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Jüdisches Volksblatt · 1900-08-24 · 34 (24.8.1900) · page 1

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
2 (1900)
Issue
34 (24.8.1900)
Date
1900-08-24
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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«rdarkion: VIH/1, Schlötzelgaffe 11. Sprechfttmbe« r Jtn Wochentagen von 10 bis 12 Uhr vormittags; an Sonntagen von 11 bi» 12 Uhr vormittags, postadresiki Jüdische« «o»«blatt, Wie«, VIII,1. Vrschlverdrn wegen verspäteter oder gar nicht erfolgter Zustellung erbitten wir uns dringend. — MarmserU-te werden nicht zvrnekgefseSt. Bostsparcasim-Conto 247037. In das Abonnement kann man täglich eintreten. Erscheint jeden Keilas unter Mitwirkung der vom jüdischen Volks- Verein erwählten Pressrommisston. Inserate übernehmen die Firmen: I. Danneberg, M. Duke», Haasen« stein & Bögler, Rudolf Moste, «t. Oppelik, M. Pozsonyi, «. Schalek in Wien, ferner alle klnnoncen-Expeditionen im AuSlande. Einzel-Nummer Lu Wie« IS Heller. Administration: VIII/1, SchlShelgaffv 11. Abonnementspreis: Für Wie« u. Oesterreich-Ungarn fammt Francozustellung. «anzjährig Halbjährig ..... Bierteliährig. Kr. 8.- :fc Für das gesammte Ausland fammt Francozustellung. Dunzjährig . Halbjährig . Vierteljährig Kr. 4.80 ' »LS Ur. 84 Mir«, 84. August I960. II. Jahrgang. „Germanische" Logik. Eine Lektüre der antisemitischen Blätter durch mehrere vchen erweckt in einem denkenden Menschen das Gefühl .es unbestimmten Ekels. »Ostdeutsche Rundschau" und „Deutsches Volksblatt" gehen brüderlich Hand in Hand in der Beschimpfung der Inden; das ist nicht verwunderlich. Direktor Mautner von der Creditanstalt würde im „Deutschen Volksblatt" nicht inserieren, wenn Herr Vergant nicht zweimal täglich das Judenthum beschimpfen. und Direktor Gabor Steiner von „Venedig 'in SGBien" würde Herrn K. H. Wolf keine Freikarten geben, wenn er damit nicht seine nichtarische Abkunft so wirkungsvll verdecken würde, dass sie Herr Wolf und sein freikartenbedürftiger Generalstab nicht bemerken. Richtige Antisemiten vom Rassenstandpunkte des Herrn Verga-ni und von der wurzelhaft völkischen Ueberzeugung des Herrn K. H. Wolf müssten doch konsequent bleiben darin, dass die Juden eine eigene Rasse, eine Nation sind und sich a b zu s o n d e rn haben. Nun sehe man aber einmal die gedankenlosen Journal- Schreibmaschinen an. Die zionistische Bewegung wird bespöttelt, die nationale Agitation verunglimpft, überall wo man das Bestreben bemerkt, die Juden zu einem Ganzen zu sammeln, wird von der Gefahr des Judenthums gefaselt. Und dabei ist man auch in dieser Jnconsequeuz nicht konsequent. Ist der Herr Pacher gerade der Chef in der ostdeutschen Redaktion, wird alles verunglimpft. Dieser an des liberalen St rache Brüsten vollgesogene Politiks-Wechselbalg ist offenbar zu faul, um die „Östd. Rundschau" in ihrem ganzen Jahrgänge zu studieren; er lässt einfach jede Schimpferei zu. Ist Herr Sedlak der Chef, wird der national-jüdische Gedanke als die einzig richtige Auffassung der Judenfrage logischerweise förderlich beurtheilt und besprochen. Im „Deutschen Volksblatt" gibt's kein Princip. Dort kommandiert einmal der dicke zappelnde Veitstänzler, ein andermal der zaubergewaltige Ehrenbürger von Mühldorf selbst und das nächstemal der kunst- und kunstsinnliebende Herr aus dem Reichslande die innere Politik. Je nach dem Corpora! vom Tage fällt die Judenwurst im Blatte aus. Die „Deutsche Zeitung" des Herrn W ä h n e r wollen wir links im Kehrichtswinkel liegen lasten, wohin sie gehört. Was soll man von solchem Publicum halten? Wenn es ihnen ernst wäre mit der Judenfrage, müssten sie doch jeden Anschlussversuch von oder der Juden perhorrescieren und die Volksbewegung, welche die Juden zur nationalen Selbständigkeit sammeln will, wohlwollend behandeln. Denn wenn sie diese auch verurtheilen, verhindern oder erschweren sie ja diese Sammlung, die sie in Nikolaus Lenau. (Zu seinem Gedenktage.) Bon M. Alois. Am 22. August waren es fünfzig Jahre, seit der Sänger der Einsamen und Leidenden, Nikolaus Lenau, den Tod des Leibes erlitten. In ihrem Bedürfnis nach Liebe und Vertrauen muss die Welt bei Manchen Manches vergessen, um in ihren Illusionen nicht gestört zu werden Lenau ist einer der wenigen, die rein und makellos dastehen, dem die Parteien kein Blättchen aus seinem Kranze zu rauben wagen. Er ist noch eine von den schönen Dichtergestalten, die schön wie ein Gedicht durch das Leben gehen, so bitter es ihn auch bedrängt hat. Die ganze Scala menschlichen Schmerzes und die Zuckungen des großen W e l t w e h s musste er durchfühlen. Während er aber diesem mit klarer, eiserner Stirne begegnete, konnte sein Denken vor jenem nicht standhalten. Zu tiefstem Leide war er vom Schicksale bestimmt, und nur unter heißen Thränen ließ er seiner Seele Lieder entströmen. In der Kunst zu schreiben, sah er das Mittel, sich selbst ans Kreuz zu schlagen. Mit sinnender Melancholie, die sich später zu dunklem Wahnsinn verdichtete, gieng er neben dem Leben her. Mit verschleiertem Auge blickt er von der Herme, die man ihm zu ewigen Gedenken gesetzt har, das gramesmatte Angesicht gesenkt; um die Säule aber schlangen sie einen Zweig von Nachtviolen. Den Einsamen und Leidenden, den Bedrängten und Verstoßenen galt sein Leben. Als Sänger ihres Schmerzes hat er nicht seinesgleichen. Der Zigeuner, der Indianer, der Pole und — öer Jude: ihr Leid klang aus seinen Liedern, als wäre es das seine. Zn Füßen der stillen Majestät des Unglücks sitzt er und dient ihr mit seiner ihrem programmatischen Interesse begrüßen müssten. Warum wollen sie diese Sammlung erschweren? Fürchten sie den Entgang der B a n k i n s e r a t e, wenn es keine Bankdirectoren mehr gibt, die „sich nix zu derkennen geben wollen", oder fürchten sie um ihren Bestand überhaupt, wenn es keine Judenfrage mehr gibt? Man weiß nicht, wie man mit diesen schreibenden Gamins daran ist; nicht, was sie, eigentlich wollen oder nicht wollen. Lachen aber muss man geradezu, wenn man in dem wurzelhaft völkischen Blatte des Herrn K. H. Wolf immer wieder auf die Glossierung der »National- Eigenthümlichkeiten" der Juden stößt. Erst in diesen Tagen hat der als Herr »Teut" in der »Ostdeutschen Rundschau" politisierende Schauspieler, der Prag so plötzlich verlassen musste, von dem »wehmüthigen Zuge um die Beine" gesprochen, den man aus der Roheitensammlung der „arischen" Civilisation so oft citiert. War Herr Teut schon einmal in der Redaktion der »Ostdeutschen Rundschau"? Herr K. H. W o! f hinkt; der Herr Pacher guckt so eigenthümlich in die Welt, dass ihm, um eine vulgäre Redensart zu citieren, beim Weinen die Thränen kreuzweis über den Rücken laufen; der Herr Sedlak hat einen Zug um die Beine, 'dessen Wehmuth selbst einem raffenreinen „Dackel" Thränen des Schmerzes entlocken würde, und die sonstigen Mitglieder der Redaktion strömen just nicht gerade „germanische" Schönheit aus; im Gegentheile, Arminius würde sie insgesammt zu den — Römern verweisen. Im Hause der Gehenkten sollte man doch nicht vom Stricke reden, und wenn man schon in diesen Redaktionen ruchn weiß, was man will, sollte man doch wenigstens wissen, was man nicht soll! me mit „Kkmdeil"-Ordni!ilg in Mumänteit. Herr Carp ist, das kann inan nicht bezweifeln, sicherlich ein Philosemit. Er ist aber zu sehr Politiker, als dass er nicht froh sein soll, wenn er sieht, wie eine unangenehm werdende Frage ihm aus dem Wege geschafft wird. Die Auswanderungen und die damit verbundene Agitation in Europa hatten es der rumänischen Regierung zur Pflicht gemacht, sich mit der Judenfrage zu beschäftigen. Der ohnehin erschütterte Staats credit konnte nur noch auf Hilfe hoffen, wenn in der Lage der Juden, also der fast ausschließlichen Vertreter des Handels und der Industrie, eine moralische und rechtliche Besserung eintreten würde. Keine rumänische Regierung war imstande, dies zu thu«; man ries den alten Freund einer rechtlichen Lösung der Frage, Herrn' P. Carp, ans Ruder, und er kam. Die Antisemiten schrieen Zeter, Herr Carp ließ sich nicht einschüchtern, er erließ -in Rundschreiben an die Präfekten, in welchem er ihnen befahl, den Inden das Wohnen auf dem Lande zu gestatten, er wollte sogar noch mehr thun. Da kam der pvtitische Mord in Bukarest, von welchem die Blätter und die offieiöse »Agence Roumaine" so vieles zu melden wissen, und Herr Carp sah sich der Mühe überhoben, die Frage zu lösen, der er eigentlich seine Berufung an die Spitze der Regierung verdankt. Was sollen wir daraus lernen? Dass Herr Carp ein Antisemit geworden ist? Nein, durchaus nicht. Herr Carp ist heute, was er auch früher war, das heißt ein Judenfreund, noch mehr ein Freund der Lösung der Judenfrage. Aber, wenn's geht; sich für diese Sache zu sehr zu echauffieren, scheint Herrn Carp unnöthig. Immer wieder müssen also die Juden lernen, dass ihre Rettung nur durch sie selbst möglich ist. Wo sie Vertreter zu wählen haben, sollen sie Inden wählen, denn nur solchen kann es daran gelegen sein, eine ihre Wähler interessierende Frage um jeden Preis zur Lösung zu bringen, wo sie allein für ihre Sache einstehen müssen, sollen sie es thun, und nicht darauf warten, dass irgendein Arier sie aus der Noth errette. Er kann noch so guten Glaubens sein, weil er nicht selbst das Unrecht empfindet, wird der Arier stets Energie .und Beharrlichkeit in Verfolgung einer die Juden interessierenden Frage vermissen lassen. Der furchtbar aufgebauschte politische Mord hat aber nicht nur die Absetzung der Judenfrage von der Tagesordnung, zur Folge gehabt, sondern auch die Erlassung einer neuen »Fremden"-Ordnung, welche das Land in Zukunft vor der Niederlassung von Revolutionären, Complotisten u. s. w. schützen soll. Diese »Fremden"-Ordnung macht das Verweilen eines Fremden in Rumänien von einem von der Behörde zu ertheilenden, an den Pass anzuheftenden Erlaubnisscheine, abhängig. Eigentlich musste es jeden wundern, dass die in Rumänien interessierten Staaten nicht gegen eine solche vexatorische Maßregel protestiert haben. Aber die rumänischen Juden müssen sich entschiedenst gegen diese Verordnung auflehnen. Sie wissen zu genau, was diese »Fremden"-Gesetze alles bedeuten. Im Jahre 1880 während der nihilistischen Attentate in Russland haben sich mehrere russische Revolutioäre in Rumänien niedergelassen. Die russische Regierung forderte deren Auslieferung, was Rumänien aber verweigern musste, da die rumänische Verfassung die Auslieferung politischer Gefangener ausdrücklich verbietet. Die russische Regierung trat sehr energisch »ns, drohte sogar, selbst Ordnung in Rumänien zu schaffen, und nur, um einem Consticte zu entgehen, wurde ein Gesetz geschaffen, welches dem Ministerrathe die Befugnis ertheilte, staatsgefährliche Fremde ohne Grundangabe binnen 24 Stunden Dichtung. Darum müssen auch wir Juden dankbar seiner denken, der in ergreifenden Tönen, in Tönen der Klage und der Anklage den tausendjährigen Schmerz beschworen hat. „Du armer Jude, ist's ein Wunder, Wenn Deine Sinne sich verirrt. Und wenn des Wahnsinns grauser Plunder Dir zornig von den Lippen schwirrt? Warst Du nicht elend und verachtet. Von Jugend auf gedrückt, gehetzt. Bis sie geraubet und geschlachtet Selbst Deine Kinder Dir zuletzt?" So spricht er in „Savonarola" von dem alten Juden Tubal. der aus Noth und Leid den Verstand verlor. Ganz besonders rührt das Los des jüdischen Hausierers an die weiche Empfindsamkeit Lenaus, der ihm zwei seiner herrlichsten Gedichte widmet. Armer Jude. Armer Jude, der Du wandeln Musst, von Dorf zu Dorf hausierend, Schlecht genährt und bitter frierend, Allwärts rufend: „Nichts zu handeln?!" Holt die Seuche Mann und Frauen, Ziehst Du nach auf ihrer Fährte, Und die Kleider, die sie leerte, Schleppst Du fort, Dir darf nicht grauen. Auf dem Baume krächzt der Rabe, Hunde zerren Dich am Nocke, Schneegestöber, Flock an Flocke, Fleißig wanderst Du am Stabe. Ein Jerusalem, papieren Bauen Deine Stammgenossen, Doch für Dich ist es verschlossen, Wandern musst Du, darben, frieren. Jene haben's hoch getrieben, Du verschacherst alte Kleider; Aber Alle seid Ihr leider Ein geknicktes Volk geblieben. Der Jude am Kreuz. Jud' ist an ein Kreuz gekommen. Speist am fremden Heiligthume Auf der Bank ein Stücklein Krume, Ruhe soll den Gliedern frommen. Nickend träumt er: seine Väter Jubeln um das Kreuz im Ringe, Und er hört die Silberlinge Klirren Judas, dem Verräther. Zieht ein Jäger, heimbeflissen, Doch es schnüffelt noch sein Hündlein Um den Schläfer, um das Bündlein, Stiehlt ihm aus der Hand den Bissen. Zieht des Wegs daher ein Bauer, Und er rüttelt wach den Armen: „Schlaf' nicht!" ruft er mit Erbarmen, „Sonst erfrierst im Winterschauer. „Leg' wahrhaftig Deine Bürde Hin am Kreuze, sammt dem Fluche; Jude, irres Schäflein. suche Jesu Christi warme Hürde. „Jude wolle Dich bekehren! Dir vom ganzen alten Bunde Blieb dies Bündlein nur zur Stunde, Dich zu schützen, Dich zu nähren. „Lass' Dich taufen und verwandeln: Mancher that's, und mit vier Rossen, Hornklang kommt er nun geschossen, Der einst umrief: „Nichts zu handeln?" »Nimm mich an zu Deinem Pathen; Nebst dem Angebind, dem werten, — Gott gesegnet's dem Bekehrten — Labst Du Dich an Wein und Braten." Drauf der Jude spricht, der echte: „Lass' mich nie und nimmer taufen. Wollt Ihr nicht Gewänder kaufen Für die Dirnen, für die Knechte? —

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