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Jüdisches Volksblatt · 1901-02-01 · 5 (1.2.1901) · page 1

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
3 (1901)
Issue
5 (1.2.1901)
Date
1901-02-01
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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üsbarfton: f»xtjlößsl0a|ye ü. Speechftrmde«! Mn W-;ch^.Nageu non 4 bis S Udr nachmittag», pofiuvrcllr: Jüdisches BoHSblatt, Wie«, VIII|i. VesSkkrerden wegm verkväteter oder gar nicht erfolgter gusicllung erbitten wir »nS dringend. — MkMuferLvte Vierden nicht zmPSgestellt. Postfparcaffen-Conta »47087. In da« Ubomicment kann man tKgliÄ eintreten. itfdjeint jede« Freitag uwtet* Mitwirkung Srr VE;A»ischen Volksverevr erwählLsn PrekswNrMisKou. Ansesnte übernehmen die Firmen: I. Danneberg, M. DukeS, Haascnnein & Siegtet, Rudolf Masse, VI. Oppclik, M. Vozsonyi, T. Schale! in Wien, femer alle Slnnancen-Txpcditivncn im NuSlande. Mrrzsl-Nrrmwer Ls« Wierr IS Heller. Mirmmstralion: VIII/1, SchlötzelgEe 11. Nb ormeureutSpreiS: Für Wie« u. Oesterreich-Ungarn sammt Francozustellung. Banzjährig . . Sr. 8.— Halbjäbrig.„ 4- Bierteljährig.„ 8.— Für daS gesammte Ausland sammt Francozustellung. Ganzjährig . Salbjährig . ierteljährig . Kr. 9.- . „ 4.50 . I 8.85 ■t* *aouir»ft,.aBVi«T «iiiubmi $w rnmaammmm wwnaoswii i»>wwiimMi»\inwagfc^jwucgr*m^*yxyyBwai ro*.rtJccGr»jinKw*w BVWJiWABomwuwiBni Ur. 5 Wie», 1. Februar LS01. III. Jahrgang. W die jüdische Bevölkerung der Stadt Klient Am 1. Jänner 1901 trat das neue Heimatsgesetz zum erstenmale in Wirksamkeit. Die Wohlthaten, welche das neue Gesetz gewährt, dürfen und können den Juden nicht versagt werden. Nur die indolenten und gleichgiltigen Juden find es, die sich jener selbst berauben. Namentlich für die unter der antisemitischen Wiener Gemeindeverwaltung lebenden Juden ist die Erlangung des Heimatsrechtes von größter Wichtigkeit. Abgesehen von der hierdurch erfolgenden Vermehrung und Stärkung der bürgerlichen Rechte sind auch eine Reihe anderer materieller Vortheile mit dem Heimatsrechte verbunden. Stiftungen, Stipendien, Aufnahme in Krankenanstalten, in Lehranstalten, Erlangung von gewissen Stellen erfordern nicht selten die Zugehörigkeit zum Wiener Gemeindeverbande. Was die Wiener Zuständigkeit für Arme und Subsistenzlose, für Witwen und Waisen bedeutet, das soll hier nicht erörtert werden. Es muss aber offen gesagt werden, dass derjenige Jude, welcher in der heutigen Zeit die Feststellung seiner Heimatsverhältnisse unterlässt, ein Verbrechen an sich und seiner Familie begeht. Der Jüdische U-lksnereineingedenk der Wichtigkeit des Aeiwatsrechtes für die Judenetaklierte ein eigenes Rechtsschutzknrearrwelches allendie Erlangung der Zuständigkeit anstrekenden Judenthatkraftig zur Seite steht. Auskünfte in Seiwatsrechts-Angelegenheiteu werden durch fachkundige Juristen im Uereinsloeale des --Jüdische« Uolksnereines"- II., Keopoldsgaste 49» ertheilt. Sprechstunde« stnd jeden Dienstag- Donnerstag und Samstag non hald V dis 8 Uhr akends. Mir wiederholen noch einmal: Jüdische Bürger, jüdische Arbeiter, gedenket der Erlangung des Heimaisrechtes! Zur Eröffnung des neue» Purlumutes. Nach einer langen Pause tritt heute der österreichische Reichsrath in neuer Gestalt wieder zusammen. Ein neues Parlament, denn 156 neue Männer ziehen in dasselbe ein. Ist dies aber ein neues Parlament, erfüllt von neuen Ideen? Repräsentieren die neuen Männer neue Parteien mit neuen Programmen? Nein, der alte Geist der Völkerzwietracht und des antisemitischen Rassenhasses, unter dem dies unglückliche österreichische Reich und wir Juden insbesondere so lange seufzen: er schwebt wieder über dem Parlamente und bedroht seine Lebensexistenz, wie die seiner Vorgänger. * + * Gespalten in 25 in sich zerklüftete Fractionen, die sich nicht etwa, wie dies in anderen Parlamenten der Fall ist, nach jenen politischen und wirtschaftlichen Prineipien gruppieren, nach denen sie den Staat regiert sehen wollen, ist das Parlament vielmehr ein Haufen nationaler, mehr oder minder chauvinistischer Clubs ohne gemeinsame Ziele, unfähig, irgend eine zum Nutzen des österreichischen Gesammtstaales brauchbare Majorität zu bilden, sondern nur dann zu einer Cooperation bereit, wenn es sich um einen Beutezug für die eine oder andere Clique oder um — ein Attentat auf die Juden handelt. Der Antisemitismus ist thatsächlich auch im neuen österreichischen Parlamente das Zeichen, in welchem Deutschradicale, Volksparteiler, Christlich-Sociale, Anhänger der Katholischen Volkspartei und der verschiedenen slavischen Clubs sich finden werden. * * * Das neue Parlament ist gegenüber dem alten keinerlei Fortschritt, sondern im Gegentheil ein Rückschritt. Die letzte Spur einer politischen Parteigruppierung ist verschwunden, und mit Ausnahme der Socialdemokraten, wie der ,Katholischen Volkspartei", die beide an Mandaten verloren haben, machen alle Clubs nur nationale Politik. Also das ist das Charakteristikon der neugewählten österreichischen Volksvertretung, dass in derselben keine einzige österreichische, keine einzige Volkspartei sich befindet, welche die Interessen der Gesammtbevölkerung, die nationale, konfessionelle und wirtschaftliche Gleichberechtigung aller Oesterreicher programmatisch vertreten würde. Nichts als Verfechter einseitig nationaler, confessioneller oder Clafsen-Sonderintereffen enthält das neue Parlament. * * Was haben wir somit vom neuen österreichischen Parlamente zu erwarten als Juden, als Oesterreicher? Nichts — ja noch weniger als nichts. Nichts als Oesterreicher, weil dieses Parlament infolge seiner Zusammensetzung ungeeignet ist zur Herstellung des inneren nationalen Friedens und positiver wirtschaftlicher Reformarbeit, weil keinerlei Majorität im Abgeordnetenhause vorhanden ist, welche imstande märe, jene Verfassungsreformen vorzunehmen, die unerlässlich sind zur Neuorganisierung des österreichischen Staatswesens, zu seiner endlichen politischen Consolidierung und wirtschaftlichen Regenerierung. Aber als Juden haben wir von dem am 31. zusamengetretenen Parlamente wohl in negativem Sinne etwas zu erwarten: Das Bestreben, einander in antisemitischen Brandreden und antisemitischen Anträgen zu übertrumpfen. Die nationalen Chauvinisten auf deutscher und slavischer Seite, die Christlich-Socialen und Clericalen, so wenig sie sich auch gegenseitig ausstehen mögen, so sehr sie sich auch zeitweise bis aufs Messer bekämpfen, der Antisemitismus bildet eine Brücke zwischen ihnen. Die einen sind aus nationalen, die anderen aus confessionellen und die dritten aus wirtschaftlichen Gründen Antisemiten, und wie wir bereits wiederholt nachgewiesen haben, sind durch die Siege der Deutschradicalen und „Deutschen Volkspartei" die antisemitischen Gruppen gegenüber dem alten Parlamente im neuen auch numerisch stärker. * * Das neue österreichische Parlament tritt also unter den düsteren Auspicien des nationalen und antisemitischen Chauvinismus zusammen. Dass es so weit gekommen ist, mag sehr traurig sein, aber es ist die logische Consequenz der Verkehrtheit aller und jeder bisherigen Negierungs- und Parteipolitik im allgemeinen, und der tonangebenden jüdischen Politik im besonderen. Mit jüdischem Gelde und mit jüdischen Stimmen werden ununterbrochen Parteien gefördert, welche die Gegensätze zwischen einzelnen Nationalitäten, Raffen und Classen verschärfen, dem nationalen, confessionellen und ökonomischen Antisemitismus stets neue Anhänger zuführen und auf diese Weise den Gesammtstaat Oesterreich, wie die österreichischen Juden immer mehr schädigen und in letzterer Linie zur thatsächlichen Isolierung der Juden führen. Jene jüdische Clique aber und die ihr dienstbare Presse, welche mit so günstigem Erfolge bereits an der Isolierung der Juden gearbeitet, unseren jüdischen Volksgenossen unter allen österreichischen Nationalitäten, so viele Gegner, keine einzige politische Partei aber als verlässliche Freundin erworben hat, besitzt den traurigen Muth, immer und immer wieder von einem „Ghetto" zu faseln, welches die angebliche Cnosequenz einer jüdischen Volkspolitik sei. * * * Eine jüdische Politik, die von der Ansicht ausgeht, dass die österreichischen Juden von dem gegenwärtigen Parlamentarismus und allen bestehenden Parteien nichts zu erwarten haben, sondern eine national-sociale Organisation zum Zwecke der Selbsthilfe bilden müssen, isoliert keineswegs die Juden von den anderen Völkern, sondern sie fördert deren ideelle und materielle Interessen in doppelter Richtung. Sie gibt den Juden ebenso wie allen übrigen österreichischen Völkern eine moderne, alle produeierende Schichten umfassende volkliche Organisation und sie ermöglicht derselben, in einem späteren Zeitpunkte als achtunggebietende, gleichberechtigte Macht mit allen social und österreichisch gesinnten Gruppen der übrigen österreichischen zu cooperieren, welche gleich uns in der Gleichberechtigung aller Nationalitäten, Confessioneu und Classen das Heil Gesammt-Oesterreichs erblicken. SonalMlik und die Juden. Von Dr. Josef Grünberg, Lemberg. Oesterreich verdankt den Juden viele sogenannte sociale Reformen, leider nur in dem Sinne, dass sie Anlass und Ziel dieser Reformen sind. Nicht durch uns, sondern unseretwegen werden sie ins Leben gerufen. Seit den Siebzigerjahren befasst sich die österreichische Gesetzgebung unablässig mit den überwiegend von Juden repräsentierten Erwerbszweigen. Um nur zu erwähnen: das Gesetz über den Wucher, Ratenhandel, Loshandel, die Sonntagsruhe und Ausverkäufe, die Novelle zum Gewerbegesetz, die Verordnungen über das Gasthaus-, Schank- und Trödlergewerbe u. dgl. m. Ich bemerke gleich, dass ich weit entfernt bin, eine gesetzmäßige Einschränkung von Missbräuchen zu beklagen, wie ich auch keine Lust verspüre, ein Uebel zu vertheidigen, daS uns dient. Im Gegentheil. Jeder rechtschaffen denkende Mensch muss solche Versuche der Einschränkung einer falsch begriffenen Freiheit des Individuums, die so leicht tu, Bedrückung und Ausbeutung auscirtet, freudig begrüßen. Ich will nur die schädlichen Folgen der sogenannten Socialpolitik für die wirtschaftliche Existenz der jüdischen Masse konstatieren und die Aufmerksamkeit auf jenen natürlichen Antisemitismus lenken, der als nothwendige Nebenerscheinung den modernen socialen Tendenzen entspringt, die zu bekämpfen wir weder ein Recht, noch die Möglichkeit haben. Eines lässt sich nicht leugnen: das auf dem Gebiete socialer Gesetzgebung am meisten antisemitische Oesterreich hat hierin vielfach Länder überholt, welche in der culturellen Entwicklung unendlich höher stehen, und unter den österreichischen Provinzen marschiert unser armes und zurückgebliebenes, aber judenreichstes Galizien an der Töte der Bewegung, welche man als socialreformatorisch bezeichnet. ES ist eine bekannte Thatsache, dass in England, der Heimat des Fortschritts und der europäischen Cultur, erst im letzten Jahre die Strafbestimmungen über den Wucher eingeführt wurden, welche in Oesterreich schon seit dem Jahre 1830 und in

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