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Jüdisches Volksblatt · 1900-10-12 · 41 (12.10.1900) · p. Seite 7

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
2 (1900)
Issue
41 (12.10.1900)
Date
1900-10-12
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
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Nr. 41 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 12, October 1900 Seite 7 nehmen zu können. Das muss man ihnen lassen, sie haben Felix alle zu schätzen gewusst, wenigstens wussten sie, dass ein Schein seiner Glorie auch denjenigen umstrahlte, welcher von ihm selbst, wie es bei Gumpel war, mit Auszeichnung behandelt wird. Wenn eine Ministerkrise eintritt, so können die Zeitungsschreiber über die mögliche Ersetzung gar nicht mehr Eonjecturen aufstellen, als hier in dem kleinen Kreise Meinungen vorhanden waren über die Besetzung des scheinbar erledigten Gumpelpostens. Freilich hielt, seder von ihnen im stillen sich für den Auserlesenen, aber keiner hatte die Courage, dies den andern gegenüber zu sagen, und so nannte denn jeder mit schlecht verhehlter Heuchelei alle anderen Namen, nur den seinen nicht. Sie strengten aber ihren Verstand ganz umsonst an, denn Felix hatte keinen Platz zu vergeben. Er hat eS gar nicht bemerkt, dass Gumpel nicht anwesend sei, denn er war innerlich mit ganz anderen Dingen beschäftigt. Die Schulzeit war zu Ende, die Kinder giengen nach Hause. Felix blieb. Endlich war er mit dem Lehrer allein. „Ich bin froh, dass eS aus ist/ sagte Felix. - »Dein Fieber?* fragte der Lehrer, »dafür sagt man: Gott sei Dank! nicht bloß: Ich bin froh." „Das Fieber mein' ich ja gar nicht," warf Felix ein, »ich mein' das Cheder/ »Hast Du denn noch Kopfschmerzen. Felix," fragte der Lehrer ängstlich, »und geniert Dich das Lernen noch, so hättest Du heute noch können zu Hause bleiben/ »Ich bin so gesund wie ein Fisch im Waffer/ sagte Felix. »Und dennoch bist Du froh, dass das Cheder aus ist?" fragte der Lehrer sich verwundert stellend, „das hält' ich von Dir nicht erwartet, Felix! Ich Hab' immer geglaubt, Du lernst gern, nicht wie Knechte, die dem Herrn dienen, um einen Lohn zu empfangen, sondern wie Knechte, die dem Herrn dienen, nicht um einen Lohn zu empfangen. Ich habe Dich deshalb auch von jeher, wie Du weißt, ganz anders behandelt als die anderen Kinder, ich habe Dir keinen Wunsch versagt, und alle möglichen Freiheiten gestattet; aber weißt Du, Felix, Du bist kein Kind mehr, Du wirst bald Bar Mizweh werden und könntest in manchen Sachen doch schon weiter sein, als Du bist. Ich Hab' geglaubt, nachdem Dich Gott wieder hat aufstehen lassen, wirst Du mit ganz neuem Eifer in Cheder kommen. Indessen muss ich von Dir hören, Du bist froh, dass das Cheder z« Ende ist/ Dem Lehrer kam die Gelegenheit, sich einmal vomHerzen herunter reden und gar den Auftrag, den er von Jentel Frank erhalten, passend einfädeln zu können, sehr erwünscht. Er hatte schon darüber nachgedacht, wie er es am gescheitesten anstellen möchte, den launenhaften Felix in dieses ernste Gespräch zu ziehen, um ihm die Nothwendigkeit der Kenntnisse, welche seine Mutter wünschte und die für die Welt find, nämlich Sprachlehre und Rechtschreibung, begreiflich zu machen. Nun hat Felix diese Gelegenheit selbst herbeigesührt, ja der gute Lehrer ahnte noch gar nicht, wie ernst dar Gespräch werden sollte,' in das er sich da mit so sichtlichem Wohlbehagen eingelaffen hatte. Denn Felix har den Vorwurf des Lehrers still angehört, als ob er ihn verdient hätte; er ließ den Lehrer ruhig ausreden. Nachdem aber dieser seinen Sermon geendet hatte, sagte Felix: „Herr Lehrer. Sie thun mir Unrecht/ „Wie so?' fragte der Lehrer betroffen. „Wer hat Ihnen denn gesagt," war die Gegenfrage der Knaben, „dass ich nichts lernen will? Hab' ich schon jemals etwas nicht gelernt, was Eie mir aufgegeben haben? Wenn ich froh bin, dass das Cheder aus ist, so bin ich darum froh, weil ich jetzt mit Ihnen allein bin; ich Hab' vor den andern Kindern nicht fragen wollen." „Ah," sagte der Lehrer, „ist eS daS? Nun Felix, lass mich hören, waS Du für eine herbe „Kasche" (Frage) hast." „Sagen Sie mir, Herr Lehrer," begann Felix, „warum gibt es zwei Religionen? warum gibt es Juden und Christen? daS versteh' ich nicht." „Was ist hier zu verstehen? verwies ihn der Lehrer in sichtlicher Verlegenheit. „DaS ist nun einmal so." „Das es nun einmal so ist." sagte Felix. „daS feh' ich; ich möcht' aber wisse«, warum eS so ist. Mir kommt vor, es wäre besser, wenn eS nicht so wäre. Meinen Sie nicht auch?" „Felix," sagte der Lehrer ausweichend, „über solche Fragen darf man sich nicht den Kopf zerbrechen; eS ist Schab' für die Zeit, denn das kann gar kein Mensch herausbringen. Ich Hab' über solche Sachen in meinem Leben nicht nachgedacht." „ So thun Sie eS jetzt," sagte Felix. „Ich glaub' nicht, dass für die Zeit Schad' ist. Wenn Sie mir'S herauSbringen können, so ist mir das lieber als alles, was ich bis jetzt von Ihnen gelernt Hab'." „Man muss sich solche Sachen auS dem Kopfe schlagen," sagte der Lehrer wieder beschwichtigend. „Ich kann gar nicht begreifen, wie mir die Leut' Vorkommen," rief Felix jetzt mit gehobener Stimme, da er den Widerstand des Lehrers immer fester werden sah. „Wenn ich „Tossephes-Kasche" oder dem „Schitte- Mekebeze-"*) zutreffe, so loben Sie immer meinen guten Kopf. Meine Frage hat aber für mich gar keinen Wert; denn wenn die Sache schon einmal gefragt worden ist, so ist eS gleichgiltig, ob ich sie noch einmal frage. Komm' ich aber einmal mit einer Sache, die nicht in der „Gemoretz" oder im „Raschi" steht, dann weisen Sie mich ab mit der Antwort: DaS darf man nicht fragen! daS ist unerlaubt! So eine Antwort aber scheint mir ganz falsch. Denn Gott hat den Menschen so geschaffen, dass er Nachdenken und über das, was er nicht versteht, fragen kann, und ich mein' alles, was ein Mensch fragen kann, muss auch zu fragen erlaubt sein. Wie soll man sich so eine Sache aus dem Kopfe schlagen? das geht gar nicht. Ich kann gar nicht aufhören, daran zu denken. Sind diese beiden Religionen gleich gut, oder ist die eine von ihnen die bessere?" „Schotte! (Narr) wie kannst Du so fragen," fällt der Lehrer ein, „die jüdische ist nicht nur die bessere, sondern die einzig wahre. Wir Juden sind das auserwählte Volk Gottes." „So?" fuhr Felix fort; „aber sagen Sie mir, ob der hiesige Dechant dieselbe Meinung hat, ob auch er die jüdische Religion für die bessere hält?" „Was fallt Dir ein?" lachte der Lehrer, der die Frage viel zu kindisch nahm, um deren Tragweite zu begreifen, weil er gar nicht ahnte, wo Felix eigentlich hinauswollte." „Sie meinen also," sagte Felix, wieder ganz ruhig geworden, „dass der hiesige Dechant die christliche Religion für besser hält als dte jüdische?" „Muss er nicht?" fragte der Lehrer, „ein jeder muss die Religion in der er geboren ist, für die''- „Sie kommen mir schon wieder mit „Muss," unterbrach ihn Felix. „Halten Sie den hiesigen Dechant für dumm oder für einen Menschen, der was versteht?" „Gewiss versteht er was," sagte der Lehrer. »Nun, so möcht' ich wissen, wenn er was versteht, warum er ein Christ bleibt und nicht lieber ein Jud' wird, wenn die jüdische Religion die bessere ist; da er daS nicht thut, so hält er wahrscheinlich die christliche Religion für die bessere, und zwar nicht, weil er muss, sondern weil er'S glaubt, ebenso, wie Sie glauben." „Nun, auch recht", sagte der Lehrer, was soll dabei herauskommen?" „Was dabei herauskommen soll", sagte Felix, „das Hab' ich ja eigentlich von Ihnen erfahren wollen. Ich Hab' mir nämlich die Sache so ausgedacht. Entweder beide Religionen sind gut, oder nur eine ist die richtige. In jedem Falle wär' dann Eine genug. Memonefschech! (Wie Du es nimmst,) Ist nur eine die wahre Religion, warum duldet Gott, dass auch die andere daneben fortbesteht? — Sind aber beide gleich gut, was hat eS für einen Zweck, dass zwei gute Religionen nebeneinander bestehen? Hätte Gott dann nicht mit Einer Religion auskommen können? Und die beiden Religionen machen doch nur, dass sich die Menschen anfeinden. Warum ist Gumpels Vater neulich eingesperrt worden, und warum Hab' ich im Wald" — Bei diesem Worte wurde Felix blass und bebte an allen Gliedern. „Was hast Du im Wald?" fragte der Lehrer, einerseits neugierig auf das, was Felix zurückzuhalten bestrebt schien, andererseits froh durch diesen Zwischenfall der eigentlichen Frage vielleicht aus dem Weg zu gehen! „Im Wald", sagte Felix wieder erröthend, „Hab' ich von einem Bauernburschen mit einem dicken Strick einen Schlag auf den Rücken bekommen, weil wir den Heiland Jesus Christus gekreuzigt haben. Haben wir den Heiland JesuS CristuS gekreuzigt? davon weiß ich nichts. Wer ist der Heiland Jesus Christus? und was ist das mit dem Kreuzigen?" „Das ist der Stifter der christlichen Religion", sagte der Lehrer. „Und wer war er?" fragte Felix. „Er war ein Jude", antwortete der Lehrer. „Gr war also ein Jude." sagte Felix, „und hat selber die christliche Religion gestiftet? Nun sehen Sie, dass ich recht habe mit meiner Frage. Wenn Jesus Christus ein Jude gewesen ist und doch die christliche Religion gestiftet hat, so muss er die jüdische Religion nicht für die bessere gehalten haben. Und waS ist daS mit dem Kreuzigen?" „Du wirst mir mit deinem unaufhörlichen Fragen doch schon zu zudringlich. Der Kopf thut mir schon weh," sagte der Lehrer, welcher dem unliebsamen Thema gern ein Ende gemacht hätte. (Fortsetzung folgt.) — rtJUMJumacMM cuLrusoMMMiXpat, jtibk. . . Z. 10830 ©x 1900. KciiidMi«eliuii|| Der CultusYorstand bringt zur Kenntnis, dass di« Wählerliste zu den Ersatz- und N«u-Wahlen in den Cultus- ▼oratand aur Kiuaichi der Gemeindeangehörigen in dar Kanzlei der Cnltuagemoinde, I., Seitenstettengasse 4, II. Stock, aufliegt. Reclamationea wegen Auslassung wahlberechtigter oder Aufhahme Yon nicht wahlberechtigten Personen sind innerhalb 14 Tagen Yom häutigen Tage ab, schriftlich in der Kanalei der CultuagemeLude einzubringan. Wien, wn 10. October 1900. Der Veretand dar Israel. Caltsefeaeiade. Qccasion! Occasion! Wawm G***hHfUab»»n*h*i* w«rd«a m. ll.WO nr**hlT«ll« H»rr*n- SMOa-CreiwttM, i» »U,» *owi* 0*mtnuad Hcrran-Hcndatiiah« tat diTtra« lod*-Artik«l MH unUr d«n •»•ug«n|ipr*i« •bgagabM. — lia Baaath gaaigt, am M*h rtm dar *u»awgawöhtiliahiHi «illigkait au Cbwaaagaa. ProviMauftieia wardan raaafcaat afaatuiact. „Modektiaig“ Schussheim, I. Spiegelgasse 4. VE" Schönste und billigste WM Grabsteine u. Marmorplatten in grosser Auswahl bei Josef Siojan, Steinmetz, Wien, V|n Sonnenhofg.8 bei der Margarethen!irche. Stadtbahnstation: Pilgramgasse. Zahn Atelier Vitus Nuki Atelier des Lehrerheusvereines. WIEN, XIX., HAUPTSTRASSE (Postgebäude). Pretaa mittig. Ordination ron 9—6. Sana- und Feiertag 9-1. X M Reichhaltiges Lager aller etdenk- « r* lieben handgearbeiteten Schuhwaren zu concurrenzlosen, auf den Sohlen ersichtlichen Preisen. B«i Boatullungeu genügt die Masaangabe laut oben im Ciiahä eraiohtllther Nummern oder die gewöhnliehe Schuhnummer. 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