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Jüdisches Volksblatt · 1900-08-03 · 31 (3.8.1900) · p. Seite 5

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
2 (1900)
Issue
31 (3.8.1900)
Date
1900-08-03
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 31 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 3. August 1900 Seite 5 ein überlaute- Lachen . - . und alles war vergessen. Man kam, sich zu amüsieren, und verließ das Theater ernst und nachdenklich gestimmt. Breslau. Die hiesige jüdische Studenten-Verbindung „Viadrina" ist bis auf weiteres vom Rector suspendiert worden. Veranlassung hierzu gab, dass ein inactives Mitglied derselben einen christlichen Commilitonen, der in der Klinik Sprache und Geberden eines schwerkranken galizischen Inden nachmachte, ohrfeigte. Die Sache sollte durch eine Mensur mit schweren Waffen ausgetragen werden. Als aber die Verbindung des Geohrfeigten (Turnerschaft Suevia) hörte, dass der Jude ein vorzüglicher Fechter sei, wurde die Fordernng zurückgezogen, und die Vertretung aller studentischen Corporationen, mit Ausnahme von fünf Verbindungen mit nur jüdischen Mitgliedern, beschloss, den Juden und seine Verbindung beim Rector zu denuncieren. Folge war die Suspendierung. Circa 90 jüdische Studenten haben in einem Schreiben an Rector und Senat gegen diese unstudeutische feige Denunciation protestiert. Man ist gespannt auf den endgiltigen Ausgang. Bukarest. (Der Z i o u i st e n-C o n g r e s s.) Der „Rumänische Lloyd" schreibt: Die ganze Hoffnung der rumänischen Juden, die auswandern wollen, aber nicht die Mittel hierzu besitzen, ist der Zionisten-Congress, der im nächsten Monate in London abgehalten werden soll. Diese Hoffnung scheint nun zunichte werden zu wollen, denn wie aus Jassy berichtet wird, haben die ausländischen Zionistenführer die Delegierten, welche die hierländischen Zionisten senden werden, ersucht, auf dem Congresse nicht die Lage der Juden in Rumänien zur Debatte zu bringen. Man hatte gehofft, dass der Congress zur Unterstützung der armen Juden, die aus Runiältien auswandern wollen, eine größere Summe aus bem Fonds der sogenannten Colonialbank votieren werde. Bukarest. (Ein ehemaliger Minister als Leiter eines antisemitischen Blattes.) Unter der Regierung Cantacuzino hat die offiziöse Presse niemals die unzähligemale aufgestellte Behauptung dementiert, dass der Minister C. Ist rat i der Protector des antisemitischen Hetzblattes „Apararea Nationala“ sei. Ebenso erfolgte auch auf die vom „Pester Lloyd" veröffentlichte Correspondenz, welche besagte, dass der Minister I st r a t i dem genannten Blatte eine staatliche Subvention von 3000 Lei per Jahr gewährt habe, kein Dementi. Jetzt wird nun bekannt, dass der kaum demissionierte Unterrichtsminister die Leitung der „Apararea Nationala“ übernommen hat. Bukarest. (Die Iud enausw and er u n g e n.) Gegenwärtig bestehen in Bukarest 39 Auswanderergruppen, die insgesammt etwa 3500 Seelen zählen. — Aus Jassy wird berichtet, dass der dortigen Polizeipräfeetur gegenwärtig 400 Gesuche um Emigrantenpässe vorliegen. — Die Auswanderung der Juden aus Rumänien nimmt immer größere Dimensionen an, und jedes Schiff, das die rumänischen Häfen verlässt, hat eine mehr oder weniger große Anzahl von Auswanderern an Bord. Die Auswanderung der rumänischen Juden hat, wie man uns aus Rustschuk schreibt, zur Folge, dass sich jetzt auch 30 in Rustschuk lebende Familien rüsten, nach Amerika auszuwandern, weil sie unter den Auswanderern ihre Angehörigen haben, von denen sie sich nicht trennen wollen. Diese Familien haben bereits mit dem Verkaufe ihrer Habe begonnen und werden, sobald sie alles zu Gelde gemacht haben, die Reise nach der neuen Welt antreten. — Das Auswanderungs-Comite in Galatz hat von der Israelitischen Allianz in Wien ein Telegramm erhalten, in dem es ersucht wird, die Auswanderungen für den Augenblick einstellen zu lassen. Die Allianz ersucht ferner, aus den Emigrantengruppen auf jeden Fall alte Leute, Frauen und Kinder ganz auszuschließen. Die Gruppen junger Leute, welche ohne Genehmigung der Allianz nach Wien reisen werden, werden in keiner Weise unterstützt werden. Der in New-Iork erscheinende „Curierul romäno-american“ meldet, dass die erste Verlader Emigrantengruppe „Drumetii“, der 126 Personen umfasst und Rumänien anc 2. Mai verlassen hat, dort angekommen ist. Acht von ihnen, die von Verwandten erwartet wurden, durften landen; den anderen aber, die nicht die pro Person verlangten 10 Dollars besaßen, wurde angedroht, dass man sie zurückschicken werde. Da sich aber ein großer amerikanischer Banqnier erbot, für die 118 Einwanderer eine Caution von 50.000 Dollars zu stellen, dürfte es nicht so weit kommen. Bukarest. (Die In der» in den Städte n.) Um die geradezu verheerenden Wirkungen der mit raffinierter Grausamkeit durchgeführten Verjagung der Juden vom flachen Lande in die Städte zu erkennen, vergegenwärtige man sich folgende Ziffern: Von den 5,912.520 Einwohnern Rumäniens wohnten Ende 1899 bloß 1,114.50&, d. h. 18'8 Perceut in den Städten und 4,978.012, d. h. 81'2 Percent in den Landgemeinden; von den 269.015 Juden aber sind nur 53.775, d. h. 20 Percent in den Dörfern, dagegen 215.240, das heißt 8 0 P e r c e n t in den Städten ansäffig. Bedenkt man zudem, dass 72'5 P e r c e nt aller rumänischen Juden in der Moldau, die mit ihren 1,831.906 Einwohnern nur 31 Percent der Gesammtbevölkerung des Landes umfasst, wohnen, so wird man sich eine Vorstellung machen, welch harten Kampf ums Dasein die in den Städten der Moldau zusammengepferchten Juden auch unter normalen Verhältnissen kämpfen müssten, geschweige jetzt, wo ihnen Ausnahmegesetze fast alle Erwerbszweige abschueiden! Paris. Die jüdischen Colonisten in MoseSville (Argeutinieu) haben unter sich eine Sammlung zugunsten der rumänischen Juden veranstaltet, deren Ergebnis (2000 Pesos) dieser Tage d er Alliance israelite zugegangen ist. Bravo! Moskau. Unter den nach China abgehenden russischen Soldaten befinden sich 2000 Juden, denen von der hiesigen Cnltus gemeinde eitle Thorarotte zum Geschenk gemacht wurde. Petersburg. (I u d e n a u s w e i s u n g.) Im Gouvernement Nishni-Nowgorod leben viele Juden auf verlängerte Aufenthaltsfristen hin, die schon längst abgelaufen sind, wie die Gouvernementsverwaltung erklärt. Der Minister des Innern hat angeordnet, dass diese Juden nach Ablauf eines Jahres in das jüdische Ansiedlungsgebiet ausgewieseu werden sollen. Mimstkrprllfiiiknt Carp gegen den Antili’iiiiliüiniiö in Rumänien. Bukarest, 31. Juli. Der neue Ministerpräsident E a r p erklärte heute, er werde weitere Wühlereien der Antisemiten-Liguen nicht dulden. Die Regierung sei vielmehr eifrigst bemüht, dasfriedi che Zusammenwirken der Juden und Christen zu sichern. Sie werde eventuelle antisemitische Ruhestörungen nöthigenfalls mit Gewaltunterdrücken. Die interparlamentarische Conserenz. Die Sache der rumänischen jüdischen Auswanderer wird — wie „Kel. Ert." erfährt — auch auf der interparlamentarischen Conferenz zur Sprache kommen. Die Angelegenheit dürfte voraussichtlich durch die Delegierten aufs Tapet gebracht werden, denen von Seite der Pester israelitischen Cultusgemeinde, welche in so aufopfernder Weise der heimatslos gewordenen Glaubensgenossen sich annimmt, entsprechende Informationen zugehen. Angesichts der unhaltbaren Situation, in welche die Auswanderer ohne eigenes Verschulden gelangten, gilt in eingeweihten Kreisen als wahrscheinlich, dass die Sache derselben auch eine internationale Action zur Folge haben wird. Das Recht der Freizügigkeit. In längstvergangenen Tagen, die wir in sehr übel angebrachtem Hochmuthe so gern als barbarische bezeichnen, stellten die alten Germanen den Freigelassenen auf einen Kreuzweg und eröffneten ihm die Freiheit, nach den vier Himmelsgegenden zu gehen, wohin er wolle, zum Zeichen der Freiheit. Wir, die stolzen Söhne des 20. Jahrhunderts, halten es anders. Bei uns gibt es keine „Freigelassenen", denn wir sind alle frei — in manchen Fällen allerdings nur auf dem Papiere oder mit sehr bedeutenden Beschränkungen. Wir sind frei, wenn wir auf einem Luxus- Express Europa durchqueren, wenn unsere Mittel ausreichen, um aus Vergnügungssucht Länder zu durchrasen; wir sind S e l a v e n, wenn uns Fanatismus und Noth den Wanderstab in die Hand gedrückt haben, wenn uns ein grausames Schicksal zwingt, ferne Welten aufzusuchen, um uns und die Unserigen vor dem Hungertods zu retten. Regierungen, Eisenbahnen, öffentliche und private Anstalten wetteifern miteinander, um den Herrn Vergnügungsreisenden vor jeder belästigenden Formalität zu schützen. Pass, Legitimationspapiere — alles kann er entbehren, so lange ihn ein voller Beutel schützt. Dir aber, unglücklicher rumänischer Jude, der Du ohne eigene Schuld Deine Heimat und mit ihr alles verloren hast, was das Leben begehrenswert macht, zeigt unsere vielgepriesene Civilisation ein ganz anderes Antlitz. Du darfst in einem freien Lande ohne jeden gesetzlichen Grund angehalten. Deiner persönlichen Freiheit beraubt, in das Schubhaus gesteckt, an der Weiterreise verhindert, an die Grenze und — ins sichere Verderben zurückgeschickt werden. „Ohne jeden gesetzlichen Grund," sagten wir, und das ist der Punkt, der die Angelegenheit der rumänischen Auswanderer jeder einseitigen, confessionellen oder nationalen Betrachtung entrückt und sie zu einer brutalen Verletzung des internationalen Privatrechtes stempelt. Denn heutzutage zählt die „Freizügigkeit" mit der Berufsfreiheit, der Press- und Gedankenfreiheit — so lehren wenigstens die Staatsrechtslehrer — zu den primitivsten individuellen Freiheitsrechten der civilisierten Nationen. Die Freizügigkeit, sagen wir, denn um diese handelt es sich in diesem Falle. Diese unglücklichen Enkel Ahasvers haben ja nicht einen Augenblick daran gedacht, sich auf ungarischem Gebiete niederzulassen; ihren Durchgang durch ungarisches Gebiet zu verhindern, sie des Rechtes der „Transitoware" zu berauben, dazu fehlte der Regierung und ihren Organen jede gesetzliche Handhabe. Dass jedes Gemeinwesen das Recht hat, die Bedingungen festzustellen, unter welchen es die Niederlassung fremder Elemente gestatten rvill, wird niemand bestreiten. Das Recht des freien, unbehinderten Durchganges aber kann niemandem in keinem modernen Staate der Welt verkümmert werden, so lange er die Gesetze des betreffenden Staates nicht verletzt oder wegen eines auf anderem Gebiete begangenen Delictes nicht verfolgt wird. Woher leitet also unser Ministerium des Innern das Recht ab, sich darum zu kümmern, ob die Auswanderer in Amerika Brot finden oder elend zugrunde gehen werden? Hat es sich davon überzeugt, hat es überhaupt ein Recht, sich davon zu überzeugen, ob Durchreisende anderer Nationalität und Eonsession über ausgiebigere Mittel verfügen, als diese rumänischen Emigranten? Wenn ein zugrunde gerichteter Spieler mit dem letzten Reste seines Vermögens auf dem Wege nach einer neuen Existenz unser Landesgebiet durchschreitet, darf ihn der Minister oder seine Polizei fragen: Wieviel hast Du in der Tasche? Wovon willst Du da drüben leben? Und dabei ist dieser Spieler vielleicht eine catilinarische Existenz, ein Abenteurer — während die unfreiwilligen Insassen unseres Polizeischubhauses säst durchwegs tüchtige Handwerker sind, die arbeiten können und wollen, mir sich eine halbwegs menschenwürdige Existenz zu begründen; dort fehlt es an Arbeitslust, hier bloß an Arbeitsgelegenheit. Die Ministerialverordnung vom 24. Juli ist demnach eine grobe, tief bedauerliche Verletzung des internationalen Privatrechtes. Und sollten sich „Hosjuristen" finden, die diese Verletzung der primitivsten Freiheitsrechte mit der „Ausnahmsgewalt der Regierung", mu dem Staatsnothrechte begründen und entschuldigen wollten, so antworten wir schon jetzt, dass uns diese Begriffe nicht fremd sind. Aber eben darum wissen wir auch, dass dieses Ausnahmsrecht der Staatsgewalt in einem constitutionellen Staate nur dann zur Anwendung kommen darf, wenn eine wirkliche Noth oder wenigstens eine dringende Gefahr solcher Staatsnoth vorhanden ist. Dies war der Grundgedanke in der römischen Dictatur und ihrer berühmten Formel: „Vickonnt consules, ne quid detrimenti Respublica capiat“. Im alten Rom konnten solche Ausnahmsmaßregeln nur durch Senatsbeschluss, nach der französischen Verfassung nur in gesetzlich genau bezeichneten Fällen dekretiert werden. In England bedarf es sogar einer Parlamentsacte, um die persönliche Freiheit garantierenden Rabeas-^vrpus-Acte suspendieren zu können. Aber wegen eines Häufleins Auswanderer, die sich keiner Gesetzesverletzung schuldig gemacht und nichts anderes wollen, als durch das ungarische Landesgebiet einer neuen Heimat entgegenzusahren — wegen dieser unglücklichen Epigonen jdes ewigen Juden die gesetzlich garantierten, individuellen und internationalen Freiheitsrechte mit Füßen treten, das heißt — um die Andrassyschen Worte zu gebrauchen — auf Spatzen mit Kanonen schießen" und involviert dabei eine so tiefe Erschütterung der allgemeinen Rechtsordnung, die sich unser junges Staatswesen schon vom Gesichtspunkte des „Heute mir, morgen Dir" nicht gestatten darf. Haben die Vorfahren dieser Unglücklichen am Donaustrande einst auf ihren Rücken einen gelben Fleck tragen müssen, der ihre Schande bedeuten sollte, dann bedeutet die Ministerialverordnung vom 24. Juli einen schwarzen Fleck in der Geschichte unseres Verfassungslebens, der schwer zu verwischen fein wird. „N. P. I." Dr. Theoder Neuschloß. Das Elend der rumänischen Auswanderer. Ueber traurige Scenen, welche sich in Budapest unter den von Rumänien auswandernden Israeliten ereignen, berichtet der „Pester Lloyd": Die Nachricht, dass eine rumänische Emigrantengruppe in größtem Elende nach Budapest zurückbesördert und von hier trotz ihres verzweifelten Widerstandes nach Rumänien abgeschoben werden soll, erregte bei dem Publicum die größte Sensation. Der Ostbahnhof, wo die Emigranten in der Glühhitze den ganzen Tag über campierten, wurde in den Abendstunden von zahlreichen Neugierigen ausgesucht, die mit den Unglücklichen sprechen und sie unterstützen wollten. Die Polizei ließ dies aber nicht zu. Im Laufe des heutigen Tages sind nämlich 37 Mitglieder der Emigrantengruppe verschwunden. Diese haben sich hier in der Hnuptstadt versteckt. Die Polizei ordnete nun um 5 Uhr nachwitlags die Einwaggonierung der Emigranten an, um ihre Flucht zu verhindern. Während der Einwaggonierung spielten sich herzzerreißende Scenen ab. Eine Frau, deren Gatte als Schlosser in London Anstellung gefunden hat, wollte mit ihren drei Kindern zu ihrem Manne reifen. Sie hatte Pass und Fahrkarten, musste aber dennoch den Zug besteigen und die Heimreise antreten. Ein gewisser Michael D o n e s c u, ein gebürtiger Budapester, der seit Jahren in Rumänien als Schankwirt lebt und zuständig wurde, flehte vergebens, man möge ihm gestatten, in seiner Geburtsstadt zu bleiben; er musste mitreisen. In jedem Coupe nahm ein Polizeibeamter Platz. Der aus Coupes dritter Claffe bestehende Zug war bald überfüllt. Zu beiden Seiten des Zuges nahmen Polizisten Aufstellung, um eventuelle Fluchtversuche der Emigranten hintanzuhalren. Viele Frauen wollten sich noch in der letzten Minute vor Abgang des Zuges aus dem Fenster stürzen. Die Berathungen, welche mit dem Ministerium des Innern und dem rumänischen Generaleonsulate gepflogen wurden, ergaben für die Auswanderer das erfreuliche Resulrat, dass seitens Rumäniens das Versprechen gegeben wurde, es werde keinem Emigranten bei seiner Rückkehr ein Leid geschehen. Dieses Ergebnis ist besonders für die Militärpflichtigen, deren sich 27 unter den Emigranten befinden, sehr wichtig, da diese befürchteten, bei ihrer Rückkehr vor das Kriegsgericht gestellt zu werden. Mit Mühe und Noth wurden die verzweifellen Leute beruhigt und der Extrazug nach Abgang des Predealer Personenzuges um 6 Uhr 10 Minuten ab gelassen. Der Extrazug weilte noch in der großen Bahnhofshalle, als der abends füllige Predealer Personenzug einsuhr, der wieder 120 Emigranten, fast durchwegs bemittelte intelligente Personen, Aerzte, Beamte re., nach Budapest „brachte. Die Auswanderer wurden bei der Ankunft sofort von der Polizei ersucht, m einer Gruppe zu bleiben. Als die übrigen Reisenden, welche mit dem Zuge angekommen waren, die Halle verlassen hatten, wurden die Emigranten verständigt, dass sie bis zur Entscheidung darüber, ob sie rveiterreisen können oder zurückbesördert werden müssen, im Polizei-Schubhause untergebracht werden, wodurch veryiridert werden soll, dass sie sich in der ungarischen Hauptstadt niederlassen. Die Emigranten baten, man rnöge ihnen gestalten, aus ihre eigenen Kosten in Hotels zu übernachten. Die Polizei wollte dies aber iiicht gestatten, und so musste der ganze Trupp unter Polizeibedeckung m das Schubhaus in der Mo>oni)igasse marschieren, wo die Auswanderer übernachten werden. Die Polizei erhielt die strengste Weisung, die Mitglieder der Truppe zusammenzuhalten und niemandem zu gestatten, in die Stadt zu gehen. Die Opferwilligkeit der hiesigen Glaubensgenossen der Auswanderer beweist folgender interessante Zwischenfall, der sich im Bahnhofe abgespielt hat: Ein Herr Gold mann erklärte sich bereit, für die Beförderung von 27 jungen Leuten, die als Stellnngspflichtige nicht heimkehren wollten, 2300 fl. als Reisegeld bis Rotterdam zu erlegen. Die Polizei wies jedoch das Anerbieten ab. Außer den zwei Auswanderergruppen, die abends im Ostbahnhofe abgefertigt wurden, brachte auch das Orsovaer Schiff eine große Zahl rumänischer Juden, denen es ebenfalls nicht besser ergieng. Heute nachmittags trafen nämlich 320 Emigranten, zumeist aus Galatz, aus dem Schiffe „Hildegards" hier ein. In Orsova hatte man sie, nachdem sie sich mit Fahrkarten bis nach Wien und mit Pässen ausweisen konnten, ruhig passieren lassen. Umso bitterer war die Enttäuschung der armen Leute, als sie hier erfuhren, dass sie die Fahrt nach Wien nicht fortsetzen dürfen. Mit dumpfer Resignation nahmen die einen die für sie lieftraurige Nachricht aus, der anderen, weitaus der Mehrzahl, bemächtigte sich laute, jammernde Verzweiflung. Herzbrechende Scenen spietten sich am Donau-User ab, wo sich in kurzer Zeit eine große Menschenmenge angesammelt hatte. Erregt und klagend discutierten die Leute das Verbot und das gleiche Schicksal ihrer Leidensgenvssen, die heute aus Wien hierher zurückbesördert wurden. Umsonst suchten die Mitglieder des Comitös der hiesigen israelitischen Religionsgemeinde die verzweifelten Leute zu tröffen. Die sinnlosesten Pläne tauchten aus der exaltierten, wild erregten Stimmung auf, die einen wollten zum rumänischen Consulat, die anderen ins Wasser, wieder andere jammerten und fast alle lehnten in ihrer traurigen Gemüthsverfassung trotz der Ermüdung nach der langen Reise in glühender Sonnenhitze Speisen und Getränke ab. Bilder grauenhaften Elends boten sich dar. Männer, Frauen und Kinder weinten. Mitten in dieser Verwirrung ließ die Polizei die Leute aus das Schiff „Vesta" schaffen. Es gieng dies nicht ohne Mühe und mussten die Herren vom Conulö ihnen immer wieder versprechen und betheuern, dass sie wenigstens heute und morgen nicht würden nach Rumänien zurückbefördert werden. Nun folgten aber auf dem Schiffe ev|t die ärgsten Scenen. Die Leute schworen, dass sie lieber in die Donau springen, als in ihre „Heimat" zurückkehren würden. Und zwei, namens Silberherz und S t e r n b e r g, sprangen in der That über Bord. Man rettete beide, aber Silberherz sträubte sich und es bedurfte der vereinigten Kräfte mehrerer Personen, um den Unglücklichen aus dem Wasser zu ziehen. Erst nach und nach wurde die allgemeine Stimmung unter der Einwirkung der begütigenden und tröstenden Worte der Comitö-Mitglieder ruhiger. Dann fuhr das Schiff aus die Ofener Seite, warf am Burg-Quai Anker, wo die armen Emigranten übernachteten. Biele weigerten sich hartnäckig, Nahrung

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