Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 2 (1900)
- Issue
- 22 (1.6.1900)
- Date
- 1900-06-01
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 1. Juni 1900 Nr. 22 in Oesterreich, Russland und Polen wohnen, ich will es dort anfangen. In der großen österreichischen Stadt N., wo es wimmelt von Menschenmaterial aller Herren Länder, angelangt, fasste Juda den Entschluss, den Cultusvorsteher zu besuchen. Nachdem er vergeblich viel nach dessen Wohnung fragte, fand er endlich Aufschluss bei einem Manne, den die angefertigten Kleider auf der Hand als Schneider vcrrietben. Dieser gab vor, auch eben zum Cultusvorsteher die Kleider hinzutragen, und so gesellte sich ihm Juda, Während des Gehens befragte ihn Juda, wie die jüdischen Verhältnisse hierzulande stehen. „Nun ja, die Zeit ist nicht die allerbeste wohl. Ein einziges Hilfsmittel existiert noch für die Menschheit in der Lösung der Arbeiterfrage, davon bin ich fest überzeugt; ich kenne! und anerkenne keine individuelle Judennoth, ich bin vielmehr Socialist." Juda war verblüfft. Er konnte diesen Jdeengang des Schneiders nicht auffassen, und als er darüber Fragen stellen wollte, war keine Zeit mehr dazu, denn eben waren sie am Ziele. Juda beeilte sich, durch den Portier seine Visitkarte dem Cultusvorsteher zu übermitteln. „Juda ben Jacob — er kann kommen," befahl der Hausherr. „Womit soll ich Ihnen gefällig sein? Einer der Stammväter Israels beehrt mich mit seinem Besuche! Seid mir herzlich willkommen!" empfieng er den nun Eintretenden und schüttelte ihm die Hand. Nach diesem formellen Eingang theilte ihm Inda gleich den eigentlichen Zweck des Besuches mit. Der Cultusvorsteher antwortete aber gleichgiltig: „Nun ja, ich persönlich bin zwar Socialdemokrat, aber gestehe es zu, dass eine besondere Judenfrage besteht, deren Lösung in der Oekouomie zu suchen ist." Kaum htte er die letzten Worte, da erschien ein Bedienter und meldete den Besuch des christlichen Herrn Vice-Bürgermeisters an, der im Vorzimmer harrt. Pfeilschnell flog der Cultusvorsteher dem Besucher entgegen, ohne sich recht von Juda zu empfehlen, und empfieng ihn brüderlich. „Was für eine Ironie des Schicksals! Dieser Schneider ist ein Socialist, der Cultusvorsteher ein Socialdemokrab und wo sind denn die Juden?" fragte sich Juda wiederholt, als er draußen war. Am zweiten Tage , schon bestieg Juda die Eisenbahn und fuhr nach Polen. „Vielleicht treffe ich dort endlich die Juden?" — Bei einer erstbesten Station stieg er aus. Es war ein kleines Städtchen nach polnischer Wirtschaft. Hier erfuhr er, dass wohl kein Rabbiner wegen Parteistreite in der Gemeinde fungiert, dass aber Reb Schaje hachosid, ohne den geringsten Vortheil davon zu haben, die Stelle eines solchen vertrete. Er suchte ihn auf. R. Schmaje saß gelehnt das Haupt auf beide Hände, die er gegen den Tisck stemmte, seine Augen schweiften in einem geöffneten Kabbalabuche, und sein Mund stieß von der langen „Lulka" (Pfeiffe) Qualmen Rauchs. Juda wartete, bis er zu Ende gelesen hatte und ihn mit „Salom Alechem" begrüßte. Als R. Schmaje nun erfuhr, wer der Eingetretene sei, wechselte sich mannigfaltig die Farbe seines Gesichtes, ein Schauer durchlief seine Glieder und war wie betäubt. Alle mysteriösen Darstellungen der „Kabbala" traten lebendig vor seine Augen. Was Wunder! sieht er doch leibhaftig einen der Jakobssöhne vor sich! — Als sich sein Gemüth beruhigte, ließen sie sich in Thoraplaudereien ein. Das währte lange. „Und wie steht es hier mit unsere Juden?" frug schließlich Juda. „Nun, wir Chassidim fürchten Gott und den Zaddik, beten immer und lernen Thora, und der gute Gott hilft uns! Nicht so sind die andere n, die „Maskilim" (Aufgeklärte), die machen sich lustig über jüdische Gebräuche, und Gottes Strafe wird sie ereilen." — ereiferte sich Reb Schmaje. „Also das sind Chassidim, Orthodoxe, wiederum keine Juden!" war Juda erbittert, „aber ich will mir noch ansehen diese verschrieene Maskilim." „Bildung, Cultur, Baron Hirsch-Schulen, Verbreitung der Schriften Smolenskys und der polnischen Sprache, dies ist das Wirrwarr der maskilistischen Bestrebungen, und abermals habe keine Juden gefunden!" rief Juda zornig am Abende nach gepflogener Rücksprache mit verschiedenen Maskilim. Schon wollte Juda mit Ungestüm gen Himmel sich schwingen, als er vernahm, dass in N. eine hochgeachtete Persönlichkeit lebt, der als Anführer eines großen Theiles der jüdischen Bevölkerung bekannt ist. Er fasste den Entschluss, noch diesen zu besuchen, um vielleicht von ihm über die Juden was zu erfahren. Der Mann war Doctor jur., sehr gutherzig und geistreich, hatte eine ausgedehnte Praxis und großen Ruhm, und seine jüdischen Gegner sogar konnten ihm keinen einzigen Fehler aussetzen, als dass er der hebräischen Sprache nicht mächtig sei. „Ich bin Zionist und sehe die Linderung unserer Noth nur in der Ausführung des Baseler Programmes" u. s. w. u. s. w. Das war der Kern der Antwort. u * * Mit Wind und Sturm stieg Juda voll Verdruss zum Himmel hinan. Dort erwarteten ihn sehnsüchtig alle Brüder, und als sie ihn befragten, ob er sich freudig weidete im Anblicke der neun Millionen Juden, antwortete er unwillig: „Nun, ich sah dort Socialisten, Socialdemokraten, Chassidim, Maskilim, Zionisten, Deutsche und Franzosen u. s. w. mosaischer Confession, Juden aber fand ich keine dort!" — strapazierten Schuh verleiht der „Jdeal-Schuhstrecker" im Preise von fl. l 'öo per Paar von Michel st ädter seine elegante Fa<?on wieder. Briefkasten. Der Verfasser des Artikels über Luzatto und Mendelssohn (beginnend mit: „Ein König eines Barbarenstaates — so erzählt die Sage — u. s. f.) wird gebeten, Namen und Adresse der Redaction mitzutheilen. Herrn E. Sch. in Friedland. Wir erwidern herzlich ihre Wünsche zum Feste. 2l. M. in W. Sie finden unseren Redacteur täglich zwischen 10 Uhr und 12 Uhr in der Redaction, VIII., Schlößelgasse ll.| Herrn G. M M. in Lemberg. Artikel leider nicht verwendbar. „Jude 33". Leider nicht verwendbar. I. L. L. in Dolina. Besten Dank, können leider keinen Gebrauch machen. M. H. in Marburg, Hessen. Wir werden erst im Besitze des genannten Artikels urtheilen. S. L. in Wien. Guter Inhalt, schlechte Form. Vielleicht später einmal. K. L. in Lemberg. Wir bringen principiell weder Notizen noch Artikel, deren Autoren der Nedaction nicht namentlich bekannt sind. Wollen Sie also diesem Grundsätze freundlichst Rechnung tragen. Wir werden dann über die Aufnahme Ihrer Einsendung entscheiden, Rabb. A. in K. In diesem Falle müssen wir denn doch Herrn Dr. H. in Schutz nehmen, der den billigen Antrag des Dr. B. nicht bekämpfte, sondern verdientermaßen ironisierte. Den papierenen Anträgen, Protesten und Resolutionen ein Ende zu machen, wäre es nachgerade an der Zeit. Und dass der Antrag B. vorläufig jedes realen Untergrundes entbehrt, wurde treffend genug gesagt. Die Hoffnung, dass ein Appell an das Gefühl unserer Finanzbarone fruchttragend sein werde, trägt eher den Charakter der Utopie, als das Streben, ein geeintes Judenthum zu schaffen. Dass wir für dieses auch fernerhin aus rechtem Herzen eintreten werden, können Sie sicher sein. Mittheilungen aus dem Publicum. Der Boerenkrieg ruft die größte Sensation hervor, dessen ungeachtet spricht man überall über den „Triumph" von S. E. u. H. M i ch e l st ä d t e r, VII., Mariahilferstraße 58. Ein Geschäftshaus ersten Ranges, besitzt dasselbe in allen größeren Städten der Monarchie Niederlagen mit größter Auswahl der bestbewährten Erzeugnisse. 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