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Jüdisches Volksblatt · 1900-07-20 · 29 (20.7.1900) · page 1

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
2 (1900)
Issue
29 (20.7.1900)
Date
1900-07-20
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Kedartion: VUI/1, SchMrlgaffr 11. Sprechstunden r An Wochenlagen von 1V bis isUhr vonniitagS; an Sonntagen vvu 11 bis 12 Uhr vorniittags. pofladresi«! Jüdisches BolkSblatt, Wien, VIII>1. Vesehwerdkn wegen verspäteter oder gar nicht erfolgter Zustellung erbitten wir nnS dringend. — Mannsrridte werden nicht znrnckgesteNt. Postfparcaflen-Conto 847037. In dar Abonnement kann man täglich eintreten. AHM jede« Freitag unter Mitwirkung der vom jüdischen Volks- Verein erwählten Prefseornmisston. Inserate iibernelimcn die Firmen: I. Damiebcrg, M. DukcS, Hnasenstein & Vogler, Rudolf Mosse, A. Oppclik, M. Pozsonpi, A. Schalck in Wien, ferner alle Annoncen-Expeditionen im Auslande. Ginzel-Nummer in Wien 16 Heller. AdnmüstraUvn: YIII/I, Schlöhelgalfo U Abonnementspreis: Für Wien ». ^csterrcich-Nugarn sammt Franeozustellung. Für das gesainiutc Ansland scuuutt Francop.lstelliing. Ganzjährig Halbjährig Vierteljährig Kr. 8.- " t Dliunulirig . Halbjährig . Vierteljährig Kr. . „ 2.2a Ur. 39 Wren> 20. InLi 1900. II. Jahrgang. Jüdischer Volksverein. (Unser ö st e r r e i ch i s ch e s P r o g r a m m.) An dem denkwürdigen 15. Juli des Jahres 1882, anlässlich der geplanten Constituierung einer Oesterreichischen Volkspartei, präcisierte einer der be st en Söhne unseres Volkes, D r. Adolf F i s ch o f. die politischen Pflichten seiner Parteifreunde folgendermaßen : „Wir wollen bleiben treue Söhne unseres Volkes, unseres ö st e r r e i ch i s ch e n Vaterlandes und unserer Zeit." Diese Worte müssen auch noch in der Gegenwart die Richtschnur aller modernen österreichischen Realpolitiker bilden, denn sie sind die einzige Basis, auf welcher die bereits von Adolf F i s 6) o f geplante Einigung aller politisch und social-fortschrittlich Gesinnten der verschiedenen österreichischen Volksstämme zu einer s o c i a l - ö st e r r e i ch i s ch e n V o l k s p a r t e i sich vollziehen kann.- Der obige Ausspruch Adolf Fischofs enthält aber zugleich in wenigen, aber markigen Worten den Inhalt des österreichischen P r o g r a m m e s unserer j ü d i s ch - v o l k l i ch e n Gruppe. Als Juden haben wir keinerlei Forderungen an die österreichische Gesammtmonarchie, die wir nicht zugleich auch als O e st e r r e i ch e r und als Söhne unserer Zeit fordern müssten: Ungehinderte Entfaltung unseres Volksthums und Glaubensbekenntnisses, ebenso wie das aller übrigen Nationalitäten und Confessionen des Reiches, daher nationale und kirchliche Autonomie. Der beste Kitt eines Staatswesens im gegenwärtigen „socialen Jahrhundert", und besonders des vielsprachigen Oesterreich, bildet aber die m a t e r i e l l e W o h l s a h r t der Gesammtheit seiner Bürger. Speciell die Aufgabe der österreichischen Staatslenker wäre es. Förderer dieser socialen Reform zu sein, damit wieder der österreichische Staatsgedanke Wurzel fasse in der Masse des Volkes und an die Stelle eines fälschlichen christlich-socialen Programmes ein ö st e r r e i ch i s ch - s o c i a l e s trete. Die Wiedergeburt Oesterreichs kann sich nur im Zeichen der Einigung seiner Völker unter dem Banner einer freiheitlichen Socialreform vollziehen. * -i- * Immer und immer wieder werden, insbesondere von christlich-socialer Seite, die Juden als die Apostel der Nationalitätenhetze und als Haupthemmnis jeder wirtschaftlichen Reform, ja sogar der endlichen Consolidierung des österreichischen Staates, bezeichnet, und doch müssen gerade die Juden infolge ihrer e i g e n st e n Lebensinteressen Vorkämpfer des nationalen Friedens und der socialen Reform sein, zumal gerade der nationale Chauvinismus und die wirtschaftliche N o t h Hauptquellen des N a s s e n- und ö k on o m i s ch e n Antisemitismus bilden. Der W a n d l u n g s p r o c e s s, den die Juden ebenso durchgemacht haben, wie alle übrigen Völker, hat einen großen Theil derselben zur Ueberzeugung gebracht, dass sie sich selbst, ebenso wie dein Reiche und allen seinen Völkern, ihren specifischen Interessen und den mit den anderen Völkern gemeinsamen freiheitlichen und wirtschaftlichen Zielen dann am meisten förderlich sind, wenn' sie sich als das bekennen, was sie siiid, als: Juden. Das Product dieses Wandlungsprocesses ist der „Jüdische V o l k s v e r e i n". Er huldigt jenem modernen d e m o k r a t i s ch e n N a t i o n a l i s m u s, der sich nicht in dem Hasse gegen andere Völker offenbart, sondern in der Liebe zu seinem eigenen Volke, nicht in der nationalen Ueberhebung des eigenen Volksthums und Nebertüuchung alles dessen, was sich jüdisch nennt, sondern in der rücksichtslosen Kritik alles dessen, was faul, morsch und veraltet ist und die gedeihliche Entwicklung unserer Volksgenossen hindert. Der „Jüdische Volks verein" erblickt seine Aufgabe in gleicher Weise in der Förderung der ideellen und materiellen Interessen u n s e r e s V o l k e s, die bei uns enger verknüpft sind als bei allen anderen Nationalitäten. Unsere ideellen Aufgaben, die in der P f l e g e unserer nationalen Individualität und Förderung der Zus a m m e n g e h ö r i g k e i t unserer V o l k-s g e n o s s e n gipfeln, sind viel zu enge verwachsen mit jenen großen Volksmassen, die in unendlicher wirtschaftlicher Noth schmachten. Darum muss die nationale Politik des „Jüdischen V o l k s v e r e i n e s" gleichzeitig eine national-sociale, wie eine demokratische Volkspolitik sein. Nachdem der „I ü d i s ch e V o l k s v e r e i n" seinen Wirkungskreis auf Oesterreich beschränkt, und zwar auf Gesammt-Oesterreich, nachdem das Schicksal der österreichischen Juden enge verwachsen ist mit den politischen und socialen Verhältnissen in Oesterreich, so ist es selbstverständlich, dass der „Jüdische V o l k sv er ein", fußend auf einem gesammt-österreichischen Standpunkte, seinen Einfluss nur nach jener Richtung geltend machen muss, in welcher eine B e i l e g u n g d e r b e st e h e n d e n W i r r e n möglich ist. Aus dieser g e s a m m t - ö st e r r e i ch i s ch e it/: national-socialen, demokratischen Volk spolitik des „Jüdischen Volksvereines" ergibt sich, mit Rücksicht auf die gegebenen österreichischen Verhältnisse, logischerweise von selbst: Programm und Taktik: Verfassungsrevision im n a t i o n a l - a u t on o m i st i s ch e n und demokratischen Sinne, genossenschaftliche S o c i a l r e f o r m zur Verbesserung der w i r t s ch a s t l i ch e n L a g e aller physisch und g e i st i g 'Arbeitenden, sowie C o a l i t i o n mit denjenigen Gruppe n aller ö st e r r e i ch i s ch e n N a t i o n a l i t ä t e n, die eben d a s s e l b e P r o g r a m ni v e r t r e t e n u n d j e d w e d e nationale, c o n f e s s i o n e l l e und w i r t s ch a f tl i ch e U nt e r d r ü ck u n g und A u s b e utu n g bekämpfen. Die Juden, die an ihrem Leibe während der langen Diaspora die Unterdrückung in allen diesen drei Formen verspürt haben und verspüren, deren tausendjährige Geschichte nicht ein Kampf um H e r r s ch a f t, sondern ein Kampf um die Existenz und um ihre Freiheit ist, fordern sie voll und ganz für sich, gönnen sie aber voll und ganz auch allen übrigen österreichischen Reichsgenossen, ohne Unterschied der Sprache, des Glaubensbekenntnisses und des B e r u f e s. \ * * * Wenn alle jene Juden in Oesterreich, die hu Sinne des obig citierten Ausspruches Adolf Fischofs sich als treue Söhne ihres Volkes, ihres Vaterlandes und ihrer Zeit betrachten, ihre Consequenzen daraus ziehen, dann müssen sie eintreten in die Reihen des „Jüdischen V o l k s v e r e i n e s", damit derselbe eine mächtige Phalanx bilde gegen alle unsere äußeren und inneren Feinde, eine thatkräftige Organisation für unseres eigenen Volkes Freiheit und Wohlfahrt und für ein auf Völkerfrieden und Völkerfreiheit aufgebautes n a t i o n a l - a u t o n o m i st i s ch e s N e u- O e st e r r e i ch. Die neue rumänische Regierung. Noch nie vorher hat ein rumänischer Regierungswechsel die jüdischen Kreise sonderlich aufgeregt. In dem ewigen Einerlei des Staats-Antisemitismus, dem sämmtliche rumänische Negierungen huldigen, haben sich die Juden gewöhnt, eine jede neue Regierung mit Gleichmnth zu empfangen und nicht ohne eine gewisse Neugier, welche die Thatsache betraf, was denn eigentlich die neue Regierung für neue jndeufeindliche Ma߬ Mm? Julie? purum uicht V (E i n e S k i z z e a n s d e m s ü d a f r k a n i s ch e n Krieg e). -Ein großer Transport von Verwundeten der Fronte — aus Rensburg und auch aus Paardeberg — ist angemeldet und soll um 5 Uhr 30 Minuten im Lager eintreffen. Die Felddienst-Abtheiluug zu Wynberg ist dazu bestinnut, dem Zug bis nach dem eine Meile entfernten Roudebusch entgegen zu gehen. Indessen wird eine Verspätung von drei Stunden augekündigt, und während dieser Zwischenzeit tritt wieder die Ruhe ein, die bei Tagesabschluss gewöhnlich im Lager herrscht. Die Nacht bricht herein und Myriarden vvu Sternen gehen auf. Klar und deutlich heben sich die Umrisse des Table Mountain gegen den Himmelsbvgen ab, auf dem unendlich viele Edelsteine zv glitzern scheinen. Der Mond, der hier die Nacht in Tag verwandelt, ist noch nicht anfgegnngen, und die Zelte verbergen sich unter der herrschenden Finsternis. Nur hie und da taucht flüchtig wie ein Schatten eine Gestalt zwischen den Zelten auf vder zeichnet sich schwarz und riesenhaft gegen das Licht ab, das der halb zngezogene Vorhang eines solchen durchlässt. Das sind die einzigen Lebenszeichen; überall ist Finsternis und Friede. Ein Hornzeichen! Und plötzlich kommt Leben und Bewegung in das Lager; knappe, scharfe Befehle unterbrechen die Stille, Laternen tauchen wie Leuchtkäfer in jeder Richtung auf, und kleine Ordonanz-Abtheilnttgen stehen in Habtacht-Stellnng an der Straße. Zwei Krankenpflegerinnen mit weißen Schürzen und rvthen Kragen befinden sich bei jeder Rotte; gleich daneben steht ein Wundarzt. Stabsvsficiere, Officiere und Corporate nehmen ihre Plätze ein. Einige Soldaten halten ein Blatt blauen Papieres in der Hand, das in Colvnnen eingetheilt und mit Schriftzeichen bedeckt ist. Das ist der Krankenrapport, der voransgeschickt wurde und nähere Angaben über die Männer und ihrer Verwundungen enthält. Andere sitzen an kleinen Tischen, vor ihnen große, geöffnete und beschriebene Bücher. Alles ist bereit. Wenige Augenblicke planmäßiger Vorbereitung — und wieder herrscht Stille, aber diesmal die Stille der Erwartung. Langsam und geräuschlos bewegt sich ein geisterhafter Zug längs der sandigen Landstraße; es sind die Ambulanz- Wagen mit ihrer weißen Ueberdachnng, die nun aus dem Dunkel der Tannen hervortreten. „Halt!" commandiert eine Stimme, und die ganze Reihe steht wie angewurzelt. Vier Ordonnanzen, die bis jetzt kerzengrade an der Vorderfront des Wagens gesessen sind, springen herab und verlieren sich unter den anderen. Die Abtheilnng an der Straße drängt sich an den rückwärtigen Theil des Wagens heran und schaut in die dunkle Höhlung unter dem Dache. Seite an Seite, liegen zwei Körper auf Tragbahren der Länge nach ans dem Boden. Zwei Ordonnanzen fassen die Bahren an den vorspringenden Griffen und rollen sie auf ihren kleinen flachen Rädern halb heraus. Ein Corpora! hält seine Laterne hoch und bemüht sich, zu entziffern, mas auf dem Brettchen steht, welches an einem Ende der Bahre befestigt ist; ein anderer Unterofficicr steht dabei und hält das blaue Papier in der Hand. „Was ist's?" fragt der letztere. „Gloncesters, 1007, verwundeter Kopf," antwortet die eine Ordonnanz. „Gordons, 1001, zerschmetterter Schenkel," sagt die andere. „Gloncesters, vorwärts," erwidert der Unterofficicr, und im Soldatentone fortfahrend — „Schenkel, Zelt 37." Tie Bahren werden zurückgestoßen, die kleinen Manlthiere ziehen an und schwerfällig schwankt der Wagen weiter . . . Beim Zugänge der breiten Allee Nr. 3 Ist eine größere Gruppe versammelt; die Bahren waren schneller ansgelade c worden als man sie in die Zelte schaffen konnte. Auf der Erde liegen fünff formlose, in Tücher gehüllte Gestalten in einer Reihe. Ein Corporal beugt sich tief herab, um die schwachen Stimmen zu vernehmen. Er notiert die einzelnen Punkte ans seinem Papier, während zwei andere in ihr Buch auf dem Tische Einzeichnungen machen. Der Wind bläst eisig über die Ebene und von Paardeberg nach Capstadt bei Modder ist eine Reise von mindestens fünf Tagen. Es machte einen peinlichen Eindruck, dass Wunden unverbunden bleiben, und ich dachte bei mir, dass man mit den meisten der genaueren Aufzeichnungen hätte warten können, bis der Verletzte behaglich in seinem Zelte nntergebracht worden ist. Die Stimme im militärischen Tonfall wirkt unangenehm. Der Corporal wendet sich ohne Zögern an die erste der fünf hingestreckten Gestalten. „Zuname?" „Ich entsinne mich seiner nicht mehr." „Vorname — vollständig?" „Benjamin." „Regiment?" „Kitchener-Cavallerie." „Kitchener-Cavallerie? Auch die schon im Treffen! Und wenigstens einer von ihnen, der znrückgekommen ist!" Unter Tücherschwenken und mit thränenüberströmten Gesichtern sind sie ansgezogen. Biele Brüder und Söhne hat die Berölkernng von Capstadt für dieses letzte Gefecht geopfert. „Art der Verwundung?" „Rechtes Bein, linkes Auge," die Stimme ist eintönig. „Relegivn 7" Die Antwort besteht in einer einzigen Silbe, einem Worte, hier von ungewohntem Klange. Selbst der Corporal wiederholt es fragend, und die Gruppe geräth in kurze Bewegung. „Jud"?" (Jew). „Jnd'," bestätigt die leise Stimme, aber nun etwas

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