Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 2 (1900)
- Issue
- 40 (5.10.1900)
- Date
- 1900-10-05
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 40 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 5. October 1000 Seite 7 „In Wasser ist er nicht gefallen, aber ärger, wie in Wasser^, war ihre Antwort, „und ob mir Gott das zuschickt, was Bär Lederer sagt, wär' mir lieber, der Jung' ertrinket heut als wie morgen/ „Lemaneschem!" (um Gotteswillen) — rief Bär Schames — ..hat' sich die Welt in diesen vierundzwanzig Stunden, denn auf den Kopf gestellt? Gestern Mittag ist Gumpel noch so gewesen, wie von jeher; ist über Nacht ein „Ruch roe"'(böser Geist) in ihn hineingefahren? Wenn man euere, Deine und Bär Lederers Reden anhört, möcht man grad' meinen, der Jung' hat Schabbes Tabak geraucht/ „Und wie?" sagt die Schamestin, „wenn er noch Aergeres gethan hat? Warum hast Du Dich einsperren lassenV „Warum? ich kann mich ja dem Drab nicht widersetzen/ „Das weiß ich", sagt sie weiter, „aber was war der Grund, dass man Dich eingesperrt hat?" „Das weißt Du ebenso gut wie ich", antwortet Bär Schames. „Nur/, sagt sie, „ruf Dir Dein' Gumpel herein und frag' ihn, ob er sich auch hat einsperren lassen/ „Weh' geschrien/ ruft Bär Schames, „jetzt fangt es an hell zu werden in mir; und die Erd hat sich nicht aufgemacht und hat ihn verschlungen wie Koirach? „Nein", sagt die Schamestin, „denn es war auf der Brucken/ „Was, treibst Du Spass mit Gott?" fragt er erzürnt. „Bär Lederer hat recht, die Sach' muss anders werden. Nicht einmal bis zu der Barmizweh darf mir der Jung' mehr im Cheder bleiben." Hiermit öffnete er die Thüre und rief Gumpel herein. „Geh' hinauf zu Reb Bär Lederer/, sagte der Schames, „ich lass ihm sagen, er hat recht und ich lass mich bei ihm bedanken/ „Zu Bär Lederer geh' ich nicht", sagte Gumpel trotzig. Eine Weigerung aus Gumpels Munde war etwas Unerhörtes, etwas noch nicht Dagewesenes. Das Staunen der Eltern über diese merkwürdige Kühnheit war fast größer als der Aerger, den sie über dieselbe empfanden. Man kann sich die verdutzten Gesichter von dem Schames und der Schamestin gar nicht vorstellen, wie Gumpel seiner Weigerung noch die Worte hinzufügt: „für was lasst Du Dich bei ihm bedanken, dass ich ein paar Ohrfeigen gekriegt Hab'? er hat sie nicht geschenkt, ich werd' ihm sie schon einmal zurückgeöen." „Gumpel!" sagt der Schames in ruhigem Tone, „sei kein Narr und thu', was ich Dir sag'; das ist nicht Deine Sprach, das ist eine Red von meschuge Feiwele." „Meschuge Feiwele?" schreit Gumpel — „meschuge Feiwele ist juster, als wie ihr alle zusammen seid. Wenn Du so meschuge wärst wie meschuge Feiwele, hätt' man Dich nicht eingesperrt. Eine schöne Religion das, welche die Höflichkeit verbietet! „Gumpel, hör' mich an, jetzt werd' ich Dir was sagen. Das ist mein fester Entschluss", sagte Bär Schames; „ich will mir keinen Posche Jisrol aufziehen; willst Du gescheidt sein, ist gut, wenn aber nicht, so kannst Du geh'n, wohin Du willst, und wir sind geschiedene Leut. Entweder Du musst ein ehrlicher Jüd werden, wie's Gott und die Welt will haben, oder sei verschwarzt, und ich will weiter nichts von Dir wissen." Und zu Bär Lederer geh' ich doch nicht!" sagte Gumpel und gieng zur Thür hinaus. „Gott soll geben, er soll ein gerathener Mensch werden!" sagte Bär Schames, nachdem Gumpel fortgegangen war. „Der Jung' hat sich ganz verändert, oder ich Hab' ihn mein Leben nicht gekannt; ich fürcht', der Jung' wird uns noch viel Schiwrelew machen, und wer Schuld daran ist, — leider Gottes! das bist Du!" „Ich weiß nicht, wie Du mir vorkommst, Bär", sagte die Schamestin. „Ihr Männer seid aber alle so; wenn Gott etwas zuschickt, nehmt ihr's nicht an wie wir; beständig muss noch ein anderer die Schuld haben, als ob Gott allein nicht genug war', eine „Gesehre" (ein Leid) über den Menschen zu schicken. Und wenn Du schon jemand brauchst, dem Du Schuld gibst, so solltest Du wenigstens bei Dir selber den Anfang machen. Warum hast Du den Jungen nicht besser erzogen? Hast Du den Lehrer schon einmal gefragt, was Gumpel lernt?" „Da ist Deine Sach", versetzte er. „Ich Hab' keine Zeit, mich auf den Jungen umzusehen." „Versteht sich! was hast Du zu thun?" „Hoirejes!" (ungeheure Geschäfte)!" „Und Du meinst", versetzte er, „wenn Du eine Schüssel Poiwedelkräpplech kochst, Du hast die ganze Welt zusammen gearbeit'." „Poiwedelkräpplech kochen," sagte sie, „ist doch noch immer etwas mehr Mühe als wie Poiwedelkräpplech essen." „Mirl!" sagte der Schames ergrimmt, „jetzt hör' auf, oder es werden Dich morgen die Weiber „mewacker choile" sein!" (Kranken besuchen.) „Du willst mich krank schlagen?" sagte sie, „auch gut; wer schreit, ist ungerecht. Wenn Du Recht hätt'st, möchtest Du kein solch Geschrei machen, und meine Meinung ist, dass es jetzt gleich ist, wer die Schuld hat, ob ich oder Du; ich an Deiner Stell' möcht jetzt lieber sehen, was zu thun ist. Was lasst Du den Jungen fortlaufen und weißt nicht, wo er hin geht." „Und kann ich", versetzte der Schames, „Dich nicht dasselbe fragen? oder hat er Dir's gesagt, dass Du ganz ruhig warten kannst?" In dieser Weise stritten die Eheleute noch lange miteinander fort, jedes bestrebt, die Last auf die Schultern des andern zu wälzen, worüber sie dann freilich nicht dazu kamen, einen vernünftigen Gedanken zu fassen. Die Vorwürfe wurden wie spitzige Pfeilgeschosse hinüber und herüber geworfen und hatten keine andere Wirkung, als die.erbitterten GemÜther gegenseitig noch mehr zu verwunden. Ueber ihre eigenen Empfindlichkeiten kamen sie niemals zum eigentlichen Zweck, und anstatt Gumpel aufzusuchen und nach Hause zu bringen, vergifteten sie einander im bittern Zank das Leben. Wo ist Gumpel aber eigentlich hingegangen? Wenn der maulfertige, aber thatenlose Schames oder seine Frau, die in diesen Eigenschaften ihrem Manne nicht nachstehen wollte, wenn eins von ihnen sich nur die Mühe genommen hätte, die Thüre zu öffnen, die Gumpel hinter sich zugemacht hatte, sie würden es mit Leichtigkeit erfahren haben, dass Gumpel sich noch nicht einmal ins Wasser gestürzt hat. Gumpel saß draußen wie einst Diogenes vor seinem Fass. Wenn man aber glauben wollte, Gumpel saß da so mir nichts dir nichts, so würde man sich nicht nur gewaltig täuschen, sondern man würde dem armen Jungen auch bitteres Unrecht thun; denn dieser that etwas, was er bis jetzt in seinem ganzen Leben nicht gethan hatte: Er sann über etwas nach, und es schien etwas sehr Wichtiges zu sein, worüber er nicht ins Klare kommen konnte. Auf Felix war er böse, denn dieser hatte ihn zu einer Handlung verleitet, die ihm selbst von vornherein als ein Unrecht erschien, und die er nur gezwungen und im Drang des Augenblicks, wo er nicht mehr ausweichen konnte, begangen hat. Er sagte sich: Wenn ich mit Felix aber nicht über die Brucken gegangen wär', so hätten wir den Geistlichen mit'n Glöckel nicht getroffen, und Bär Lederer hätte nicht gesehen, dass wir ihn gegrüßt haben. Auf Bär Lederer war er böse, denn er sagte sich: Wenn aber Bär Lederer blind geworden wär', oder wenn er wenigstens auf dem Weg die Füß' gebrochen hätt', so hält' er erspart, zu uns zu kommen, und ich hätt' keine Ohrfeigen gekriegt. Auf seine Mutter war er böse, denn er sagte sich: Hat sie mich gleich ohrfeigen müssen? Sie hat ja gar nicht gewartet, was ich sagen will; vielleicht hätt' ich mich noch herausgemacht! Muss sie denn Bär Lederer mehr glauben als mir? Und auf seinen Vater endlich war er böse, denn er sagte sich: Und was ist, wenn man den Geistlichen grüßt? Wenigstens ist man ein höflicher Mensch und braucht sich nicht auf vierundzwanzig Stunden einsperren zu lassen. Ich möcht' wissen, ob Löb Frank den Felix auch darüber hinausgeworfen hat, und der ist doch mehr schuld daran als ich. So war Gumpel gegen alle Welt erbittert und führte sich die Reihe seiner Uebelthäter, wie wir gesehen, im Kreise herum, um, wenn er ihn, von Felix angefaugen, bis zu seinem Vater durchlaufen hatte, denselben bei Felix wieder zu beginnen, welcher die eigentliche Quelle seiner Leiden war. Felix seinerseits wusste von der hier gegen ihn geführten Anklage nichts. Ihn beschäftigte eine ganz andere Gedankenreihe. Er lag zwar noch auf dem Bette, aber nicht mehr als Kranker, sondern als Reconvaleseent. Die lange Jitel, welche für das Haus Frank im Winter gestopfte Gänse und Holz einkaufte, im Sommer aber ziemlich wenig zu thun hatte, war stolz darauf, dass Felix so schnell gesund geworden. Sie pfuschte nämlich dem Doctor ins Handwerk und ließ es sich nicht nehmen, dass ihre Kunst, nicht aber das vom Doctor verordnete Pulver die rasche Heilung bewirkt habe. Das Jüngel ist beschrieen worden — das mar ihre feste Ueberzeugung — er ist unverschrieen ein schöner Mensch und hat ein' großen Ganewkopf, ganz wie seine Mutter; und ohne dass Jenrel, welche, auf die Versicherung des Arztes vertrauend, mit Ruhe der Genesung des Knaben entgegengesehen, es hätte wehren können, ist Jitel in die Küche gegangen, hat aus einem Stück Fetzen, den sie sich mit Hilfe der Magd von einem Hemde des Knaben zu verschaffen wusste, und etwas Wachs ein Lichtel gedreht, dieses auf dem Herd angezündet und dabei ihr Hokuspokus getrieben. Jentel ließ es geschehen, obwohl sie nichts weniger als abergläubig war, denn sie wollte sich mit der alten Jitel in keinen unnüthigen Diseurs einlassen, und wenn ihr Lichtel nichts nützt — sagte sie sich — so wird es Felix ja auch nicht schaden. Ja, sie gönnte derselben sogar den Triumph, den diese in Bezug auf die Herstellung des Knaben für sich in Anspruch nahm; wenn das Kind nur gesund ist — sagte sie sich — meinetwegen kann Jitel glauben, sie hat ihm geholfen, darüber soll sie mit dem Doctor streiten; sie selbst hatte im Augenblick etwas Wichtigeres zu thun. Sie ließ sich den Lehrer holen, denn sie wollte ihm für die Folge einige Aufträge geben. (Fortsetzung folgt.) n» Restauration ISIDOR HIRSCH jü« „zum goldenen Widder“ II., Taborstrasss Nr. 36 vorzügliche Küche, Lager-Bier aus den ronoiniertesten Brauereien. Ausschank von Original üsterr. und Ungar. Weinen. 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