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Jüdisches Volksblatt · 1900-09-21 · 38 (21.9.1900) · p. Seite 7

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
2 (1900)
Issue
38 (21.9.1900)
Date
1900-09-21
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
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Nr. H8 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatf 2t. Sept.emlier t '!i>0 Seite 7 herunter besser auswendig wie wir inwendig. Wie er fertig ist, bleibt er stehen und sagt zum Lehrer; Ich möcht' aber doch eigentlich wissen, warum sie sich da überhaupt herumstreiten, ob man das Ei essen darf oder nicht? — Damit man das Gesetz weiß! antwortet der Lehrer. — Das ganze Gesetz ist aber keinen Kreuzer wert, schreit Felix, denn für einen Kreuzer kauf' ich mir ein and'res Ei. — Was red'st Du da für Worte? sagt der Lehrer, ich bitt' Dich um Gottes willen, Felix, stell' mir keine solche Fragen mehr. — Wenn ich nicht fragen soll, sagt darauf Felix, so lern' ich auch kein Blatt Gemoreh. Frage ich vielleicht Dummheiten? — Nein, sagte der Lehrer, aber was Du fragst, ist unerlaubt. — Wenn Fragen unerlaubt ist, sagt Felix weiter, so ist Schad' für's Lernen. Wozu lern' ich denn eigentlich diese Sachen? — Damit Du sie wissen sollst, erwiderte der Lehrer. — Und wenn ich mehr wissen will, als in der Gemoreh steht, ist das unerlaubt? — Es kommt darauf an, wie einer fragt, bescheidet ihn der Lehrer. — Er aber rasch: Ein jeder fragt, wie er's versteht, und ich kann doch nicht anders fragen, als wie ich's verstehe. — Schon gut, schon gut, sagt der Lehrer, wie er sieht, dass er mit ihm nicht aufkommt, aber sei so gut, thu mir Einen Gefallen. Fragen kannst Du, soviel Du willst, und was ich weiß, werde ich Dir auch beantworten, aber frage mich niemals vor den andern, hörst Du? Niemals vor den andern. . Wenn Du etwas fragen willst, so warte ab, bis wir allein sind. — Dies musste Felix dem Lehrer versprechen. Ich glaub'. Du wirst nun wissen, warum er ihm alles erlaubt." „Du hättest Recht/ warf jetzt wieder Schimmele ein, „wenn dies erst seit acht Tagen so wäre; aber soviel ich weiß, ist dies von jeher so gewesen, seit Felix mit uns in Cheder geht; da muss doch noch was anderes dahinterstecken. Erinnerst Du Dich nicht mehr an die Geschichte von dem Leierkasten?" „Von dem Leierkasten?" fragte Srohle; „nein, was war das mit dem Leierkasten?" „Warst denn Du noch nicht da," fragte Schimmele wieder, „als Felix zum erstenmal in unser Cheder kam? " „Narr." versetzte Srohle, „was fällt Dir ein? So ein schlechtes Gedächtnis hast Du? Ich bin ja erst zwei Jahre mit Euch; ich war ja am längsten bei dem alten Rebbe, wo wir gute Zeiten gehabt haben. Kein „Dikdik" (Grammatik) und keine Gemoreh, nichts als die „Sedrah" (Wochenabschnitt) jede Woch' mit „Raschi" (Commentar), und Felix muss bei Euch, wie ich glaube, schon vier Jahre sein; denn so lange ist es, dass er von dem Rebbe weggenommen wurde. Was sollte der auch dort machen, den ganzen Tag hat er auf das Strohdach gegenüber hingeguckt, als ob er dort wunder was gesehen hätte, und dann platzte er auf einmal heraus: Rebbe! Antesch hat ein Strohdach! Aber was ist das mit dem Leierkasten?" „Da weißt Du," sagte mit stolzer Miene Schimmele wieder, „die Geschichte von dem neuen Rock auch nicht; denn die ist auch schon über drei Jahre alt." „Nichts weiß ich," war Strohles schon verdrießliche Antwort, „aber so komme doch schon einmal dazu und menge nicht so Kraut und Rüben in einen Sack. Erst den Leierkasten und dann den neuen Rock." „Als Felix zum ersteiunal in unser Cheder kam," erzählte Schimmele nun, „war es gerade Nachmittag, wo wir Schreibstunde gehabt haben. Der Lehrer liniert ihm ein schönes Kartel Papier, schreibt ihm eine schöne Vorschrift und schneidet ihm eine neue Feder. Felix setzt sich hin, nimmt die Feder, die ihm der Lehrer geschnitten hat, und fängt an. Patz, da liegt ein Klecks auf dem Papier, so groß wie eine Nuß. Musst Du denn so stark eintunken? fragt ihn der Lehrer. Er aber schmeißt die Feder weg und sagt: Die Feder ist nichts nutz'. Der Lehrer hebt die Feder auf. probiert die Feder und sagt: Die Feder geht sehr gut. — So schreiben Sie damit, sagt Felix, ich kann mit so einer Feder nicht schreiben. — Wie geht sie denn? fragt der Lehrer, denn da es ein neuer Schüler war, zeigte er sich nachgiebig, wie geht die Feder, geht sie zu hart oder zu weich? — Die Feder geht schlecht, sagt Felix, ob sie hart oder weich geht, ist mir alles Eins. — Der Lehrer nimmt die Feder und nimmt sein Federmesser, gerad' hat er sich's damals den Tag vorher neu schleifen lassen, und richtet ihm die Feder. So, sagt er, jetzt wird sie gut geh'n, tunk' aber nicht zu tief ein, dass Du nicht wieder einen Klecks machst. Felix nimmt die Feder, tunkt ein ins Tintenfass, wie wenn er hätt' einen Fisch herausziehen wollen, fängt an zu schreiben, patz! da liegt der Klecks wieder auf dem Papier. Jetzt springt dem Lehrer die Gatt', der hebt die Hand auf, und flugs hat Felix eine über die Ohren, dass es im ganzen Zimmer gehallt hat. Weißt Du, der Lehrer hat damals noch gemeint, der Felix ist so wie die anderen Kinder.( Aber kaum hast Du Dich umgesehen, war von Felix keine Spur. Auf und davon ist er und nicht wieder zum Vorschein gekommen. Der Lehrer lauft ihm nach bis auf die Gass' hinaus, aber wo war Felix, der war zuhaus und macht sich aus einer alten Schachtel und vier Knöpf' ein Wägete fertig, wie der Lehrer gerad' ins Zimmer tritt. Was er mit ihm zuhause gesprochen hat, weiß ich nicht, aber soviel weiß ich. dass der Lehrer allein und ohne Felix wieder zurückgekommen ist, und Felix wäre gewiss niemals wieder ins Cheder gekommen, wenn der Lehrer nicht andere Saiten aufgezogen hätte. Was, meinst Du, hat der gethan? Von Rachele, der alten Köchin, die bei Felix Eltern im Dienst ist, hat er erfahren, dass Felix ein ganzer Narr ist, wenn er Musik hört, und dass man dann alles in der Welt von ihm haben kann. Der Lehrer geht und bestellt sich einen Leierkasten; der stellt! sich vor Löb Franks Haus und fangt an Musik zu' ' machen. Kaum fangt der an zu drehen, wer herunter kommt, ihn anzuhören, das ist Felix. Der Leiermann war aber schon abgerichtet, immer weiter und weiter zu gehen, von einem Haus zürn andern bis zu unserem Cheder und dort stehen zu bleiben. Wer aber mit dem Leierkasten von Haus zu Haus gegangen und endlich auch bei unserem Cheder stehen geblieben, das war wieder kein anderer wie Felix. Wie der nun dasteht und zuhört, geht der Lehrer vor die Thüre hinaus, hört auch zu, fragt den Felix, wie ihm die Musik gefällt, schmeichelt ihm, und endlich sagt er: Komm' herein, Felix! Wenn Du hereinkommst, so lasse ich Dir den Leierkasten da den ganzen Nachmittag aufspielen. Felix kommt herein, als ob nie etwas vorgegangen wäre, setzt sich zum Fenster, und wir haben Dir den ganzen Nachmittag Musik. Wir haben nie einen schöneren Nachmittag gehabt, seitdem ich in Cheder gehe. Seit jener Zeit ist Felix wieder in Cheder gekommen wie die anderen Kinder." „Und was ist das mit dem neuen Rock?" fragte Srohle jetzt, den die Geschichte vom Leierkasten nur um so neugieriger gemacht hatte. „Das war noch viel spaßiger. Weißt Du," erzählte Schimmele wieder, „die Geschichte mit dem Klecks hat den Lehrer gewitzigt, und er ist seit jener Zeit mit Felix umgegangen, lauter „Hahle-Püsele", wie mit einem Seidentüchele, er hat sich nicht mehr getraut, ihn anzurühren; aber so viel Freiheiten, wie er jetzt hat, hat Felix damals noch nicht gehabt, er konnte nicht fortlaufen, wann er wollte, er ist so wie wir andern die ganze Woche dagesessen; nur zu lernen brauchte er die ganze Woche nichts, weil er alles am Sonntag schon gekannt hat. Das mit dem Fortlausen ist erst seit der Geschichte mit dem neuen Rock. (Fortsetzung folgt.) L. WEYL’S erste und älteste Fabrik heizbarer Badestiihie Schaukelwannen, Doucheapparate, Sitzschaff, Closets u. Eiskästen etc. stets am Lager. L. Weyl, k. k. priv. Patent-Inhaber. WIEN, IX. Bezirk, MüIInergasse 10. Schönste und billigste Grabsteine«. Marmorplatten in grosser Auswahl bei Josef Stojan, Steinmetz, Wien, V|n Sonnenhofg. 8 bei der Margarethenkirche. 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