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Jüdisches Volksblatt · 1900-07-27 · 30 (27.7.1900) · page 1

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
2 (1900)
Issue
30 (27.7.1900)
Date
1900-07-27
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Krdarlion: VII1/1, Sch lötzrlg aste 11. Sprechstunden r An Wochentagen von 10 bis is Uhr Vonnittags,- an Lonntagen von 11 bis 12 Uhr vorniittags. Postadresse: Jüdisches Volksblatt, Wien, Vlll|l. Veschwerbrn wegen vershiiteter oder gar nicht erfolgter Anstellung erbitten wir uns dringend. — Manuscridte werden nicht zuruikgestellt« Postsparcafsen-Conto 847037. In daS Abonnement kann man täglich eintreten. ♦---+ Erscheint jeden Freitag unter Mitwirkung der vom jüdischen Volksvcrein erwählten Prrssrommifüou. Inserate übernehmen die Firmen: I. Danneberg, M. Dukes. Haascn> stein A Vogler, Rudolf Moste, A. Oppclik, M. Pozsonyi, A. Schalek in Wien, ferner alle Annonccn-Expeditionen im Auslande. Einzel-Nummer in Wie« I« Heller. Ur. 30 Wien. 27. I«li 1900. Kdnümstralimi: VIII/1, Schlotzelgstise 11. Abounementspreis: Für Wien u. Oefterreich-llngarn sammt Franeozustclliing. Für das gesummte NlnSland fammt Francozustellung. Kr. 8.- S>uazjähr>g albjährig Hertcljährig Ganzjährig Halbjährig Vierteljährig Kr. 4.50 S.S5 II. Jahrgang. ^er Bankerott des Systems. Die Cultusgemeinde und deren Leiter sind derzeit in gewisser Hinsicht mit der österreichischen Regierung und deren Präsidenten zu vergleichen. Beiden liegen Fragen vor, deren Lösung eine Lebensbedingung für die von ihnen gelenkten Corporatiouen bilden. Und angesichts der Schwierigkeiten, die sich vor ihnen austhürmen, thun beide das Gleiche, um der Zwickmühle zu entkommen: Sie fahren nach Ischl. Aber selbst wenn das für ein paar Herren des Vorstandes bloß figürlich gilt, so wird man doch die zur Bekämpfung der gegenwärtigen Krisen im Judenthum getroffenen Vorkehrungen der Cultusgemeinde als die wahre Sommerfrischen-Politik bezeichnen dürfen. Es ist die wahre Ferialarbeit, die jede „Erledigung" als eine Gnade angesehen wissen will: ut. aliquicl factum esse videatur. Nur in einem bedeutenden Momente unterscheidet sich die Regierung der Wiener Judenschaft von jeder anderen. Der Vorstand der Wiener Cultusgemeinde hat ungestraft erklären können, dass er aus dem Labyrinth der zur Lösung stehenden Fragen einen Ausweg nicht wisse: für jede andere Repräsentanz müsste ein solches Geständnis die gleichzeitige Demission bedeuten. A bz u d a n k e n ist die einzige Pflicht einer Regierung, die sich zur Führung der Geschäfte nicht stark genug sieht. Und die Kaufleute im Vorstande wissen sehr gut, dass das Offenbarwerden des Passivstandes die Verpflichtung schafft, sich von der Leitung eines Unternehmens zurückzuziehen. Zwei Passivposten sind es insbesondere, die auf dem Conto der Cultusgemeinde stehen und nicht leicht durch noch so große Activen ausgeglichen werden können. Die große Krise des Judenthums setzt sich, wie jeder halbwegs Kundige sehr gut weiß, aus zwei Faetoren zusammen: Ein Theil der Judenschaft geht wirtschaftlich zugrunde, und ein anderer Theil geht durch die Gleichgiltigkeit gegenüber allem, was „jüdisch" heißt, seinem Volke verloren. Die beiden Erscheinungen, die hier abstract und allgemein bezeichnet wurden, werden concret in zwei Vorgängen sichtbar, die zugleich den Höhepunkt der jüdischen Krisis bilden: aus der einen Seite in der Verarmung der Juden bis zum Zusammenbruch mit allen seinen Folgen, aus der anderen Seite in dem Abfall — der Taufe. Die Wiener Cultusgemeinde hat nun erklärt, dass sie sowohl dem einen wie dem anderen Hebel machtlos gegenübersiehe, und hier sollen nun ohne jeden Ueberschwang und mit möglichster Vermeidung von Conclusionen. die ja immerhin ein persönliches oder parteimäßiges Ge- Von Jozef Israels. — — Ganz das Gegeutheil von dem Gedränge und den Belästigungen des Marktes war die Umgebung, sobald wir die Höhe hinter uns hatten. Mir warmen, hellen Wölkchen durchwebt war der weite, hohe Himmel; wohlriechend kam uns der Dust von Pflanzen und Blumen, die hier mannigfach im Felde und längs dem Wege wuchsen, entgegen; die ganze Landschaft war blumig, und obwohl es weiche und sandige Pfade waren, waren die Wege doch nicht steil und lästig. Ueberall Aloes mit scharf gezackten Blättern, Cacteeu mit ihren gekrümmten Armen, dazwischen rothe und gelbe Rosen. Das wächst alles durch den grauen Steingrund bin. und man braucht kein Maler zu sein, um bei dieser Erinnerung ein Gemälde vor sich zu sehen, sonnig, frisch und verführerisch. „Ist das nun das dunkle Afrika?" dachte ich. Mir war es, als ob ich hier eine stille Melodie klingen Hörle, ein Gemälde, schön von Linien und Farben. So ritt ich in Entzücken auf meinein geduldigen Langohr durch stille, kleine Ortschaften, wo viele Kinder, braun und nackt, sich auf dem Wege wälzten. Männer und Frauen, die mit Handwerk beschäftigt waren oder mit beladenen Maulthieren langsam den Weg entlang kamen oder Schafe und Ziegen nach ihren Ställen trieben, erzväterlich von Charakter. Alles beschien die kräftige Abendsonne, breite Schatten über die Thäler werfend und glänzend in dem Smaragdgrün der Wälder, in denen Vögel saugen. Wir hörten die Nachtigall — es begann *) Von unserem berühmten Stammesgenossen, dem großen holländischen Maler I. Israels erschien jüngst eine Reiseerzahlung ..Spanien", (Berlin 1900, Bruno & Paul Cassirer), der wir die folgende Skizze entnehmen. präge zeigen könnten, bloß die beiden Passivposten im Conto der Cultusgemeinde etwas näher specialisiert werden. Am leichtesten lässt sich buchmäßig das Deficit Nachweisen, das dem Judenthum aus den Taufen erwächst. Jeder einzelne Fall ist da eine amtlich beglaubigte Thatfache, und die Sprache der Ziffern ist sehr deutlich. Die beiden Beschlüsse der Cultusgemeinde über diesen Gegenstand zeichnen sich nun besonders dadurch aus, dass sie einander innerlich widersprechen. Denn' wenn man erst durch einen besonderen Nachweis die Gründe für die einzelnen Abfälle suchen soll, wie kann man zugleich Mittel angeben, die der Bewegung entgegenarbeiten? Wer darf ein Medicament verschreiben, ehe er Art und Sitz der Krankheit kennt? Es waren von jeher zwei Gruppen von Täuflingen zu unterscheiden: der einen gehören diejenigen an, welche wegen einer Heirat mit Angehörigen einer nichtjüdischen Religion den Glauben wechseln, und der zweiten diejenigen, welche die Conversion aus wirtschaftlichen Gründen vornehmen. Nun ist es ganz offenbar, dass die Taufe wegen einer Heirat, wenn die Heirat nicht selber eine Geschäftssache ist, bloß die Ueberwindung eines Hindernisses bedeutet, welches sich der Verehelichung zweier verschiedengläubiger Liebesleute entgegenstellt. Und es wäre thöricht zu glauben, dass diese Fälle jemals aus der Welt zu schaffen sein werden. Man vergesse doch nicht, welche Anstrengungen da die katholische Kirche gemacht hat und wie sie dabei vom Staate — auch in Oesterreich, das noch heute die Ehe zwischen Christen und Nichtchristen verbietet — unterstützt wurdv. Noch mehr: nian vergesse die harten Strafen nicht, die das Alterthum auf Missheiraten — zwischen Freien und Sclaven, Vornehmen und Geringen u. s. w. — gesetzt hat, und man wird sehen, dass diese Fälle von einer Erörterung der jüdischen Äbfallsfrage auszuschließen sind. Hier sind nicht jüdische, sondern allgemein menschliche Motive maßgebend. Anders, wenn die Ehe aus materiellen Gründen geschlossen wird. Versorgung oder Gewinn sind da die Hauptmotive zur Taufe, genau so, wie wenn ein Beamter sein Judenthum der Carriere zum Opfer bringe. Der zwingende Grund für die Taufe ist das einemal die ablehnende Haltung gegen jüdische Ehewerber, das anderemal gegen jüdische Amtswerber. Ist nun wirklich gegen dieses Verhalten der christlichen Gesellschaft oder des paritätischen Staates die Vertiefung jüdischer Ethik unter den Juden das richtige Mittel? Was das confessionelle Moment anlangt, ist an dieser Stelle den Herren von competenter rabbinischer Seite Abend zn werden — wir stiegen nach dem Strand hinunter und erreichten Tanger, wie wir angekommen waren, über den bräunlichen Sand durch die Seepforte. Es war mir stets ein Räthsel, wie die Wohnungen hier, diese großen, viereckigen Steinklumpen, von innen aussahen. Mir wurde stets gesagt, dass cs gefährlich sei. dass dort nichts zu sehen sei, und dass man, selbst wenn man die seltsamen Eigenheiten der Bewohner kennt, doch nichts zu sehen bekäme. Eines Morgens spazierte ich allein, mit meinem Stocke bewaffnet, um auf den schmutzigen und holprigen Straßen das Gleichgewicht zu bewahren, als ich eine Pforte oder Eingang sah, in dem eine Frau damit beschäftigt war, aus einem Brunnen Wasser zu schöpfen. Ich wartete einen Augenblick, und als sie fortgegangen war, gieng ich hinein und sah einen hohen, dunklen Raum, in dem sich ein großer, steinerner Brunnen befand, wie er wohl aus den Bildern von Rachel und Lea dargestellt ist. Ein Rad war hoch über dem Brunnen angebracht, woran Seile und ein eiserner Haken hiengen, alles war alt und verwittert, aber es scheint, dass diese Sachen hier besonders lange halten. Als ich mich umsah, bemerkte ich in der anderen Ecke im Dunkel eine Steintreppe, die nach oben führte, natürlich nach den Räumen der Bewohner dieser finsteren Klause. Die Neugierde trieb mich nach oben. Es war sehr dunkel, aber als ich mich ein Stück oberhalb des Brunnens befand, wurden die Stufen schwach erleuchtet durch eine kleine Oeffnung, die sich im Dache befand; ich hörte etwas Schleppendes nach unten kommen, konnte es aber nicht sehen, da ich mich auf einer Wendeltreppe befand. Aber bei der Drehung, die ich nun Hinaufstieg, kam eine Frauengestalt herab. Eine schlanke Frau mit einem großen Kruge im Arme. Als sie mich bemerkte, drehte sie ihr Gesicht nach der Wand, zog hastig das Tuch, das um ihren Kopf gesagt worden, welches Recht sie haben, von anderen Leuten Beobachtung von Ritualvorschriften zuverlangen, die sie selbst nicht halten. Der betreffende Rabbiner hat, wie es sein Amt verlangt, die Einmischung dieser Herren in Tempelsachen ernst genommen. Aber es sei ihnen hier gesagt, dass diese Heuchelei wohl von niemandem, der die Verhältnisse kennt, anders als lächerlich gefunden werden wird. Der Cultusvorstand kann also zur Abwehr der moralischen Ursachen der Taufbewegung nichts thun. Ihre wirtschaftlichen Ursachen aber hängen aufs engste mit der anderen großen Frage des Judenthums zusammen, der materiellen Judennoth, deren schreckliches Kennzeichen derzeit die rumänische Wanderung ist. Das Heilmittel der Cultusgemeinde gegen dieses Hebel bestand in — schönen Worten. Der Präsident hat erklärt: Die Cultusgemeinde als solche kann in dieser Frage nichts thun. Man braucht das bloß zu constatieren: Wo es sich um eine Katastrophe handelt, wo es zum erstenmale wieder seit einer leider nur kurzen Reihe von Jahren heißt: Alle Mann an Bord! — dort erklärt sich die erste Cultusgemeinde des Reiches für bankbrüchig. „DieCultusgemeindealssolche" gesteht, dass in einerLebenssragedes Judenthums ihreMachtund ihrEntschluss gleich Nu l l i st. Gibt es in der ganzen Welt eine öffentliche Organisation, dieauchnur annähernd aufihremeigenstenGebieteeinesohilflose Ohnm acht zeigte? Man denke: Ein staatlich anerkanntes Institut, welches so schwach ist, dass es sich an private Vereinigungen — „Miance Israelite", Verein „Osten" — anlehnen muss! Und so ist es in jeder Frage, die den Umfang des confessionellen Kreises irgendwie überschreitet, sei sie nun politischer oder wirtschaftlick) er oder auch bloß gesellschaftlicher Natur. Daher auch die Ohnmacht in der Tausfrage, in der man mit heuchlerischer Kurzsichtigkeit bloß das confessionelle Moment zu sehen vorgibt. Ob sich wohl einer der Herren, die ihre Ohmacht zugestehen mussten, die Frage vorlegte, wozu nun eigentlich dieser ganze Cultusvorstand auf der Welt sei? Vielleicht hat nun einer auch ein paar Activposten in dieser Rechnung gefunden, in der das Deficit solche Orgien feiert? Ja freilich gibt es eine Bethaus-Section! Aber es hat ja ein Rabbiner hier erklärt, wie hoch er die rein religiöse Wirksamkeit jener Leute einschätzt. hieng, über die Augen, stürzte schnell die Treppe hinunter und zum Thore hinaus. Es war wirklich, als ob es eine Vision gewesen, die in dieser dunklen Umgebung plötzlich an mir vorübergegangen wäre. „Ich ging weiter nach oben und stand am Ende der Treppe, wo sich eine Gardine befand, die sich hin- und herbewegte, und durch deren Oeffnung ich unwillkürlich in den Raum sah und gesehen werden konnte. Ich stand da und wagte mich nicht weiter, nicht wissend, was mir vielleicht passieren tonnte, wenn ich eintrete; doch als ich da unentschlossen stand und nachdachte, hörte ich zu meinem großen Erstaunen rufen: „Ma mewakschego?“ in hebräischer Sprache, die ich kannte, es war eine schwere Männerstimme, die mich fragte: „Was sucht Ihr hier?" Da trat ich ein und sagte meinerseits: „Saloni adonai, salom aliichem, onoughi jehiuli mo eerels I-Iolande.“ (Der Friede des Herrn mit Euch! Ich bin ein Jude aus dem Lande Holland.) „Eerets Hollande,“ rief er, „wo ist das? was bedeutet das?" So gut und so schlecht es gieng. denn stark im Hebräischen war ich durchaus nicht, versuchte ich dem Manne . . . Aber ich muss erzählen, was ich sah, und wer dieser Mamr war. Ich war in einen dunklen Raum eingetreten, erleuchtet durch ein kleines, längliches, horizontal liegendes Fensterchen . . . Grell schien das Licht durch das Viereck und zeichnete sich aus dem Steinslur ab. In der Nähe dieser Oeffnung stand ein langer Tisch mit schiefen Beinen und darüber lag ein großes, welßes Pergament, das beinahe den ganzen Tisch bedeckte und mit einer Rolle nach unten hing. Da saß hinter dem Tisch der jüdische Gesetzschreiber, beide Arme auf das Pergament gestützt, und wandte sein fürstliches Haupt mir zu; dieses Haupt schien viel zu groß für den Körper. Es war ein prächtiges Gesicht, fein und durchsichtig bleich wie Alabaster; Falten,

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