Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 2 (1900)
- Issue
- 23 (8.6.1900)
- Date
- 1900-06-08
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite G Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 8. Juni 1900 Nr. 23 Jakob Tirado. Geschichtlicher Roman von Ludwig Philippsohu. (Fortsetzung.) Sie schritten durch ein gewölbtes Thor und gelangten in einen weiten Hof, in welchem mächtige Bauwerke mit altersgrauen, dicken Mauern nach und nach erkennbar wurden. Der Osficier wandte sich nach einer kleinen, verschlossenen Pforte, an die er pochte. Sie sprang auf und zeigte einen hell beleuchteten Gang, von welchem eine schmale Steintreppe in die Höhe führte. Nachdem sie oben einen Corridor durchschritten hatten, öffnete der Beamte eine breite, mit Schnitzwerk geschmückte Thüre, und sie traten in ein geräumiges und gut möblirtes Gemach. Die Frage: „Wo bin ich?" schwebte noch auf den Lippen Tirados, als der Osficier sich zu ihm wandte und mit ernstem, aber nicht strengem Tone sprach: „Capitän, auf Befehl der Königin seid Ihr Gefangener; Ihr befindet Euch im — Tower, und ich muss Euch um Euren Degen bitten." Ein namenloses Erstaunen fesselte den Fuß Tirados. Mechanisch griff er nach seinem Degen und übergab ihn dem Osficier. Als er sich in etwas gefasst und um die Ursache seiner Verhaftung fragen wollte, war jener schon verschwunden. Die Thüre schloss sich hinter ihm, und ein Riegel wurde vorgeschoben. Es währte lange, ehe Tirado zu klarer Besinnung kam. Es war so unvermuthet, so wider alle seine Erwartungen und Ansichten plötzlich über ihn gekommen, dass es wie ein Labyrinth vor ihm lag, aus dem ihn kein Faden der Gedanken hinauszuleil en vermochte. Warum dies? Weshalb? Was habe ich zu erwarten? Was will man von mir und mit mir? Alle diese Fragen bestürmten seinen Geist, und keine wusste er zu beantworten. Nur das fühlte er heraus, das eine Elisabeth nicht einer Laune, nicht einer Jntrigue eine solche Handlung entspringen ließ, sondern einer bestimmten und bewussten Absicht. Und da er diese nicht kannte, vermochte er auch ihre Tragweite nicht zu ermessen, nicht den Zweck und die Dauer dieser Haft, und seine geschäftige Einbildungskraft malte ihm nur umso dunklere Bilder vor. Seine fast gänzliche Der-, lassenheit, da ihn in diesem Lande außer Zoega fast niemand kannte, die Trennung von Marie Nunes, der er nun gänzlich fern bleiben musste, da sie nicht einmal von seinem Aufenthaltsorte wissen konnte, die Vernichtung aller seiner Pläne, die er jetzt nicht mehr zu verfolgen, besonders, dass er auch mit seinen wichtigen Nachrichten aus Spanien nicht hervorzutreten vermochte, alles dies stellte sich ihm in verzweifluugsvoller Entschiedenheit vor die Seele. Das Wort ,im Tower" klang ihm gellend in die Ohren. So viele traurige, blutige Erinnerungen hafteten an diesen Mauern, so viele Geister frevelhaft Ermordeter wandelten durch diese Räume und Gänge, dass der Name dieser alten Veste nur Schrecken und Todesängste in die Brust warf. . . Doch hatte Tirado nicht noch ganz andere Kerker gesehen, in ganz anderen Zellen geschmachtet und das Henkerbeil der Jnquisiton über seinem Nacken schweben gefühlt, und Gottes Gnadenhand hatte jene geöffnet und dieses zurückgehalten? Dieser Gedanke, ein Blick in dem erhellten und freundlich ausgestatteten Gemache umher, die Erinnerung, dass eine Elisabeth, nicht ein Philipp, sein Geschick in Händen hätte, beruhigten ihn allmählich, brachten eine gewisse Zuversicht in seine Seele zurück und ließen ihn den Ausgang befer Dinge muthig erwarten. Lord Burleigh war nach Whitehall geeilt, der Königin Bericht zu erstatten. Es war ihm daran gelegen, anderen zuvorzukommen, welche von der Ankunft des portugiesischen Schiffes gehört hätten. Denn er wusste, wie viel bei Elisabeth auf den ersten Eindruck ankomme, und wie sehr sie sich, gleich ihrem Vater, Heinrich VIII., von einer einmal gefassten Meinung leiten lasse. Dabei liebte Elisabeth Neuigkeiten, und hatte überall ihre Kundschafter, die ihr von allen Vorfällen Mittheilung machen mussten. Elisabeth verstand die Männer, die sie in ihren engeren Rath gezogen, genau zu beurtheilen und richtig zu behandeln. Vor allem war es ihr ein Bedürfnis, sich nicht allein als Königin, sondern auch als Weib huldigen zu lassen, und obschon sie jetzt weit über die Jugend hinaus war, alle Fülle verloren und sich ihre schlanke Gestalt bereits etwas nach vorne gebeugt hatte, und die scharfen Züge ihres Gesichtes, die Geiernase und das zurückgetretene Kinn ihr zwar nicht den Ausdruck des Adels und der Hoheit, der mächtig aus den großen, blauen Augen strömte, wohl aber alle Schönheit und Anmuth genommen, lauschte sie doch gerne der süßen Schmeichelei der Bewunderung und verlangte sie von allen, die vor sie traten. Dies machte ihr den Grafen Leicester so theuer, so unentbehrlich, dass sie ihn trotz vieler Verirrungen nicht von sich ließ und ihm selbst die Kränkungen verzieh, die ihrem Herzen sein Lebenswandel oft genug bereitete. Eine alleinige Ausnahme hiervon machte der ernste und wortkarge Lord Burleigh, dessen Rath und Thatkraft sie aber so hoch schätzte, dass sie ihm den Mangel an Courtoisie unbeirrt nachsah. Sie nannte ihn deshalb ihren Bären, wie sie den Grafen Leicester, in der damals beliebten Sprachweise, ihren schlanken Hirsch nannte, der bald mit leichtem Fuße durch die Gebüsche hüpfe, bald stolz als Zwölfender aus dem Walde trete und die Blumen der Wiese zerstampfe. Als Lord Burleigh in das Gemach der Königin trat, lächelte sie ihm entgegen. .Ah, Mylord mit der Amtsmiene, Du kommst doch zu spät; Du magst mir Glück wünschen zu dem ersten Schiffe, das Unsere siegreiche Flotte als Trophäe in den Hafen von London gesendet; denn die Nachricht ist schon längst zu mir gedrungen." .Ach, Majestät, es thvt mir leid, Euren Triumph über mich vermindern zu müssen. Denn ich bringe Euch, erhabene Gebieterin, doch eine Kunde, die viel mehr wert ist. In wenigen Tagen wird der Herzog von Devonshire zurückkehren mit einer gewonnenen spanischen Corvette." »Gott's Wunder!" rief die Königin aus und klatschte in die Hände, „eine spanifche Corvette! Ach, hätte das mein lieber, armer John erlebt, dass sein leichtfertiger Wildfang von einem Sohn zu einem solchen Helden werde! Siehst Du, Mylord, da triumphire ich doch, denn Du warst gegen seine Ernennung zum Führer meiner schönen Fregatte Velocitas. Aber nun soll ihm auch ein guter Empfang und ein reicher Lohn werden!" „Aber das ist noch nicht alles, meine Königin. Der portugiesische Capitän, dessen Schiff eben angekommen, hatte den flüchtigen König von Portugal, Dom Antonio, an Bord, um ihn geraden Weges hierher zu den Stufen des Thrones Eurer Majestt zu bringen. Der Herzog von Devonshire hat es für angemessen erachtet, ihn auf Eurer Majestät Fregatte zu nehmen." Elisabeth war auf diese Nachricht ernst, sehr ernst geworden. Sie ließ sich das Nähere in kurzen Worten von Lord Burleigh berichten. Sie gieng sinnend einige Schritte auf und nieder, und sprach dann mit blitzenden Augen zu ihrem Großsiegelbewahrer: .Wie hat sich dieser armselige Portugiese unterfangen können, einen entthronten König gerade zu Uns zu bringen? Wer hat ihn hierzu beauftragt? Von wem hat er die Erlaubnis erhalten? Wie konnte er es wagen, ungefragt Uns zu Unseren anderweitigen großen Lasten noch einen solchen Prätendenten aufzubürden? Diese Vermessenheit darf nicht ungeahndet bleiben. Es greift zu tief in Unsere Politil ein, berührt und verändert Unsere Stellung und legt Une Pflichten auf, die Uns unangenehm sind und sehr viel kosten können. In den Tower mit dem frechen Capitän. in den Tower, sage ich, und Du stehst mir dafür. Lord Burleigh, dass mein Befehl sofort qusgeführt wird." Der Großsiegelbewahrer sah seine Königin verwundert an, denn er wusste, wenn Elisabeth so sprach und so aussah, durfte ihr niemand widersprechen, und doch waren ihm die eigentlichen Motive dieses Verfahrens unklar. Die Königin gewahrte dies, und ir etwas milderem Tone fuhr sie fort: .Hah, Bär, Di brummst. Schadet nichts, bei meinem Befehle bleibt es, aber dass niemand auch nur ein Wort davon zu hören bekommt! Der spanische Gesandte wird bald genug hier sein und wieder mit Protesten, Gesuchen, Depeschen, Drohungen auf Uns losdringen. Wir müssen ihm einige Eienuglhuuug geben, etwas im voraus thun, worauf Wir als Zeichen Unserer Missbilligung verweisen können. Wir behalten dennoch freie Hand. Die Nachricht, die Du Uns gebracht, Mylord, ist von großer Wichtigkeit, und Du wirst auf morgen meinen Geheimen Rath versammeln, dass ich die Ansichten der Herren höre, wie Wir Dom Antonio aufnehmen, und wie Wir Uns seinetwegen verhalten wollen. Vergiss nicht, morgen um drei Uhr. Bringe eine ausführliche Relation! mit, die Du Uns im versammelten Rathe vorlegen magst.! Wohin hat sich der portugiesische Capitän begeben? Oder! hast Du ihn bei Dir zurückbehalten?" „Er wollte sich nach dem Hause Zoega begeben; ich ließ einen meiner Leute ihm folgen, um dessen gewiss gu | sein, und er befindet sich wirklich daselbst." „Zoega . . ." murmelte Elisabeth vor sich hin; .das! sind ehrliche, brave Menschen, die Uns zu Zeiten gute Dienste geleistet. Aber es sind Papisten, und denen ist niemals ganz zu trauen; sie warten nur auf eine günstige Stunde, wo sie ihre Streiche mit Sicherheit führen können. Siehst Du, Burleigh, da hat sich Deine weise Besonnenheit doch einmal wieder geirrt. Du hättest den Vogel bei den Flügeln halten sollen; jetzt könnte das Nest schon leer sein. Du wirst also sofort ihn ergreifen lassen. Aber", fügte sie freundlich hinzu, .gib ihm ein anständiges Gefängnis, ein Gemach über der Erde, Du weißt schon; lass ihn höflich behandeln; er soll es bequem haben als! mein Gast. Wir werden ihn brauchen können, und da darf er nicht zu viel sich zu beklagen haben." Sie reichte dem Lord die Hand, die er ehrfurchtsvoll an seine Lippen führte.! XIV. Vergebens wartete Zoega auf die Rückkehr Tirados. Als dieser nicht wieder erschien, machte sich Zoega am anderen Morgen selbst auf, um bei Lord Burleigh zu erfahren, wo sein Freund hingerathen. Er erhielt von dem Staatsmanne eine so zweideutige Antwort, dass er die Wahrheit wohl ahnen, aber nicht wissen konnte. Der Kaufmann hielt es daher für rathsam, nicht weiter zu forschen, und da Tirado noch niemanden in London außerdem gesprochen hatte, so blieb sein Aufenthaltsort ein Geheimnis. Weniger glückte es mit dem Absperren der Caravalle. Es mussten frische Vorräthe an Lebensmitteln und anderen Bedürfnissen an- Bord geschafft werden, und dies gab Gelegenheit genug, zwischen den Matrosen und den Leuten, welche jene an Bord brachten, Plaudereien zu veranlassen. (Fortsetzung folgt.) ISRAELITISCHE CULTUSGEMEINDE WIEN. Gebet-Stunden. Freitag den 8. Juni.Abends 7 Uhr 30 Min. Samstag den 9. Juni. „ 8 , (0 , Vom 10. bis iocl. 14. Juni. „ 7 , — , Freitag den 15. Juni. „ 7 ,30. Samstag den 16. Juni. „ 8 ,50, Vom 17. bis incl. 21. Juni. . 7 , — , Freitag den 22. Juni. , 7 , 30 , Samstag den 23. Juni. , 8 .50, Vom 24. bis incl. 28. Juni. . 7 , — . Freitag den 29. Juni. , 7 . 30 . Samstag den 30. Juni . , 8 . 50 . Vom 1. Juli bis incl. 5. Juli. , 7 , — , Der Morgengottesdienst beginnt an Wochentagen um l|j7 Uhr früh, an Samstagen um 8 Uhr früh. Vertreter gesucht. J Preiscourant gratis. Kautschuk-Typen- Druck-Apparate HAMMEI in jeder Sprache und Grösse, sowie Stampiglien und Siegel nur direct vom Erfinder und Patent-Inhaber d. Präciaiona- Druck-Apparates Ml. Hammer, Wien, Praterstrasse 13/V Lloyd-Hof. mit 80 Typen . . fl. I.- mit 100 Typen . fl. 2.50 mit 320 Typen . fl. 3.75 „ 130 „ . . „ 2.— .. W5 „ . „ 3.- .. 400 „ . .. 4.50 >£af6 Josef Schuch 135 Belastung? übrigens Könitz für einen J.l-, Obere Donaustrasse 47 demnächst die Stadl Ütttiv^yia der Augartenbrtlcke). gemeldet, dass Schlächtermeistv. verkw"^ _ . Die PolizeibeM separierte bpi»., dem Polizeige^vhr früh. '"t wurde, dke Erfrischungen. Brettel=Jalousien mit Bändern oder Ketten in allen Farben und Ausführungen. 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