Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 2 (1900)
- Issue
- 45 (9.11.1900)
- Date
- 1900-11-09
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Nach der Confiscation zweite Auflage! <*- Ätfcffrfüm: VIU/1, SchlStzrlgaffe U, CbtctlftftftkeMt Kn Wochentagen von 10 btt 1s Uhr vormittag»; an Sonntagen von 11 bi» 1» Uhr vormittag». poßadreff.! Jüdische» «ottSblatt, Wir», Beschtoorv»« wegen verspäteter oder gar nicht erfolgter Zustellung erbitten wir un» drlnvnd. — Kka«»sertvte werden nicht t«ritSa«peUt. PostfparcafseN'Konlo 847087. In da» Kvonnemrnt kann man täglich eintreten. unter Mitwirkung der vom jüdischen Volks- Verein erwählten Prefsrmrrmifstvn. Inserate übernehmen die Firmen: I. Danneberg, M. Duke», Haasen» ftein & BvgKr, Rudolf Moste, «. Oppel», M. Pozsonhi, v. Schalek in Wien, ferner alle Nnnoncen-Exvebitionen im KuSlande. Ginzel-Nnmmer in Wien I« Heller. Administration: VIU/1. Schlöstelgaste 11. Ab onnemeutSpreiS r Für Wie« ». Oesterreich.Ungar» sammt Francozustellung. Ganzjährig . . Kr. 8 — Halbjährig.. 4.— Bierteljährig.. 8.— Für da» gesammte AnSland sammt Francoznstellung. Ganzjährig.Ä*. tSSäU ::: :\' : »S§ Kr. 45 Mir«, 9. Uovember 1909. II. Jahrgang. —Kura—mffiiw Zu den Cuttuswahlen. Die Cultuswahlen sind dem Vernehmen nach für den L5. November 1900 ausgeschrieben. Diese Ausschreibung erfolgte auf Grund eines neuen Organifationsstatutes, auf Grund der sogenannten »Wahlreform". Bezeichnend ist jedoch, dass diese durch die niederösterreichische Statthalterei, respective Ministerium für Cultus und Unterricht genehmigte »Wahlreform" bis heute noch nicht puLlieiert ist. Sie und ihre Redactoren scheuen das Licht. Man fürchtet den Sturm der jüdischen Gemeindeinsassen gegen diese Wahlreform, man will eine Discussion in der Oeffentlichkeit vermeiden. Zwei oder drei Tage vor der Wahl will man das Statut publicieren» um auf diese Weise die Wähler im Unklaren zu lassen. Es soll eben nicht mit dem bekannten Schlachtrufe »Nieder mit den Wahlrechtsräubern" an die Urne geschritten werden. Mein, was schon hie und da über den Inhalt der Neuordnung der Dinge verlautet, zeigt von einer Engherzigkeit, Verbohrtheit und einem Unverstände der Gemeinde, wie sie eben Leuten eigen ist, die die sogenannte »obere" Schichte bilden oder bilden wollen. Zweijährige Sesshaftigkeit, zweijährige Steuerzahler, Versagung des Zntelligenzwahlrechtes, Schaffung der Missgeburt, die man »faeultativen" Fünf Gulden-Steuercensus nennt, hingegen Creierung eines Wahlkörpers mit IS Mandaten für die oberen Schichten der Bevölkerung, kurz all diejenigen Mängel, wie sie in unserer letzten Nummer des Genauen auseinandergesetzt wurden, haften diesem Werke an. Bezeichnend für die Reform ist aber die retrospective Betrachtung aller Reformen, die in allen autonomen Körpern in den letzten Jahren vor sich giengen. Während alle Walhreformen, selbst die reactionärste, — man denke an die clerieale Wahlreform in Belgien — damit beginnen, dass sie den unteren Schichten das Wahlrecht ertheilen, ist die Wiener Cultusgemeinde die einzige, welche ihre Reform mit Ertheilung eines privilegierten Wahlrechtes für die Großcapitalisten begann. Es ist daher kein Wunder, wenn man vor der Wahl sich schämt, dieses elende Machwerk, elend, nicht allein in objektiver Beziehung, vor der Wahl zu publicieren. Und es ist auch sonderbar, dass die Auslosung „un"- willkürlich diejenigen Funktionäre traf, welche Gegner der „Wahlreform" waren. Wenn man an der bisherigen Verwaltung die Sonde der Kritik lediglich vom Gesichtspunkte der von ihr geschaffenen Wahlresorm anlegl, so ist sie gerichtet!! Allein wir haben auch gegen die Administration in der S. I. Fin. *) (Ein Stück Alt- Wilna.) . .. Al- Kind armer Eltern in der Jndengasie zur Welt gekommen, im Cheder und in der Claus erzogen, am talmudischen Disput seinen Geist geschärft .. . Plötzlich entsteht eine Gährung in feinem Gehirn; ohne sich der Ursache bewusst zu sein, erfasst ihn ein mächtiger Drang zur »Wisienjchaft", er erlernt das lateinische Alphabet aus den Titelblättern der Talmudtractate, die deutsche Sprache — aus der Bibelübersetzung, und verschiedene wissenschaftliche Gegenstäilde — aus hebräischen und deutschen Werken, von denen die ersten nicht genügend gründlich und die zweiten ihm nicht genügend verständlich sind. In seinem Kopfe entsteht ein Chaos, er sehnt sich nach etwas, wovon er sich selbst kaum Rechenschaft geben kann, er stürzt sich auf mannigfache Gebiete der Literatur: Lyrik, Bibelexegese, Geschichte, Kritik, er schreibt viel, grübelt noch mehr, ohne sich bestimmte positive Kenntnisse erworben zu haben. DaS ist der Typus der »Maßkilim" der ersten Hälfte des XIX. Jahrhunderts. Nur die großen Talente und die hervorragendsten Geister haben sich bei einem solchen Entwicklungsgänge ein bestimmte- Gebiet in der Literatur erworben, auf welchem sie wirklich namhaftes leisteten und ihre Namen in dem nenhebräischen Schriftthum verewigten, ihre anderweitigen Arbeiten dagegen blieben unbeachtet. Sv z. B. kennen wir A. D. L e b e n s o h n als Dichter, feine „Schireh -'faß kaudesch" leben noch, während seine Bibelexegesen und grammatikalischen Glossen längst in Vergessenheit gerathen sind; K. Schulmann ist noch heute als Stilist und vorzüglicher Uebersetzrr berühmt, seine agadischen Erklärungen jedoch sind verschollen; M. P l u n g j a n gilt gegenwärtig noch als Autorität auf dem Gebiete der talmudischen *) Zur 10jährigen Wende seines Sterbetages. israelitischen Cultusgemeinde eine Reihe vieler berechtigter und vollauf begründeter Beschwerden, welchen Ausdruck gegeben werden muss. Wer nicht gouvernemental ist und das ganze Gebaren der Gemeindeverwaltung mit officiellen oder osficiösen, aus dem Säckel des »jüdischen Reptilienfondes" angeschafften Brillen betrachtet, muss auf die Beseitigung einer ganzen Reihe von Mängeln dringen. Man macht seit einer Reihe von Jahren der Wiener Cultusvorstehung, einer der größten Judengemeinden Europas, mit Recht den ständig wiederkehrenden Vorwurf, dass sie die Judenschaft nicht gehörig führe und nicht gehörig nach Außen vertrete, dass sie nicht zur richtigen Zeit und an richtiger Stelle in energischer und würdiger Weise gegen die den Gesetzen hohnsprechende Vergewaltigungen des jüdischen Volkes, gegen die unausgesetzten, niederträchtigen Beschimpfungen unserer Ahnen und unserer religiösen Einrichtungen die Stimme erhebe. Stets lehnte die Cultusvorstehung eine solche Emanation vornehm ab, es gehöre nicht — sagte sie — in ihren statutarischen Wirkungskreis. Man denke! eine Repräsentanz einer Religionsgenossenschaft habe gegen die Beschimpfungen derselben nichts vorzukehren. — Zur Zeit des großen Polnarummels war es der jüdische Volksverein — ein junger, ruhiger und strebsamer Verein, der für sich nicht die Ehrwürdigkeit und die' Autorität einer so alten Institution, wie die Cultusgemeinde Wien, in Anspruch nehmen kann, welcher zuerst gegen den »Ritualmordagitator im Talar", den Kuttenberger Staatsanwalt auftrat. Ein Funktionär dieses'Vereines war es, welcher sich nicht scheute, in das Wespennest zu stechen. Der Functionär musste sich eine strafgenchtliche Untersuchung gefallen lassen, welche eine organisierte Meute dank der Fälschung eines Reporters über ihn heraufbeschwor. Dies genierte weder ihn noch den Verein. Der Cultusvorstand hinkte nach, aber auch nicht sogleich, sondern erst dann, als er erfuhr, dass auch ein zweiter Verein sich anschicke, eine solche Versammlung einzuberufen. Allein nach einer Aeußerung, welche ein Cultusvorsteher unbedachterweise sich entschlüpfen ließ, könnte diese Versammlung erst nach Ueberwindung des heftigen Widerstandes jener Elemente, für die man ein privilegiertes Wahlrecht sch affte, veranstaltet werden. Die Versammlung, welche der Cultusvorstand einberief, nahm einen — das müssen wir selbst als Gegner des jetzigen Regimes anerkennen — imposanten Verlauf, übte auch eine gewisse Wirkung in verschiedener R chtnng aus, was gewiss zeigt, wie recht wir hatten, als mir von der Cultusgemeinde eine energischere Wahrung jüdischer Interessen nach außen verlangten. Kritik, seine publicistischen und erzählenden Arbeiten verschwunden wie die Tagesflicgcn. Und ebenso geschah es mit vielen anderen. Die Minoerbegubten blieben „Vielwisser", sie schrieben über alles und jedes, ohne jedoch irgendwo gründlich zu sein, während das wahre Talent, von richtigen Jnstincteli geleitet, bald sein ihm entsprechendes Fach fand, darin Wurzel schlug und Großes leistete. Zu diesen gehört auch Samuel Josef F i n. Auch er wuchs im Cheder und Beth-Hamidrasch auf, auch er versuchte sich in seiner Jugend auf verschiedenen literarischen Terrains, er schrieb sogar ein paar hebräische Gedichte, die aber so hart klangen und einen so schwerfälligen Stil aufwiesen, dass er dieses Gebiet, kaum betreten, auch verließ. Das seiner Eigenschaft entsprechende Feld fand er als Geschichtsschreiber. Seine gründlichen Kenntnisse der gesammten jüdischen Literatur, sein tief dringender Geist und sein F!e>ß ermöglichten ihm, hier Großes zu leisten. Das hebräisch lesende Publicum hat nicht mit Unrecht von ihm eine vollständige Geschichte der Juden erwartet. Diese Hoffnung hat F i tt jedoch bloß zum Theile erfüllt, indem er bloß zwei Bände erscheineu ließ, welche die Zeit von der Rückkehr der Juden aus dem babylonischen Exile bis nach den Makkabäern behandeln. Nicht bloß wer den Dichter verstehen will, muss in des Dichters Lande gehen, auch vom Forscher gilt das gleiche. Um Fin ganz zu begreifen, müssen wir das M i l n a der damaligen Zeit kennen lernen. In Lithanen im allgemeinen und in Wilna im besonderen, zeichneten sich die Juden durch ihren Ernst, durch ihre Frömmigkeit und durch ihren besonderen Lerneifer aus. Der allgemeine Charakter der lithauer Juden könnte mit dem einzigen Worte: »Tanroh" bezeichnet werden. Und als der Drang nach Aufklärung ans dem Meudelssohn'schen Berlin auch in Wilna ein Echo fand, nahm er hier völlig andere Formen an, als in anderen Städten. Das eigentliche »Lischmoh"- Lernen wurde auch ans die profanen Wissenschaften übertragen. Allein wir werden sofort zeigen, wie gerade eine Richtung des Erfolges, d. i. das imponierende und würdige Auftreten gegen unsere Feinde gerade durch Mitglieder des Cultusvorstandes oder diesen nahestehende Kreise paralysiert wurde und diese schöne Demonstration um ihren ganzen Effect brachten. Die Versammlung, in der Herr Regierungsrath Dr. Sieger und Herr Oberrabbiner Dr. G ü d e m a n n endlich eine muthige und offene Sprache führten, fand in demselben Saale statt, in welchem unmittelbar vorher die antisemitische Polna-Versammlung tagte. Ihr Zweck war Gegendemonstration gegen die vorherige antisemitische Versammlung. In dieser judenfeindlichen Versammlung, zu der „halb" Wien wanderte, sprach in der Polna-Affaire als Referent Herr Landtags-, Reichsraths-Abgeordneter und Magistratssecretär im Armendepartement des Magistrates der Stadt Wien Richard W e i s k i r ch n e r. Dieser Herr copierte den Dr. Baxa, er sprach von dem Unbehagen, das man als Arier schon bei der Berührung mit einem civilisierten Juden empfindet: »Was muss die arme Jungfrau Hruza empfunden haben — setzte er fort „als sie von den schmutzigen Kaftanjuden unter das Messer gelegt wurde." Kurze Zeit hierauf, d. i. nach der antisemitischen und nach der von der Cultusgemeinde abgehaltenen Polna- Versammlung, tagte im Armendepartement des Magistrates der Reichshaupt- und Residenzstadt Wien der Ausschuss des philantropischen Vereines. Dieser Wohlthätigkeits- Verein besteht zu 80°/0 Juden und zu 20°/0 Arier; er übt WohUhütigkeit an Arme ohne Unterschied der Confession. Die Relation, welche zwischen den arischen und jüdischen Spendern 20:80 betrügt, findet ihre Reciprocität in der Relation zwischen den betheilten arischen und jüdischen Armen. Sind nämlich 80"/g Juden- und 20°[o Arier-Spender, so werden hierfür 20°|0 Juden und 80°j0 Arier betheilt. Im Ausschüsse dieses Vereines führte stets der Vorstand des Armen-Departements den Vorsitz. Es war dies Herr Magistratsrath Trab au er. Derselbe gerieth aber gerade um die Zeit, als die Polna-Versammlungen tagten, in Ungnade. Die Folge mar, dass er sehr oft kränkelte. In seiner Stellvertretung übernahm nun der bereits erwähnte Weiskirchner den Vorsitz. Und wer saß mit Herrn W e i s k i r ch u e r au einem Tische? Der Cultusvorsteher Horner in Vertretung Rothschilds, Herr Donat Ziffer er, Herr v. Gutmann rc. Kurz alle jüdischen Koryphäen reichten würdevoll dem Herrn W e i s k i r ch n e r die Hand, die derselbe zu drücken die Man machte daraus kein Brotstudium, keine »melkende Kuh", dic Wissenschaft wurde ausschließlich um ihrer selbst willen gelernt, die Ausklärung fand ihren Zweck in sich selbst und nahm einen spccrfisch jüdischen Charakter an, indem sämmtliche an der Spitze der Bewegung stehenden Schriftsteller sich der hebräischen Sprache bedienten nnd in der Belebung und Verjüngung der hebräischen Sprache selbst eines der Hauptziele der Aufklärung sahen. Es ist daher leicht begreiflich, dass unter solchen Umständen zwischen den Aufgeklärten und den Orthodoxen keine breite Kluft entstand, dies umsomehr, als die ersteren vom ceremoniellen Judenthum sich nicht lossagten und beide Theile stets in Fühlung miteinander blieben. Auch Fin stand mit einem Fuße im orthodoxen Jndenihum. Zwar war er in seiner Jugend als Lehrer an der Rabbinerschule, die seinerzeit zur Heranbildung moderner Rabbiner von der Regierung gegründet worden war, von den Orthodoxen geächtet worden, er selbst fühlte sich immer als gläubiger Jude. Bei seinem ersten literarischen Auftreten als Reoacteur der periodischen Schrift »Pirche Zofaun", kämpfte er zwar für Aufklärung, wünschte aber, dass diese in echt jüdischem Sinne sich entwickle. Auch später als Redacteur Se$ Wochenblattes »Hakarmel" suchte er den Mittelweg zwischen den beiden extremen Richtungen zu finden. Aber das war immer Publicistik und nicht sein eigenes Gebiet. Ganz anders gieng Fin jedoch vor, wenn er sich mit der Geschichte der Inden befasste. Schon in seinen Aufsätzen über das rabbinische Judenthum in der K r i m, bemerkt man seinen freien kritischen Blick. Und in den ersten zwei Bänden der »Diwre Hajvmim libne JiSroel" (Geschichte oeS jüdischen Volkes) hat er seine freikritischen Ansichten ohne Rücksicht geäußert. Dieser Umstand hatte zur Folge, dass es zwischen ihm und den Orthodoxen zu einer Spaltung kam, die ihm so peinlich war, dass er, um diese nicht zu verschärfen, die Fortsetzung des vielversprechenden Werkes ganz unterließ. Er wandte sich anderen Arbeiten zu. So schuf er ein lexikalisch