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Jüdisches Volksblatt · 1900-05-25 · 21 (25.5.1900) · page 1

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
2 (1900)
Issue
21 (25.5.1900)
Date
1900-05-25
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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«rdarlion: VIII/1, Schlötzrlgaste 11. Eprechstnnbenr An Wochentagen von 10 bis 12 Uhr vormittags; an Sonntagen von 11 bis 12 Ubr vormittags. Postadresse: Jüdisches «ottsblatt, Wien, Vllljl. Vrsrhkrerdr» wegen verspiiteter oder gar nicht erfolgter Zustellung erbitten wir uns dringend. — Manusertdte werde» nicht znrürkgeftcllt. Postsparcassen-Conto 847037. In das Abonnement kann man täglich eintreten. Erscheint jeden Freitag unter MittrrirKrmg der vom jüdischen Volks- Verein erwählten Prvssrommisston. Inserate übernehmen die Finnen: I. Danneberg, M. Dukes, Haascnflein & Vogler, Rudolf Mosse, A. Lppelik, M. Pozsonyi, A. Schale! in Wien, ferner alle Annoncen-Expcditionen im AMande. Einzel-Nnmmer in Wien 16 Heller. Adminülralion: VIII/1, Schlöljrlgajse 11. AbonnementSprciS: Für Wien «. Ocsterrcich-Nngarn sammt Francozustellung. Ganzjährig Halbjährig Vierteljährig Kr. 8.- 4 - Für das gesammte Ausland sammt Francoziistellung. Ganzjährig . Halbjährig . Vierteljährig Kr. 9.— „ 4.50 , .. S.S5 Ur. 21 Mir«. 85. Mai 1900. II. Jahrgang. Ein Wahlnnsrns. Der nachfolgende Wahlaufruf des „Jüdischen Volksvereines" möge zur aufmerksamen Lectüre und zur Beherzigung allen jüdischen Wählern, insbesondere jenen des 2. Bezirkes, empfohlen sein. Die Noth lehrt nicht nur beten, sie lehrt auch wählen, Der Ausfall der Wahlen im 3. Wahlkürper hat gezeigt, dass es des treuen Zusammengreifens aller ehrlich d e n k e n d e n Menschen gilt, um die nieder- 1 trächtige Wahlfälschung, wie sie heute betrieben wird, wenigstens einigermaßen zu paralysieren. Alle Mittel werden in Anwendung gebracht, um der jetzigen Majorität eine noch festere Grundlage zu geben, und wenn diese Grundlage nicht zerstört wird, ist das I u d e nt h u m auf Jahre hinaus der Willkür der heute am Ruder befindlichen Elemente preisgegeben. Was das heißt, weiß jeder Jude, und darum ) wendet sich der eindringliche Appell des Volksvereines in letzter Stunde an die jüdischen Wähler, sie zur Wahl, zur guten Wahl aufzurufen. Eine solche empfiehlt er ihnen mit den vorgeschlagenen Candidaten. Wenn es auch die feste Ueberzeugung des Volksvereines ist, dass nur die Selbständigkeit dem Judenthum aus der heutigen Lage Helsen kann; das mit diesem Aufrufe bekundete Compromiss widerspricht diesen Principien nicht. Wer die schmählichen Angriffe der „Ostd. Rundschau" auf das Judenthum gelesen hat und sieht, wie( die Ostdeutschen im 2. Bezirke mit den Christlich- Socialen st i m m e n, der wird dem Volksvereine rechtgeben, wenn er diese Gemeinschaft ebenso ablehnt, wie alle anderen. Bei der Wahl im 2. Bezirke aber gilt es, den Bezirksrath vor gänzlicher Clericalisierung zu schützen, und darum muss der Volksverein jene Gemeinschaft begrüßen, welche mit ihm gegen den gemeinsamen Feind vorgeht! In eindringlichen, von der Noth des Augenblicks dictierten Worten wendet «sich der Ausruf des Volksvereines an die jüdischen Wähler, die von dem fortschrittlichen Wahlcomito oorgeschlagenen Candidaten zu wählen. Gehen die jüdischen Wühler vollzählig zur Urne, dann ist die Hoffnung vorhanden, dass durch d i e W a h l e n im zweiten und e r st e n W a h l k ö r p e r einer M a j o r i s i e r u n g des Bezirksrathes durch d i e C h r i st l i ch - S o c i a l e n vor gebeugt wird! Jeder Jude möge deshalb seine Pflicht thuu! Der Augenblick ist ernst, die Wahlen in den Bezirksrath haben eine große Bedeutung. Jeder einzelne Jude wird e s a n L e i b und E i g e n t h u m bezahlen, wenn er jetzt in leichtsinniger Nachlässigkeit und Pflichtverletzung d e m G e g n e r das Feld behaupten Hilst! Typen aus meiner Gasse. Jtzig Es gibt in Galantha viele Jtzigs; nur hat jeder von ihnen noch irgendein Unterscheidungsmerkmal. Dem einen wird noch der Name des Vaters „Jtzig Jvssels" oder der Mutter „Jtzig Chanas", dem anderen ein Spitzname und einem dritten schon modern der Zuname beigefügt. Jtzig schlechtweg, ohne jeden Zusatz, heißt nur Er. Wenn ein Vater drohend zu seinem Knaben sagt: „Willst Du Jtzig werden?" meint er nur Ihn; wenn eine^Mutter ihrer Tochter, vor einem jungen Manne warnend, sagt: „Das ist der zweite Jtzig." meint sie mit dem ersten Ihn, und wenn man einstige Stücke! und Streiche von Jtzig erzählt, so ist immer Er der Held. Er, der so von Legenden Umwobene, wandelt aber noch leib- und lebhaft durch die Gasse. Man kann ihn jeden Tag gegen zwölf Uhr in eine andere Wohnung gehen und nach ungefähr einer Viertelstunde sich wieder daraus entfernen sehen, einem großen, großen Hause zu, dem größten in ganz Galantha, tvo er, einen langen Hof durchschreitend, sich ein einem elenden, einem Stalle ähnlichen Nebengebäude verliert. Jtzig ist nämlich Pftünduer der Gemeinde und isst die Mittagskost der Reihe nach bei einer Familie nach der anderen. Sie geben's ihnr nicht umsonst. Er hat sie einst alle fetiert. Jahrelang lebte die Jugend Galauthas in dulci jubilo ans Jtzigs Kosten. Er beschäftigte die Wirtshäuser, eine Zigeunerbande stand in seinem Solde, und wer nicht tanzen konnte, den zwang er, wenigstens zu springen. Um es sv treiben zu können, musste Jtzig selbstverständlich ungemein reich gewesen sein und, noch selbstverständlicher, eiuer der größten Lumpen. Wie kommt aber die Gasse zu einem LumpenV Hat sie je sv etwas geboren'? Jtzig begann auch wirklich nicht als Lump seine Carriöre. Sein! An die verehrten jüdischen Wühler des ll. Gemeindedezirlres in Wien! Der „Jüdische Volksverein" hat es bisher vermieden, in die Kämpfe, welche seit Jahren von den zwei politischen Parteien um die Macht in der Bezirks- und Gemeindestube der Stadt Wien geführt werden, sich einzumengen. Seine erste und vorzügliche Aufgabe ist, die bedrückte und verfolgte Judenschaft von Stadt, Land und Reich zu ralliieren, dieselbe ihrer Volkspersönlichkeit bewusst zu machen, sie zu heben und zu organisieren. — Ist dieses Ziel, allerdings nach schwerer und mühevoller Arbeit, erreicht, wird der „Jüdische Volksverein" in den Kampf um die Rechte der Juden in Oesterreich wirkungsvoll eintreten. Er wird dies umso gewisser thun können, als er hinter sich nicht mehr eine durch Parteiungen zerklüftete, im Dienste fremder Ideen stehende, sondern eine zielbewusste und organisierte Judenschaft haben wird. Nichtsdestoweniger fühlt sich der „Jüdische Volksverein" anlässlich der am 25. Mai d. I. im zweiten Wahlkörper stattfindenden Wahlen in den Gemeinderath der Stadt Wien, sowie auch in die Bezirksvertretung der Leopoldftadt, sowohl an seine Parteigenossen, als auch an die außerhalb der Vereinigung stehende Judenschaft das dringende Ersuchen zu richten, einig und geschlossen an der Wahlurne zu erscheinen und ihre Stimmen aus die weiter unten bezeichneten Candidaten der fortschrittlichen Partei zu vereinigen. Hierbei ließ sich der „Jüdische Volksverein" von nachstehenden Erwägungen leiten. Durch den ungünstigen Ausfall der Wahlen im dritten Wahlkörper ist die Gefahr einer Bezirksvertretung mit antisemitischer Majorität eine eminente. Wird schon durch die antisemitische Gemeindeverwaltung die Judenschaft in ihren wichtigsten Belangen nahezu bis zur Unerträglichkeit bedrückt, in welch trauriger Lage würde sich die Judenschaft befinden, wenn auch die Bezirksvertretung der Leopoldstadt in die Hände einer antisemitischen Majorität gelangen würde. Hier, wo eine compacte, arbeitsame, ihren Beruf mit Fleiß und Emsigkeit ausübende jüdische Masse beisammen lebt und strebt, würde eine antisemitische Bezirksvertretung den Ruin, ja geradezn die moralische, wirtschaftliche und politische Vernichtung des jüdischen Mittelstandes, die Vernichtung der jüdischen Armen dieses Bezirkes bedeuten. Richtet sich — wie immer die Thatsachen bisher bewiesen haben — der Kampf der antisemitischen Helden nicht gegen das sogenannte „jüdische Großkapital", das sie im Munde führen, sondern gerade ausschließlich gegen den arbeitenden jüdischen Mittelstand und gegen die kleinsten jüdischen Existenzen (siehe Hausiergesetz § 59 und 60 der G.-O.), gegen die jüdische Intelligenz, Präterierung der jüdischen Gemeindeärzte, jüdische Magistratsbeamten, jüdische Unterlehrer und endlich gegen die jüdischen Armen. Und gerade auf den wichtigsten der bisher umschriebenen Gebiete übt die Bezirksvertretung einer» bedeutenden Einfluss aus. — Die Bezirksvertretung gibt nach der Gewerbe-Ordnung ihr Gutachten in einer Reihe von wichtigen Fällen ab, so bei Concessions-Ertheilungen und Concessions-Transferierungen, bei Vidierungen von Hausierpässen; die Bezirksvertretung entsendet ihre Delegierten in die Commissionen, betreffend Genehmigung der^ Betriebsanlagen, Ertheilung von Bau- und Benützungs- Consensen. Kurz in allen Belangen wirtschaftlichen Lebens gibt die Bezirksvertretung ihr Votum ab, welches nahezu stets berücksichtigt wird. — Von welcher einschneidenden Bedeutung ein derartiges Votum für den jüdischen Wirt, jüdischen Kaffeesieder, jüdischen Handwerker und jüdischen Hausierer sein kann, bedarf hier keiner Erörterung. Viele jüdische Existenzen sind in den Vorstädten durch Voten antisemitischer Bezirksvertretungen vernichtet worden. Die Bezirksvertretung wählt und ernennt die Ortsschulräthe und Armenräthe. Wir haben in der Leopoldstadt Armenräthe, welche s. z. als gesinnungtüchtige und verlässliche Fortschrittliche gewählt wurden, sodann anlässlich der aussteigenden antisemitischen Strömung Antisemiten geworden sind. Kurz, wir haben im zweiten Bezirke einen zumeist „antisemitischen" Armenrath, das besagt alles. Jüdischen Greisen, welche durch mehr als ein halbes Jahrhundert direete, indireete Stenern und Gemeindeznschläge entrichtet und im Alter durch unverschuldete Unglücksfälle Schiffbruch gelitten haben, wird eine Armenpfründe verweigert, ja sogar eine bereits ertheilte Pfründe wegen ihrer Zugehörigkeit zum Judenthum und nur deswegen entzogen, den Schulkindern armer jüdischer Eltern die Armenlernmittel durch Ber- Vater, der durch Fleiß und Glück ein immenses Vermögen angesanunelt, zitterte noch als Krösus der ganzen Gegend vor einem Stuhlrichter und ließ sich von dem ärmsten Edelmanne wie ein Hund behandeln. Jtzig wollte aber, als er in das Geschäft seines Vaters eintrat, seine Menschenwürde behaupten, und glaubte dies nicht anders erreichen zu können, als wenn er nobler in Geldfragen war. Er feilschte nicht, wenn er kaufte, und war bald Handeleins beim Verkaufe, trat dafür aber auch mit vollem Bewusstsein vor die Torf- und Comitats-Paschas. So von der Leber weg hatte noch kein Jude mit ihnen gesprochen, und so kerzengerade stand noch kein Jude vor ihnen, wie Jtzig. Sie bekamen in der That Respect vor ihm. Nun wollte er nach dieser Errungenschaft sich auch noch gesellschaftlich mit ihnen gleichstellen. Und warum sollte das unmöglich sein? Bildung hatte er ebensoviel oder vielmehr ebensowenig als sie, und die Bilde! auf seinen Banknoten zählten mehr, als die Bilder ihrer Ahnen. Wirklich fand er mit seiner gespickten Tasche Einzug in ihre Kreise. Er färbelte mit ihnen, aß und trank mit ihnen, kurz mit einem Worte — Jtzig ward zum Cavalier, auch sein Exterieur war darnach, und Schmeichler bestärkten ihn noch darin. Sein Cavaliere ment riss zwar gewaltige Lücken in die Cassa seines Vaters; aber er erheiratete dadurch eine sehr reiche und gebildete Dame aus der Stadt. Selbständigkeit, Geld in Abundance und eine schöne Frau, mit der er sich zeigen konnte — wenn er nur jetzt den Cavalier abgelegt hätte, wäre er der glücklichste Mensch geworden. Ein Cavalier ist jedoch ein schlechter Geschäftsmann, die Tansender verschwanden, als hätten sie Flügel gehabt, und die Frau erkannte bald, wie tief der Cavalier unter ihr an Bildung und Charakter stehe. Als Jtzig eines schönen! Tages von einer vorgeblichen Geschäftsreise heimkehrte, fand * er das Nest leer, die Cassa leer — die Frau war mit dem Reste des Geldes verschwunden. Gleichmuth ist der Hauptcharakterzug eines Cavaliers. Diesen Gleichmuth wollte Jtzig vor der Welt zeigen und gieng dadurch in Extravaganzen über. Das Vermögen, das noch im Geschäfte steckte, realisierte er nach und nach und lebte jetzt nur, zum Schrecken der Gasse, seinen noblen Passionen, wurde ein vollendeter Don Juan, vor dem die Mädchen schon errvtheten, wenn sie ihn von weitem sahen. Nach drei Jahren war er blank und musste nun von einer Apanage leben, die ihm der Vater aussetzte, wobei er natürlich keine weiten Sprünge machen konnte. Mit dem Cavalier war's also Rest, die Herrschaften zogen sich von ihm zurück und Jtzig musste seine Ressourcen in Wirtshäusern suchen und sich mit der Gesellschaft der Jugend der Gasse begnügen. Für diese hatte er noch immer Geld genug. So ward Jtzig ein gewöhnlicher Lump. Als nach einigen Jahren der Alte starb und ihm eine bedeutende Erbschaft zufiel, konnte er kein anderer Mensch mehr werden und potenzierte nur seine lumpische Lebensweise, bei der er aus meinem, von altersher als fleißig und ernst bekannten Galanthaer Völkchen das Volk der Phäaken machte, dass man weit und breit von dem lustigen Leben in Galantha sprach. Znm Glücke für die Jugend, ehe sie bis in den Grund verdorben war, kamen Kunstreiter in den Ort. In Jtzig erwachte wieder der Cavalier, er verliebte sich m eine Dame der Gesellschaft, und da sie bei ihm in Galantba nicht znrückbleiben wollte, beschloss er. mit ihr zu gehen. Er machte alles, was er nicht mitnehmen konnte, zu Geld, verkaufte auch das schöne Hans seines Vaters, nur über eine kleine Wohnung unten im Hofe behielt er sich im Kaufverträge für Lebzeiten das Verfügungsrecht vor. In dieser Wohnung hatte sein Vater immer eine arme Familie, und auch nach dessen Tode hielt es Jtzig so, und wollte sie auch

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