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Jüdisches Volksblatt · 1900-06-29 · 26 (29.6.1900) · page 1

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
2 (1900)
Issue
26 (29.6.1900)
Date
1900-06-29
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Vierteljährig Kr. tt — „ 4.8t» . .. 2.25 Nr. 36 Wir«, 29. Juni 1900. II. Jahrgang. ujuamuriß Offrner Brief an den Präsidenten der Wiener israelitischen Cultusgemeinde, Herrn kaiserlichen Rath Kliuger, nnd an den Wahlreform-Referenten Herrn Ober- Finanzrath Dr. Rappaport. Seit geraumer Zeit wird die Wahlreform, mit der Sie, meine Herren, als Führer der Majorität die Wiener Cultusgemeinde bedacht haben, in diesem Blatte bekämpft. Das „Jüdische Volksblatt", das Organ aufrechter Juden, ließ Angriff auf Angriff folgen, unlängst wurde der Aus» druck „politischer Wucher" gebraucht und Ihnen in Gemeinschaft mit den Herren Ihrer Majorität vorgeworfen, dass Sie das jüdische Volk verrathen hätten, dass Ihnen der Besitz Ihrer Mandate über die Interessen desselben gehe. Dem Fremden wird es nun unbegreiflich scheinen, dass Männer, die an der Spitze der ersten und größten Cultusgemeinde des Reiches stehen, auf Beschuldigungen solch schwerer Art, wie sie hier erhoben wurden, nicht reagieren. Wir, die wir die Stagnation in unserem jüdischen öffentlichen Leben kennen, die wir wissen, wie sich unsere „Führer" mit allen Mitteln an ihre Mandate klammern, wir haben nichts anderes erwartet. Einen letzten Versuch wollen wir noch wagen, Ihnen, meine Herren, die Sie in erster Linie an der glorreichen Wahlreform betheiligt sind, eine Aeußerung zu entlocken. Ist Ihnen, meine Herren, das Gesetz vom 21. März 1890, „betreffend die Regelung der äußeren Rechtsverhältnisse der israelitischen Religionsgenoffenschaft", bekannt? Man sollte es vermuthen! Der Paragraph 19 dieses Gesetzes lautet: „Leistungen für israelitische Cultuszwecke, insbesondere Abgaben und Gebüren, können nur in der in den Statuten festgesetzten Weise und nicht über das daselbst bestimmte Maximalausmaß auferlegt werden. Bei Genehmigung der diessälligen Stalutenbestimmung hat die Staatsbehörde den öffentlichen Interessen und insbesondere den Anforderungen der staatlichen Fiuanzverwaltung gebürende Rechnung zu tragen. Uebrigens bleibt es der Staatsbehörde unbenommen, die Genehmigung der diessälligen Statutenbestimmung, sobald sie den Fortbestand als dem Staatsintereffe abträglich anerkennt, zurückzuziehen..." Paragraph 22 lautet: „Zur Einbringung der statutenmäßig auferlegten Leistungen wird die politische Execution gewährt." Die Wiener Cultusgemeinde hat ein Deficit. Was hätten nun anständige Vertreter gethan? Sie hätten, da dem Vertretungskörper das Recht zusteht, die Statuten zu ändern, das Maximum von 6000 Gulden auf 10-, 12- oder 15.000 Gulden herauf- Ein Probesingen. Ghettobild ohne Ghetto. „Aus den Tiefen rufe ich Dich an." Das merkt wohl jeder, hier soll nicht vom hell erleuchteten Theater, nicht vom glänzenden Concertsaale gesprochen werden. In einen Raum will ich vielmehr führen, welcher dunkel, düster, hohläugig aus schwarzer Vergangenheit herüberragt in die lebensvolle Gegenwart. Das ist der Ort, an welchem sich noch immer ein Volk versammelt, wenn es seinen Gott anruft. Dies Volk, es hält mit zäher Kraft fest am Alten. So ist denn der Zilsammeukuustsort zum Gebete, Synagoge nennen sie ihn in fremdem Laute, ein Denkmal geblieben jener entschwundenen Tage, da man die andächtigen Beter mit Mord und Todtschlag bedrohte. Die kellerartige Tiefe, auch Synagoge genannt, ist geblieben, das dumpfe Gemurmel von Psalmen durchzittert auch jetzt noch den schwülen Raum, in dem es im Winter so eisig kalt hinzieht — aber die Völker haben die Wahrheit und Geradheit des Psalmwortes noch nicht erkannt, das Licht, es ist wohl ausgestreut für den Gerechten, aber die Freude ist ihm noch nicht erstrahlt.. . Draußen, im Glanze eines herrlichen Abends, duftet der ambrosische Sommer, und tausend Blüten strömen wohligen Geruch ans. Der Mensch freut sich des allenthalben fruchtbar sprießenden Lebens, welches in Feld, Garten und Wald in unzähligen, mannigfachen Formen die Allmacht in der Natur, dieses unerklärliche Räthsel des Werdens und Entwickelns, der Geburt und Reife vor Augen führt. — In der Synagoge merkt man davon nichts. Düster flackern hier die Kerzen, und kaum erhellen sie das dichte Dunkel. Hier ist alles Alter und Erstarrung, hier ist alles Vergangenheit. Ob es wohl neu aufleben wird, dieses uralte Volk von Betern, das sich hier versammelt hat, um die Sabbathbraut zu begrüßen? Dicht gedrängt stehen sie nebeneinander, sie murmeln, sie flüstern, sie rufen und schreien die alten Psalmworte, welche den Herrn gesetzt. Diese Leistungen wären, einem Rothschild, Ejuttmann u. dgl. vorgeschrieben, dem „Staatsinteresse nicht abträglich" gewesen, wären also als Statutenänderung von der Regierung genehmigt worden. Was thaten aber S i e? Herr Ober-Finanzrath Doctor Rappaport, der Sie das Referat führten, wissen Sie, wie man im gewöhnlichen Leben das Vorgehen bezeichnet, gegen besseres Wissen eine Behauptung aufzustellen? Sie sprachen, in Ihrem Referate von einem „gerechten Begehren". — Ich will von dem, an dieser Stelle ebenfalls erhobenen Vorwurfe, dass dieses ganze „Begehren" e rfunden ist, absehen. — Da man annehmen, kann, dass Ihnen, Herr Ober-Finanzrath Dr. Rappaport, das obenerwähnte Gesetz bekannt ist, mussten Sie wissen, dass die von den Juden „freiwillig" gezahlte, höhere Steuer als beschlossenes Steuermaximum hätte gezahlt werden müssen, bei sonstiger politischer Execution. Wenn Sie daher „dieses Begehren" ein „gerechtes" genannt haben, so haben Sie dies gegen besseres Wissen gethan, da Ihnen, nachdem Sie das Gesetz vom 31. März 1890 kennen, bekannt sein musste, dass dieses Begehren ein Unding, eine undiscutable Impertinenz ist; immer vorausgesetzt, dass von den hohen Steuerträgern dieses Begehren nach vermehrtem Einfluss wirklich gestellt wurde. Sie haben, meine Herren, die ganze Sache als einzige Rettung vor dem Deficit hingestellt. Das ist nicht wahr. Denn um das Deficit zu beseitigen, hätten Sie das Maximum statutarisch erhöhen können. Sie haben diese Maßregel als im Interesse der jüdischen Gesammtheit gelegen ausgegeben. Da.s ist nicht wahr. Denn thatsächlich haben Sie die Wahlreform nur zur Sicherung Ihrer Mandate ins Werk gesetzt, zu dem einzigen Zwecke, Ihre Herrschsucht ungestört befriedigen zu können. Den Juden thut heute ein herzhaftes Eintreten für das Judenthum, ein lautes Bekennen, noth. Die Assimilations-Bestrebungen haben unser heutiges Elend verursacht. Sie, meine Herren, dagegen sind unter denen, die ihr Volk, eine jüdische Nation leugnen, die an dem lügenhaften „Deutschthum mosaischer Confession", an den liberalen Phrasen und Lügen festhalten. Damit aber, dass Sie die Wahlresorm gemacht haben, haben Sie dem antijüdischen Assimilatios-System die Herrschaft in der Vertretung der Wiener Cultusgemeinde auf lange Zeit gesichert. Das ist Ihr Verrath am jüdischen Volke. Wenn Sie, meine Herren, gegen die Vorwürfe der Lüge und des Verrathes am jüdischen Volke noch empfindlich sind, antworten Sie auf dieselben! Jecheskel. preisen als den Höchsten über allen Göttern, als den Stab der Unterdrückten, als den Allgewaltigen, dessen Donner erschallt über Gewässern .. . Weiß wohl der Vorbeter, was er spricht? Kaum denkbar, dass der vorbetende „Schammes", der Prodromos, der Vorläufer gleichsam für den eigentlichen „Singer", den tiefen Inhalt dessen erfasst, was einst ein alter Sänger, ein Levite, gedichtet zum Klange des „Khinnor," zum lieblichen Saitentone der „Nabla" und Harfe.. . Nun besteigt der „Singer" selbst das Emporium, den „Almemor", und sofort verwandelt sich die ganze Beterversammlung in ein gar gestrenges Richter- oder Censvren- Colleginm, denn der Jude richtet strenge und vergisst oft, dass er selbst strenge gerichtet wird. Bon den Singern in der Synagoge verlangt er: Lieblichkeit der Stimme, würdevolles Aussehen, möglichstes Festhalten am überlieferten Tone, Anmuth und Würde des Vortrages. Ob wohl der Probesinger, welcher heute zum erste »male hintritt, um für dieses gestrenge Forum gleichsam der Vermittler zu sein mit seinem Gotte, bestehen wird in diesem Gerichte? Vorerst sehen wir nur eines an ihm: er ist kreidebleich und bartlos. Er zittert, während die stolzen Laute von der Wiederherstellung der alten Herrlichkeit, von der Neuaufrichtung auf Trünimern, von dem neuen Lichte, das anfleuchten soll auf den Ruinen des alten, klagenden Jeruschalaim, aus seinem Munde zagend kommen, die zuversichtlichen Worte jenes Salomo Halewi, welche nicht verzweifeln, während die Völker wie Plünderer herfallen über das alte Erbe Jaakob ... Der „Schammes" aber, er ist der allgestrengste Richter, denn er ist auch der Cvneurrent des neuen Probesingers. Wie, wenn ihn dieser in seinem Geschäfte schädigte? Man weiß ja, die Leute sind heute kleinlich, wenn es gilt, die Diener der Religion bei gewissen Gelegenheiten zu entlohnen, und gar spärlich sickern die Einnahmen, welche einstmals so reichlich strömten, wenn man, zum Exempel bei „Jahrzeiten", der Dahingeschiedenen gedachte und Gebete sprach und gute Werke aus diesem Anlasse übte. Der Herr Vorsteher steht auf Papier und Eisen. (Z u m 500 jährigen Geburtstage G u t e n b e r g s.) Die ganze civilisierte Menschheit feiert in diesen Tagen die 500jährige Wende des Geburtstages Johann Gute nbergs, des ersten Mannes des merkwürdigen fünfzehnteik Jahrhunderts, das mit G u t e n b e r g anfieng und mit der Entdeckung Amerikas endete. 1400 wurde G u t e n b e r g geboren, 1457 wurde die erste Druckerei eröffnet und 1492 entdeckte C o l u m b u s Amerika. In dieser Zusammenstellung liegt eine Philosophie des Zufalls. Als ob den unterdrückten und beladenen Menschen zwei Wege zu ihrer Befreiung nnd Rettung gezeigt werden sollten, der Weg der Aufklärung und Bildung, welcher durch die Erfindung der Buchdruckerkunst gewiesen wurde, und der Weg der Eroberung und Colonisiernng fremder Länder, den C o l n m b u s zeigte. Nach einer alten jüdischen Sage werden die Inden zur Zeit des Messias eine papierne Brücke passieren müssen, während die anderen Völker über eine eiserne Brücke ziehen werden. Wahrlich! Die Schwachen und Unterdrückten suchen ihre Befreiung und Erlösung durch das Papier, dnrch die Presse, durch die Erfindung Gutenbergs zu erreichen. Die Starken und Mächtigen hingegen bahnen sich mit dem Eisen, dem Eisen des Schwertes den Weg, den Col u mb us gieng, um Eroberungen zu machen und neue Erdstriche zu gewinnen. Papier und Eisen, Gutenberg und Columbus — diese Gegensätze sind noch bis auf den heutigen Tag geblieben. Noch im Anfänge des vorigen Jahrhunderts haben wir Juden, und mit uns alle Unterdrückten und Unterjochten, an den Sieg der Aufklärung geglaubt und die Papier-Brücke als den Weg angesehen, der in die Freiheit führt. Und^was geschah? Die blutigen Kriege hörten nicht auf, die Herrschaft des Eisens dauerte fort, und von Bismarck, dessen ^Devise „Blut nnd Eisen" war, stammt das auf die Presse genlünzte, höhnische Wort von der „Druckerschwärze." Und doch hat das Papier seine ganze Macht noch nicht eingebüßt. Es kämpft noch tapfer gegen die Macht des Eisens und gibt den Unterdrückten noch immer Hoffnung, dass endlich, endlich der Weg zu ihrer Befreiung über die Papier-Brücke führen werde. Deutschland feiert in Mainz den deutschen Gntenberg. Wir Juden schließen uns dieser Feier gerne an. Möge Deutschland, möge ganz Europa in Eisen stecken, wir Juden bleiben aus der papierenen Brücke und feiern Gutenberg mit der vollsten Zuversicht, dass seine Erfindung zum Siege der Gerechtigkeit führen werde. Ja, wir hoffen, wir glauben . . . Mittlerweile zeigt uns die Gegenwart grauenhafte Bilder, entsetzliche Scenen, hervorragendem Orte. Er trägt einen schwarzen Rock und modernen Cylinder. Er ist auch vom modernen Hauche angeweht, und etwas wie Langeweile spiegelt sich auf seinem Antlitze. Er wird den „Schammes" fragen, wie ihm, dem Schammes, und ihm, dem Vorsteher, der Probesinger gefallen hat. — „Der Gerechte blüht wie eine Palme, wie die Ceder auf dem Libanon sprosst er," der Singer spricht diese Worte des uralten Psalms mit Wucht, der „Schammes" horcht auf, die Beter sind stille geworden, die Lichter in der Synagoge knistern dazu, die Schwüle aber wird immer drückender. Wenn es nur etwas heller werden wollte in diesem Raume, ach, wenn ihn nur ein erfrischender Hauch durchwehte! Der Herr Vorsteher knöpft sich den Rock auf, und ein Andächtiger im Hintergründe wiegt seinen Körper nach alter, in Israel üblicher Weise. Und der Probesinger betet weiter. Er wird muthiger, und des „Schammes" Miene wird immer bedenklicher. Der Mann hat Erfahrung, die macht das Geschäft, und er kennt seine Leute. Er ahnt die Volkesstimlnung, und besieht er sich seine Leute recht, so ist ihr Votum für den Probesinger droben nicht ungünstig. Der droht ein gefährlicher Wettläufer zu werden, wenn es gilt, etwas zu verdienen, und die Zeiten sind jetzt so schwere. Die Kinder kosten viel, das Weib braucht ein neues Kleid, und manchmal will man auch etwas Besseres essen und trinken dazu, wenn die „guten Tage" kommen. So grübelt der „Schammes". „Der Herr erlöset Jaakob und befreiet ihn aus stärkerer Hand," der Probesinger sagt diese Worte im alten, anheimelnden Tone. Die Beter verstehen ihn, und auch der Herr Vorsteher nickt, als verstünde er ihn. Der Andächtige aber im Hintergründe lächelt verzückt, lieber ihn kommt es wie Trost, Erhebung, Aufrichtung. Die Worte hat einstmals der Prophet Jeremias gesagt, und der war ein Gewaltiger in Juda, und mochte wissen, warum er sich vor dem babylonischen Eroberer nicht fürchtete. Selbst einige Junge, die zur Verherrlichung des Sabbath-Abends in die Synagoge gekommen sind, obwohl

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