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Jüdisches Volksblatt · 1900-08-17 · 33 (17.8.1900) · p. Seite 7

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
2 (1900)
Issue
33 (17.8.1900)
Date
1900-08-17
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
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Nr. 33 Wfeny Freitag Jüdisches Volksblatt 17. August 1300 Seite 7 Zhr es nicht seid, denn einen, unbedeutenden Menschen vie mir j könnte man den Zutritt verweigern oder doch »erzögern bis es zu spät ist. Wartet jetzt, in einer Viertelstunde bin ich wieder bei Euch." Eine Viertelstunde später öffneten sich knarrend die Lhore von Lier, die Zugbrücke fiel, zwei Reiter ritten in ne Nacht hinaus, sie setzten ihre Pferde bald in den schnellsten Trab. Es war ein furchtbarer Ritt, unaufhaltsam immer vorwärts, vieler Vorsicht bedürfend, denn es gieng durch »in wellenförmiges Land, über Gräbern und Hecken, an Kanälen entlang. Und dem ungeduldigen, rastlosen Tirado peng es allzu langsam, denn der ehrsame Bürger von Lier hatte sich allzu viel zugetraut, und schwor einmal itber das andere, lieber den Weg hundertmal zu Fuss als wch einmal auf harttrabenden Rosse zu machen. Der llnmuth quoll Tirado bei jeder Verzögerung im Herzen auf, und hinter ihm zu Rosse saß die Sorge, die Angst auch nur um eine kurze Spanne Zeit zu spät zu kommen. An Städten vorüber, durch Dörfer und Flecken, deren Bewohner bereits in den Armen des Schlafes lagen und von dem Geheul der wachsamen Hüter des Hauses aus ihren Träumen aufgeschreckt wurden. Kaum hörten sie die Hufschläge der Rosse, so verhallten diese schon wieder. Um Mitternacht nach vierstündigem Ritt langten sie an einer einsamen Meierei an. Die. Pferde waren schon abgetrieben, und Hartog verlangte eine Stunde Rast. Tirado verweigerte sie. Glücklicherweise waren die Bewohner mit Hartog befreundet. Das Uebrige that das Gold Tirado's. Reue Pferde, einen neuen tüchtigen Führer. Hartog blieb zurück, Tirado jagte von dannen. Die Octoberfonne erhob sich träge von ihrem grauen Wolkenlager, als Tirado glücklich Ter Reuse erreichte. Einige Schriftzüge des Spinnmeisters an seinen Schwager und die kurze Mittheitung, um was es sich handle, brachten Tirado schnell in das Boot. Es war ein alter, erprobter Meergeuse, es waren zwei junge, kräftige Meergeusen, die in das Boot stiegen. Tirado nahm vorsichtig sein Pferd mit hinein, um, wenn das Ufer von Vlissingen erreicht wäre, ohne Aufschub in die Stadt jagen zu können. Jetzt fühlte er sich ganz auf seinem Boden. Das kühle Wasser der Westerschelde goss er sich über das glühende Haupt und Antlitz; dann ergriff auch er ein Ruder, und wie wenn es eine Wettfahrt um den höchsten Preis gälte, flog das Boot über die Oberfläche des kräuselnden Wassers dahin durch die Morgennebel zum fernen Ziel. „Meergeusen und Marranen!" rief es unwillkürlich in Tirado, als er im Vereine mit den Seeländern dahinfuhr, und das Lied Belmontes kam auf seine Lippen, und am Ufer standen zwei Fraüengestalten und winkten ihm den Abschiedsgruß zu, und ... doch hinweg mit allen Bildern und Gedanken — es gilt die letzte, die höchste Anstrengung : kommst Du zur rechten Zeit, wackerer Ruderer, und alles ist gerettet, oder zu spät, und alles war vergebens!. .. In der alten Seestadt Vlissingen läuteten die Glocken von allen Thürmen. Sie hatte sich in festlichen Schmuck gekleidet, denn Wilhelm von Oranien weilte in ihren Mauern, um die Flotte zu besichtigen, diei in hrem Hafen ankerte, und Befehle zu neuen Verstärkungen und Ausrüstungen der seeländischen Seemacht zu geben. Es war Sonntag. Die Häuser waren mit Flaggen geschmückt, aus den Fenstern hiengen Teppiche und Tücher, die Wappen Seelands und Oraniens glänzten in Hellen Farben überall. Die Pforten der Kathedrale standen weit geöffnet, die andächtige Menge in ihren Festtagsgewändern strömte hinein. In der ersten Reihe der Kirchenstühle prangte einer, sonst der Sitz des Bürgermeisters, prächtig decoriert. Hier sollte Wilhelm von Oranien Platz nehmen, um dem Gottesdienste beizuwohnen. Er war wie alle diese Stühle von künstlich geschnitzten dunklen Eichenholz, aus alter Zeit stammend, breit und schwerfällig mit seinen Seitenwänden, die bis an den Fußboden reichten. Die Räume der Kirche waren gedrängt voll. Die Orgel begann das Vorspiel. Da erschien am Eingänge ein Zug Hellebardiere, die Leibwache des Prinzen. Sie machten den Durchgang offen und bildeten Spalier. Jetzt kam der Prinz, vom Bürgermeister geleitet, von Edlen des Landes und Officieren gefolgt. Alle erhoben sich von ihren Sitzen, und Wilhelm schritt ruhig, in seiner gewohnten, würdevollen Haltung durch die Kirche nach dem für ihn bestimmten Stuhle. Da der Gesang des ersten Liedes bereits begonnen, blieb der Prinz ausrecht stehen am Pulte, um ihn durch kein Geräusch zu stören. Der Gesang war zu Ende, der Prediger wollte die Stufen der Kanzel besteigen. Feierliche Stille herrschte in der erhabenen Kathedrale. Plötzlich hörte man von draußen die Hufschläge eines galoppierenden Pferdes. Ein Reiter sprang herab, erschien mit wirren, beschmutzten Gewändern in dem Eingang. Hier warf er den Mantel und den Hut von sich, und nachdem sein blitzendes Auge über die Versammlung geschweift und den Prinzen stehen gesehen, stürzte er mit Blitzesschnelle durch das Spalier der Gardisten nach dem Kirchstuhle Wilhelms zu. Es geschah dies so plötzlich und mit solcher Eilfertigkeit, dass ihn niemand aufzuhalten vermochte. Nur ein Gardist streckte ihm seine Hellebarde entgegen, aber mit einem gewaltigen Stoß hatte er die Waffe und den Mann zur Seite geschleudert. Jetzt war er schon dicht vor dem Prinzen, der sich auf das Klirren umgewandt hatte. (Fortsetzung folgt,) E. St. U Brsd Wenden Sie sich an die ^Jüdisch-akademische Lesehalle-, Wien, k. k. Universität. Wir werden Ihnen im Herbste gerne, soweit es möglich ist, zü Diensten fein. Tapezierer u. Decorateur 5 J. MARSCHALEK h|> WIEN, V., Wienstrasse 53 übernimmt alle in?ein Fach einsohlngenden Arbeiten, ' in und ausser Haüs sowie Vorhänge und Teppiche zum Reinigen und Waschen. 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