Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 2 (1900)
- Issue
- 37 (14.9.1900)
- Date
- 1900-09-14
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 37 Wien, Freitag Jüdisches Volks-blatt. 14. September 1900 Welcher Bocher würde sich einem gewiegten Schadchen icht gefällig zeigen? Schon nach fünf Minuten standen sie rauhen, und Schloime begann: „Pickeler, Ihr seid, glaub' ich, schon zwanzig Jahre alt is hundert Jahr." „Ja wieso?" „Wieso? Weh mir, Ihr seid doch ein großer Lamden") und wisst nicht, dass es die Pflicht des Juden ist, sich zum achtzehnten Lebensjahre zu verheiraten." „Ja, aber..." „Ach was, aber! Ich werde Euch was sahen, ich habe ganz was Passendes für Euch, vom Himmel bestnnmt. Schön wie Bath Seba, klug und fromm und recht viel Geld .. . Wie heißt Len? Gott soll alle Juden mit solch einer Tochter segnen." Zum Glück war es dunkel, und der Schadchen konnte nicht sehen, was für einen Eindruck der Name Len auf Rüben inachte. Als der Jüngling schwieg, fuhr Schloime fort: „Ich weiß, was Ihr meint, ihr Vater ist ein Schneider? Aber, waren nicht unsere Chochmas Hatalmud") Schneider, Schuster und Schmiede? Und dann ist Pinches kein gewöhnlicher Schneider. Er ist ein Schneider, wie man ihn kaum findet." „Ja, aber . . Schloime hatte sich vorgenommen, den Bocher überhaupt nicht mehr zu Worte kommen zu lassen, und er fuhr fort: „Ich an Eurer Stelle würde es mir nicht lange überlegen und würde gleich Tnoim") schreiben, ja Chassene") machen, morgen, heute .. So eine Mezieh") konnnt nicht oft vor. So ein Mädchen, so ein Mädchen, das »st doch keine Kleinigkeit!" Rüben wusste nicht, wie ihm war. Er war traumverloren und hörte mit Verzückung von diesem Mädchen sprechen. Das Bild des schönen, heiteren Kindes stand vor ihm, lockend, bezaubernd, hinreißend. „Ja, wenn meine Mutter nur wollte!" seufzte Rüben halblaut. „Euro Mutter? Geht mir damit! Warum soll Eure Mutter nicht wollen, und Ihr seid doch schließlich kein Kind mehr." „Nun, wir wollen sehen... Ich will's der Mutter s chreiben." „Schämt Euch, Pickeler! Wisst Ihr nicht, was unsere Chachomim") sagen? Eine gute That, zu der Du Gelegenheit findest, darfst Du nicht verschieben. Nun, gibt es denn eine größere Mizwe"), als die Heirat." Während sie so sprachen, waren sie am Ende der Gasse angelangt, und Rüben zuckte zusammen, als er plötzlich aus einem offenen Fenster rufen hörte: „Guten Abend, Reb Schloime!" „Guten Abend, Reb Pinches!" „Ach, auch Ihr, Pickeler, seid mit? .Ihr habt sicherlich uns erenl Freunde Reb Schloime noch einen Pilpul") gehalten." „Seid Ihr noch wach, Reb Pinches." „Gewiss, Reb Schloime, wie Ihr seht." „Nun, es wäre wirklich gut, noch ein Glas Thee zu trinken." „Soll mir ein großer Kowed^) sein." Rüben hatte gar keine Zeit gesunden, zu protestieren. Er wurde durch die schmale Tbüre ins Haus geschoben, und bald sah er sich am gedeckten Tische sitzend, und unter allen Gesichtern sah er nur eines — ihres. Der siedende Samowar") wurde auf den Tisch gestellt, und Kuchen und verschiedene Fwuchtsäfte gereicht, und das alles sah so feierlich und doch so gemüthlich aus, als wenn es ein Fest wäre. Summ, Summ, Summ . . . Wie traulich, wie anheimelnd das hier war! Nie im Leben hatte der Jüngling das Gefühl gehabt, alles zog ihn hier an. Die Len reichte ihm den Thee, und ihre Augen leuchteten so, dass er die fernen senken musste. Die Gespräche der Leute vermischten sich mit dem Summen des Samowars zu einem geheimnisvollen Concert. Und mitten darunter klang das silberhelle Lachen des wunderlichen Mädchens. Das alles verwirrte ihn so, dass er sich im Traumleben wähnte. Jetzt wurde nach Landessitte Schnaps gereicht, und der arme Rüben, der sich ohnehin im Taumel des Rausches befand, musste mitthun. > „Lechajim, Reb Schloime!")"! .Lechajim alscholem,") Reb Pinches! Wir sollen es erleben,! an der Hochzeit Eurer Tochter Len zu trinken." j Er sah dabei die Len mit einem unverschämten Lächelni au, so dass das Mädchen mit Roth übergossen wurde und in j diesem Momente ein volles Bild der züchtigen Sulamith bot, nach Lust lechzend und doch ein unschuldiges Kind, sich selbst ein Gei heimnis. Der unverfrorene Schloime blinzelte dabei auch dein i Rüben zu, und um noch deutlicher zu sein, zupfte er ihn unterm 1 Tische am Rocke. f Der arme Rüben saß da, wie gefoltert. Er sah sein! Heiligthum von fremden Händen roh angesassl, sein innigstes! Geheimnis preisgegeben. Ihm war zumuthe, als wenn der! Thoravvrleser von dem Almemer") herab seine Gefühle imi singenden Tone und m derselben Art wie das Aberueuer des! keuschen Joseph ganz Pundelowe verkünden würde. Ersah in seiner Phantasie schon die Leutemit Fingern j auf ihn zeigen : „Feiner Bocher, frommer Talmudist/ he, Roman-! Held!" Er Hörle diese ironischen Rufe ganz deutlich, und er glaubte, aus diesem Hause, aus diesem Kreise fliehen zu müssen. Aber er; war wie gebannt und konnte sich nicht rühren. Er sah sie . . .; und konnte an nichts denken.! Schloime, der ein feiner Psychologe war und schnell die! günstige Situation durchschaut halle, füllte zum zweitenmale die; Schnapsgläschen. j „Lechajim"), Pinkeler, Perle aller Bachurim'h! Wir sollen 1 erleben zu trinken auf Eurer Hochzeit... He, Len?"! Und als er die verblüffende Wirkung seiner Worte auf i Rüben und Len merkte, fieng er im ernsten Tone zu phylof sophieren an: I „Was sind wir doch alle für große Narren! Hier ist eine! Braut, schön wie die Sonne, hier ist ein Brntigam, »vre die Ceder! des Libanon, hier sind die Eltern und hier ist der Schadchen, und > wir machen keine Chuppe"), ist das nicht eine Schande und eine! Sünde?" Er gab einen Wink. Pinches verschwand und kam nach einigen Btinuten mit dem Earrlor, dein Synagogendiener und noch einigen Leuten zurück. Es wurde in aller Eile die Kessuba") aufgesetzt, dann band inan ein Tuch an vier Stangen zun» Trauhimmel und verhüllte das Antlitz der Braut nuc einen» Seidentuche. Während dieser ganzen Zeit saß Rüben wie erstarrt, i und er erwachte auch nicht, als er nach alter Sitte mit dem weißen Leichengewande bekleidet wurde. Die Chuppe") wurde draüßen unter freiem Himmel aufgestellt, und man brachte zuerst den Bräutigam darunter. Er wurde eigentlich mehr geschoben als geführt, uno er bot keinen Widerstand. „Aber meine Mutter," flüsterte er ganz leise. „Nun, wird sie morgen kommen!" versetzte schlagfertig der nie verlegene Schloime. Bald wurde auch die schnell geschmückte Braut unter den Trauhimmel geführt. Dem Rüben wurde ein Ring in die Hand gedrückt, den er mechanisch auf den Finger der Braut streifte und dabei die religiöse Trauungsformel dem Eantor leise nachsprach. Dann wurde der Ehecontract verlesen, der Eantor sprach das Gebet über den Wein und gab dem Ehepaare davon zu nippen. ,,Masel-Tow"°), Masel-Tow!" schallte es von allen Seiten. „Mit Masel sollt Ihr leben!" klang es zurück. Das Paar war getraut. Das jüdische Religionsgesetz ist trotz aller Schatten des Ghettolebens das einfachste und praktischeste aller Eulturvölker. Es genügt, wenn ein Mann einem Mädchen einen Ring oder eine Münze in Gegenwart zweier Zeugen überreicht und dabei die Worte ausspricht: „Du seiest mir augetraut nach dem Gesetze Mosis und Israels", um es zu seinem Weibe zu machen. Rüben sah sich bald wieder im Zinnner an der Seite Lens, von viele»» Märmern und Frauen uinringt, und er hörte die Glücklvünsche, ohne zu er»vachen. Er »vusste nicht, »vie er hinausgekoinmen und »vieder hineingekoinmen »var. Bald aber löste sich die Starre, und das Gefühl des ersehnten Glückes kam ih»n immer stärker zu Be»vusstsein i'»»d verscheuchte seine Scheu und seinen Schrecken. Und dann sah er sich mit ihr allein in einem Zimmer, und als sie da in ihrer Blüte, voller jungfräulicher Reife und keuscher Anmuth vor ih»n stand, da rvich alles, alles von ihm. Er »var glücklich, und er hätte niederknien können und seiner»» Gotte für dieses herrliche Glück da»»ken. Fiebernd unb zitternd nahte er sich ihr, »»nd als sie ihn mit ihren feuchten Augen ansah, da »vusste er, dass sie ihn» gehört, ihm von Gott bestimmt »var. Und zrvei Paar Arme, die nie durch Berührung errtweiht waren, »»»»»schlangen sich innig, und ihre keuschen Lippen berührten ein»»nder glühend. Noch lag er da, halb träummend, halb denkend, und die Morgensonue »»»»»strahlte der» aufgeblühten Engel zu seiner Seite. Wie schör», »vie schön sie ist! . .. Eine Königin auch ohne Krone. Und während all diese Bilder von gestern vor seinem Geiste vorüberzogen, genoss er all diese Herrlichkeiten noch einmal. Und als fürchtete er, dass das alles doch nur ein Traun» sein könnte und ihm durch die Wirklichkeit entzogen »vürde, zog er seine Frau an sich, presste sie »»»ngestüm, dass sie beinahe erschrak. Soll er sich jetzt airkleiden i»nd in die Synagoge z»»m Morgengebete eilen? Er »veiß es, seine Geschichte ist sicherlich schon aller» Kindern der Stadt bekannt, und er »vird »vegen seines Abenteuers »»icht wenig gehänselt »verden. Aber »vas gehen ihn die Narren an? Er ist glücklich. Seite 7 modernster Conslruction u. vorzüg- 9) Trauhimmel. °) Gut Glück. Schönste und billigste Grabsteine u. Marmorpiatten in grosser Auswahl bei Josef Stojan, Steinmetz, Wien, V|n Sonnenhofg. 8 bei der Margarethenkirche. Stadlbahnstation: Pilgramgasse. Zahn-Atelier Vitus Nuki Atelier des Lehrerhausvereines. WIEN, XIX., HAUPTSTRASSE (Postgebäude). Preise massig. Ordination von 9—6. Sonn- und Feiertag 9—2. Geilen-Restauration im Kofel Central, II., Taborstrasse 8. 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