Mannheim
Compact Memory

Jüdisches Volksblatt · 1900-09-28 · 39 (28.9.1900) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
2 (1900)
Issue
39 (28.9.1900)
Date
1900-09-28
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2432763-2432811-2432850--0700-2434378
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Wisches Wolksblatt i / ffirfdifint jeden Mtaa Sldaiiton: TIII/1, SchlSK-lvaffr >1. Cprechftiur-ear kln Wochentagen von tO dis 12 Uhr vormittags; an Sonntagen von 11 bis 12 Uhr vormittag?. Postadresse: Jüdisches rvolkSbsatt, Wien. vill|l. Vrsüilverden wegen verspäteter oder gar nicht erfolgter f>ustcllimg erbitten wir uns dringend. — ManuserUitc werden nicht zuritt?gestc0t. Postfparcassen-Conto »47037. In das Tibnnnement kann man täglich eintrctrn. Erscheint jeden Freitag unter Mitwirkung der vom jüdischen Volks- Verein erwählten Prefsrommifston. Inserate übernehmen die Firmen: I. Dannebcrg, M. DukeS, Haasenstein & Vogler, Rudolf Mosse, A. Oppelik, M. Pozsonhi, N. Schalek in Wien, ferner alle Annonccn-Expeditionen im Auslande. Eiuzel-Nnmmer in Wien 16 Heller. Rdmimslralion: YIII/1, SchlStzelgasso tl. AbonnementSpreiS: Ar. 3S Wien, 28. Keptemtrer 1900. Am Vorabende des Absolntismss. Was die Prophezeiungen über die Ergebnisse der bevorstehenden Neichsrathswahlen auszeichnet, ist die Einmüthigkeit, mit welcher die gescnnmle Presse und alle führenden Persönlichkeiten anerkennen, dass der kommende Reichsrath sich von dem alten kaum wesentlich unterscheiden, und dass infolge dessen die so sehnlichst erwünschte Arbeitsfähigkeit der Volksvertretung gleich Null sein wird. Diese pessimistischen Erwartungen sind auch dann unverändert geblieben, als von höchster Stelle aus die Auflösung des alten Reichsrathes und die Ausschreibung der Neuwahlen als letztes verfassungsmäßiges Mittel für die Wiederherstellung ruhiger und normaler Zustände in Oesterreich bezeichnet wurde. Der Versuch wird also im vorhinein als vergeblich betrachtet, und mit mehr oder weniger Bangen sieht man einer verfassungslosen Zeit, einer Aera des Absolutismus, des leider in Oesterreich so sehr geschwächten Autoritarismus entgegen. Wohl mögen manche sich der Illusion hingeben, man werde als radicales Mittel gegen den jetzigen Parlamentarismus eine verschlechterte Ausgabe desselben veranstalten, man werde autokratisch vorgehen, um die Demokratie zu begründen, man werde mit einem Worte das allgemeine und gleiche Wahlrecht oktroyieren. Diese Octroyierung der Demokratie würde gerade den Demokraten die herbste Enttäuschung bringen. Ist das allgemeine und gleiche Wahlrecht ohne proportionelle Vertretung der Minorität ohnehin das ungerechteste aller Wahlsysteme, sv muss dies noch im höheren Grade in einem national so gemischten Staate der Fall sein. Andererseits aber beweist die politische Geschichte der Länder, welche das allgemeine und gleiche Wahlrecht besitzen, so insbesondere Deutschlands, dass die Masse erst nach jahrelanger Schulung, und nur dort, wo ihr Culturstand ein höherer ist, von dem Wahlrechte den richtigen Gebrauch macht, sonst aber reaktionär wählt und gerade den rückständigen Parteien die Vorherrschaft sichert. Unter den jetzigen Umständen wäre für die österreichischen Völker und für uns Juden ganz besonders, wenn wir zwischen einem, auf Grund des allgemeinen Wahlrechtes gebildeten Parlamente und dem Absolutismus zu wählen hätten, gewiss dieser das kleinere Uebel. Wir Juden brauchen uns vor den Absolutismus nicht zu fürchten, wir waren stets treue, ftaatserhaltende Bürger, sind es auch heute und werden es auch in Zukunft bleiben — und wenn eine Autorität die Staatsgeschäfte leiten würde, die gerecht sein muss, gerade weil sie unbeschränkt ist, so könnten wir von derselben nur Gutes erwarten. Versöhnung. Von Fabius Schach in Karlsruhe i. B. Den weihevollsten Tag des Jahres krönt das Judenthum mit dem höchsten ethischen und menschlichen Begriff: Versöhnung, Vergebung. Versöhnt sein mit Gott und Welt, wieder Sohn werden seines Volkes und der Menschheit — das ist das Ideal dieses Tages. Und aus dieser Versöhnung folgt die klare Erkenntnis, eine Fülle der Pflichten, eine Quelle der Hoffnungen. Der sittlich Neugeborene hat wieder seine Stellung in der Gesellschaft gewonnen, seinen Beruf für Gegenwart und Zukunft gefunden. Wunderbares Volk, das stets Menschliches und Göttliches, Zeitliches und Ewiges in seelischer Harmonie verschmilzt, dem Religion Heben und Leben Religion bedeutet! Zertrümmert, gedemüthigt und mit Wunden bedeckt, vergisst es nie seinen Nationalstolz als Gottesvolk. Es versenkt sich in seine große Vergangenheit, besingt all die alten Herrlichkeiten und erhebt den sehnsuchtsvollen Blick in die Zukunft. Ihm ist die traurige Gegenwart eben nur Brücke zwischen Verflossenem und Kommendem. Was wäre Israel ohne nationale Zukunft? Ein welkes Blatt, eine verblühte Blume. Und was wäre es ohne seine Gesammtheit, ohne die Schar der Leidensgemeinde, ohne die mitbangenden und mithoffenden Brüder und Schwestern? Eine vonr Sturme verwehte Pflanze, ein einsamer Baum in der Wüste, dem Saft und Schatten fehlt. Am gewaltigen Versöhnungstage zeigt sich der schlichte, familiäre Charakter Israels. Die ethischen Eigenschaften sind der Terminologie des Familienlebens entnomrnen urrd als große geeinte Familie schwingt sich die Judenheit vom Irdischen zum Himmlischen empor. Unter einem absolutistischen Regime wäre die Wiederholung eines Polnaers Protestes unmöglich, ebenso wie all die Auswüchse, welche eine maßlose antisemitische Hetze zeitigt. Wir wiederholen also, in dieser Beziehung haben wir Juden gar keinen Grund uns zu ereifern. Mögen diejenigen lärmend protestieren, die im Parlamentarismus die wichtigste Stütze ihres verbrecherischen Treibens verlieren. Wir müssen in der Wiederherstellung der staatlichen Autorität den größten Vortheil für uns erblicken. Da die Sachen so stehen, ergibt sich von selbst die Frage: Sollen wir Juden in den Wahlkampf eintreten oder nicht? Wenn der kommende Reichsrath ebenso arbeitsunfähig ist wie der aufgelöste, wenn seine Einberufung nur eine Formalität ist, um seine definitive Beseitigung eclatanter zu begründen, warum dann in den Kampf treten? Warum sich neuen Angriffen und Anfeindungen aussetzen? Die Antwort ist leicht gegeben. Nicht wieviele und was für Abgeordnete wir in den Reichsrath senden, ist von Bedeutung, sondern wie wir uns in den Wahlkämpfen zeigen, welche Energie wir entfalten und welche organisatorische Arbeit wir leisten. Denn auch der Absolutismus muss mit gewissen Factoren rechnen, auch er muss starke Nationalitäten berücksichtigen, und in dem Wahlkampfe wird es sich eben zeigen, wer am meisten dieser Berücksichtigung theilhaftig werden muss. Daraus ergibt sich von selbst, dass wir Juden auch nur als solche in den Kampf treten dürfen. Es wäre der schwerste Fehler, wollten wir uns auch diesmal als geduldete Genossen irgendeiner Partei, noch weniger als „Auch- Volksgenossen" irgendeiner Nationalität anschließen. Nur indem wir allein ,in den Wahlkampf treten, können wir darauf rechnen, dass man sich unter dem absolutistischen Regime unser erinnern wird. Auch muss uns der Wahlkampf dazu dienen, uns zu festen, starken Organisationen zusammenzuschließen, damit wir nicht in entscheidenderr Augenblicken wehrlos oder einflusslos dastehen. Wir müssen als Juden in den Wahlkampf ziehen und überall jüdische Candidaten aufstellen. Dem oft wiederholten Einwande, dies führe zur Stimmenzersplitterung und erleichtere oder ermögliche den Antisemiten den Sieg, brauchen wir bei diesen Wahlen gar nicht zu berücksichtigen. Da der Reichsrath zu keiner Arbeit kommen wird, kann uns seine Zusammensetzung kalt lassen. Das Schwergewicht liegt diesesmal ausschließlich im Wahlkampfe. Der Wahlkampf wird der Gradmesser der Kraft sein, und zwar nicht nur der numerischen, sondern auch, was viel wichtiger ist, der moralischen, nach welchem man sich unter absolutistischem Regime richten wird. Ja, im Bethause wie im Leben, vor Gott wie vor der Welt ist der Jude stets Bruder seiner Volksgenossen, Sohn der Gemeinde Israel. Hier ruht seine sittliche Kraft, hier wurzelt sein höheres Dasein. Er betet für die Gemeinde und mit der Gemeinde, er fleht um Hilfe, um äußeres Glück und innere Vollkommenheit für sein Volk. „Wir haben gesündigt, o Herr! Hilf uns aus der Noth!" Es ist dies keine leere Formel, sondern die Stimme der jüdischen Volsseele offenbart sich hier in den Herzenstönen. Er kann sein Schicksal nicht von dem der Gesammtheit trennen. Er weiß, dass die Sünden Sünden der Gesammtheit, die Schmerzen Schmerzen des ganzen Volkskörpers sind. Er fühlt sich social und ethisch mitverantwortlich für die Leiden und die Schuld seiner armen Brüder. Und er will, er muss vergeben, wie er von seinem Gotle die Vergebung ersehnt, weil er alles versteht, alles verzeiht. Er vermag nicht die That ungeschehen zu machen, er kann ihre Früchte nicht auslöschen, er kann die Kette von Ursache und Wirkung nicht zerstören. Aber er kann den Groll, der in seiner Brust tobt, bannen und v e rgeben. Es sind ja seine Brüder und Schwestern, die ihm Böses zugefügt — wie kann er sie Haffen? Und so söhnt er sich mit der ganzen Welt und mit seinem Volke aus, reicht allen die Bruderhand, ehe er vor seinen Gott tritt. Wahrlich, eine grandiose und doch so schlicht menschliche Ethik, die die düstere Majestät dieses großen Tages hervorruft. Aber auch, im Gotteshause muss er immer wieder zu seiner Geschichte, zu seinem Volke zurückkehren. Alle seine sittlichen Ideale sind unlösbar mit seinem nationalen Charakter verwachsen. Er schwelgt in der zehrenden Erinnerung der ehemaligen Größe Israels und sehnt sich zu seinem Volke, zu seiner Heimat zurück. Er betet mit Thränen die Aboda, zerfleischt sein Herz in der lichten Malerei alter Freuden und neuer Schmerzen, dann wendet sich der umflorte Blick gen Sonnenaufgang und lechzend Für Wien u. Oesterreich-Ungarn! Für das gesammte Ausland saniml FranclizusteNuiig. | sammt FrnncoMsttllung. II. Jahrgang. jmiim »wbi miiwüiiBnVrlTitt—mp—«wwwa—m—wp—w—^rpammm———^ Wenn dem aber so ist, und es ist so, dann müssen überall dort, wo jüdische Wähler vorhanden sind, jüdische Candidaten aufgestellt werden. Widrigenfalls setzen wir uns der Gefahr aus, dass in einer nahen Zukunft unsere dringendsten Forderungen und Interessen unberücksichtigt bleiben, und unsere ökonomische, politische und nationale Existenz bedroht wird. Die deutsche Gemeindürgschaft und die Juden. Die letzte Metamarphose, welche die deutsche G emeinbürgschaft durchzumachen im Begriffe ist, ist außerordentlich bezeichnend für den Niedergang der politischen Moral in den parlamentarischen Parteien Oesterreichs, für die Zurückdrängung politischer und wirtschaftlicher Principien durch den nationalen Chauvinismus, und ist zugleich der beste Beleg für die Verkehrtheit der von einem großen Theile der Inden eingeschlagenen Nationalitätenpolitik. War es schon früher eine abnorme Erscheinung des österreichischen Parlamentarismus, dass die Parteigruppierung, nicht wie in anderen Staaten, auf Grundlage politischer und wirtschaftlicher Programme, sondern im Zeichen des nationalen Gegensatzes vor sich gieng unv in den einzelnen nationalen Clubs des österreichischen Abgeordnetenhauses die politisch und wirtschaftlich entgegengesetzten Elemente sich vereinigten, so erreichte diese unnatürliche Parteibildung ihren Höhepunkt in der deutschen Gemeinbürgschaft, in der „Liberale" und „Conservative", „Antisemiten", „Philosemiten" und sogar „Inden", „Centralisten" und „Föderalisten", „Schwarzgelbe" und „Kornblnmenritter" sich zusammenfanden. Und nun hat sich infolge des jungczechischen Chauvinismus die politische Situation derart geändert, dass auch die. bisher treuesten Verbündeten der Jungczechen, die „Katholische V o l k s p a r t e i", welche den deutschen Bestandtheil der Reichsraths-Majorität der „Rechten" bildete, am Sprunge ist, zur deutschen Gemeinbürgschaft abzuschwenken. Wenn die g e s a m m t e „Katholische Volkspartei" sich mit den Anschauungen des Dr. E b e n h o ch und Baron D ipauli identisiciert und in der letzten Kundgebung der deutschen Gemeinbürgschaft kein weiteres Hindernis erblickt, in dieselbe einzutreten, so entstehen daraus vorläufig noch unabsehbare Consequenzen. In erster Linie resultiert daraus eine weitere Zn spitz ungdes nationalen Gegensatzes: Hüben s ä m m t l i ch e deutsch bürgerlichen Fractionen, drüben die coalierten s l a v i s ch e n und anderen nicht deutschen Gruppen. Dass bei einer solchen Parteiconstellation die politische ruft er: „Leschonoh haboh bijeruschalajim!" Jede Seite seines Gebetbuches redet von seiner gewaltigen Vergangenheit und jedes Gebet gipfelt in der Hoffnung einer nationalen Zukunst. Versöhnung! Wie lange schon, o Israel, wartest Du auf die Erfüllung dieses hohen Ideals! Kein Volk hat so glühend begehrend dieses Wort in alle Winde hinausgerufen, keines hat so sehr von diesem großen, gewaltigen Traum der Verbrüderung der Menschheit sein Heil erwartet. Ach, Dein heißes Verlangen ist ein schöner Traum geblieben. Die dargereichte Bruderhand wurde zurückgestoßen und immer noch wandelst Du einsam die Pfade des Lebens, verkannt und missverstanden, Thränen im Auge, Sehnsucht im Herzen. Versuch es, o armes Volk, mit dem kleineren, aber näheren Ideal! Versuche, innerhalb der Gemeinde versöhnt und vereint dazustehen! Hiov? Bon Dr. M. Jung. (Schluss.) Wem diese Beispiele nicht genügen, der blicke hi» auf den schaurigen Aufenthalt des Propheten Elia in der Wüste, der fühle die Verfolgungen, denen die Propheten, diese göttlichen Verkünder der Wahrheit, zu allen Zeiten ausgesetzt waren, der blicke auf die großen Männer aller Zeiten, die ihren Zeitgenossen mit der Fackel der Wahrheit vorangeleuchtet, blicke hin ans die edlen und festen Charaktere aller Völker! Wurden sie nicht von der großen Masse verkannt? Mussten sie nicht leiden? Ist auf unserer dunklen Erde Gutes und Edles je ohne Kampf, ohne das Wüthen feindlicher Elemente entstanden? Und einen Hiob sollte es 'nie gegeben haben? Nicht bloß jede Zeit hat ihren Hiob, es gibt auch einen Hiob, *) Siehe Nr. 37 des „Jüd. Volksblatt".

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.