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Jüdisches Volksblatt · 1900-10-19 · 42 (19.10.1900) · p. Seite 7

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
2 (1900)
Issue
42 (19.10.1900)
Date
1900-10-19
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
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Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 10, Oelobor 1900 Seite 7 Nr. 42 sprachlos einander gegenüber. Keiner fand das rechte Wort, die Zunge war beiden wie gelähmt. Endlich brach Felix das Schweigen: So kann es nicht bleiben, wir müssen wieder zusammenkommen! „Ein schöner Schulklopfer!" ließ sich in demselben Augenblick eine Stimme vernehmen, „anstatt in Schul' zu klopfen, steht inan hier mit einem Gassenjung und lasst die Schul' Schul' sein!'' Die Stimme, welche die beiden Knaben so plötzlich erschreckt hatte, gehörte keinem andern als Bär Lederer, der eben zu „Minche" (zum Abendgebet) gieng. „Alleweil dieser Bär Lederer", sagte Gumpel zornig, ließ Felix stehen und eilte, um die Unterbrechung des übernommenen Dienstes wieder gut zu machen. Zu Bär Lederer aber sagte der Doctor Berger, der eben des Weges daher kam und die Scene von fern mit angesehen hatte: „Was habt Ihr da gehabt, Reb Bär?" „Die Gall' steigt mir auf," antwortete dieser, „wenn ich die zwei Jungen beisammen seh', die gar nicht für einander passen. Gumpel ist ein „Tam" (Einfalt) und Feiwel ist ein „Roscheh" (Bösewicht); er wird von ihm ganz verdorben werden." „Er vor ihm oder er von ihm? wie meint Ihr das?" fragte der Doctor ironisch. „Sie sind auch so einer", sagte Bär Lederer und ließ den Doctor stehen, denn er fürchtete bei eine längern Auseinandersetzung wenigstens „Aschre" zu versäumen. Der Doctor aber hatte Felix mit Wohlgefallen betrachtet, nicht weil er wusste, dass er und nicht die lange Jittel die Genesung des Knaben bewerkstelligt. Er hat schon mehr als Einen vom Fieber curiert und ist darauf nicht stolz gewesen, denn er sagte sich: der Doctor kann gegen die Natur nichts ausrichten, und wenn er zwanzigmal „Ja" sagt, und sie sagt „Nein", so bleibt es bei Nein. Aber darauf war er stolz, dass aus Felix, wie man allgemein erzählte und wie auch für jedermann offenbar war, ein anderer Mensch geworden ist: denn wie die lange Jittel darauf bestand, sie habe den Knaben geheilt, so bildete er sich ein, diese Veränderung sei einzig sein Werk. Jentel Frank, sagte er sich, ist eine gescheidte Frau, sie hat verstanden, was ich mit ihr gesprochen habe. Wenn er gewusst hätte, der Herr Doctor, dass ein Bauernbursche durch eine brutale Kraftäußerung das in Wahrheit bewirkt habe, was er sich zuschrieb, so hätte er gewiss die lächerliche Einbildung der langen Jittel minder lächerlich gefunden; denn es ist so im menschlichen Leben, dass jeder von uns behaftet mit Fehlern und Thorheiten in einem bestimmten Kreise herumgeht Denjenigen, der sich in einem kleinern Kreise bewegt und dem man überlegen ist, übersieht man auch; sich selbst aber übersieht man nicht; doch wird man ebensogut wieder von einem noch Hähern übersehen; wenn die Menschen dies gehörig überlegen wollten, würden sie in der Welt alles viel milder und günstiger beurtheilen und würden namentlich nicht so vieles lächerlich finden; denn vor einem höchsten Verstände ist das Treiben aller Menschen nichtig und eitel. Der Doctor war über die Veränderung des Knaben so erfreut, daß er sich nicht enthalten konnte, dem Lehrer gegenüber seine Freude auszudrücken. „Der Felix ist doch ein Wunderkind," sagte er, „wenn Sie aber wissen möchten, wer das alles bewirkt hat, würden Sie staunen." Bei diesen Worten erschrak der Lehrer heftig, denn er glaubte sich verrathen. Er hat dem Knaben wohl in allein nachgegeben, weil er sich zu solcher Nachgiebigkeit gezwungen glaubte. Aber wohl war er sich der Verantwortlichkeit bewußt, die er mit seiner geheimen Handlungsweise auf sich geladen. Konnte er denn berechnen, was daraus hervorgehen werde? Konnte er wissen, ob er den Schritt, welchen er ^durch seine Nachgiebigkeit zu verhindern meinte, nicht eben durch dieselbe befördert? Dieser bange Zweifel drückte sein Gewissen sehr. Wenigstens habe ich einen plötzlichen Ausbruch verhindert, das war sein einziger Trost, und die Zeit, meinte er, könne gar noch vieles mit sich führen, was den Knaben vielleicht auf andere Gedanken bringt. Jetzt aber, wo er vom Doctor in solcher Weise angeredet wurde, glaubte er, es sei alles verloren; denn sobald die Sache bekannt würde, werde sie auch in einer Weise gelöst werden müssen, und er fürchtete die Lösung. Deshalb war er sprachlos und unfähig. dem Doctor eine Anwort zu geben. Der Doctor aber wußte nicht, ob der Lehrer, weil dieser das Verdienst keineswegs sich selbst zuschrieb, aus geziemender Bescheidenheit, oder aus Neid, weil er einem anderen dieses Verdienst nicht gönnte, seine Zunge im Zaum hielt, deshalb fügte er hinzu: „Wenn Felix die Sprachlehre gut kennen wird, Herr Lehrer, Hab' ich daran ein ebenso großes und vielleicht ein größeres Verdienst als Sie! Denn ich Hab' Jentel Frank den Rath gegeben." „Ah so," sagte der Lehrer, der nun wieder frei athmete, da ihm bei diesen Worten eine Centnerlast vom Herzen gefallen war, „da muß ich mich extra bei Ihnen bedanken, Herr Doctor." „Sie werden an dem Jungen noch Wunder erleben," sagte dieser und empfahl sich in dem angenehmen Bewußtsein, sich beim Lehrer durch die gemachte Mittheilung in hohen Respect gesetzt zu haben. Der Lehrer aber sagte sich, als der Doctor fort war: „Er meint die Sprachlehre. Gottlob! Er weiß nichts vom Neuen Testament." V. Der Herr mit dem Augenglas. Jentel Frank war eine kluge Frau, und mit ihrem inneren Wesen stimmte ihre äußere Erscheinung sehr gut überein. In ihrer mittelgroßen, wenig zur Corpulenz geneigten Gestalt war fester Muth, Entschlossenheit und Beharrlichkeit ausgedrückt, Eigenschaften, welche in der sprechenden Physiognomie und in dem lebhaften Feuer der Augen noch mehr zürn Ausdruck kanwu. Wenn man ihr sagte, dass Felix ihr sowohl geistig wie körperlich ähnlich sehe, pflegte sie dies gutwillig aufzunehmen mit der stehenden Bemerkung : „Ganz gerath' ich mein' Blümele- Leben nach!" — Für die Bekannten des Hauses bedurfte diese stehende Redensart keiner weiteren Erklärung, sie wussten, was damit gemeint sei. Denjeniger aber, welche die nähere Bekanntschaft der Frau Frank erst machen sollen, muss ich erklären, dass Jentel Frank mit ihrer Bemerkung eine Anspielung machte auf eine Frau, deren Tochter Blümele derselben in allem glich, und die in komischer Verwechslung der Zeitfolge die Aehnlichkeit mit ihrer Tochter in den eben angeführten Worten: „Ganz gerath' ich mein' Blümele-Leben nach!" zu constatieren pstegte. Jentel Frank war nicht in dem Orte geboren, in welchem unsere Erzählung spielt; sie war aus dem „Reich". (Fortsetzung folgt.) Unentgeltliche Stellknvemittlnng des Hatidelsarrgeftellterr-Beremes „Emunah" iw Brünn. (Den P. T. Chefs steht diese Rubrik unentgeltlich zur Verfügung.) Neueste Naeanren-Me: (Sämmtliche Offerte sind an den Verein zu richten.) C o m p t o i r i st, deutsch-böhmisch, Pilsen. Tüchtiger Verkäufer, Tuch- und Modewaren, Auspitz. Auslagenarrangeur, Kuz- und Modewaren,Mähr.» Ostrau. C o m p t o r i st, beider Landessprachen, Wischau. Commis, Tuch, Teplitz. Comptoirist, deutsch-böhmisch, Provinz. Verkäufer beider Landessprachen in Wort und Schrift mächtig, Modewaren, Theresienstadt. Praktikant, Colonialwaren, Pilsen. C o m m i s, Wirkwaren, Aussig. Praktikant, Tuch, Pohrlitz. Com m i s, Colonialwaren, Falkenau. Praktikant, Holz, Provinz. Praktikant, Colonialwaren, Brünn. Comptorist, deutsch-böhmisch, Trebitsch. Commis, deutsch-böhmisch, Trebitsch. Commis, Wirk und Wäsche, Wien. Commis, Manufactur, Lundenburg. Praktikant, Landesproducten, Brünn. Praktikant, Photograph, Brünn. C o m p t o i r i st, Eisen, deutsch-böhmisch, Göding. 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