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Jüdisches Volksblatt · 1900-12-21 · 51 (21.12.1900) · p. Seite 7

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
2 (1900)
Issue
51 (21.12.1900)
Date
1900-12-21
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
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Uk *1 Wien, Frdtaf JödiMkM Tolksbl&tt 21, December 1900 Seite 7 Der Advocat hatte eS nicht unterlassen, auch an die Frau Frank eine höfliche Empfehlung beizufügen, obwohl daS Schreiben eigentlich ein Geschäftsbrief war; und nachdem Löb Frank den Brief vom Datum angefangen bis herunter auf die höfliche Empfehlung an die Frau Gemalin zu Ende gelesen hatte, begann er denselben noch einmal zu lesen, um sich deS köstlichen Inhalts nur umsomehr zu vergewissern. Wer die guten Eheleute noch vor einer Stunde in ihrem Kummer gesehen hatte, der würde in ihnen jetzt kaum noch dieselben Menschen erkannt heben; so gänzlich umgewandelt schienen sie. Wenn es wahr wäre, dass der Zufall Launen hat. so müsste man ihm, der hier die beiden Briefe zu gleicher Zeit ins Haus schickte, nachsagen, dass er diesmal wenigstens bei guter Laune gewesen sei. Köstliche Mittheilungen von Felix und frohe Nachrichten vom Advocaten, Beruhigung über den angenehmen Knaben, der sich, wie er schrieb, so glücklich fühlte, und die schwere große Last vom Herzen, mit welcher der schwebende Process so lange auf dasselbe gedrückt hatte, es war fast zu viel auf einmal. Nicht so angenehm klangen die Mittheilungen, welche zur selbigen Zeit der Rechtsfreund des Gutspächters zuzusenden gezwungen war. Es ist unter keinerlei Umständen eine angenehme Sache, einen Process zu verlieren, unter Umständen in denen sich der Gutspächter befand, am allerwenigsten; denn er war für ihn, trotz seinem Vermögen kein Leichtes, die Summe an Frank auszuzahlen, wenn er mit seinem eben nicht unbedeutenden Pachtschilling, den er an die Herrschaft zu entrichten hatte, nicht im Rückstände bleiben wollte. Und dies konnte er auf keinen Fall. Einmal verbot es ihm der Ehrenpunkt, und dann hätte ihm bei ungenauer Einhaltung der Bedingungen des Pachtvertrages der strenge herrschaftliche Güterverwalter auch keilleswegs große Nachsicht gezeigt. Der Gutspächter befand sich deshalb in nicht geringer Verlegenheit und guter Rath war theuer. Bald wurde die Angelegenheit auch im ganzen Orte bekannt und sowohl in als außerhalb der „Gasse" hörte man fast von nichts anderem reden als davon, dass der Gutspächter den Process verloren habe. Die Glossen, welche über die Entscheidung des Processes gemacht wurden, klangen in und außerhalb „Gasse" freilich nicht ganz gleich. Im Stadtwirtshaus schimpfte man die Juden, diese Betrüger, welche in der ganzen Welt alles Geld an sich reißen, und die Bürger und Bauern arm machen. Namentlich war es der junge Drab, welcher vieles von den jüdischen Betrügereien zu erzählen wusste, und behauptete, es könne nicht mit rechten Dingen zugegangen sein, dass der Löb Frank den Process gewonnen habe. Er sprach dies mit vielsagender Miene und zwinkerndem Auge und gab, indem er den Finger an den Mund legte, hiemit nicht undeutlich zu verstehen, dass er vermöge seiner Stellung als Drab über diese Dinge wohl hinlänglich unterrichtet sein müsse und dass er wohl auch Manches reden könnte, wenn man alles reden dürfte, was man denkt. „Der Löb Frank ist halt ein reicher Mann" — sagte er — „der Jud hat viel Geld und mit Geld richtet man Alles." „So glaubt Ihr, Drab" — fragte ein junger Bursch, der an einem Tische ruhig bei seiner Flasche Wein da fass „dass der Justitiar sich von Lob Frank hat bestechen lassen „Das Hab' ich nicht gesagt!" — entgegnete der Drab auf diese Weise in die Enge getrieben — „das Hab' ich nicht gesagt! — widerholte er nochmals — „hat jemand gehört, dass ich es gewagt hätte, auf den gestrengen Justitiar ein Wort zu sagen? Ich Hab' nichts anderes gesagt, als das, was jedermann weiß, nämlich, dass die Juden Betrüger sind — —" „Die findet man wohl bei unS Christen auch" — sagte der Bursche, „Und der Löb Frank der größte! — muss eja auch sein, da er der reichste ist. Und woher hat er seinen Reichthum? Vom Löb Frank Hab' ich gesprochen, nicht vom Justitiar." „Nun ich dächte, das kam' so ziemlich doch auf dasselbe hinaus." In der „Gasse" freute man sich wiederum, dass man in einem Staate lebe, in welchem doch, wie man fleht. Recht und Gerechtigkeit herrscht, und dass ein Jud bloß darum, weil er ein Jud ist, nicht zu fürchten braucht, im Handel und Wandel um sein Recht verkürzt zu werden. Man freute sich, dass Löb Frank der ihnen Allen ein Muster der Rechtschaffenheit und Ehrenhaftigkeit war, von dem Verdachte, der gegen ihn erhoben worden, gänzlich gereinigt sei, und dass es sich endlich doch zeige, auf welcher Seite eigentlich das Unrecht ist. Der Gutspächter war wirklich im Unrecht. Nicht nur nach der herabgelangten Entscheidung deS Justizamtes, sondern auch in Wahrheit. Man würde dem guten Manne Unrecht thun, wenn man annehmen wollte, dass er sich seilles Unrechtes bewusst gewesen, oder vielmehr, dass er im Bewusstsein seines Unrechts gegen Löb Frank «ufgetreten und absichtlich dasselbe auf die Schultern dieses Mannes zu wälzen suchte. Nein, so ward es nicht. Der Gutspächter glaubte wirklich allen Ernstes vollkommen im Rechte zu sein. Er war von seinem Rechte so fest überzeugt, wie Löb von dem seinigen. Woher eS kam, dass er die Sachlage so falsch beurtheilte, dass er sich in dieser Angelegenheit so gänzlich geirrt, erklärt sich leicht, wenn man den Charakter des GutSpächterS und feine Sonderbarkeiten im Auge behält. Der Gutspachter war ein Mann, der sozusagen nicht die gewöhnliche Heerstraße de- Leben- -ieng, sondern gerne hie und da einen Seitenweg einschlug; er liebte eS, über die verschiedenen Fragen von Wichtigkeit seine eigene Meinung zu haben und sich über verschiedene Fragen von Wichtigkeit eine eigene Theorie zu bilden. Er gehörte zu jenen Menschen, die man gewöhnlich im Leben als überspannte Köpfe bezeichnet. Darum waren seine Meinungen und Ansichten in Wahrheit bei manchem Körnchen Wahrheit, die sie enthielten, in der Regel wunderlich genug, und so hatte er auch hier in der Processangelegenheit sich mehr von seiner Theorie, als von den hier zu Lande bestehenden Gesetzen und Verordnungen leiten lassen. Einem Missverständnis also, nicht -aber einer böswilligen Absicht muss es zugeschrieben werden, wenn er auch jetzt noch, nachdem er den Process verloren, dennoch fest und steif behauptete, dass er demungeachtet im Rechte, und dass er unschuldig zur Zahlung der Summe verurtheilt sei. 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