort ergebende Lehre beherzigen. Unser Anklammern an die Rockschöße anderer Nationen in den Ländern der österreichischen Krone bringt uns nach jeder Richtung hin nur Schaden. Wir verhalten während der Wahlen Vertretern fremder Nationen zum Siege, jubelten, dass w i r gesiegt, und nun zeigt es sich, dass wir Kukukseier uns ins Nest gelegt haben: Sie kehren im Parlamente uns den Rücken und liebäugeln mit unseren geschworenen Feinden. Und in diesem Sinne ist der Ruf^Jude!" vielleicht auch thatsächtlich keine ehrenvolle Bezeichnung. Ehre verdient nur derjenige, der sich selbst nicht missachtet. Und ein Volk, das sich allen anderen Nationalitäten anschließt und die eigene verleugnet, schmiedet sich selbst das Schicksal und darf sich nimmer wundern, wenn sein Name als Schmähwort gebraucht wird. Wir besitzen ja in unserem Parlamente auch nichlgetaufte Juden als Abgeordnete. Sie sitzen und hören diese Schmähungen, ohne eine Miene zu verziehen, ohne gegen dieselben feierlichen Protest zu erheben, ohne sie im Namen ihrer Nation auf daS allerentschiedenste zurückzuweisen. Ja, »ihre Nation". Diese verleugnen sie ja. Im Hause geberden sie sich ja bloH als Polen, Deutsche rc. Und d i e sind doch von Juden als Juden gewählt. Während der Wahlen haben all diese sich allerdings als Juden wählen lassen, da haben sie ihr Judenthum auf ihre Flagge geschrieben, die Wahl zu einer Sache des Judenthums gemacht; doch kaum übertreten sie die Schwelle des hohen Hauses, so lassen sie ihr Judenthum draußen und »Juden!" wird nicht etwa Byk und Consorten, sondern dem Stransky zngerufen. Armer Stransky!... Das ist die Moral von dem ersten »Jude.'"-Rufe in unserem neugewühlten Parlamente. Er sowohl, als auch die Erwiderung aus ihn, ertheilt uns eine beherzigenswerte Lection.

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