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Jüdisches Volksblatt · 1900-07-13 · 28 (13.7.1900) · page 1

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
2 (1900)
Issue
28 (13.7.1900)
Date
1900-07-13
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Lrdarlion: TUI/1, Schlötzelgaflo 11. Sprechstunde« r Tn Woibentagen von 10 bi» iSNHr vormittags; an Sonntagen von 11 bis 12 Uhr vormittags, pofiadreffe: Jüdisches «olkSblatt, Wie», Vlll|l. Vrschwrrdrn wegm verspäteter oder gar nicht erfolgter Zustellung erbitten wir uns dringend. — Mannfcrtdte werde« nicht zuruckgestellt. Postsparcafsen-Tonto 8*7037. In das Abonnement kann man täglich eintreten. Erscheint jeden Freitag unter Mitwirkung der vom jüdischen Volksverein erwählten Pressrommisston. Inserate übernehmen die Firmen: I. Danneberg» M. DukeS, Haasenstein & Bögler, Rudolf Moste, H. Oppelik, M. Pozsonyi, A. Schale! in Wien, ferner alle Annoncen-Expcditionen im AuLlande. Einzel-Nnmmer in Wien IS Heller. Administration: VIII/1, Schlötzelgasse 11 Abonnementspreis: Kür Wien u. Oesterreich-Ungarn sammt Francozustellung. Ganzjährig Halbjährig Vierteljährig Kr. 8.- „ 4- Für daS gesammte Ausland sammt Francozustellung. Ganzjährig . Halbjährig . Vierteljährig Kr. „ 4.8» . ", *35 Pr. 88 Mir«. 13. Anti 1900. II. Jahrgang. Der Madchenraub in Galizien. Die Entführung jüdischer Mädchen hinter die sich nimm eröffnenden Thore der Klöster ist in Galizien zu den täglich vorkommenden Ereignissen geworden. Noch klingt uns da s Klagegeschrei des A r a t e n, dieses unglücklichen Vaters, in den Ohren, der selbst an die allerhöchste Thüre klopfte, und der dennoch bis heute seine Tochter noch nicht zu Gesicht bekommen hat; noch immer hat das Ehepaar Weiß aus Wieliczka, Weißer aus Szuczanik und das Ehepaar Straußberg ihre ins Kloster entführten Töchter nicht sprechen können, — und dazu kommt noch der Raub des Mädchens Blieme Kornreich aus Mala, die in Gegenwart ihrer Mutier und ihrer Schwestern aus dem Elternhause geschleppt und so lange im Hause des Pfarrers verborgen gehalten worden ist, bis man sie unauffällig in ein Kloster stecken konnte, aus welchem sie nimmermehr herauskommen soll. Vergebens pocht der verzweifelte Vater an die Pforten der verschiedenen Behörden, vergebens wendet er sich an die öffentliche Presse, seine Tochter bleibt dort festgehalten, wo »die Macht des Staates aufhört". Wir sind nicht so naiv, hier an die Gerechtigkeit und Humanität zu appellieren, wir wollen auch nicht erwähnen, dass die genannten Fälle Attentate auf Gesetz und Verfassung bilden. Wir wissen ganz gut, dass das Wort Gerechtigkeit bei denen, die die Macht besitzen, eine bloße Phrase ist, eine Luxusphrase, die sich eben auch nur die Starken erlauben dürfen; wir wissen es, dass gegenwärtig mehr denn je Macht vor Recht geht; und wenn der Clericalismus in Oesterreich zur Macht gelangt, da bleiben alle Forderungen, die im Namen des Gesetzes, des Rechtes und der Humanität erhoben werden, bloße Ideale und theilen das Schicksal aller Ideale: nicht verwirklicht zu werden! Unser Ministerpräsident Herr v. Körb er erklärte zwar einer jüdischen Deputation dass er bei concreten Fällen, in denen den Inden irgendwie Unrecht geschehen sollte, energisch einschreiten werde. Aber es scheint, dass ihm all die gewaltsamen Entführungen der Mädchen nicht »concret" genug sind, dass ihm die verzweiflungsoollen Klagen der Väter nicht wichtig genug sind, um sie anzuhören .... Der Schrei der Ohnmächtigen gibt bloß ein schwaches Echo, ihre Thränen bleiben nur kleine Tropfen, die der Wind bald trocknet, die Zeitungsartikel sind bloß bedrucktes Papier, das die neben den Schreibtischen der Minister stehenden Körbe füllt.... Bildende Kunst im Judenthum. Von B. Segel, Berlin, i Schluss.) Betrachtet man die schöne Abbildung der Heiligen Lade mit ihren edlen, ruhigen Formen und ihrem vornehmen Schmucke, so drängt sich die Vermnthung auf, dass dieselbe nach den Entwürfen und Zeichnungen des Schöpfers beider Leuchter gefertigt, oder dass er hierbei zurathe gezogen wurde. Wer war nun dieser Meister? Es hat eine eigene Bewandtnis mit der Feststellung der Urheber der synagogalen Kunstwerke. Ihre Namen sind leider meist verschollen. Baumeister, Metallgießer, Ciseleure, Maler, Schnitzer, Kunststicker dachten nur in den seltensten Fällen daran, ihre Namen der Nachwelt zu überliefern. Diese Eitelkeit war ihnen fremd. Gott wusste ja, was sie waren, was kümmerte es sie, ob die Menschen ihrer gedenken würden? Schon ungleich häufiger haben die Illustratoren der Handschriften für ihren späten Nachruhm gesorgt, indem sie ihren Namenszug, freilich an einer nnmerklichen Stelle der Handschrift setzten. Jene aber übersahen es zu allermeist, ihr Gedächtnis zu verewigen. Daher kommt es, dass man im Zweifel ist, wem man den Anblick so manchen Kunstwerkes zu danken hat, ja häufig ist unbekannt, ob der Künstler Jude oder Christ gewesen ist. Es steht ja ganz außer Zweifel, dass beim Erbauen und Ansschmücken zahlreicher Synagogen christliche Meister thätig waren, aber ebenso sicher ist es, dass weitaus überwiegend hier auf allen Gebieten jüdische Künstler thätig waren. Das bezeugen die zahlreichen Aufzeichnungen in den Gemeindechroniken und sonstigen alten Documenten, wo viele Namen jüdischer Kunsthandwerker erwähnt werden, hie und da auch beiläufig erzählt wird, - dieser oder jener habe dieses oder jenes Gotteshaus erbaut, dieses oder jenes Geräth mit kunstgeübter Hand gefertigt. Diese Angaben sind natürlich zu lückenhaft und zerstreut, als dass sie zum Substrat für genaue Erkundigungen dienen könnte,;. In dem vorliegenden Falle jedoch gelang es Herrn Hersohn,' genaue Kunde über deri Ja, im letzten Falle Kornreich, hat sich sogar die osficielle „Gazeta Lwowska“ veranlasst gefühlt, zu erklären, dass die Blieme „schon als kleines Kind geneigt gewesen ist, vom Judenthum zum Katholieismus zu übertreten", und dass die Bauern des Dorfes bloß behilflich gewesen sind, ihren eigenen Wunsch zu erfüllen. Wir wollen diese Angaben, mit denen das genannte Blatt genau einen Monat, nachdem der Fall sich ereignet hat, heranrückt, nicht auf ihre Wahrheit prüfen; es fällt uns beileibe nicht ein, diese officielle Kundgebung etwa zu kritisieren, denn so naiv sind wir nicht, dass wir glauben sollten, durch Zeitungsartikel die Pforten der Klöster oder die Herzen der herrschenden Beamten öffnen zu können. Wir wollen hier nur eines sagen, und zwar wollen wir dies unseren Brüdern, den Juden sagen. Wenn wir erreichen wollen, dass man unsere Klagen onhören, unseren Forderungen Rechnung tragen soll, dann müssen wir vor allem streben, stark zu werden, eine Macht im Lande zu bilden, und dies können wir nur dann erreichen, wenn wir alle gut organisiert sind. Die Stimme eines einzelnen Mannes verhallt, die Klage eines Einzelnen wird wenig oder gar nicht berücksichtigt. Ganz anders aber wäre es, wenn eine organisierte Judenschaft aus dem ganzen Reiche im Namen des jüdischen Volkes ihre Stimme erheben würde; wenn nicht Araten. Weiß, Weißer oder Kornreich als Väter Klage führen, sondern eine juridische Person in Vertretung der Judenschaft Oesterreichs dies thun würde, dann wüssten die Behörden, dann wüsste die Regierung, dass sie es mit einem großen geschloffenen Theile der Bevölkerung, mit einer Macht zu thun haben. Noch mehr, diese specielle Angelegenheit ist ja keine nationale, sie ist ja xem» religiöser Natur, und als Religions-Genoffenschaft bekennen sich doch selbst die assimilatorisch gesinnten Juden. Im Namen der jüdischen Religion könnten sie daher ja mitsprechen. Der Seelenfang in Galizien wird ausschließlich zu religiösen Zwecken betrieben und bildet ein eclatantes Attentat auf die Religion der Juden — und da sollten nicht alle Juden im Namen ihrer Religion sprechen? Die Angelegenheiten der Mädchenentführungen in Galizien zeigen es am ernstesten, wie nothwendig es wäre, dass sich die Juden organisieren. Sie zeigen es am besten, welches Heil und Segen eine Organisation der Juden sowohl in politischer, ökonomischer, religiöser und auch in familiärer Hinsicht zur Folge hätte. Künstler zu erlangen. Er hieß Baruch und war «us einer fernen Gegend am Anfänge des 16. Jahrhunderts nachPohrebyszcze gekommen, wo er mit dem Ausbessern von Metallgeräthen sich beschäftigte und kümmerlich ernährte. Der Ortspfarrer entdeckte sein Talent und trug ihm mehrere Arbeiten für die Kirche auf. Er aber trug sich mit dem Gedanken, für die Synagoge ein Kunstwerk zu stiften, welches noch die Bewunderung der Nachwelt erregen sollte. Da er viel zu arm war, um sich das hierzu nöthige Material änzuschaffen, so sammelte er in den Häusern, wo er arbeitete, Abfälle von Kupfer und Messing, die sonst nicht mehr zu gebrauchen waren. Daraus fertigte er im Verlaufe von sechs Jahren emsiger Arbeit, der er seine Mußestunden widmete, ohne von jemandem irgendwelche Unterstützung anzunehmen, die beiden Leuchter, die noch heute die Bewunderung der Beschauer erregen. Nach beinahe zwei Jahrhunderten ist der Name des Künstlers, dank dem Bemühungen unseres Forschers, der Vergessenheit entrissen worden. Bekannt ist auch der Name des Erbauers der Synagoge in Lutomiersk^ Er hieß Hillel Benjamin und ' stammte aus Lasko bei Lodsz. Die von ihm zur Zeit der Regierung Stanislaus Augusts erbaute Synagoge ist ein länglicher Bau voll schlichter Anmuth, mit der Front an der Schmalseite, und erinnert mit seinem schönen Fries und seinem Peristil von sechs Holzsäulen mit jonischen Capitälen an ein griechisches Tempelchen. Hier befindet sich auch eine Heilige Lade mit hübschen Schnitzereien und eine aus einer anderen alten Synagoge stammende Almosenbüchse, die einen geschmackvoll stilisierten Löwen, auf einem Piedestal ruhend, darstellt; durch den offenen Rachen warf man die Gaben in die Büchse, das Piedestal trägt die Aufschrift einiger Bibelversc. Den Baumeister dieser Synagoge ereilte ein tragisches Geschick. Er wurde beauftragt, die Synagoge in Zloczow zu erbauen. Als das Gebäude schon beinahe ganz fertig dastand, bestieg der Meister das Gerüst, um die First zu untersuchen; da stürzte er herunter und blieb tobt auf der Stelle. Seine Ueberreste ruhen auf dem jüdischen Friedhofe in Zloczow. --- Das „immerhin" bedauerliche Plus. Eine Angelegenheit der Rechtssection.*) Wirklich bedauerlich, dieses Plus! Denn eine gewisse Durchschnittszahl von Uebert r i t t e n ist j«- selbstverständlich und wohl nicht mehr, nicht 'mal »immerhin" bedauerlich. Das Judenthum ist eine Verwaltungs-Angelegenheit, als solche untersteht es der R e ch t s s e c t t o n, zu den Agenden der Rechtssection gehören aber die Uebertritte, folglich — muss es Uebertritte geben. Folglich! aber wirklich und folglich. Ich will keinen Witz machen, es ist mein voller Ernst. Sie haben das Judenthum zu einer Verwaltungs-Angelegenheit gemacht, die guten Herren,, und jetzt verwundern sie sich über das Plus und finden es sogar „immerhin" bedauerlich. Und die Ursache? Diese ist bei allen modernen Taufen eine und dieselbe. Die Eruierung dieser Ursache ist aber keineA n gelegen heit derRechtssection. Nein, beileibe nicht, und wenn noch mehr Direktoren und Bauräthe darin wären! Wieso man nicht darauf verfallen ist, zur Behandlung dieser Frage wenigstens einen Rabbiner zu cooptieren. Da hätte er, ein wenig Aufrichtigkeit vorausgesetzt, wohl sagen können: Die Ursache der heutigen Taufen liegt in der Hohlheit des modernenAssimilation s-J n d e n t h n m s. Was soll denn die Leute von der Taufe znrückhalten? Was soll sie an das Judenthum fesseln? Man muss tief ins eigene Herz schneiden und der Wahrheit Lust machen: Das moderne israelitische Cultusgemeinde-Judenthum krankt an innerer Verlogenheit, es setzt geradezu einen Preis auf die Heuchelei und schafft in officiell jüdischen Kreisen eine Atmosphäre, in der man nicht ungestraft Athem holt. Nicht Orthodoxie, Fortschritt oder Reform fehlt dem Judenthum; nein, jedes Judenthum ist gut. Dem Judenthum fehlt Wahrheit. Ob eine Cultusgemeinde auf orthodoxer, fortschrittlicher oder äußerst reformierter Grundlage basiert ist, gleichviel, das Judenthum aller Schattierungen besitzt noch die Kraft, seine Bekenner zu begeistern und an sich zu fesseln. Wenn aber in einer Gemeinde das alte traditionelle Judenthum im Gemeinde-Statute de jure besteht, de facto aber religiöse Anarchie herrscht, so führt dies zur Entnervung des *) Von hochbeachtenswerter rabbinischer Seite erhalten wir folgenden Artikel zur Austrittsbewegung. Von den gemauerten Synagogen hat uns Herr Versöhn bisher nur eine vorgeführt, aber es ist dies ein besonders intereffantes Bauwerk. Die Synagoge in L n ck, von der hier die Rede ist, wurde, wie es scheint, im Jahre 1629 vollendet und besteht aus einem hohen, mächtigen Bau im Stile der italienischen Renaissance. An der Schmalseite lehnt ein viereckiger, hochragender Thurm mit Zacken und Oeffnungen und bietet einen Eingang in das Innere. Auf den ersten Blick bekommt man den Eindruck, dass dieser Ban noch anderen als lediglich gottesdienstlichen Zwecken dienen musste. Aber welchen? In den Kronarchiven fand Herr Versöhn das von König Sigismund III. am 5. Mai 1626 den Juden von Luck ertheilte Privilegium, an Stelle der alten, baufälligen Holzsynagoge ein Gotteshaus aufzuführen, und dieses merkwürdige Document enthält des Räthsels Lösung. Das königliche Privileginm erlaubt den Juden von Luck, „an derselben Stelle, wo die jetzige alte Schule steht, eine neue in derselben Größe und Höhe ans Stein aufzuführen", stellt aber »die Bedingung, dass auf dem Gipfel des Hauses eine genügende und bequeme Gelegenheit bereitet werde, nach allen vier Richtungen Waffen gegen den Feind in Bereitschaft zu halten, dass die Juden ferner ein ordentliches Geschütz beschaffen und im Falle der heidnischen Ueberfälle dasselbe durch geeignete Personen aus ihrer Mitte bedienen lassen ..." Unter den „heidnischen Ueberfällen" sind die tartarischen Raubzüge zu verstehen, von welchen in jener Zeit das polnische Reich öfters heimgesucht wurde. Die Synagoge diente also zugleich als Festung, die Inden waren gehalten, auf ihre Kosten ein Geschütz und das dazu nöthige Personal zu stellen, nur zur Bertheidigung der Stadt beizutragen. Diese Entdeckung des Be fassers ist in culurhistorischer Beziehung von großer Tragweite. Diese Festüngssynagoge dürfte gewiss nicht die einzige* m ihrer Art gewesen sein. Die Synagoge in Zbaraz (Galizien) sei hier genannt, die mit ihren Zinnen und Zacken wie em Castell äüssieht und wohl dem gleichen Nebenzweck gedient haben mag. Nur sind uns die dies ausdrücklich bestätigenden Docümente 'nicht bekannt geworden. Oftmals passiert es; dass wir ein schönes Buch zur.

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