Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 2 (1900)
- Issue
- 37 (14.9.1900)
- Date
- 1900-09-14
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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September 1900. II. Jahrgang. Zur Reichsralhstvahl. Der Reichsrath ist aufgelöst und die Neuwahlen sind ausgeschrieben. Sämmtliche Blätter leitartikeln ohne Unterlass über dieses Ereignis, und die meisten Parteien haben durch Beschlüsse ihrer Leitungen oder durch Aeußerungen ihrer Führer dazu Stellung genommen. Es kann nun festgestellt werden, dass sie alle die Auflösung freudig begrüßen, der Neuwahl mit Vertrauen und Hoffnung entgegensetzen, sich aber von dem neuen Reichsrathe nicht viel versprechen. Zwar machen manche eine gute Miene zum bösen Spiele, so zum Beispiel die Polen, welche schleunigst dementieren ließen, dass sie befürchten, ihren jetzigen Besitzstand an Mandaten nicht behaupten zu können — aber im großen und ganzen dürfte es doch stimmen: Der neue Reichsrath wird sich vom alten, eben aufgelösten, nur wenig unterscheiden. Dieser Meinung soll sogar Herr v. Koerber sein. Fragt sich nur: Warum hat man denn dann zu Neuwahlen gegriffen? Allgemein lautet die Antwort, man wollte einen letzten Appell an die Vernunft der Völker Oesterreichs richten. Dabei übersieht man aber, dass man den Wählern keine neue, wirksame Parole ausgegeben hat. Man hat ihnen nicht klar herausgesagt, dies oder jenes beabsichtigt die Regierung mit Hilfe des Reichsrüthes zur Saniernng der unerträglich gewordenen nationalen, politischen und ökonomischen Zustände zu thun. Daher wird eine völlige Rathlosigkeit unter den ernsteren Wählern unvermeidlich sein, während die Masse sich fernerhin von den chauvinistischen Schlagwörtern leiten lassen und somit das Bild der Wahlschlacht viel leidenschaftlicher und maßloser, das Resultat aber um nichts geändert sein wird. Mittlerweile aber hat sich aus verschiedenen Lagern ein Ruf erhoben, welcher wirklich zur Wahlparole werden zu wollen scheint. Es ist dies der Ruf für Föderation und gegen die Centralisation. Wenn man auch nicht erwarten darf, dass diese Rufer im Streite schon so weit fortgeschritten seien, um eine Föderation der Nationalisten zu erstreben, sondern sich vor Augen halten muss, dass es sich ihnen um eine Föderation der Länder handelt, so muss man doch zugestehen, dass dieser neue Wahlruf einen Schritt zur Besserung bedeutet, der besonders unsere, der Juden, Aufmerksamkeit im höchsten Grade verdient. Es tcheint, als ob wir uns wieder in der Vorzeit eines Perioden-Abschlusses der österreichischen Politik befinden, welcher eine neue Zutheilung der Rechte und Pflichten der verschiedenen Einwohnerkategorien bringt. Sollen wir nun müßig zuschauen, oder wollen wir uns wie bis jetzt dafür einsetzen, dass andere Begünstigungen erlangen, von denen wir dann ausgeschlossen wären? Das eine wie das andere wäre gefehlt, ja nach den bisherigen Erfahrungen sogar verbrecherisch. Was müsste denn noch eigentlich geschehen, um uns Juden die Augen so weit zu öffnen, dass wir sehen, dass, so lange wir unsere Verteidigung anderen, nicht direct betroffenen Personen überlassen, uns nie ein Recht werden wird? In Galizien, wo die Juden der herrschenden Partei leider stets treue Gefolgschaft geleistet haben, wurden ihre Kinder aus dem elterlichen Hause entführt, ohne dass die gebeugten Eltern sie hätten wieder erhalten können, trotzdem das Gesetz ihnen dies verbürgt; in der Bukowina, Böhmen, Mähren u. s. w., wo die Juden den Deutschen unbedingte Parteigenossen waren, sind sie von diesen bei jeder Gelegenheit schmählich im Stiche gelassen worden. Wo man hinblickt, in jedem Vertretungskörper, haben die mit jüdischen Stimmen gewählten arischen Abgeordneten, wenn jemand elende Angriffe gegen die Juden und das Judenthum richtete, stets die Energie und Schlagfertigkeit vermissen lassen, die von ihnen zu erwarten die Wähler absolut berechtigt waren. Soll das noch weiter fortdauern? Sollen wir jetzt, in den entscheidenden Kämpfen, in welchen zu allererst doch einem jeden Volksstamme gewährt werden muss, was ihm gebürt, sollen wir jetzt unsere Kräfte müßig vergeuden, statt sie zu organisieren, zu einem kräftigen Ganzen zu vereinigen, um auch ihr Gewicht in die politische Wagschale zu werfen, damit uns unser gutes Recht werde? Es gibt kein Zaudern und kein Zögern mehr. Die Juden sind es ihrer Selbsterhaltung schuldig. Sie müssen als solche in den Wahlkampf eintreten. Indem sie sich der einen oder der anderen Nationalität im Kampfe anschließen, schließen sie sich der chauvinistischen Intoleranz an, welche dem jüdischen Geiste so fremd ist. Treten sie aber, wie es der Wirklichkeit entsprechen würde, als besondere Nationalität auf, welche mehr bedrückt ist und mehr zu dulden hat als jede andere, so können sie jeder anderen Nationalität gerecht werden, und verhindern es zu gleicher Zeit, dass man sie bei eventuellen Reformen übersehe. Als nationale Partei organisiert, können sie dann auch eine Föderation erstreben auf nationaler Grundlage, welche die einzige vernünftige und mögliche Lösung der österreichischen Staatskrise darstellt und ihnen auch die Wahrung ihrer moralischen und nationalen Interessen sichert. Möge die reiche traurige Erfahrung vergangener Zeiten endlich einmal dem jüdischen Volke als Warnung dienen, damit es auf sich selbst bauend in den Wahlkampf eintrete unter dem neuen Wahrzeichen des nationalen Erwachens und der politischen Einsicht. Die Juden und die Reichsrathswahlen in Galizien. Lemberg, den 10. September. Die Wahlbewegung ist im vollen Zuge. Außer dem ofsiciellen polnischen „Central-Wahlcomite" in Lemberg und Krakau sind heute bereits neun andere Wahlcomites für Galizien von verschiedenen Parteien eingesetzt worden. Jede Partei, jede Fraction hat bereits . Versammlungen ab geh alten, in welchen die Führer ihr politisches Programm entwickelten und ihre zukünftige Stellung im Reichsrathe präcisierten. Und wir Juden? Haben wir denn wirklich kein besonderes Interesse an dem Reichsrath? Oder sollen auch diese Reichsrathswahlen nach der alten Schablone verlaufen : Die jüdische Bourgeoisie wählt mit den Staneziken und die Proletarier mit den Socialdemokraten? Die unheilvollen Folgen dieser Taktik haben wir ja bereits gesehen. Auf dem jüdischen Gemeindetage in Lemberg hat zwar der Vertreter der Krakauer Handelskammer im Parlamente Dr. Rappaport, fast unter Thränen ( betheuert, dass er und seine jüdischen Collegen im Reichsrathe jüdische Politik treiben — die Thatsachen aber stehen damit in crassem Widerspruche. Meinte etwa Edler von P o ra d a, dass schon das Vorhandensein jüdischer Abgeordneten im Polen-Club jüdische Politik treiben hieße? Oder war vielleicht die Rede des Dr. Byk anlässlich der Eröffnung des neuen Gemeindehauses in Lemberg und seine Thätigkeit bei der Wahl Pientaks im Sinne einer jüdischen Politik? Die polnischen Socialdemokraten haben in den letzten Tagen den Beschluss gefasst, bei allen denjenigen Wahlen, wo ein Stanczik auftreten wird, mit der Gegenpartei zu stimmen, möge diese welche immer sein, nur ein Vorbehalt ist gemacht worden: mit der polnischen demokratischen Partei nicht. Das letztere ist damit motiviert worden, dass die Abgeordneten dieser Partei dem Polen- Club beigetreten sind. So handeln Männer, die ein positives politisches Programm haben und die sich ihrer Ziele bewusst sind. Hiob. Von Dr. M. Jung. Hiob war ein reichbegüterter Mann, „größer als alle Söhne des Morgenlandes". Während aber die Menschen, je höher das Glück sie erhebt, desto tiefer an religiös-sittlichem Werte sinken, war Hiob „fromm, redlich und gottesfürchtig". Je mehr sein Erdenglück sich vergrößerte, desto ergebener zeigte er sich gegen den Urheber seines Glückes. Hiob war nicht bloß für sich fromni, er sorgte für die sittliche Reinheit seiner Familie. Seine Kinder lebten in schönster Eintracht. Zur Erhaltung derselben hielten sie oft gemeinschaftliche Mahlzeit. Da Hiob aber fürchtete, seine Kinder könnten bei ihrem fröhlichen Leben Gottes vergessen, ließ er am Ende jedes siebenten Tages die Kinder zn sich kommen, um sie zu entsündigen und zu heiligen. Hiob war also des göttlichen Segens würdig. Eines Tages erscheint Satan vor Gott. Wer ist Satan? Es ist dies die personificierte Verleumdung, jene niedrige Gesinnung, die, weil selbst keiner edlen Regung fähig, diese auch anderen abspricht, jene Schadenfreude, die, weil sie selbst nie Gutes gethan, es auch bei anderen zu stören sucht, jene Missgunst, die Freude empfindet im Zerstören und am Untergänge alles Edlen. Gott fragt den Satan: „Hast Du Deinen Sinn gerichtet auf meinen Diener Hiob? Denn es gibt nicht auf Erden gleich ihm einen Mann, fromm, redlich, gottesfürchtig und entfernt vom Bösen". Satan aber findet das Motiv zur Frömmigkeit Hiobs im Eigennütze. „Fürchtet denn Hiob Gott umsonst?" Gott möge ihm nur sein Erdenglück nehmen, und Hiob wird Ihm den Gehorsam kündigen. Um nun Satan von seinem Jrrthum zu überzeugen, wird ihm erlaubt, das irdische Glück Hiobs zn vernichten, jedoch mit der Einschränkung: „Nur gegen ihn strecke Deine Hand nicht ans." Hierauf trifft Hiob Schlag ans Schlag; er verliert alle seine Güter und auch seine Kinder, die unter den Trümmern eines eingestürzten Hauses, in welchem sie zu heiterem Mahle versammelt waren, begraben liegen. Hiob trauert wohl, spricht aber auch die erhabenen Worte: „Der Ewige gab!s und der Ewige nahm's, des Ewigen Name sei gepriesen." Satan jedoch beharrt auf seinem Standpunkte, Hiob sei nur aus selbstsüchtigem Grunde fromm, denn „Haut um Haut! und alles, was einer hat, gibt er ums Leben hin. Aber strecke nur Deine Hand aus und greife an sein Gebein und Fleisch, ernstlich, ins Angesicht wird er Dich — segnen!" Da sprach der Ewige zum Satan: „Sieh, er sei in Deiner Hand; nur sein Leben schone." Hiob hat nun niit den Schmerzen einer schrecklichen Krankheit die ihn befällt, zu kämpfen, und muss auch der Verlockung seines Weibes widerstehen, deren thörichte Zumuthung, sich von Gott loszusagen, er mit hoher Glaubensfestigkeit zurückweist. Lange leidet und duldet Hob, da kommen seine Freunde, um ihn zu trösten, finden aber angesichts des namenlosen Jammers ihres Freundes keine Trostworte. Da bricht Hiob selbst das Schweigen. Er enipfindet das Bedürfnis, sein wundes Herz vor seinen Freunden auszuschütten, um Trost zu finden. Und nun brechen die mit Mühe zurückgehaltenen Schmerzensgefühle frei und ungehemmt mit der Gewalt eines seine Dämme durchbrechenden und wild einherflntenden Stromes, hervor. Der gottesfürchtige Hiob verfällt in rasende Verzweiflung; diese aber hat nicht in seinem bösen Bewusstsein, sondern in seiner Unschuld ihren Grund. In der himmlischen Scene, die zwischen Gott und Satan sich abspielt, erfahren wir, weshalb Hiob leiden muss: Satan soll dadurch von dem Gesinnungsadel Hiobs überzeugt werden, diesem aber ist sein Leiden ein Räthsel, und eben dieses drängt den unschuldig Leidenden im Innern mehr als alle äußerlichen Schmerzen zum Klagen. Denn Hiob war zur Zeit, da das Unglück ihn traf, von dem Jrrthume befangen, Leiden seien stets Folgen von Sünden, er aber wisse sich unschuldig, weshalb leide er? Da Hiob manch kühnes Wort entfährt, glauben die Freunde, für Gott eintreten zn müssen. Diese theilen den Standpunkt Hiobs, Unglück sei Strafe für begangene Sünde; während aber Hiob im Bewusstsein seiner Unschuld gegen die göttliche Weltordnung murrt, finden die Freunde, da Gott gerecht sei, in den Leiden Hiobs den Beweis seiner Sündhaftigkeit und werden hierin durch seine trotzigen Reden noch mehr bestärkt. Sie schlagen ihm d aher als einziges Mittel zur Erlangung seines verlorenen Glückes Reue und Buße vor. Hiob betheuert seine Unschuld und entwirft in herrlichen Farben ein Bild von seinen vergangenen Leben. Nie überschätzte er die irdischen Güter, er betrachtete sie stets als Mittel, von Gott gegeben, um die Noth anderer zu mildern. Wohlthätigkeit zu üben war ihm stets höchste Glückseligkeit. Die Fülle des Erdenglückes, das ihm beschieden war, erschütterte seine Glan.benstreue nicht. Die Tugenden, die ihn schmückten, strömten aus dem edlen Quell der reinen Gottesfurcht und Menschenliebe. Und nun die düstere Gegenwart! An diesen Klagen Hiobs erkennen wir seinen herrlichen Charakter, durcht die Nacht seiner Leiden leuchten seine Tugenden, strahlenden Sternen gleich. Hiob klagt nicht über die plötzliche Vernichtung seines Vermögens, dieses gehörte nicht zu seinem wesentlichen Glücke, er beklagt den Verlust seiner Leistigen Freuden, die er in den Tagen seines Glückes in der Förderung alles Guten gefunden hat. Dieses wonnige Gefühl, für Gott zu wirken, vermisst er schmerzlich. Aber sein größtes Unglück liegt in dem Gedanken, Gott sei ihm zum Feinde geworden. Die Jdealgestalt Hiobs tritt uns auch in seinen Wünschen herrlich entgegen. Die Wogen seines Schmerzes haben^ sich, nachdem er seinem Herzen durch einen ungehemmten Erguss von Klagen Luft gemacht, gelegt, und im ersten Aufathmen seiner Seele ist sein innigster Wunsch nicht die Wiedererlangung seines früheren irdischen Glückes, sondern dass „das Licht Gottes wieder sein Haupt umstrahle", und von Gott, dem Urquell des Lichtes, erleuchtet zu werden. Da man aber beim klarsten Lichte wie in einer hellen Winternacht an Gefühl und Empfindung kalt bleiben kann, und oft, je mehr der Geist erleuchtet ist, die warmen Gefühle de- Herzens sich desto mehr verflüchtigen, wünscht Hiob wie in seiner Jugend, in der Blüte seines Frühlings, mit Gott vertraut zu sein, mit glühendem Eifer und Jugendfeuer das Göttliche zu umfassen und in trautem Umgänge mit Gott seine Kraft dem Edlen zu weihen. Hiob streift wohl in