Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 2 (1900)
- Issue
- 31 (3.8.1900)
- Date
- 1900-08-03
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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HiihirrhraDniyM Kcbfulion: VIII/1, Hrlrlöhelpasi'i.' 11. Sprechstunden r An Wochentage» von 10 bis l2Ul!r vonnrltags; an Sonntagen von 1t bis 12 Uhr vormittags, poüadresse: Jüdische- «olk-blatt, Wien, VIIl>1. Vefchweeden wegen verspäteter oder gar nicht erfolgter Zustellung erbitten wir uns dringend. — Manusertbte werden nicht zurückgesteltt. Postsparcarsen-Conto «47087. In das Abonnement kann man täglich eintreten. Erscheint jeden Freitag unirr Mitwirkung der vonr jüdischen Volks- Verein erwätzlten Presscommisfton. Inserate übernehmen die Firmen: I. Danncberg, M. DukeS, Haasensteüi & Vogler, Rudolf Masse, A. Oppelik, M. Pozsonyi, tl. Schale! in Wien, ferner alle Annoncen-Expcditionen im AuSlande. Einzel-Nummer in Wien IS Heller. Rdminillralivn: VIII/1, Schlöstelgalflo 11 AbonnementSpreiS: Für Wien u. Oesterreich-Ungar» sammt Francozustellung. Ganzjährig Halbjährig. Vierteljährig. Kr. 8.- Fiir daS gefammte SluSland sammt Francozustellung. Ganzjährig.Kr. Halbjährig 4.50 Vierteljährig.. 58.58*» Ur. 31 Wien, 3. August 1900. 11. Jahrgang. Ein Trauertag. Wenn es noch eines Beweises bedürfte, dass die Nationalität nicht vom Boden abhängig ist, und dass eine Nation selbst auf fremdem Boden ihre eigene Nationalität bewahren kann — so wäre dieser Tag, der Trauertag des jüdischen Volkes, der „Tischoh-b'ow" der treffendste Beweis dafür. 1831 Jahre sind es schon, seitdem die Juden ihres Landes beraubt sind, seitdem das jüdische Volk in fremden Ländern zerstreut umherwandert, und dennoch wird kein Vernünftiger es in Abrede steten, dass die Juden zu allen Zeiten und in allen Ländern ihre Nationalität bewahrt haben. Mögen manche — die außerhalb ihres Volkes stehen — dies leugnen und sich Deutsche, Franzosen, Polen oder sogar Nüssen mosaischer Confessio» nennen, das Volk im allgemeinen fühlte sich stets als besondere Nation, vereinigt durch gemeinsame Leiden, durch die gemeinsame Vergangenheit und durch die Trauer am „Tischoh-b'ow" diesem nationalen Trauertage, der die ganze jüdische Nation vereint. Die gemeinsame Vergangenheit macht die Juden zur Nation, dies ist eine Thatsache, die durch die Sophismen mancher Starrköpse nicht bekämpft werden kann. Aber leider haben wir es nicht verstanden, unsere Nationalität scharf und demonstrativ zum Ausdrucke zu bringen. Schon beim ersten Exil hat der Prophet Jeremias unseren Ahnen, die nach Babylon wanderten, zugerufen: „Bauet Häuser und besitzet sie, pflanzet Gärten und genießet ihre Früchte, und sorget für das Wohl des Landes, in das Ihr gedrängt worden seid!" Dieser heiße jüdische Patriot, dieser große Prophet, dessen Klagelieder über den Verfall des jüdischen Staates einem förmlich das Herz zerreißen, dieser Prophet, der selbst im Namen Gottes kündete, dass das babylonische Exil nicht länger als 70 Jahre andauern werde, derselbe Prophet rieth den Juden, sich während ihres Exiles im Lande derart ansässig zu machen, dass sie dort eine Rolle spielen müssen. Er suchte vorzubeugen, dass sie sich nicht völlig auf sich zurückziehen, wartend auf die Erlösung, und dass sie nicht unerkannt unter den Bürgern leben sollen, ohne an den Interessen des Landes Antheil zu nehmen. Wahrlich! Das Exil an und für sich hat uns Juden bei weitem nicht so viel geschadet, als der Umstand, dass wir uns stets zu sehr als im Exile lebend fühlten und dementsprechend handelten. Es gibt ja Länder, in denen seit uralter Zeit Juden wohnen — und dennoch werden sie dort als Fremde betrachtet! In das ruthenische Galizien sind wir viel früher gekommen als die Polen; von Prag heißt es, dass dort bereits in den ersten Jahrhunderten n. Ehr., wenn nicht gar früher, Juden gelebt haben; in der Provinz Lilhauen wohnten Juden viele Jahrhunderte, Srul von Lubartow. Ein Bild aus Sibirien. Von Adam Szymanski (St. Petersburg). (Aus dem Polnischen übersetzt.) Und es war im Jahre . .. Doch was geht uns das Jahr an? Cs genügt, das es war, und zwar in Jakutsk, am Anfänge des Monats Novernber, einige Monate nach meiner Ankunft in dieser Hauptresidenz der Fröste. Das Alkoholttzermometer zeigte fünfunddreißig Grade Reaumur unter dem Gefrierpunkte. Mit Entsetzen dachte ich also an das künftige Schicksal meiner Nase und Ohren, die ich erst vor kurzem aus dem Westen hierhergebracht hatte, und die daher schon oftmals leise, aber eindringlich gegen die zwangsweise Acclimatisation protestiert hatten und heute eben einer harten Probe ausgesetzt werden sollten. Diese Probe stand ihnen bevor, da einige Tage zuvor in dem Ortsspitale ein Mitglied unserer kleinen Colvnie, Piotr Baldyga, gestorben war und wir ihm am heutigen Morgen den letzten Dienst erweisen sollten, indem wir seine müden Knochen in die hartgefrorene Erde betteten. Ich erwartete mir noch einen meiner Bekannten, der mir die Stunde des Begräbnisses knildthnn sollte. Das dauerte nicht lange. Ich packte daher so sorgsam als möglich Nase und Ohren ein und begab mich mit den anderen nach dem Spitale. Das Spital besaud sich außerhalb der Stadt. Im Hose, etwas abseits von den anderen Gebäuden, stand eine mittelgroße Scheune; das war die Leichenkammer. Hier lagen die Ueberreste des Baldyga. Man öffnete die Thüre, wir traten ein und das Innere machte auf unsere ganze kleine Schar einen unsagbar quälenden Eindruck. Wir waren unser etwa zehn oder etwas mehr, und wir alle blickten einander untvillkürlich an. Wir befanden uns der kalten und bevor dieselbe noch unter die Herrschaft Russlands gekommen ist — und. dennoch werden wir überall als Fremde behandelt. Der Fehler liegt darin, dass wir selbst überallhin als Verbannte eingewandert sind, wo wir dann ein unterthäniges, demüthiges, bloß geduldetes Dasein führten; wir hatten es nicht verstanden, den Rath Jeremias zu befolgen und auch im Exil als Bürger, als mächtiges Element im Lande, als starker Bewohnertheil aufzutreten. Und so blieben wir bis auf den heutigen Tag. Am „Tischoh b'ow" ^trauern die streng orthodoxen Juden über die ZerstörunAdes Tempels, über den Verlust des Opfercultus: die aufgeklärteren klagen über die Vernichtung des jüdischen Staates, über die Niedermetzelung der jüdischen Helden und Fürsten; wir aber trauern, dass es uns gegenwärtig an jüdischen Helden und Patrioten fehlt! Wir alle fühlen den Verlust, den wir vor 1831 Jahren erlitten haben; wir alle haben die Hoffnung noch nicht aufgegeben, einst in unser altes Land zurückzukehren. Aber wir wollen auch nicht vergessen, dass uns bis dahin die Pflicht auferliegt, auch für die Gegenwart zu denken und zu schaffen. Für das bloß 70 Jahre währende Exil hat Jeremias den Rath ertheilt. sich mit der Politik und mit den Interessen des Landes zu befassen, um wie viel mehr gilt dies für ein Exil auf unabsehbare Zeit! Der „Tischoh b'ow" hat uns den Muth geraubt, selbstständig zu denken und zu leben. Im Mittelalter war dies uns vielleicht nicht möglich, aber wo sind die jüdischen Patrioten unserer Zeit? Wo weilt jetzt ein Jeremias, der uns ermahnen würde, im Exile nlcht als Verbannte zu leben und zu handeln; im Golus nicht als Golus-Juden uns zu fühlen! Und jetzig hätten wir dazu Mittel und Wege, jetzt ermöglicht es uns das Gesetz und die Gesellschaft. Als eine besondere Nation im Reiche könnten wir ja auch eine besondere nationale Politik treiben! Ist die Wirkung des „Tischoh b'ow" noch bis heute so stark? _ An des Reiches Pforten. (Die völkerrechtliche Frage.) In einem kleinen Grenzorte, wo ein Schritt von Rumänien nach Oesterreich führt, spielt sich jetzt der fünfte Act der Tragödie eines Volkes ab. Eine Situation, wie sie im Verlaufe der Staate ngeschichte noch nicht da w a r, hat sich da herausgebildet, und ob einer will oder nicht will, muss er sich in diesen Tagen jener anderen furchtbaren Situation vor 2000 Jahren erinnern, da ein Cnlturvolk aus seinem Lande getrieben und eine Nation von ihrer Scholle gejagt wurde. Das Schicksal wollte es, dass der Jammer der Gegenwart mit der Trauer um die Vergangenheit zeitlich zusammenfällt. nackten Wirklichkeit gegenüber, die kein einziger Fetzen des trügerischen Scheines verhüllte ... In der Scheune, wo es keinen Tisch, keinen Sessel gab, wo nur die mit weißem Reife überzogenen Wände uns anblickten, lag auf der beschneiten Erde ein gleichfalls mit Schnee bedeckter großer Leichnam, der in ein Leintuch oder ein Hemd gewickelt war, und an dem der eingefrorene Schnurrbart in die Höhe starrte. Das war Baldyga. Der Körper war sehr erstarrt, und um ihn leichter in den bereitstchenden Sarg schieben zu können, musste man ihn näher an die Thüre zum Lichte hinzuschieben. Niemals werde ich dieses Gesicht vergessen, welches ich jetzt beim Lichte des Tages, nachdem man davon den Schnee entfernt hatte, erblickte. Die strengen Züge trugen den Ausdruck eines seltsamen, unbeschreiblichen Schmerzes, und die weitaufgerissenen Augen schienen mit einem herben Vorwurfe zu dem frostigen, unerbittlichen Himmel gerichtet zu sein. „Der Verstorbene war ein braver Mann," sagte zu mir einer meiner Nachbarn, den Eindruck bemerkend, den dieser Anblick mir machte; „er war stets gesund und arbeitsam und gwährte immer einem Aermeren Schutz und Obdach bei sich. Aber er war starrsinnig und glaubte bis an sein Ende, dass er noch einmal die Heimat sehen würde. Offenbar hat er vor dem Tode begriffen, dass dies nicht so kommen werde." Mittlerweile wurde der versteinerte Leichnam in den Sarg geschoben und dieser auf den kleinen, einspännigen Jakutenfchlitten gesetzt. Als nachher eine Schneidersfrau, die mit den religiösen Uebungen vertraut war und zeitweise die Obliegenheiten eines Geistlichen versah, das „Ave Maria“ anstimmte, sangen wir alle mit gebrochenen Stimmen mit, und der Zug setzte sich in Bewegung. Wir gierigen nach. Der Frost stieg und trieb zur Eile. Endlich waren wir auf dem Friedhof, warfen einige Klumpen Aber bloß dieser leise Gedanke sei dem wie durch ein Taschenspielerknnststück hervorgerufenen Aneinanderrücken von Ursache und Wirkung, die so weit auseinanderliegen, gewidmet. Denn wir haben allen Grund, gewaltsam unseren Blick abzuwenden von allem, was w a r, und scharf hinzusehen nach jenem, das i st. Nicht das Gefühl wollen wir jetzt sprechen lassen. Nicht an die Massen wollen wir denken, die auf dem Wege sind, sondern an die wenigen, die in diesem Augenblicke nicht vorwärts und nicht rückwärts k ö n n e n, an die dreihundert Männer, Frauen und Kinder, denen gegenwärtig dasjenige verweigert wird, was nicht bloß Thiere und Pflanzen zum Leben, sondern sogar unbelebte Wesen zum Dasein brauchen: Der Ort im Raume. Der Intervention von vier Regierungen hat es bedurft, um für einen Trupp von rumänischen Juden folgende Situation zu schaffen: Die Negierung von Canada in Amerika erklärt, dass sie die Leute ohne den Nachweis des Besitzes einer bescheidenen, aber für die Verhältnisse dieser Aermsten der Armen doch unerschwinglichen Summe Geldes — 50 Dollars — nicht in ihr Land einlasse. Die Regierung in Oesterreich hat die Gruppe auf Grund dieser Erklärung von Wien aus an die rumänische Grenze zurückgesandt, und die Reisenden wider Willen befinden sich nunmehr auf ungarischem Boden. Die ungarische Regierung gibt ihnen die Erlaubnis zu einem Aufenthalte von wenigen Tagen, nach deren Ablauf es heißen wird: Hin oder her! Sie will die Lästigen nach Rumänien überstellen, allein die rumänische Regierung erklärt mct der an ihr nunmehr bereits gewohnten Wahrhaftigkeit an einem Tage: dass sie den Ankömmlingen nichts zuleide thun wolle — und am nächsten Tage: dass sie die einmal Ausgewanderten nicht wieder einlasse. - Es gibt also in Europa dreihundert Menschen, denen durch dieses Zusammentreffen der Umstände nicht bloß jede Heimat fehlt, sondern auch die Möglichkeit benonnimt ist, eine solche zu e r w e r b e n. Wir drängen mit Absicht jedes Wort des Mitleides und jede Andeutung der Antheilnahme zurück. Nicht dasjenige, was an dieser Massendelogierung das Herz bewegen könnte, soll hier erörtert werden, sondern bloß von der völkerrechtlichen Anomalie dieses Zu st an des, sowie von den Personen und den Verhältnissen, die ihn geschaffen haben oder entstehen ließen, soll gesprochen werden. Es liegt nämlich thatsächlich ein Fall vor, der im Völkerrechte noch nicht vorgekommen ist, und für den die rechtlichen Bestimmungen der europäischen Staaten eben darum, weil er ganz neu ist, keinerlei Lösung zeigen. Diese dreihundert Juden hat sich die Geschichte ausgesucht, um an ihnen ein neues Problem zu demonstrieren und den Politikern und Juristen ein Räthscl vorzulegen, an dem die Theoretiker ihre Köpfe zerbrechen könnten, wenn nicht hartgefrorener Erde auf den Sarg, dann folgten einige hurtige Schläge mit den Spaten, und nach einer Weile zeigte nur noch ein kleiner frischgeschanfelter Hügel von Baldygas Existenz auf dieser Erde. Doch nicht lange dauert's, kaum einige Monate. Es kommt der Frühling und die von der Sonne erwärmte Erde thaut auf, wird mit dem Boden gleich, Gras und Unkraut wachsen darauf. Nach einem oder zwei Jahren sterben die Zeugen des Begräbnisses aus oder verstreuen sich in der weiten Welt — und dann mag einen auch die eigene Mutter suchen, sie findet ihn nicht mehr auf der Erde! Doch hier sucht niemand einen Verstorbenen auf, nicht einmal ein Hund bellt ihm nach .. . Das wusste Baldyga, das wussten wir auch, und schweigend gieng ein jeder nachhause. -i- * Am folgenden Tage wurde der Frost noch stärker. Auf der entgegengesetzten Seite der Straße, wo ich wohnte, konnte man kein einziges Gebäude wahrnehmen. Ein dichter Nebel von Schneekrystallen hieng gleich einer Wolke zur Erde nieder. Hinter diesem Nebelschleier blickte die Sonne nicht mehr hervor. Aber obgleich auf der Straße keine lebendige Seele zu sehen war, brachte doch die durch die ungeheure Kälte stark verdichtete Luft zu meinen Ohren bald die metallischen Klänge des knisternden Schnees, bald das Krachen der in den Wänden der Hällser platzenden dicken Balken, bald den wie ein Stöhnen klingenden, wehmüthigen Gesang eines Jakuten. Offenbar brechen jene fürchterlichen jakutischen Fröste heran, mit denen verglichen der grausamste Polarwinter nur ein Kinderspiel ist, dem gegenüber den Menschen eine unaussprechliche Angst beschleicht und jeder lebendige Organismus, seine völlige Ohnmacht fühlend, sich zusammenkauert und zusammenschrumpft, wie ein von der Meute gehetztes Wild, welches wohl weiß, dass aller Kampf