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Jüdisches Volksblatt · 1900-12-21 · 51 (21.12.1900) · p. Seite 2

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
2 (1900)
Issue
51 (21.12.1900)
Date
1900-12-21
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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3©it§ 1 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 21. Deeember 1-00 Nr. 51 Wahl da- Zünglein an der Wage bilden, de« deutschen Tandidaten zu erschleichen. Sie kümmern sich dabei blutwenig um die Folgen. Von der RedactionSstube auS las-t sich gemächlich rathen und großmäulige deutsche Politik machen, und auch die beiden Prossnitzer jüdischen Advocaten Dr. Zweig und Dr. Brüll, die an der Spitze der dortigen Juden und Deutschen zum Wahlkampf rüsten, spielen mit dem Feuer, daS nur andere vernichten wird. Die politischen Geschichte der letzten Jahrzehnte und der wirtschaftliche Niedergang hat die mährischen Juden die Wahrheit desVirgil'schen Verses „Quidquid deliriant reges, plectuntur Arhivi (Wenn immer die Könige rasen, büßen die Griechen) recht unsanft fühlen lassen. In den Redactionestuben, in jüdischen Fabriks- und Advveaturskanzleien wurde jene unselige Politik gemacht und beschlossen, welche der jüdische Kaufmann auf dem flachen Lande und der jüdische Mittelstand in der Provinzstadt mit seiner wirtschaftlichen Existenz büßte. Tie Tage von Holleschau und Wsetin, die Excesse, welche auch anderwärts einen bedrohlichen Charakter gegen die Juden annahmen und in ihren wirtschaftlichen Folgen noch heute fortwirken mit ungeschwächter Kraft, sind nicht in letzter Linie auf das Schuldconto jener Inden zu setzen, die in ihrer capitalistischen und industriellen Ueberlegenheit als Malz- oder Zuckerbarone, als Großindustrielle und Großkauflente für ihren germanisatorischen Sport keinerlei wirtschaftliche Schwächung oder Gefährdung zu befürchten haben. Dass die Juden sich von diesen Leuten haben am Gängelbande führen und commandieren lassen, hat die schlimmsten Früchte getragen. Es wäre höchste Zeit, den Einfluss und eine Führung abzuschütteln, die für die Zukunft die größten Gefahren in sich bergen. Dann wird auch an die Stelle der bisherigen unsinnigen Assimilantenpolitik eine Politik der Vernunft zu treten. Ist es vielleicht nicht borniert und unverantwortlich, wenn Juden in einem Lande, das von 70°/0 Czechen und bloß 30% Deutschen bewohnt wird, die natürliche Entwicklung der nationalen Kräfte stören und aufhalten wollen, wenn sie die czechische Majorität politisch unterdrücken und verkürzen helfen? Ist es nicht ein fast räthselhafter Selbstvernichtungstrieb, wenn die mährischen Juden, deren größter Percentsatz erwiesenermaßen in rein czechischen oder gemischtsprachigen Orten mit überwiegend czechischer Bevölkerung wohnt und Handel treibt, durch eine so selbstmörderische Politik diese ohnehin den Juden nicht nicht sehr freundlich gesinnte Majorität reizen und in ihren nationalen Empfindungen und beständig tief verletzen? Zeugt eine solche Haltung mehr Vernunft als das Gebaren des dummen Schmetterlings, der dem Lichte zuflattert, um sich die Flügel zu versengen und den Tod zu holen? Die deutschliberale Presse Wiens, die schon so unendlich viel an den Juden gesündigt hat, thut ihr Möglichstes, um die Juden Mähreris von einem vernünftigen Frontwechsel zurückzuhalten. Sie hat noch immer nicht begriffen, dass diese über kurz oder lang die eiserne Noth und das nationale Faustrecht dazu zwingen wird. Es ist immer das Unglück der Juden in den Sudetenländern gewesen, dass die jüdischen Journalisten Wiens in dem feindlichen Treffen zwischen Deutschen und Czechen die erste Schlachtreihe gebildet haben und dass die Juden stets unter dem verderblichen Banne dieser Wiener Presse standen, deren politische Leitartikel von ihnen wie eine zweite Thora verehrt und bochgehalten wurden. In der vorigen Woche brachte die „Neue Freie Presse" unter dem Titel „Wahliilder aus Mähren" einige Proben des czechischen Boyeotts gegen jüdische Kaufleute im Prossnitzer Bezirk und betonte, daps die dortige hannakische Bevölkerung wegen einer gewissen angeborenen Scheu vor der Nennung von Namen in Zeitungen einem solchen Boycott leicht zugänglich sei. Die Schlussfolgerung eines jeden unbefangenen, ehrlichen und wohlwollenden Freundes gerade die Ausbeutung jenes Wort geprägt hat. Man hat uns mit der freundlichsten Miene tu die eigenst erbauten Ghctti geladen, um die unersättlichen Stadtcassen zu füllen, und hat dem jüdischen Wucher durch Specialgcsetze Vorschub geleistet, damit sich der verderbte Adel und seine noch verderbteren Schergen das gefährliche Geschäft der Volksaussaugung ersparen könnten. Und dieses verfluchte Gold, an dem unser Angstschweiß klebt und das unseren moralischen Fall verschuldet hat, ist jetzt in wenigen Händen angesammelt, in den Händen derjenigen, die den ungeheueren Massen des elendsten Proletariats der Erde herz- und verständnislos qegenüberftehen, die die Consequenzen aus unserer tausendjährigen Geschichte nicht ziehen wollen, und weiter die Rolle jener Sclaven auf dem Schiffe spielen — — nur dass sie das rohe, gellende Lachen nicht mehr hören, nur dass sie die unsanften Fußtritte nicht mehr spüren . . . * * * Aber qUidimfyt will ich heute den Alltag aus meiner Seele bannen und ein Festgewand anlegen, weil der erste Strahl durchs drohende Gewölke drang. Die Guten und Besten haben sich instinetiv durch Selbstzucht zu innerer Freiheit durchgerungen und gelangten durch Selbsterkenntnis zu jenem reinen Nationalismus, der frei ist von der Schlacke des Chauvinismus und frei von der Schminke kulrer Berechnung. Und eine starke, innere Stimme rief: „In Euer'm Weinberg liegt ein Schatz, grabt nur darnach! Wir folgten dem Rufe und hoben rin gar köstlich Kleinod: Die Ueberzeugung, dass die Herzen der Trefflichsten im Volke zu allen Zeiten unser waren. Wenn Börne, der Mann mit der eisernen Stirne, voll Unwillen ausruft, dass wir die Geringschätzung verdienen, weil wir sie zu verdienen glauben, wenn wir lasen, wie derselbe Mann die Juden auffordert, nicht darüber nachzugrübeln was war, sondern um Gotteswillen die Augen aufzuthun und zu sehen, w a s i st u n d w a - s e i n w i r d — dann waren wir doppelt bestärkt in unserem Thun und Wollen. Wenn Heine am Abende seines Lebens mit der ganzen Kraft seiner geklärten Leidenschaft au-ruft, dass «an leider der dortigen Judenschaft würde nun darin gipfeln, dass man diesem Boycott durch politische Neutralität und Wahlenthaltnng entgegentritt und vielleicht den Boden oder die Gelegenheit entzieht, soweit ihm nur politische Motive zugrunde liegen. DaS Wiener Blatt aber suggeriert den jüdischen Lesern und Wählern, dass die beste Antwort auf einen solchen Boycott seitens der Juden festes Zusammenhalten mit den Deutschen sei. Es hetzt und schürt in gewissenlosester Weise den Kampf, dessen Kriegskosten wie immer die Juden bezahlen werden. Solche Beispiele liefern uns die Wiener und mährischen liberalen Blätter fast Tag für Tag. Im deutsch-antisemitischen Blätterwald herrscht inzwischen über den Jndenpunkt auffallende Stille. Umso stärker rauscht und lärmt es auf der czechischen Seite. In allen Tonarten präludiert die czechische Presse den Wahlen. Dem Boycott der Juden ist eine ständige Rubrik in den hannakischen Blättern eingeräumt. In diesem Boycott der „deutschen Juden" wird Gesetz und Recht außeracht gelassen. Der unschuldige, um sein Brot schwer ringende Jude wird dem wirtschaftlichen Ruine überliefert, weil sein wirtschaftlich unnahbarer Glaubensgenosse partout ein Deutscher sein und bleiben will. So arbeitet die dentschliberale Presse, die die Juden bewusst im Unklaren über die Consequenzen ihrer deutschen Haltung lässt, der czechisch-nationalen in die Hände. Das Facit wird sein: ein helles Auflodern des czechischen Antisemitismus und die Vernichtung jüdischer Existenzen. Prossnitz ist eine czechische Stadt mit einer verschwindend kleinen deutschen Minorität. In der Umgebung von Prossnitz gibt es weit und breit keine Deutschen. Was sich in Prossnitz deutsch nennt, ist fast ausschließlich jüdisch. Die nichtjüdischen Deutschen bilden ein unansehnliches Häuflein. Die Prossnitzer Juden sind bekannt und berüchtigt durch ihre dentschnalionalen Mätzchen und durch die falsche Begeisterung, mit denen sie als die letzten Säulen deutscher Herrlichkeit einen längst verlorenen Posten halten. In der Politik die Abderiten Mährens! Und dem pathologischen Deutschthum einiger dentschnativnaler jüdischer Herren, die auch Wotansschwärmer sein können, um ihr deutsches Volksthum recht kräftig zu betonen, sollte die jüdische Geschäftswelt von Prossnitz und Umgebung ihre wirtschaftlichen Interessen zum Opfer bringen? Man rühmt den Juden ein rasches und richtiges Erfassen der realen Verhältnisse, sagen wir Geschäftsgeist nach. Ja, erkennen sie denn nicht, dass der Preis, den sie für ein deutsches Mandat zahlen werden, ein viel zu hoher, ein unerschwinglicher ist? Ist es für sie nicht gleichgiltig, ob in diesem armseligen Parlament, dem ohnehin ein rasches, rühmloses Ende beschieden sein soll, Herr Skala oder Herr Brand Huber sitzt? Keiner der beiden wird dort das Kraut fettmachen, keiner den Juden viel schaden oder nützen. Mit und ohne sie wird das Abgevrdneteichaus antisemitisch sein. Mit und ohne sie wird z. B. die Gewerbeuovelle oder Gesetz werden. Für die Suvtilitäten der Sprachenhaben die jüdischen Kaufleute von Prossnitz gewiss keinen Sinn. Welchen Vortheil kann also den Juden der Sieg der Deutschen, welchen Nachtheil der Sieg der Czechen bringen? Es wäre ein unverzeihlicher Fehler, wollten die Juden bei der Wahl nicht der Stimme der Vernunft Gehör schenken, sondern dem Raunzen der deutschen liberalen Presse, die auf Kosten der Juden den natürlichen Prvcess der Slavisierung Mährens hinausgeschoben sehen möchte. Das wirtschaftliche Interesse fordert von den Juden Wahlenthaltung. Das lehrt die Geschichte der letzten Jahre, das 'verlangt gebieterisch das allgemeine Interesse der mährischen Juden. Mögen sich die Prossnitzer Juden nicht von den Sirenenklängen der Deutschen inS wirtschaftliche Verderben locken lassen und bedenken, dass die Umkehr zu spät ist, wenn die czechischen Führer ins Horn geblasen und ihre Pöbelmassen mobil gemacht haben! Die jüdische über die ganze Geschichte des Judenthums als Ueberschrift setzen müsse „Ich bin zu schwach", wenn wir den „Almansvr" verstehen lernten und zu fühlen begannen, dass die Mutter in der „Wallfahrt nach Keevlar" eine jüdische Mutter sei — dann musste es wie Schuppen von unseren Augen fallen - - dann konnte doppelt stark unser Weckruf zur Auferstehung weit über Land und Meer ertönen, hin zu den hohl» wangigen Söhnen Makkabis, die schwärmend in den heiligen Büchern lesen und darüber den Hunger vergessen, hin zu den kranken Arbeitern in den schwülen Fabrikssälen, zu den bleichen, seufzenden Müttern! * * Und viel ward in Kurzem erreicht. Die Herzen wurden stark und in Ketten sind wic frei geworden. Darum tretet in Festgewändern vor die Menorah hin und gelobet, treue Söhne Eueres Volkes zu bleiben. Wir sind cs unserer Urkraft schuldig, die seit den Tagen Malhathjahus gefesselt und geknebelt liegt und befreit sein will; wir sind es unseren Gräbern schuldig — nicht den prunkvollen, mit den Marmorgrüften und den ragenden Säulen, sondern den alten, verwitterten, mit den grauen, geborstenen Steinen; wir schulden es den Vorvätern, deren vergilbte Bilder in unseren Stuben hängen und vor deren leidverklärtes Antlitz mit der Schläfenlocke wir hintreten müssen, als kämen wir vor daS Forum der Liebe! Die Köiugslmg in der alten Mite. Ein Märchen. ES war einmal ein alter Mann. Recht elend und abgehärmt sah er aus. Der Körper kraftlos, verfallen, daS Gesicht von Runzeln entstellt, alt und hässlich. Und diesem Aussehen entsprach die Hütte, die er bewohnte. Ein kleines, verfallenes Etwas, daS einer menschlichen Wohnung nicht mehr ähnlich sah. In der Mauer klafften Fugen, durch die der kalte Wind pfiff, das löchrige Dach ließ Regen und Schnee durch, zerbrochen hiengen Thüre und Läden in verrosteten Angeln. Es hatte den Anschein, als ob der nächste WindstosS das ganze Geschäftswelt wird dann ernten, war gewissenlose jüdische Streber und Journalisten gesäet haben. Die Saat wird üppig aufgehen und nnmit einem zweiten Holleschan und Wsetin bescheren. R». Vom Tage. Deutschnationale Neuigkeite«. Die „Ostd. Rundschau" erzählt ihren Lesern nach dem Berliner „Vorwärts", dass eS einen „Allgemeinen jüdischen Arbeiterbund" in Russland und Polen gibt, dessen Thätigkeit sich „im Geheimen" vollzieht, und den die Polizei nicht unschädlich machen konnte. Wie sich daS abschreibende Grauthier in der Ungargasse die geheime Thätigkeit eines behördlich angemeldeten Bundes denkt, ist nicht auSgeführt, dagegen ist die Denunciation des Bundes recht deutlich. Humoristisch an der Notiz ist nur das, waS nicht im „Vorwärts" stand, die Einleitung. Da wird gesagt, dass in Russland und Galizien eS thatsächlich jüdische Arbeiter gibt, weil eS dort tlichts mehr zu erwuchern gibt, und dass der Schreiber der Zeilen thatsächlich dort von Juden einen Balken zersägen, also arbeiten sah. Wenn der ostdeutsche Humboldt im grauen Fell die Thatsache anerkennt, dass es einen Arbeiterbund gibt, welcher bereits zu vielen Verhaftungen Menschenmaterial beistellte, so muss es doch mehrere Hebräer in Kaftan und Pajes geben, welche arbeiten. Sobald einmal Herr K. H. Wolf mit dem Scheeren der dentschnationalen Schafe fertig ist, kann er ja einmal aus seinem Klingelbeutel eine Reise nach dem Osten riskieren; er wird da von Krakau bis Warschau tausendmal mehr jüdische Arbeiter finden, als der deutschnativnale Verein zahlende Dummköpfe zählt; dann gebietet er vielleicht seinen Schmierfinken etwas Achtung vor der Wahrheit und bringt ihnen auch ein wenig Logik bei. Denn manchmal kommt ja auch ein vernünftiger Mensch, der sich seine Logik und Weltkenntnis nicht durch „LoS-von-Rom-Hrulerei" vertüppt hat, über die „Ostd. Rundsch." und der lacht dann über solche Gescheitheiten. . . * $tod) einmal der Oberrabbi! Ueberall werden in diesen Tagen die heldenhaften Kämpfe Juda Makkabis und seiner Getreuen gefeiert, überall flammt das Auge unserer Jugend bei der Erinnerung an ihren Siegfried, der mit starker Hand und mit ausgestrecktem Arme für sein Volk focht, überall leuchten die Lrchtlein auf in diesen Weihenächten, in denen vor tausenden von Jahren aus Getretenen und Gedrückten ein starkes Geschlecht erstand, das mit übermenschlicher Gewalt und Größe im Kampfe gegen einen mächtigen Feind sich ruhmreiche Siege erzwang. Der gelehrte Oberrabbiner von Wien aber weiß von alldem nichts, oder er will nichts davon wissen. Für ihn bedeutet das Chanuka-Fest, wie er in seiner letzten Exhorte ausführte, lediglich eine Erinnerung an das Wunder, daS sich mit dem unversiegbaren Oelkrüglein begab, nicht mehr. „D i e H a s m o n ä er aber", so kündet er von der Kanzel, »waren nichts als la st er hafte und ehrgeizige Personen, die den Untergang des jüdischen Staates herbeiführten." Wir nehmen Rücksicht auf jene Stelle, von der herab Doctor Güdemann mit seiner fr—eien Geschichtsauffassung ebenso der Vergangenheit, unserer Geschichte, als auch der Zukunft, unserer Jugend, jäh ins Gesicht schlug. Diese Stelle soll für uns geheiligt sein, auch trotz Dr. Güdemann, und darum wollen wir seine Unterstellung nicht Häufchen Elend vom Erdboden wegblasen könnte. Lange hatte cs schon diesen Anschein, aber die Hütte stand noch immer. Die Vorübergehenden lachten und spotteten über das alte verfallene Häuschen, und sie hassten den alten armen Manu der darin wohnte, denn sie glaubten, er habe sehr viel Geld verscharrt, das er den Leuten abgenommen, und wohne nur aus Geiz in dieser Ruine. So kam eS denn, dass das Haus oft mit Steinen beworfen wurde, dass man gegen seine zersprungenen Leh«- wände stieß, um eS früher dem unausbleiblichen Ende entgegenzufühien. Der alte hässliche Mann hätte nur unter den Trümmern begraben werden sollen. ES tväre nicht schade u« ihn gewesen. Dieser arme, alte Mann hatte einen Sohn. Den ganz kleinen Kindern ist eS gleich, ob sie in einem Palaste oder in einer verfallenen Hütte wohnen. Und so spielte daS Kind, solange es klein war ruhig in der Hütte und unterhielt sich prächtig. Aber als eS größer wurde, nahm es einen Mangel nach dem anderen wahr. ES sah, dass dieses elende Lehmnest nicht gegen Wind und Wasser schützte, dass Thüre und Läden zerbrochen waren. Und als der Knabe älter wurde, sah er bald noch mehr. Wenn er vor die Hütte trat, sah er draußen im Sonnenschein, nicht weit, leicht erreichbar wie es schien, schöne prächtige Häuser. In denen musste es sich doch anders wohnen, als in der verfallenen alten Hütte. Und er sah auch die »srübergehenden Menschen. Die kleinen Knaben waren schön gekleidet, und hatten rothe Backen. Ihre Väter waren große, starke Männer, die ihre Kinder wohl zu schützen wussten. Er dachte an seinen Vater. Er sah die bleiche abgehärmte Gestalt, selber des Schutzes bdürftig. Und er sah, wie alle Vorübergehenden für ihn nur Worte der Verachtung, ulld Blicke des Hasses hatten. Da fiel der Keim des Bösen in die schuldlase Seele des Kindes. Grübelnd, trüben Sinnes frug sich der Knabe: „Warum bin ich m dieser Hütte geboren? Warn»! nicht in den schönen Häusern? Warum haben sie besser als ich?" Und da sein armer alter Vater ihm erzählte, ihre verfallene Hütte sei schöner als jene prächtigen Häuser, sie wäre eine herrliche Königsburg. Und er musste diese armselige Hütte lieben, und eher unter ihren Trümmern sich begraben lassen, ehe er sie verließe, mtb es sei das herrlichste Los in dieser KönigSburg, die nur Blindheit der Menge

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