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Jüdisches Volksblatt · 1900-07-13 · 28 (13.7.1900) · p. Seite 6

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
2 (1900)
Issue
28 (13.7.1900)
Date
1900-07-13
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 13. Juli 1900 Nr. 28 vorliegt. Diese letzte Version gründet sich auf die weit verbreitete Erzählung, dass ein jüdisches Synedrion über Winter zu Gericht gesessen und ihn wegen Verführung eines oder mehrerer jüdischer Mädchen zum Tode verurtheilt und hingerichtet habe. Dieser Wahnwitz, diese tolle Ausgeburt des Aberglaubens und der Phantasie schechter Colportageromane wird geglaubt. Dafür steht und fällt Könitz. Man hält die Verbreitung dieser unsinnigen Fabeln so lange für unmöglich, als man nicht den Glöß'schen Bilderbogen „Das Blutgeheimnis" in der Hand gehabt hat, der großen Absatz in der Gegend findet. Ans diesem Bilderbogen ist'deutlich zu sehen, wie es die Juden treiben. Der Mittelpunkt des in dunklem Brandroth gedruckten Bogens ist eine große Zeichnung, die einen sänlengetragenen Saal, wohl im Hause des Oberrabbiners der ganzen Judenheit darstellt. Besagter Rabbiner sitzt mit einem furchtbaren Schächtmesser in der einen und mit einem Fläschchen Blut in der anderen Hand an einem Tische, auf dem sich eine ganze Sammlung derartiger Flaschen mit Zetteln, die den Ursprungsort nennen, befindet. Er weiht einen „Bocher", der zu seinen Fußen sitzt, in die großen Mysterien ein, die durch ein am Boden liegendes, mit dem obligaten Schächtschnitte versehenes todtes Christenkind verdeutlicht siird. In der einen Ecke steht der Schutzheilige aller Juden, Gotchvld Ephraim Lessing, auf einem Postamente und sieht sich die Sache mit zufriedenem Lächeln mit an. Ais Symbol für die jüdische Geldmacht steht rechts eine offene Edelsteinlade, die als „Depot der Fürsten" bezeichnet wird, die den „Socialdemokratischen Fonds" enthält. Einlge Bücher stehen und liegen umher, auf deren Rücken man „Talmud" und „Schulchan Aruch" lesen kann, und an der Wand hängt eine „Proseriptionsliste der Antisemiten"; als erster steht noch Ahlwardt neben Stöcker darauf, während Bruhn und Liebermann von Sounenberg gar nicht genannt sind. Das ist der einzige Fehler in dem sinnreichen Bilde, das von züge dieses Mannes des Breiteren auseinanderzusehen. Dagegen benahm sich dieser selbst mit einer gewissen Bescheidenheit und Zurückhaltung, dass Marie nur in seltenen Augenblicken, wenn sie ihn unbemerkt beobachtete, an der Glut seiner Blicke gewahrte, dass seine Gefühle für sie noch unverändert seien. Aber noch von einer anderen Seite drohte dem jungen Mädchen eine Gefahr. Graf Leieester war nach und nach ganz von ihr bezaubert, und so sehr er sich vor dem Hofe, besonders vor der Königin, den höchsten Zwang anlegen musste, fand er doch Gelegenheit genug, sich Marien zu nähern, und bald ohne Scheu ihr die Erklärung seiner Liebe zuzuflüstein. Sie erschrak, denn sie kannte den mächtigen Einfluss, den' dieser Günstling besaß, und fühlte die Schlauheit seines Geistes heraus, mit welcher er seine Zwecke zu verfolgen und seine Gegner zu verderben wusste. Aber mit feinem Takle verstand sie es, seine Werbungen in dem Tone der Courtoisie aufzunelnnen, der am Hofe Elisabeths im Großen und Kleinen vorherrschte, und in diesem Tone zu antworten, so dass der Ernst stets im Gewände das Scherzes erschien, und der Graf es nicht vermochte, aus den Grenzen dieses in das Gebiet jenes hinüberzukommen. Elisabeth kannte aus den Mittheilungen des Herzogs die Triebfedern wohl, welche in der Seele des jungen Mädchens lebendig waren. Aber sie glaubte, dass diese unter der Einwirkung der königlichen Gnadensonne und unter der Glut der höfischen Feste, des Glanzes undder irdischen Grüßein dem jugendlichen Herzen immer mehr schmelzen und ihre Spannkraft verlieren würden. Da Marie Runes niemals einen Widerwillen gegen die Begleitung des Herzogs verrieth, so hielt sich die Königin bald ihrem Siege nähe. Es sollte jetzt ein Hauplsturm gewagt, und der hohe Sinn des Mädchens in seiner Grundwurzel angegriffen werden. Eines der Hauptvergnügungen, welche einer Liste sämmlrcher Ritualmorde seit dein 13. Jahrhundert und von kleinen Eckbildern umgeben ist, die den Raub von Christenkindern durch Juden und mittelalterliche Judenverbrennungen darstellen. Nur insoferne ist das Mittelalter ein wenig modernisiiert, als man in den Straßen des mittelalterlichen Berlin bereits Firmenschilder, wie „Erster Schuhwaren- Bazar" und „Leihhaus" lesen rann. So hat der Künstler auch für die Schwachen.im Geiste gesorgt. Ich habe diesen Bilderbogen so ausführlich geschildert, weil er mir in seiner Narrheit und Roheit dem geistigen Zustande, in dem sich weite Kreise der Konitzer Bevölkerung befinden, am besten zu entsprechen scheint. Dieser Roheit begegnet man in allen Gesprächen. So ist die Sühneinordkabel auf die Formel gebracht: „Er (Winter) hat die Judenschicksel treife gemacht, und da yaben sie ihn . . ." Folgt die Handbewegung nach der Kehle. Größeren Eindruck noch machte folgende Erzählung unter der Regierung Elisabeths aufgekömmen, die ausgedehnteste Gunst in den höchsten und niedrigsten Kreisen gewonnen und eine schnelle Entwicklung erhalten hatte, war das Schauspiel. Aller Widerstand, welchen diese Kunst bei den zahlreichen Frommen im Lande und darum bei allen Behörden bis in den Geheimen Rath der Königin hinein'gefunden, war vergebens: die .Zahl der Theater, die Menge der Künstler, die Größe der Dichtungen wuchsen von Tag zu Tag, und überstiegen weithin das, was wir m unseren Tagen hiervon besitzen. Schon Heinrich VIII., noch mehr E-isabeth, waren große Freunde der dramatischen Kunst und unter diesem Schuhe gelang es den Schauspielern, ihre vielen und mächtigen Feinde zurückzudrängen. Die Hauptgesellschaft erhielt den Namen „die Schauspieler der Königin" und etablierte sich in Blackfriars, dem ehemaligem Kloster der „schwarzen Brüder". Absichtlich hatte Elisabeth seit dem Eintritte Mariens in den Palast sich und den Hof von dem Theater ferngehalten, während ein jeder dem sungen Mädchen von der eines glücklichen Vaters auf mich: „Vor vier Wochen ist.meine j Herrlichkeit dieses Vergnügens, das ihm ganz unbekannt war. Frau niedergekommen. Na, wir wohnen etwas eng in einem, erzählte, und ihre Neugierde aufs höchste spannte. Jetzt bestimmte alten Hanse. Da sagte unsere Nachbarin, eine Jüdin, die noch gelegentlich zu uns kommt und mit der wir früher freundschaftlich verkehrten, zu meiner Frau, sie solle doch nachmittags in ihren schönen, sonnigen Garten kommen und sich dort erholen. Meine kleine, siebenjährige Tochter hört das mit an, und wissen Sie, was das Kind ruft: In Deinen Garten sollen wir kommen? Nicht wahr, damit Ihr kille kille macht und uns abschlachtet! — Ja, das Kind ist sehr hell für sein Alter." — Es war ein sogenannter Gebildeter, der mir das im behaglichen Tone erzählte — Ich habe es bisher unterlassen, ein Urtheil über den Mord selber zu äußern. Zur Begründung einer festen Ansicht fehlt dem Außenstehenden das Material. Ich neige zu der Vermuthung, dass es sich bei dem Morde um den individuellen Macheact eines beleidigten Gatten oder Vaters handelt, der im Jähzorne den ertappten Liebhaber niederschlug und den Leichnam-zerstückelte,..um die Theile getrennt und unauffällig fortschleppen zu können. Sieht man die Photographie des Gelödteten, so begreift man, dass er Frauen gefallen konnte. .Und er stand ja auch in dem Rufe. Dass die Untersuchung noch zu einem Ergebnisse führen wird, jetzt, wo beinahe vier Monate seit der That vergangen sind, wagt man kaum noch zu hoffen. Die Unterlassungssünden, die in den ersten. Tagen begangen worden sind, können nicht mehr gut gemacht werden. Könitz ist nicht so groß, dass nicht eine gründliche Durchsuchung aller Häuser nach den fehlenden Leichentheilen möglich gewesen wäre. Aber man hatte ja die Packleinwand, in die der obere Theil des Rumpfes eingenäht war- und als man festgestellt hatte, von welchem Schneidermeister sie stammte, glaubte mau schon die Hand auf den Mörder gelegt zu haben. Daneben gieng vom ersten Tage ab die amtliche Untersuchung, ob ein Ritualmord vörliegt. Die Synagoge liegt in unmittelbarer Nähe des Fundortes, also wurde dort geforscht. Aber jeder Gegenstand, der in den Mönchsce geworstn wird, muss in der Nähe der Synagoge gesunden werden, denn sie liegt durch einen später verbrannten und jetzt wieder hergestellten Bretterzaun' getrennt, andem einzigen Zugangsweg von der Stadt aus zum See. Diese ersten Schritte der amtlichen Untersuchung, bei der u. a. auch das Dienstmädchen des Rabbiners gefragt worden sein soll, ob diesem eine solche That zuzutrauen sei, haben die antisemitische Strömung mitgefördert. Seit vielen Wochen beschäftigen sich jetzt Berliner Criminalisten mit der Lösung des Räthsels. Ich wünsche den Herren vollen Erfolg, wundere mich aber doch, wie die Berlerliner Crimiualpolizei in der Provinz eigentlich in den. Ruf gekommen ist, sie könne Cap.italverbrechen entdecken. —. — Ich nehme Abschied von dem Städtchen. Das Scheiden wird einem nicht schwer. Selbst die nicht verwöhnten Officiere sehnen sich nach der Weltstadt Graudenz zurück. Aber sie müssen bleiben und richten sich für längeres Bleiben ein. Die Verheirateten unter ihnen haben ihre Frauen Nachkommen lassen. Ich ,will. nicht undankbar, sein. Ein menschliches Wort nehme ich doch aus Könitz mit. Es steht über dem Eingänge zum jüdischen Träueracker und lautet: „Der Gedanke unserer Nichtigkeit und Vergänglichkeit — das Bild unserer Gleichheit und Brüderlichkeit." In Manneshöhe^ aber war darunter an die Mauer geschrieben: Hepp, Hepp! ' „Vorwärts." Jakob Tirado. Geschichtlicher Roman von Ludwig Philippsohu. (Fortsetzung.) Marie Nun.es erhielt einige schöne Zimmer im königlichen Paläste, welche Elisabeth selbst -bestimmt hatte, nach der Sonnenseite, um es „dem lieben Kinde warm zu machen", mit der Aussicht auf den Park, weil ,,es an Luft und Grün gewöhnt' sei". Es begann nun in der That eine Reihe glänzender Haffeste,. deren Neuheit und Zerstreuung auf die Seele des jungen Mädchens einen unwiderstehlichen Reiz übten. Dadie damalige Zeit das Groteske uud Burleske durchaus uicht verschmähte -und dieses mit dem Erhabenen und Sinnreichen zu verschmelzen geneigt wär und die Träume der'Phantasiein der' Wirklichkeit' dätzustellen sich bemühte, besaß sie. einen' großen Neschthüm in Mannigfaltigkeit und Charakter solcher Feste - ' . Die Einförmigkeit, ivelch"e ül unserer Zelt die Höfe nur dem Ehrgeize erträglich. macht, .rvar verbannt- und alles berufen. Elisabeth einen Tag, an welchem sie das Theater wieder besuchen wollte, und gab dem Dirigenten, dem vielgerühmten Richard Burbadge, den Befehle, ein Stück aufzuführen, welches vor einem Jahre zum' erstenmale dargestellt worden und ein 'außerordentliches Aufsehen gemacht hätte. Verfasst war es von einem jungen Schauspieler namens Shakespeare, der sich bereits als Dramendichter des größten Beifalles und Ruhmes erfreute. Marie Nunes war sehr aufgeregt. Man hatte ihr das Schauspiel nicht bloß als eine glänzende Kunst gerühmt,, welche die Einbildungskraft- und das' Gemüth in die tiefste Bewegung zu setzen und mit den großartigsten Bildern zu beschäftigen vermöge, sondern auch als eine: edle Anstalt der Bildung und Gesittung, auf welche das Jahrhundert stolz sein könne. Nachmittags drei Uhr sollte, das Schauspiel beginnen. Die Königin begab sich zu Wagen.in-Begleitung-ihres Hvses dahin, und zum Erstaunen aller befahl sie, dass Mgrie .Flunes an ihrer Seite' Platz nehmen solle, indem sie hinzufügte, sie wolle ihrem Volke den Anblick der Schönheit neben der Majestät nicht vorenthalten. In der That verdiente Marie Nunes an diesem Tage diese Bezeichnung in vollem Maße, denn die Erwartung und diese ungeahnte Ehre strahlten umsomehr von ihren rosigen Wangen, ihrem holvlächelnden Munde, ihren glänzenden blauen Augen. Sie langtenan. Wie die Königin in den großen, hochgewölbten Saal' und. in ihre prächtig decorierte Lage trat, bliesen die Musiker, welche sich auf einer Tribüne der Scene gegenüber befanden, schmetternde Fanfaren, die Vornehmen und Reichenibelche auf Stühlen im Parterre saßen, erhoben sich, und das übrige zahlreiche Publicum rief ihr „Gott segne die Königin" mit unendlichem Jubel zu. Dann trat die feierlichste Stille ein, die von dem Lärmen umsomehr abstach, welches die Menge vor d.er Ankunft der Majestät sich ungescheut erlaubte. Marie hatte einen Sitz hinter der Königin erhalten, von welchen! aus sie bequem alles.', übersah und von . allen.-gesehen ward. Die königliche Loge war das Ziel aller Blicke. Da rollte der Vorhang auf, und ein unwillkürliches Ah! fuhr durch die Versammlung. Man hatte bis dahin sich mit einer höchst kärglichen Scenerie begnügt; von beweglichen Decorationen noch nichts gewusst; die unansehnlichsten Andeutungen inussten der Einbildungskraft hlnreichen, Ort und Zeit den Zuschauern vorzuführen;, die Kunst der Schauspieler war allein berufen, alle diese Lücken auszufüllen und den Geist der Zuschauer zu beschäftigen, Diesmal war es anders geworden. Der.ganze Hintergrund war von einem großen Bilde, ausgefüllt, welches den Marktplatz, die. Paläste, eine gewaltige Kirche einer großen Stadt darstellte, und vor welchem z'vei riesige Löwen als Steingebilde ruhten. Die Schönheit... und Mannigfaltigkeit dessen, was auf diesem Bilde zu schauen war, und das man an diesem Orte zu erblicken niemals erwartet hatte, entlockte allen Anwesenden den Ausruf der Bewunderung. - Wie gewöhnlich stand an der linken Seite eine schwarze, hölzerne Tafel, auf welcher diesmal das Wort „Venedig" zu lesen war. Jetzt erhob sich das Publicum von neuem und rief der Königin ein donnerndes „Dank" zu. In diesem Augenblicke aber betraten die Schauspieler die Bühne, und -sofort legten sich die Wellen der aufgeregten Masse. Ein Mann tri.t auf, von mehreren Genossen umgeben, ekh reicher Kaufmann von Venedig', dessen Schiffe, mit kostbaren Wärest beladen, alle Meere befahren, edel, großmüthig, freigebig und doch von tiefer. Schwermuth. beherrscht-. Er selbst kennt' deren Grund nicht, und seine Genossen mühen sich vergebens, sie zu zerstreuen. Nicht Habgier, noch irgend eine Leidenschaft ist ihre Ursache. Ihm naht ein Freund, dem er überaus zugcthan ist, und bittet um seinen Beistand. In nicht ftrner Stadt wohnt ein schönes, tugendhaftes, reiches Mädchen,-vpn-vielen hochgestellten Freiern umworben. Ihr Vater hat in seinem Testamente ihre Hand an dje Lösung eines Räthsels geknüpft, weil nur ein hochgesinntertiefblickender Geist diese Lösung zu bewerkstelligen vermag. Diesem Mädchen gehört das. ganze Herz des Freundes, und er weiß, dass auch sie ihm ihre Neigung zügewandt. Er will daher unter den Bewerbern um ihre Hand erscheinen; um aber dies dem Range und den andern Freiern gemäß thun zu können, .bedarf. er . der Mittel, die ihm fehlen. Ties steht er schon in Schuld hei dem Kaufherrn, aber er ruft noch einmal dessen Freundschass an, ihm zu jenem Zwecke dreitausend/Dueaten zu leihen. Jener geht mit Frauengestalten, Herrin und Dienerin, herein, von denen die erste jenes vielumworbene Mädchen ist. Im leichten, üppigen Geplauder spottet sie, ihrer Dienerin gegenüber, über ihre Freier, die sie mit überströmender Laune kennzeichnet, und verräth dabei in zartester Weise ihr tiefes Gefühl für jenen Benetianer, den sie bis jetzt vergeblich unter ihren Bewerbern erwartet hat. Alles dies ward lu so drolliger, pikanter und geistreicher Weise dargestellt, dass Marre immer entzückter, immer gespannter wurde. Wer konnte diese edlen Männer, diese lieblichen Frauen nicht lieben? Wer ihnen nicht die volle Sympathie des Herzens entgegentragen? Die Augen Mariens glänzten vor Befriedigung, viel zu wenig hatte man ihr von der Herrlichkeit dieser Kunst gesagt, die so viele Tiefen der Menschenseele aufdeckte, sie auf so umleuchtete Höhen hinaufhob — die Königin, die dann und wann einen Blick auf ihren schönen Schützling warf, sah ihr Werk bis jetzt gelungen. Die Erwartungen Mariens waren immer höher gespannt, alle Triebfedern ihrer reichen Seele spielten, um aufzunehmen, was ihr geboten ward. Die dritte Scene versetzte die Zuschauer an den Ort der ersten. Bassanio, jener Freund des Kaufherrn, hat einen Mann gefunden, der die erfordexliche Summe vorzustrecken imstande ist. Im Gespräche miteinander treten beide auf. Aber was für ein Mann! Ein schmutzigen, niedriger Geizhals, der einen tiefen Hass gegen den Kaufherrn Antonio im Herzen birgt. Und er hat Ursache dazu. Antonio hat ihn beschimpft, getreten, augespieen vor allem Volke; er hat das Gewerbe des Mannes als schändlichen Wucher gebrandmarkt; noch mehr, er verleiht Geld, große Summen, ohne jemals Zins zu nehmen, und hat dem Wucherer dadurch großen Schaden verursacht. Dieser Hass ist noch allgemeinerer Natur, denn Shylock hasst alle Christen, wie sie „sein auserwähltes Volk" hassen. Shylock ist ein Jude. Antonio selbst erscheint, und der Streit zwischen beiden bricht alsbald aus, und jeder wirft dein anderen die Gründe seines Hasses vor. Aber Shylock will auch großmüthig sein, will die dreitausend Dueaten hergeben, will keinen Zins haben, aber Antonio soll einen Schein unterschreiben, dass, wenn am Verfallstage das Geld nicht zurückgezahlt worden ist, Shylock das Recht haben solle — ein Pfund Fleisch aus dem Körper des Kaufmannes herailszuschneiden. Antonio geht lachend darauf ein, er nimmt es als Scherz, und weiß, dass er lange vor der Zeit das Geld zurückzuzahlen vermöge. Aber sein Feind weiß es besser; er rechnet aus die Unsicherheit des Meeres, auf die Gefahren, die draußen auf die Güter der Menschen lauern. So endete der erste. Act. Wie wenn plötzlich ein eisiger Nordwind mitten in die erhitzte Sommerluft dringt oder unerwartet ein kalter Wasserstrom auf das glühende Antlitz stürzt: so wirkte diese letzte Scene aus die eregte Seele Marie Nunes'. Alle Poren ihres Geistes waren geöffnet, uin den entzückenden Odem dieser Kunst einzusaugen — und nun der Pesthauch einer solchen Persönlichkeit, eines solchen Charakters, eines solchen Ausbruches der scheußlichsten Leidenschaft. Und dies sollte — ein Jude sein, ein Repräsentant ihres Stammes, ein Träger des Glaubens, dem sich ihre ganze Seele zngewandt, für den sie ihr Leben, ihre Stellung, ihre Eltern eingesetzt hat, zu welchem sich zu bekennen sie die Gefahren nächtlicher Flucht und weiter See- und Irrfahrten auf sich genommen. Kalte Schauer rieselten durch ihre Glieder, ein Krampf schnürte ihr die Kehle zu. . . Doch in den Zwischenpausen, bis der zweite Act begonnen, und unter dem brausenden Geräusch, das voin Publicum aus die Pause füllte, kam sie zur Ueberlegung. Kann dies nicht wirtlich ein Scherz sein? Oder wird nicht neben diesem entarteten Sohne ihres Stammes ein anderer, würdiger Vertreter desselben erscheinen? Sie wartete des Kommenden. Die heiteren, launigen Scenen, die jetzt folgten, erfreuten sie nicht! mehr, wie vorher; sie kamen ihr schon etwas schal und gesuchtj vor. Es -traf sie-wenig, dass der Diener des Judest erschien und bald diesen, bald jenen Hieb. aus den abwesenden Herrn führte.' Jetzt aber trat die Tochter des. Juden auf und gibt einen Liebeshandel zu erkennen, den sie heimlich mit einem lustigen Gesellen, einem Christen, hat, an den sie durch den Diener einen Brief bestellen lässt, in welchem die Verabredung, sie zu entführen, getroffen wird. Sie will ihrem Vater entlaufen und Christin werdend In einem Gespräche mit dem Vater regt sich in dem Mädchen auch nicht die geringste Gewissensunruhe; als er gegangen, ruft sie ihm herzlos nach: „Lebt wohl! Und ist das Glück nicht gegen mich' verschworen, Hab' einen Vater ich und Ihr ein Kind verloren!"/ Die Entführung geht vor sich; aber das Mädchen geht nicht allein, sie nimmt ein Kästchen mit den kostbarsten Edelsteinen, Ringe, Beutel und Dueaten mit sich — und dies alles, indem sie sich doch überaus schämt, Pagenkleider anzuziehen, welche-die Flucht ermöglichen sollen.- Ja, unter deu von ihr gestohlenen Dingen befindet sich selbst der Verlobnngsring ihres Vaters mit ihrer-Mutter, und diesen gibt sie später hin, um — einen Affen dafür zu erkaufen! Und trotzdem wird sie als tugendhaft, treu und.liebenswürdig geschildert! Marie war entrüstet, empört, voll Ingrimms, wie ihn. ihre reine Seele noch niemals empfunden. Sie fühlte, hier galt, es keine Charakteristik, nicht einmal eine Caricatur ihres Volkes — hier war das volle, bewusste - Streben, alle Glieder, ihres Stammes in dem Lichte gemeiner, scheußlicher Ungeheuer darzustellen, alle Momente ihres Lebens in das Gemeine und Abscheuliche zu kehren und so Hass und-Porurtheil gegen sie mit Verachtung und unbeschränkter Schmach zu paaren und zu rechtfertigen. Wie? Auch jenes glänzende Kleinod am Haupte Israels wollte man mit frevelhafter Hand loßreißen, die unantastbare Familienliebe, das reine Familienglück? Auch dieses wollte man in den Staub treten,.mtt Koth besudeln? . . . Der Genius der Kunst, der sich ' ihrem edlen und begabten Sinne zu offenbaren begonnen, verhüllte sich ihr"schnell in die Trauergelvänder ge meiner, menschlicher Leidenschaft. Das sollte der Ort sein, »v^ Bildung und Gesittung, Läuterung und Veredelung das Bol ergreifen und umschaffen sollten — während mal» alle Kraft de- Genius nur dem wüsten Hasse, der Verleugnung aller Wahrheit dem gröbsten Unrechte dienstvär machte? . . . So einpfaud Mark Nünes. Ihr Herzklopfte, ihre Pulse schlugen fieberhaft, ihr Athen ward heiß, ein kalter Schweiß san,mette sich auf ihrer Stirn« und' in ihren Händen; -sie lehnte sich in ihren Sessel zurück uni schlug die Augen nieder. Elisabeth betrachtete sie. Sie sah sß ergriffen, erschüttert, und/ glaubte vergnügt, gesiegt zu haben Wer sieht in.die/Seele des.Menschen.hinein, und gewährt, was darin vorgeht? . , . . Was Noch, weiter geschah und gesprochen ward, wa, Marien so gleichgültig, dass sie es kaum bemerkte. Rur die Scenen welche den eigentlichen Gegenstand des Stückes betrafen, fesselte, ihren Aütheil und regten ihre Geister umsomehr, aus. Der Spotl und Höhn, mit dem der über den Verlnst seiner Tochter und so vieteMKostbarkeilen jammernde Batep überschüttet warddir Herzlosigkeit eines anderen Juden, der noch austritt, bestärkte« sie in ihrer Meinung. Jetzt kamen die Hauptscenen des Dramas E 7A Jcha iolei Pecs thäti IIv III *1/1 vlllWllyt i^v^l lltlllvll Ulv «yVII4^/l>J vvllvll vvv «vlUUIUvi \§ Antonio hat alles verloren; er kann die geliehene Summe nich! MBl zurückerstatten; der Verfalltag ist vorüber. Der Jude lässt Antoni« -— Freude» darauf ein, da er aber durch die Ausrüstung mehrerer Schiffe, die auf dem Vteere schwimmenim Augeublicke eine so hohe Sunune nicht besitzt, sendet er den Freund aus, sie aus seinen Namen und seine Bürgschaft irgendwo zu erheben. — Durs war die erste Seener MarieHiNnes* täuschte ihr ihrt' voller Seele. Die verhaften; alle Einwendungen-. Schmeicheleien und Drohungen Pas Anerbieten Bassanios, aus den Mitteln seiner Braut di! Sunime dreifach zu zahlen, die Verwendungen des Dogen uni sindvergebest»- Shylock will das Pfünd Fleisch was Vergnügen und Interesse zu wecken befähigt war. Marie Nynes 6ab sich dieseck Ström? 'ni,t kindlichem Entzücken .hin. Allerdings? Schönheit der Sprache, wer Wohlkl-ang der Versedie Fülle reicher' «muhte sich Elisabeth gar nicht, die Absichtlichkeit zu verbergen, Gedanken. un.d -scharfsi,mig,«»iBemerku»geN/.!welche---gehoben durch mtt welcher sie" VeV Letzög hon Devonjhire bei allen diesen die vollendete Kunst der Schauspieler in Vortrag und Geberde- Festen zum" Partner Mätittis 'Mächte', 'Und 'sie-verschmähte es einen steigenden Zauber übten, "rissen ihre unbefangene, sogar nicht, wenn sie mit Marien sich unterhielt, ihr die Borjugendliche Seele hin. Die zweite Scene führte zwei liebliche1 der Senatoren vom Herzen Antonios gelöst. Die Gerichtsscene geht vor "sich i> all ihrer widerwärtigen Peinlichkeit, »Nit all der unerschütterliche, Hartnäckigkeit-mit. wellher der Jude aus. seinem. Rechte besteht - dis da» juridische Räthsel -durch einen juridischen Witz gelös! ward: das Mund-Fleisch mag. er nehmen, qher für jeden dabei vergossenen TrövfeN BlüteS' und jede Faser Fleisch »nehr ode> weniger als ein Pfund müsse -er mit dem Leben büßen. (Fortsetzung folgt.) 6, IN )l Ea S

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