Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 2 (1900)
- Issue
- 52 (28.12.1900)
- Date
- 1900-12-28
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Drremdrr 1800. II. Jahrgang. Die Jahrhundertswende. Die christliche Welt feiert diesmal den ersten Jänner als den Tag, an welchem sie in ein neues Jahrhundert eintritt. Neunzehnhundert Jahre sind bereits verflossen, das zwanzigste Jahrhundert beginnt. Wir Juden haben zwar eine andere Zeitrechnung, aber unsere Leidensgeschichte beginnt mit der christlichen Aera. Noch ungefähr hundert Jahre vor der Zerstörung Jerusalems übten schon die Römer ihre Macht in Judäa aus, und ein römischer Statthalter dictierte in Jerusalem unsere Geschichte. Blättern wir in unserer Leidensgeschichte, — wahrlich wir können Vieles, Vieles aus ihr lernen. Neunzehnhundert Jahre verfolgt, bedrückt, gequält, zu Tode gehetzt, gemordet, geschlachtet und auf Scheiterhaufen verbrannt — und wir leben noch! Unsere ersten Verfolger sind bereits von der Bildfläche verschwunden, die einst mächtigen Römer, Perser rc. sind schon längst todt, und wir, die kleine, schwache von Allen verfolgte Nation, haben uns bis auf den heutigen Tag erhalten, und mit einem gewissen Selbstbewusstsein schreiten wir auf dem Friedhofe >/: Geschichte über die Gräber unserer einstigen Bedrücker. 11 ■ Diese Thatsache beweist zur Genüge, welche zähe Lebenskraft unserem Volke innewohnt, -welche aus sich selbst heraus ein Lebenselixier schuf, das es selbst in den schwierigsten Lagen nicht zugrundegehen <eß. In verschiedenen Zeiten, unter den verschiedensten Verhältnissen nahmen wir, fast unbewusst, Formvn an, die unsere Existenz sicherten. Und merkwürdig! Aus demselben Stoffe, aus welchem unsere Feinde die Mittel zu unserer Verfolgung zogen, demselben Stoff entnahmen wir stets instinctiv den Balsam, der uns vor der Auflösung schützte, und neue Kraft einflößte. So geschah es im Mittelalter mit der Religion, und so geschieht es in der Gegenwart mit der Nationalität. Religion und Nationalität — dies sind die erhabensten Ideale, die edelsten Gefühle, welche im Busen der Menschen ruhen. Und gerade diese Beiden sind von Diplomaten und böswilligen Volksführern zu selbstsüchtigen Zwecken derart missbraucht worden, dass sie zu einem Zerrbilde ihrer selbst geworden sind, und nur Schreck und Entsetzen im Gefolge hatten. Sämmtliche Religionen haben Humanität, Gerechtigkeit und Wahrheitsliebe zu ihren Grundprincipien; der Nationalitätsbegriff sämmtlicher Völker bedeutet nichts anderes, als Verbrüderung, Vereinigung. Und was schuf der Fanatismus im Mittelalter aus der Religion und in der Gegenwart aus der Nationalität! . . . Unter der Maske der „Religion der Liebe", wurden die schauderhaftesten Verfolgungen vollführt. Jnquisitionsgerichte abmummmBammmtaanamm» vimcrtt Jnxkarten. (Eine Plauderei.) Von Dr. E. Sabura. Eine Menge Menschen belagern das Schaufenster enier Papierhandlung; in der Inneren Stadt. Alte und junge Leute, Knaben und Mädchen, Männer und Frauen baden sich dort zusammengefunden. Die Knaben lachen ganz laut, die Erwachsenen lächeln nnd die Mädchen werden roth. Es ist eine Sammlung neuer Juxkarten ins Fenster gestellt, und diese haben die Leute herbeigelockt.. . Ich komme zu der Menge. Wie ich die Carieaturen anschaue, kommt nur ein sonderbarer Gedanke: auch wir Juden sind in Europa geboren, wir sind Bürger im Lande, und das bürgerliche Neujahr ist ein Zeitabschnitt auch für uns. Freilich, auch im Tischri beginnt ein neues Jahr und das ist u n s e r neues Jahr — und es ist ein gewaltiger Unterschied zwischen Neujahr im Tischri und Neujahr im Jänner. Im Tischri weinen wir und fasten wir und büßen wir, und so beginnt unser neues Jahr: im Jänner essen sie und trinken sie uub schreiben Jnxkarten — nnd es beginnt auch ein neues Jahr. Unser Leben ist nicht ihr Leben, unsere Jahreszahl ist nicht die ihre. Und könnten wir nicht zu Neujahr ebenfalls Juxkarten Herstellen? Auch der Witz hat seinen Stachel, und unsere Augen thrünen auch beim Lachen. Und ich sehe die Juxkartelt an und vertiefe mich in die Bilder und suche Bilder aus dem jüdischen Leben, die man auf derartigen Karten verewigen könlite. Aber vergebens. Im inneren Wesen ist unser Leben so verschieden, dass ein Witz, der sonst ganz gut klingt. gehalten, Torturen verübt, Scheiterhaufen errichtet, Männer und Frauen. Greise und Kinder hingeschlachtet.. . Und unseren nationalen Fanatikern fehlt glücklicherweise die Macht, ähnliche Greuel zu verüben, aber Hass und Zwietracht, Feindselig- und Unduldsamkeit verbreiten sie im Namen der edlen Idee der Nationalität. . . Uns aber hat im Mittelalter der reine Religionsgedanke erhalten. Wegen der Religion wurden wir seinerzeit verfolgt, zu ihr nahmen wir unsere Zuflucht. Wegen unserer Nation werden wir in Gegenwart bedrängt, und zu unserer Nationalität, im erhabensten Sinne des Wortes, müssen wir nun jetzt unsere Zuflucht nehmen! Das scheidende Jahrhundert wird in der Geschichte, das Jahrhundert der nationalen Kämpfe heißen; und ebenso wie wir im Mittelalter uns an die Religion geklammert haben, genau so soll uns gegenwärtig, beim Eintritte ins neue Jahrhundert, die Idee unserer Nationalität, vergnügend und stärkend umschließen! Die Reform des Heimatsrechtes. Von Dr. Lifezis. Der 1. Jänner 1901 tjat für die Heimatr- und Zuständigkeitsverhältnisse in Oesterreich eine epochale Bedeutung. An diesem Tage erlangt jeder österreichische Staatsbürger das Recht, in einer Gemeinde, in Welcher er, ohne der Armenversvrgung zu Last zu fallen, Lirrch 1V Jahre, also seit 1. Jänner 1891 ununterbrochen wohnte, d a s Recht auf Aufnahme in den Gemeindeverband. Ist der Betreffende jedoch Ausländer, erlangt derselbe in einem solchen Falle das Recht auf die vorläufige Zusicherung der Aufnahme in den Gemeindeverband. Durch Verleihung des Staatsbürgerrechtes seitens der Statthalterei wird die vorläufige Zusicherung zu einer definitiven. Dem Ansuchen um Aufnahme in ben Gemeindeverband, respective um Zusicherung dieser Aufnahme muss — wenn die früher erwähnten Voraussetzungen erfüllt werden — Folge geleistet Werben, eine Abweisung gibt e§ nicht. Gebühren für die Aufnahme in den Heimatsverband dürfen nicht verlangt werden. Dies sind die Grundsätze der neuen Heimatsreform. Sie bilden gegenüber den bisherigen culturwidrigen Zuständen einen bedeutenden epochalen Fortschritt. Und fürwahr, die bisherigen Zustände waren eines auf dem Hnmanitätsprincipe fußenden Rechtsstaates unwürdig. Wir wollen diese Zustände an einem Beispiele klarlegen: Es hat Jemand vor 60 Jahren als 14jähriger Knabe seinen HeimatSort verlassen, kam nach Wien, gieng in die Lehre, ward Geselle und später Meister. Er gründete sich durch Heirat einen eigenen Hausstand. Dieser Ehe entsprossen in Wien geuns kaum verständlich sein würde. Da sehe ich ein ganzes Dützen Karten, und darauf prangen lauter — Schwiegermütter. Wir Juden kennen diese Scherze nicht, denn die Schwiegermutter ist bei uns kein Gegenstand des Spottes. Da haben wir weiter eine Reihe von Bildern mit alten Junggesellen. Sie kamen nach alter jüdischer Sitte überhaupt nicht vor — und sind noch heute unter uns selten zu ftnbcu. Die „Rothen Nasen", die auf so vielen Karten glänzen, sind gewiss nur selten auch krumme Nasen. Und ähnliches gilt von den Gardinenpredigten, von den Hörnern auf den Köpfen der Ehemänner und dergleichen Kleinigkeiten, die im jüdischen Leben noch kein Bürgerrecht gefunden haben und deshalb nicht den Stoff allgemein verständlicher Witze bieten könnet!. Noch ein Anderes, und dies ist wichtiger. Die Fehler der Personen, die sich auf Jnxkarten verspottet finden, sind Fehler einzelner Perlonen, und nur diese Einzelpersonen sind Gegenstand des Lachens. Wenn aber ein Jude eine Eigenschaft hat, fällt sie aus die Judenschaft zurück. Es heißt nicht: Marx ist ein Socralist, Rothschild ist ein Ausbeuter, sondern: die Juden sind Socialisten und Ausbeuter. Wer einen Juden verspottet, verspottet das Jndenthum. Aber vielleicht doch! Ich habe schon Entwürfe für jüdische Jnxkarten gemacht. Ich wollte zeichnen: Ein Haus, das auf Rädern steht und sich nach jeden» Windhauch bewegte. Darunter aber sollte stehen; Ein Windhauch trägt sie fort, Sie stehn nur fest zum Schein. Was könnt' das Anderes als Ein Reform-Rabbiner sein'? borene Kinder. Auch diese Kinder wuchsen in Wien auf, errangen irgend eine sociale Position, heirateten, und auch ihrer Ehe entsprossen in Wien geborene Enkel. Diese Kinder und die Enkel sind nicht nach Wien zuständig, sondern nach einem Orte, den sie nie gesehen und gar nicht kennen. Und denken wir noch an die verwickelten Sprachverhältnisse in Oesterreich, so kann es Vorkommen, dass ein in Wien geborener Staatsbürger, dessen Urgroßvater ein Czeche war, der aber seit seinen Großeltern in Wien wohnt, daher die czechische Sprache gar nicht kennt, in eine Heimatsgemeinde zuständig wird, deren Sprache er gar nicht kundig ist. Und nun denke man sich den Fall, dass ein in Wien geborener und daselbst durch 60 Jahre ununterbrochen wohnhafter Staatsbürger auf seine alten Tage Schiffbruch gelitten hat und in die unglückliche Lage kommt, der öffentlichen Armenversorgung zur Last zu fallen; dieser Mann wird per Schub in eine Gemeinde geschickt, die er nie gesehen uno nie gekannt — unter Inwohner, deren Sprache er nicht versteht und die doch seine Heimatsgenossen sein sollen. Dies passierte nicht nur Greisen, nein auch Witwen und armen Waisen. Wie solche, nach Naturgesetz Fremdlinge, nach geschriebenem Gesetze Heimatsgenossen, behandelt werden, das bedarf keiner Erörterung. — Selbstmord, Bagabundenwesen und Verbrecherthum waren die Consequenzen. Heimatsgesetz und Schubwagen waren identische Begriffe. Die Großstadt hat die besten Arbeitskräfte verbraucht, und nachdem sie durch ein halbes Jahrhundert von einem Individuum an Arbeit und Steuern (Gemeindeumlagen) den letzten Blutstropfen erpresst hat, schickt sie ihn auf die alten Tage in ein fremdes Nest, wo er wie ein Aussätziger gemieden wird und wie ein Hund krepiert. Es ist nun selbstverständlich, dass ein auf sich' und seine Familie bedachter Mann solche Consequenzen vermieden wissen wollte. Er strebte daher die Aufnahme in den Gemeindeverband an, in dem er geboren, in dem er seine ganze wirtschaftliche Existenz gegründet hat, und welcher der Mittelpunkt seiner ganzen materiellen und ideellen Persönlichkeit bildet. In dieser Richtung hat nun allerdings das alte Gesetz vorgesehen, dass das Heimatsrecht auch durch ausdrückliche Aufnahme in den Heimatsverband erworben werden kann. Aber diese Aufnahme stand im freien Ermessen, das ist Belieben der Gemeindevertretung. Diese konnte aufnehmen, wen sie will und wenn sie will. Sie verweigerte Personen die Aufnahme, welche zur Gemeindeverwaltung in Opposition stand, oder war die Gemeindevertretung antisemitisch — siehe Wien — verweigerte sie principiell allen Juden die Aufnahme in den Heimatsverband. Gegen diese Willkür gab es nicht das geringste Rechtsmittel. Die Gemeinde konnte thun, was sie wollte. Ferner, um zu verhindern, dass Unbemittelte in den Heimatsverband ausgenommen werden, wurden hunderte Gulden betragende Taxen und Gebühren vorgeschrieben, wodurch die Verleihung des Heimatsrechtes wieder illusorisch wurde, da der Pkterit nicht in der Lage war, die Taxen zu entrichten. Eine andere Karte zeigt das bekannte durchstochene Herz, das die Liebe symbolisiert. Auf meiner Karte steht ein steinernes Herz, in einen Goldrahmen eingefasst. Darunter steht nichts als: „Unsere Reichen". Eine Caricatur: Ein Mensch mit vielen Händen — hätte die Unterschrift: „Die Cultusgemeinden". Ein anderes Bild: Ein Mensch mit vielen Köpfen, aber ohne Hände — hieße: „Wiener israelitische Allianz". Anstatt „Allianz", könnte sie aber auch „Union" heißen. Ein eigenes Bild wird aber unseren Volksvertretern gewidmet sein. Sie sollen sich nicht zu beklagen haben. So schön war noch nie ein Abgeordneier, selbst wenn er aus einer Handelskammer gewählt war, wie das junge Mädchen auf unserem Bilde. Ein Judenmädchen natürlich — aber „man sieht ihr's nicht an". Sie ist mit dem Rücken zu uns gewendet — vielleicht trügt sie vorne au der Brust ein Kreuz. Und wie sie kokett ist! Aber merkwürdig — das Feuer ihrer Augen sängt nicht mehr. Die jungen Leute wollen nichts von ihr wissen. Nämlich : Sie hat ihren Bräutigam sitzen lassen, als sie hörte, d.qs seine Unternehmung misslungen war. Unter dem Bilde mag folgendes Verslein stehen: Die Herren Deputierten Sind in allen Clubs zu Gast, Sind überall ungebeten, Sind überall zur Last. Man wendet sich von ihnen. Weil jeder zagend spricht: Wird F r e m d e n Treue hallen, Wer sie den Seinen bricht?