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Jüdisches Volksblatt · 1900-08-17 · 33 (17.8.1900) · page 1

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
2 (1900)
Issue
33 (17.8.1900)
Date
1900-08-17
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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«rdartion: VIII/1, Schlotzelgasse 11. Lprechftnndrnr An Wochentagen von 10 bi» 1s Uhr vormittag»; an Sonntagen von 11 bi» IS Uhr vormittags. Postadresse: Jüdische- «oNSblatt, Wien, VIII |1. Vefehtverdrn wegen verspäteter oder gar nicht erfolgter Zustellung erbitten wir un» dringend. — Mannsertdte werden nicht zurückgestellt. Pvstsparcasien-Conto 847037. In das Abonnement kann man täglich eintretm. Erscheint jeden Freitag unter Mitwirkung der vom jüdischen Volksvvreiir erwählten Prefscommisston. Inserate übernehmen die Firmen: I. Danneberg. 931. DuleS, Haasenstein A Kogler, Rudolf Masse, A. Oppelik, M. Pozsonyi, A. Schalek in Wien, ferner alle Ansioncen-Expeditionen im Auslande. Einzel-Nummer Ln Wien l« Heller. Rdministralion: VIII/1, Schlöhelgnsse 11. Ab onnementSpreiS: Für Wien u. Oesterreich-Ungarn sammt Francozustellung. Ganzjährig . . ^ier/eljährig. 8.- 4- 2.- Fttr daS gesammte AnSland sammt Francozustellung. Ganzjährig.Kr. S — Halbjährig 4.8« Vierteljährig.. 2.25 Nr. 33 Wien- 17. August 1900. II. Jahrgang. An Festtag. Wien, am 18. August. In den Alltag der Menge leuchtet ein jäher Freuden-- schein, und mit dem Dunkel vertraute Augen starren geblendet in die lohende Helle. Die engen Grenzen einer gemeinen Wirklichkeit siud gesprengt, durch die festgeschmückten Straßen strömen sonst vielspältige, heute einträchtige Menschen, und über graues Gemäuer, das von farbenfrohem Prangen gedeckt ist, und weit hinein m die dunkle Nacht gleitet das Feuer der Freude, welches die Illusionen aus den letzten Winkeln lockt, in die sie ein hartes Leben gebannt hat. Unser Kaiser feiert heute seinen 70. Geburtstag, und von warmen Wünschen erfüllt scharen sich vor seinem Throne die Völker, die, verschiedenen Sinnes und Zieles, sich doch dem einen großen Königsgedanken beugen. Früh erhöht, -blickt er auf Jahre, die reich an Kämpfen und Schmelzen waren. Viel musste er dulden und leiden und nichts Menschliches blieb ihm fremd. Was die Quittung der Harmonie einer Persönlichkeit mit sich nnd der Welt blldet, bliob ihm versagt — das GHiid. Bange Sorge beschattete die junge Stirne, als er, ein Achtzehnjähriger, die Krone nahm, sie ist von dem nun Siebzigjährigen nicht gewichen sein Leben lang. Der Sohn schied ihm in jungen Jahren, -und seine Frau, deren Leben -gleich dem seinen Güte und Milde war, siel unter frevler Hand. Die Völker, die er .einen wollte zu friedvollem Werke, liegen in erbitterten .'Kämpfen. Selbst wenn nichts anderes für ihn sprechen würde, das Unglück, das er -ungebeugt und aufrecht M tragen wusste, macht ihn uns lieb nnd theuer. Und an dem Tage, an welchem Deutsche und Slaven die Hände zu jubelndem Gruße erheben >und die Waffen ruhen -lassen, wollen auch wir Juden unserer Wunden vergessen -und ernst und freudig des Kaisers gedenken, der uns ein Beispiel des muthigen Ausharrens auf jenem Platze gibt, auf den eine schwere Zeit uns gestellt hat. So schlimm unsere Lage auch sein -mag und so trübe unsere Zukunft, wir blicken zurück und gelangen, wenn wir Vergangenheit und Gegenwart vergleichen, zu Ergebnissen, die uns über manches trösten können. Ms Franz Joseph den Thron bestieg, lebten wir im Ghetto, abgesperrt und gemieden. Heute gehen wir neben und mit den Völkern und freuen uns nicht nur der eigenen Cultur von Jahrtausenden, sondern auch der jungen Errungenschaften der anderen. Gesetze wurden geschaffen, welche die geringen Rechte und die größeren Pflichten von einst aushoben, und nns wie den anderen Völkern gleiche Rechte und gleiche Die Helden von Breslau. Die Alma mater in Breslau pflegt Die Wissenschaft, die hehre; Die Hohe Schule wird sie jetzt auch Der antisemitischen Lehre. Das ist seit jeher, wie Ihr wisst. Der Wissenschaften Blüte, Die Antisemiten verzapfen stets Bloß Wahrheiten erster Güte. Sie haben stets, modern, wie sie sind, Dem Zeitgeist das Seine gegeben: Sie wissen, dass wir im Säculum Der großen Erfindungen leben. Mit der Wahrheit freilich pflegen sie sich Auf fünzig Procent zu vergleichen: Den Beweis für die Hälfte erbringen sie dann Durch ein einfaches — Ausrusungszeichen. Vom Autor zum Leser das Rufzeichen schafft Die bequemste geist'ge Verbindung. Denn Argumente sind bloß, wie bekannt. Eine jüdische Erfindung. Ein Mediciener in Breslau wollt' In die Tiefen der Wissenschaft dringen. Doch leider gelang's ihm bei Bier und Gesang Zum »Heil!" Künstler bloss es zu bringen. Der Wissenschaft blüthe doch manche Frucht Als Folge seines Benehmens: Aus eig'ner Erfahrung ein Specjalist Ward er im — delirium tremens. Pflichten gaben. Der Staat schützt uns wie die anderen, und wir dürfen mithelfen, ihn zu erhalten, im Frieden wie im Kriege. Nicht des Kaisers Schuld ist es, wenn seine Räthe gegen den Geist dieser Satzungen sündigen, wenn sie die Politik des Tages über die ewigen Gesetze der Menschheit stellen. Bei jedem Anlasse betont er, dass alle Unterthanen seinem Herzen nahe wären, dass seine Sorge um ihr Wohl keinen Unterschied der Station und Confession kenne. Manche Herrscher des modernen Europas sind noch weit entfernt, solche Worte zu sprechen, geschweige denn sie zu realen Worten zu wandeln. In Russland leiden unsere Brüder das Los Rechtloser, und was sie in Rumänien dulden, lehrten uns die letzten Tage. So gibt ein Rückblick und Ueberblick Zeugnis von dem, was wir in Oesterreich unter Kaiser Franz Joseph errungen. Das leiht uns auch gute Hoffnung für die Zukunft. Wenn wir fest Zusammenhalten und treu zu unserem Volke stehen, braucht uns nicht bange werden, mag der Feinde Zahl sich immer mehren. Nicht mehr in den Völkern, wie vor fünfzig Jahren, sondern als Volk mit den Völkern wollen wir den Kampf der Freiheit weiterfechten. Wir kämpfen ihn für uns, aber auch für die Zeit, in der wir leben. Und darin klingt unser Empfinden mit dem des Kaisers sicherlich einträchtig zusammen. Als Volk reihen wir uns heute an die Völker und wünschen ernst und freudig unserem Kaiser, dass sein fernerer Lebensabend von einem steten Frendenschein durchleuchtet sei, der die Zeichen von Kämpfen und Schmerzen von ihm nehme. Der Ziomsteir-Congress in (Orig.-Telegr. des »Jüdischen Volksblatt".) Heute um 10 Uhr morgens fand die feierliche Eröffnung des Congresses statt. Obwohl nicht alle Delegierten — darunter auch Bernhard Lazare — zum Congresse erschienen, war die Betheiligung doch größer als im vorigen Jahre. Etwa 400 Theilnchmer sind hier. Die Gallerien waren fast bis auf den letzten Platz besetzt. Die Eröffnungssitzung wich nicht wesentlich von der früherer Jahre ab. Dr. H e r z l hielt eine englische und eine deutsche Ansprache, in der er u. a. sagte: „Die Einberufung des vierten Zionisten-Congresses nach London rechtfertigt sich von selbst. England ist einer der letzten Zufluchtsorte, wo es noch keinen eingebürgerten Judenhass gibt. Schon diese eine unbestreitbare Feststellung macht den traurigen jetzigen Zustand des jetzigen jüdischen Volkes an-- Doch als sein Geld zur Neige war, Kam sein Princip ins Schwanken, Er kam zu studieren am fremden Leib, Auf die Klinik zu den Kranken. Doch — er kannt' keine Krankheit. Er schlug umsonst Den schönen Tag in die Schanze: Die Diagnose heißt »Kater" stets. Im Krug zum grünen Kranze. Bei einem Mann nur mit grauem Bart Erkannte das Nebel ganz klar er. Ein Erbübel, — Tausende leiden daran —: Ein polnischer Jude war er. Die Krankheit ist freilich vou anderen Nicht schwer zu unterscheiden. Dazu wars — der Mann zählte siebzig Jahr' — Ein inveteriertes Leiden. Den Burschen dürstet's — ihn dürstete stets! — Nach mediclnischem Ruhme. Die Diagnose rief freudig er aus: , »Der leiöet am Juoenthume!" Und beginnt mit des Kranken Miene und Wort, Jetzt Hohn und Spott zu treiben: Für seinesgleichen die Krankheit glaubt Er am besten so zu beschreiben. Da plötzlich stört eine rauhe Hand Sein wissenschaftlich Gebaren: Ein Jud' war ihm übers Lästermaul Mit klatschenden Fingern gefahren. Ihr wisst, was bei deutschen Studenten der Brauch : — Bei uns ist er nicht gescheiter! — Wenn einmal das Prügeln begonnen hat. Dann gehts mit dem Prügeln auch weiter. schaulich. Auf der weiten Erde muss man einen Punkt suchen, auf dem Gottes altes Volk nicht verwünscht und verfolgt wird. Daraus aber, dass die Juden im herrlichen England volle Freiheit und Menschenrechte genießen, möge niemand unrichtige Folgerungen ziehen. Der wäre ein schlechter Freund der hiesigen Juden sowohl wie der auswärtigen, der den Verfolgten rathen würde, hierher zu flüchten. Unsere hiesigen Brüder könnten sich über ihre glückliche Lage nur zitternd freuen, wenn sie eine Anlockung für unsere Verzweifelten bedeutete. Eine solche Zuwanderung wäre eine Gefahr für die hier Ansässigen, aber auch für die Ankömmlinge. Denn diese würden in ihren armseligen Bündeln ahnungslos dasjenige importieren, wvvor sie fliehen — ich meine den Antisemitismus. Wohl aber wird es uns gestattet sein, für einige Tage das Nomadenzelt unserer Discussionen hier aufzuschlagen, weil wir die Lösung der Judenfrage öffentlich erörtern wollen.- Gestatten Sie mir, einige Worte aus der Eröffnungsrede des zweiten Congresses zu citieren. Im Jahre 1898 wurde in Basel gesagt: »Das Land (Palästina) ist nicht nur die Heimat der höchsten Ideen und des unglücklichsten Volkes, es ist auch durch seine geographische Lage von bedeutender Wichtigkeit für ganz Europa. Da wird in einer Zeit, die nicht ferne sein kann, eine Cultur- und Handelsstraße nach Asien führen. Asien ist das diplomatische Problem des nächsten Jahrzehnts." Diese Worte von 1998 machen heute geradezu den Eindruck der Banalität, so sehr sind sie durch die Ereignisse der letzten Monate bestätigt worden. Das asiatische Problemwird von Tag zu Tag ernster, und ich fürchte, eine Zeitlang auch recht blutig werden. Damit wächst aber auch das Interesse der Culturvölker daran, dass auf dem Wege nach Asien, auf dem kürzesten Wege nach Asien eine Culturstation geschaffen werde, die allen civilisierten Menschen zustatten kommen wird. Diese Station ist Palästina, und die Cultnrträger, die Gut und Blut daransetzen wollen, sie zu errichten, sind wir. Alle politischen Köpfe müssen blitzschnell begreifen, dass hierin eine wertvolle Gelegenheit geboten ist, Asien näherzukommen. Auf diese Culturstation, die das machtlose Volk der Juden unter der Oberhoheit Sr. Majestät des Sultans rasch errichten würde, brauchte keine Macht mit Besorgnissen zu blicken. Den Juden wäre geholfen, aber den anderen auch, und den größten Gewinn hätte davon die Türkei. —- Eine positive Frage gibt es, der wir durchaus nicht ausweichen wollen. Haben wir den Charter zur Besiedlung von Palästina bereits erhalten? Darauf antworten wir ganz laut ung vernehmlich: Nein! Eine andere ist es, ob wir dennoch weiter hoffen, weiter streben, weiter arbeiten dürfen, um ihn zu erlangen? Darauf antworten wir ebenso laut und vernehmlich : Ja I Unsere Ansprüche und Anträge haben umsomehr Ausficht, in Wirklichkeit überzugchen, je mehr wir sind und Doch als man den Juden fordert' zum Kampf, Da war das gar kein Gelächter: Die Deutschen erfuhren zu ihren Schreck Er sei ein vorzüglicher Fechter. Stolz rühmt der Germane: „Es bleibt auf dem Platz Der Jud' mir für alle Fälle!" „Gewiss!" gibt des Juden Vertreter zurück, „Er weicht keinen Schritt von der Stelle!" »Mit Blut wird gezahlt, — das wisse der Jud'..— Die Beleidung, ehe sie alt wird." »Nur geben Sie acht," war die Antwort, „dass nicht Aus Ihrer Tasche gezahlt wird." Da stiegen dem Tapferen Zweifel auf ... . Mein Gott . . . Wenns nicht sollte glücken! . . . Und Prügel thun nicht bloß der Ehre weh — Sie thun auch weh dem Rücken! . . . Die Ehre lässt sich freilich leicht Gelegentlich wieder flicken. Ist drum, wenn man Schläge auch weitergibt,. Geheilt schon der eigene Rücken? Und freudig fasst einen tapfer'n Entschluss Sein Heldengeist, sein gequälter: Er wählt der Tapferkeit besseren Theil, Die Vorsicht, die kluge, wählt er. Den Säbel ließ in der Scheide er drin. Nicht zog er die Waffen vom Leder. Er griff — er hatl' es schon lang nicht gethan -— Zur Tinte und zur Feder. Mit der linken Hand reibt kläglich sich Die geschwollene Backe der Hörer Und schreibt — wie ein Bub' aus der »TaferlelasS" — Mir der rechten: »Ich bitt' schön, Herr Lehrer ..."

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