Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 2 (1900)
- Issue
- 39 (28.9.1900)
- Date
- 1900-09-28
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 39 Wien, Freitag seine eigene Ueberlegung weniger drückend. Es ist ein Merkmal stärkerer Geister, dass sie vor dem Schwächeren eine Art von Verlegenheit nicht los werden können. In der Nähe des Städtchens, in welchem die beiden Knaben lebten, lag ein dichter Wald, zu welchem üppige Wiesen dahinführten. Hier war Felix liebster Aufenthalt, mit Ausnahme eines grasbewachsenen Plätzchens mitten im Stäbchen, hinter der Kirche nämlich, welches ihm selbst über den Wald gieng, Hier hätte man ihn oft während der Messe oder eines Hochamtes lauschend sehen können; da zog seine durstige Seele die erhabenen Klänge der Orgel ein, die auf breiten Luftwellen ans der Kirche zu ihm herüberwogten. Nie hat man ihn in der Synagoge mit solcher Andacht gesehen, wie man sie hier an ihm hätte wahrnehmen können; das Plätzchen blieb aber ziemlich unbetreten, und er konnte sich hier unbemerkt seiner stillen Freude hingeben. Es muss hier auch bemerkt werden, dass er vor jeden Leierkasten einen fast furchterregenden Abscheu empfand, seitdem Orgelklang zum erstenmal sein Ohr berührt hatte. Sein Freund Gumpel, der ihn auch hierher begleitete, empfand von dem, was in dem Gemüthe des sinnenden Knaben vorgieng, nichts; er war auch viel lieber mit ihm im Wald. Da durfte er reden, springen und kurz alles, was er wollte, thun nach Herzenslust; während er hinter der Kirche seinen entzückten Freund nicht zu stören wagte. Gumpel empfand auf dem Rasenplätzchen hinter der Kirche eine gewisse unerklärliche Aengstlichkeit, von welcher Felix ganz frei war. Im Walde hingegen fühlten sich die beiden Knaben gleich behaglich und heimisch. Wenn sie aber von ihren Kämpfen und sonstigen Spielen ermüdet sich hinlegten, im schwellenden Grase unter dem kühlenden Schatten des Baumes auszuruhen, da freilich starrte Gumpel gedankenlos in die blaue Luft hinein, während Felix auf dem Rücken liegend träumerisch emporblickte und lein Gehirnchen in allerlei Gedanken und Phanthasien herumtrreb, oder er lag auf dem Bauch und betrachtete staunend die kleine bunte Welt von Ameisen, Käfern, Fröschen und Eidechsen, die sich hier in außerordentlicher Geschäftigkeit herumtummelte. Eines Tages giengen die beiden Knaben wieder wohlgemuth in den Wald hinaus. Als sie auf der Brücke waren, die sich auf der Südseite der Stadt befindet, hörten sie wiederholt in regelmäßigen Absätzen ein feines Klingen wie den Ton eines Silberglöckchens. „Komm' zurück/ sagte Gumpel ängstlich, „dort kommt aus der Fischergasse der Gallech mit'n Glöck'l." Es war hiermit der Geistliche gemeint, der einen Kranken versehen hatte und von demselben zu seiner Wohnung zurückkehrte. „Warum" fragte Felix, „sollen wir zurückgeh'n? „Weil wir ihm auf der Brücke nicht ausweichen können", erwiderte Gumpel mit immer steigender Bangigkeit. „Wir brauchen ihm ja nicht auszuweichen", sagte Felix, „was wird sein, wenn wir ihn grüßen? Ist Dein Kops so fest an Deiner Kappe, dass Du gleich den Kopf mitzunehmen fürchtest, wenn Du die Kappe hemnternimmsi, oder hast Du ln Deiner Kappe ein Vogelnest und fürchtest, die Spatzen werden Dir davon stiegen, wenn Du die Kappe abhebst?" „Lass' mich jetzt geh'n mit Deinen Narrheiten," erwiderte der sonst nachgiebige Gumpel, „Du weißt, dass wir nicht dürfen." „Wir dürfen!" beschwichtigte Felix, „ein Gruß ist keine Sünde; ich möchte wissen, wo da die Sünde stecken soll, wenn man höflich ist. Ich Hab' zu Hause auch den Hut auf dem Kopfe, und glaubst Du, die Religion verbietet, höflich zu sein?" „ Er trägt aber ein Kreuz in der Hand, oder was weiß ich, einen Spiegel, und den dürfen wir nicht grüßen," sagte Gumpel kleinlaut. Felix ließ ihm aber keine Zeit mehr zur längeren Auseinandersetzung, denn in demselben Augenblicke schritten der Geistliche und der Küster an ihnen vorbei. Felix nahm den Hut ab und machte dem geistlichen Herrn ein sehr tiefes Compliment, welches dieser seinerseits lächelnd mit grüßendem Kopfnicken erwiderte, und auch Gumpel hatte fast mechanisch an seine Mütze gegriffen, um dieselbe, wenn auch nicht mit jenem Anstande wie Felix abzunehmen, so doch bescheiden zu lüften. Nachdem dies vorüber war, giengen die beiden Jungen weiter und eilten dem Walde zu. Ihre Spiele ließen sie bald an die Begegnung auf der Brücke vergessen, und nachdem sie des Guten genug gethan hatten, pflegten sie wie gewöhnlich im schattigen Walde der Ruhe. Gumpel war vor Ermüdung sogar eingeschlafen, und Felix lag in jener oben geschilderten Attitüde, in welcher er sich mehr mit der Betrachtung des Irdischen als des Himmlischen zu befassen Gelegenheit hatte. Plötzlich fühlte Felix auf dem Rücken einen kräftigen Schlag. Im ersten Moment der Ueberraschung meinte Felix, sein Freund Gumpel habe sich wieder einen seiner etwas plumpen Späße erlaubt, und der Spass sei diesmal nur etwas zu derb ausgefallen; als er sich aber rasch herumdrehte, gleichsam andeutend, dass er sich hiermit die Wiederholung solchen Scherzes verbiete, konnte er sich vor Staunen kaum fassen. Ein ungeschlachter, roher Bauernlümmel stand vor ihm mit einem tüchtig gedrehten Strick in der Hand und sagte: „Da habt Jhr's, verfluchte Juden! weil Ihr unfern Heiland, Jesus Christus, gekreuzigt habt." Gumpel war selbstverständlich durch den Knall, den der auf Felix niederfallende Strick verursacht hatte, aus seinem Schlummer erschreckt emporgefahren. Kaum hatte ihn die von dem Bauernjungen ausgestoßene Schmähung über den Charakter der Situation belehrt, als er aussprang und sich mit Wuth auf den Gegner stürzte. Ihn niederrennen, den Strick ihm entreißen und ihn tüchtig durchbläuen, war das Werk eines Augenblickes. Der gezüchtigte Bauern¬ Jüdisches Volksblatt 28. September 1900 Seite 7 junge gieng, sobald er den Athletenhänden Gumpels glücklich entronnen war, fluchend seines Weges; Felix aber sagte mit unbeschreiblicher Wehmuth: »Weil Ihr den Heiland, Jesus Christus, gekreuzigt habt!" »Nun Felix" sagte Gumpel, „siehst Du, wohin man kommt mit Deiner Höflichkeit; der Klachel da ist gegen uns auch sehr höflich gewesen." „Gehen wir nach Hause," dies war die Antwort, welche Felix dem Genossen auf seine Bemerkung zutheil werden ließ, „gehen wir, ich Hab' heute hier mehr keine Freude und keine Geduld." „Du fürchtest Dich doch nicht?" fragte Gumpel, „wenn er uns nochmals überfällt, so werd' ich auch dabei sein; ich mein' aber, er wird sich's vergeh'» lassen." „Ich fürchte mich nicht, besonders wenn Du bei mir bist," versetzte Felix, und Gumpels Gesicht nahm dabei einen freudestrahlenden Ausdruck an, „aber komm', ich muss nach Hause geh'n; ich Hab' mit dem Lehrer etwas wichtiges zu reden." Die beiden Knaben machten sich auf den Heimweg und giengen schweigend dem Städtchen zu. Als sie hineinkamen und an dem Brunnen vorübergiengen, wo die Mägde eben Wasser schöpften, rief ihnen roth Chanele zu: „Gumpel! ist das schön? Der Benak*) geht spazieren herum, wenn sie den Vater einsperren." „Einsperren?" fragten die beiden zugleich, und warum?" „Weil er vor dem Geistlichen mit'n Glöckel den Hut nicht heruntergenommen hat, haben sie ihn auf vierundzwanzig Stunden ins Loch gesteckt. Wißt ihr's denn noch nicht?" fragte roth Chanele. Gumpel rannte wüthend davon, ohne von Felix Abschied zu nehmen. Felix gieng ebenfalls nach Hause und setzte sich schweigend in einen Winkel seiner Stube. In seiner jugendlichen Seele wogte ein Meer von nie gekannten Emfindungen. Das Herz Aopfte, die Pulse hüpften, und seine Gedanken stürmten in wilder Flut durcheinander. Da steckt plötzlich Reb Bär Lederer, der ihn hatte ins Haus schleichen sehen, den Kopf zur Thüre herein mit den Worten: „Wo is Er, meschugeh Feiwele? Bist Du da Du wirst Dich noch koifer sein (taufen lassen) am heiligen Jom Kipur; nit soll man's erleben." Wie ein zur Erde geworfener Gummiball emporschnellt, sprang der aus seiner Betäubung aufgerüttelte Knabe von seinem Sitze empor. — „Niemals! Niemals!" rief er mit thränenerstickter Stimme. Reb Bär Lederer war fort, er hatte seinen Ruf nicht mehr gehört; dagegen war auf den Schrei die Mutter des Knaben herbeigeeilt, und sie war es, der er wie eine leblose Maffe in die Arme sank. (Fortsetzung folgt.) *) Schmähwort für Sohn. - L. WEYL’S erste und älteste Fabrik IBflF* heizbarer "WU Badestühle Schaukelwannen, Doucheapparate, Sitzschaff, Closets u. Eiskästen etc. stets am Lager. L. Weyl, k. k. priv. Patent-Inhaber. WIEN, IX. Bezirk, MüllnergAsse 10. MF* Schönste und billigste -W8 Grabsteine u. 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