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Jüdisches Volksblatt · 1900-09-01 · 35 (1.9.1900) · p. Seite 7

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
2 (1900)
Issue
35 (1.9.1900)
Date
1900-09-01
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
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,\Tr. :r> Wien, Smr sta :- Jftili>elios V-.r!kbla l.r 1, September H)l)b Seite 7 den Bürgermeister und feine Urkunde. Man beruhigte sich, einige in der Menge erkannten ihn, mau geleitete ihn zum Bürgermeister, und als dieser das Recht Tirados bestätigte, verlief sich die Menge, und die verstörten Männer konnten das unterbrochene Fest in Sicherheit sortsctzeu und beenden. Das war das letzte Grollen des Donners, das die Flüchtlinge ans Spanien und Porttlgal vernahmen — das tetztemal, dass sie eine solche Störung in Amsterdam erfuhren. Tirado benützte die günstige Stimmung in der Stadt und gieng an die Erbauung eines Tempels, der vor dem Eintritte des Herbstes beendet war. Nunmehr dachte er daran, die Seinigen ans London herüber zu holen. Der Sieg war errungen. Der Baum der Glaubensfreiheit hatte nunmehr seine Wurzel fest in den Boden dieses Erdballs geschlagen, um niemals wieder herausgerissen zu werden. Wachse, Du Gottes-Ceder, immer höher, imnier gewaltiger, breite Deine Zweige ans, dass alle Völker darunter Platz finden und Deines Schattens sich erfreuen nach so langen, heißen Kämpfen! Die Macht der Inquisition war gebrochen; selbst in die niederländischen Provinzen, die dem Scepter Spaniens unterworfen blieben, war ihr der Eintritt versagt; sie blieb in die unglückliche pyrenäische Halbinsel gebannt, um auch da nach und nach zu erbleichen, abzusterben und nur düstere Monumente als traurige Zeugen menschlicher Verirrung zurückzulassen. Die Earavalle „Marie Nunes" landete im Hafen von London. Die Sonne des ersten Septembers hatte die Morgennebel auf dem Flusse durchbrochen und zerstreut, und es war ein Tag über die große Themsestadt heraufgezogeu, wie er ihr an Pracht und Herrlichkeit nur selten erscheint. In dem unermesslichen Gewühls der Schiffe und Menschen stieg Tirado ungekannt und einsam an das User. Denn obschon man ihn im Hause Zoega erwartete, konnte mau doch nicht Tag und Stunde seiner Ankunft voraus wissen Aber es war ihm recht so. Nicht im Angesichte der Menge wollte er vor die Seinigen treten, sondern in den geschlossenen Räumen des Hauses die Stunde des Wiedersehens feiern. Sein Herz klopfte hoch auf. Die Fahrt, so günstig sie gewesen, hatte ihm doch hinlängliche Muße gewährt, die Bilder seiner Vergangenheit vor seiner Seele noch einmal vorüberziehen zu lassen. Der Sieg, den er errungen, das Ziel, das er erreicht, berauschten seine Seele nicht so sehr, um den Blick nicht auch rückwärts zu werfen auf das, was jetzt hinter ihm lag. Er sah sich in der düsteren Klosterzelle als freund- und freudenloses Kind, am Sterbelager des Oheims, der dem Jünglinge die grauenvolle Geschichte seiner Familie offenbarte' er sah sich als pilgernden und verfolgten Mönch in dem wilden Aufruhr des Bürgerkrieges, in dem unterirdischen Kerker der Inquisition, am Rande des Irrsinns, am Abgrund des Todes; daun stand er am Schaffotte Egmonts, am Sterbelager GaSpar Lopez'; Gefahren umringten ihn, das Gewühl der Seeschlachten: überall musste er flüchtig sein, überall ward er zurückgestoßen und verschmäht; was er au Wünschen und Verlangen in seinem Herzen trug, musste er tief in dessen geheimsten Kammern verbergen: hinausgetreten, hätte es doch nur das Dämmerlicht vergeblichen Höffens, aussichtslosen Sehnens um sich gehabt. . . Und wie war es jetzt anders geworden, sein kühnstes Erwarten erfüllt, das Bewusstsein der Befriedigung in sich, das höchste Glück vor sich! . . . Aber der Mensch, der die harten Prüfungen, den schnellen Wechsel des Geschickes erfahren, setzt den Kelch des süßesten Trankes, den ihm dieses reicht, nicht ohne Zagen und Zittern au seine Lippen. Er blickt hinein und möchte bis auf den Grund schauen, ob nicht dennoch darin ein Wehrmutskern liege, der ihn: den Geschmack und Genuss seines Glückes verbittern werde? ... So auch Tirado. Fast zögerte sein Fuß, die Straßen zu durchschreiten, die ihn noch von der Stätte der Menschen trennten, welche feinem Herzen alles galten, mehr als er sich selbst, mehr als sein eigenes Leben. Doch indem erste in dieser Schwäche überraschte, schüttelte er sie kräftig von sich ab, zerstreute die Nebel des Zweifels aus seinen: Geiste und erreichte bald das gastliche Haus seines Freundes. Hier erfuhr er schnell vom Diener, dass die Familie Homem daheim, dass sie alle wohlauf seien. Er wartete die Meldung nicht ab, sondern mit stürmisch klopfendem Herzen folgte er den: Diener auf dem Fuße. Ein Freudenruf von den Lippen der schönen Marie Nunes. Sie lag an seiner Brust, sie schlang die Arme um seinen Nacken. Hinter ihr die hohe Gestalt der Frau Mayor. Auch sie breitete die Arme ihm entgegen und rief ihm zu: „Sei mir willkommen, theurer Sohn! Du hast uns eine Heimat, hast uns die Freiheit der Person und des Glaubens errungen, und nun findest Du Deine Heimat und Ruhestätte an unserem Herzen!" Im Hintergründe hielt sich bescheiden Manuel Home::: zurück; aber sein geröthetes Antlitz, sein leuchtender Blick, mit welchen: er Tirado in den Armen seiner Schwester und Mutter sah, zeugten von der Liebe, die er für den Freund und das Vorbild seiner Jugend einpfand. O, es war eine glückliche Stunde, wie sie selten Menscher: schlägt, mehreren Menscheuherzen auf einmal, wie sie ihnen aber auch nur dann aufgeht, wenn sie auf eine lange Reihe unheilvoller Tage, und zwar mit reinem, schuldlosen: Herzen, zurücksehen. Nicht lange daraus verließen sie die Ufer der Themse, die ihnen, wenn anch nur vorübergehend, eine sichere und ruhige Freistätte gewährt hatten. Sie kamen in ihren: neuen Vaterlande an, wo sie alle die ehernen Bande zersprengt fühlten, welchh in ihrer alten Heimat sie umschlossen und so oft zu erdrücken gedroht hatten. Dafür knüpften sie hier neue an, Bande der Liebe und Treue, Bande des Friedens und des Segens. Nach Spanien und Portugal drang die Kunde von dem glücklichen Erfolge, den Tirados Hingebung itub Anstrengungen in der Hauptstadt Hollands gesunden. Scharen von Flüchtlingen stellten sich in Amsterdam ein und brachten Neichthüiner, Geist und Thätigkeit mit sich. Sie trugen nicht wenig zu der herrlichen Blüte bei, zu welcher sich die Stadt am P entfaltete. Mit ihrer Hilfe wurde jene Handelsgesellschaft gegründet, welche, die erste in Europa, dieses mit den fernsten Welttheilen zu regelmäßigem Verkehre verband. Unter ihnen war auch Don Samuel Pallache. Der Sultan von Marokko, dem er gedient, war gestürzt und ermordet worden. Sein triumphierender Gegirer ließ den ganzen Grimm eines morgenländischen Despoten über alle los. die von seinem Vorgänger begünstigt worden. Don Samuel Pallache und seine Glaubensgenossen empfanden ihn am schwersten. Kaum konnte jener sein Leben und nur einen geringen Theil seines Vermögens retten. Er wurde freundlich in Amsterdam ausgenommen und überwand bald seine Verwunderung mit der er in dem heldenmütigen Tirado seinen verschwundenen Diener Jacob erkannte. Mit den: errungenen Glücke war aus dem Geiste Tirados das Verlangen und der Drang nicht geschwunden, an dem großen Bau der Freiheit mit zu arbeiten, dessen Grundlage in dem kleinen, der See abgerungeaen Lande an der Küste des Nordmeeres fest und sicher gelegt wurde, um sich nach und nach über alle Länder Europas zu wölben, die Völker in ihrem Kampfe gegen Fanatismus und Aberglauben unter seinem Dache schützend zu versammelii, ein Bau, der, wenn auch in später Zukunft, sich zu einem Gottestempeldes allgemeinenFriedens waildeln soll, j Schönste und billigste -HM Grabsteins u. Marmorplatten in grosser Auswahl bei Josef Stojan, Sleinm-tZ, Wien, VI Somienhofg. 8 bei der Margarelhcnkirche. Stadibalinstabon: Pilgrnmgasse. Die MM T riester!QsSy wl i C. Jacober, Wien, IX., Althanpiatz H versendet täglich frisch gebrannten KafTee in anerkannt vorzüglichen Qualität.!* zu den fabelhaft billigen Preisen, pe. 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