Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 2 (1900)
- Issue
- 20 (18.5.1900)
- Date
- 1900-05-18
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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- - -- - - — - -- .— - -.- - — Krdartwn: VI11/1, Schlöstrlgastr lt. Lprechftundenr Rn Wochcnlage» von 10 bis 12 Uhr vorn::ttagS; an Lonnlaflcn von II bis 12 Uhr vormittags, posiadrcsse: Jüdisches BolkSblatt, Wien, VIII,1. Beschwerden wegc» verspäteter oder gar nicht erfolgter Zustellung erbitten wir uns dringend. — Mannseridte werden nicht zuriickgestellt. Postsparcasfen-Conto 8-17037. In daS Abonnement kann man täglich eintreten. Erscheint jeden Freiing unter Mitwirkung der vom jüdischen Volks- Verein erwählten Prefseommifston. Inserate übernehmen die Firmen: I. Danneberg, M. Dukes, Haascnücin <fc Bögler, Rudolf Masse, A. Lppelik, M. Pozsonyi, A. Lchalek in Wien, ferner alle Annoncen-Expcditionen im AuSlande. Einzel-Nummer in Wien I« Heller. ♦-—— -♦ Administration: YIII/1, Schlöhrlgasse 11. AbonnementSpreis: Für Wien u. Oestcrreich-Unaarn Für das gesnmmte 'Ansland saimnt Francozustellnng. jammt Francozustellung. Ganzjährig . . Kr. 8.— j Ganzjährig.Kr. Halbjährig.„ 1! Halbjährig 4.50 Vierteljährig.. ii.~ j Vierteljährig.„ 58.Ä» *---------♦ Kr. 30 Die Wahl im Wonnemond. Die schöne Frühlingssymphonie des Maien wird lsbald durch die unharmonischen Wahlgemeinheiten rauh I nterbrochen werden. Alles rüstet, selbst die Liberalen aben sich aufgerafft und ein papierenes Ei gelegt, über velches nun die Zeitungshennen lustig gackern. Wenn die Wähler nur ein Zwanzigstel von dem herauslesen, was ,fte Commentatoren der liberalen Presse in diesen Wahllufruf hineinlegen, so ist alles gerettet. Leider sind die Wähler in Wien keine eifrigen Zeitungsleser, und die Agitation von Haus zu Haus wird dafür sorgen, dass >er schöne Aufruf keine zu tiefe Wirkung ausübe. Wir Juden können das Wahlgebelfer mit Ruhe inhören. Was bei den Wahlen herauszuschlagen sein wird, ws wird uns doch nicht zufallen, dazu ist unsere Vewegung zu jung. Es genügt uns, wenn man auf uns msmerksam geworden ist, und das ist der Fall. Man veiß bereits, das wir existieren, und wenn uns diese i Erkenntnis einen kleinen Gewinn einbringen sollte, werden Mir ihn ohne jeden weiteren Jubel dankend quittieren. Wie kurze, aber kräftige Agitation des „Jüdischen Volksvereines" dürfte, wenn die Anzeichen nicht trügen, in einem praktischen Erfolge ihre Berechtigung documentieren, und wenn das der Fall ist, so kann man damit die Noth- Iwendigkeit einer regen nationalen Arbeit begründen, was wiederum ein großer Fortschritt für die Bewegung wäre. Die Kürze der Agitation und die Zusammensetzung der Wahlgeometrie schließt eben große Erfolge in der G em ei nd e rath sw ah l aus; man muss sich also vorläufig mit Kleinem begnügen. Dazu könnten solche in den gleichzeitig stattfindenden Bezirks rathswahlen kommen. Ueber die Wichtigkeit der Bezirksrathswahlen gibt man sich wohl jüdischerseits keinerlei Zweifel mehr hin. Von sachkundiger Hand wurde in diesem Blatte darauf hingewiesen, wie mannigfach die Bedeutung des Bezirksrathes in das praktische Leben eingreift, und am Ende ist die Wichtigkeit der politischen Angelegenheiten nicht größer als jene des ^wirtschaftlichen Lebens. Es geht uns Juden am schlechtesten da, wo wir es an unserem Leibe verspüren, und deshalb müssen wir jede Gelegenheit ergreifen, einen Einfluss auf die V e r w a l t u n g s f r a g e n zu erhalten. Die Bezirksraths-Wahlen sind solcherart zum mindesten so wichtig, als die Gemeinderaths-Wahlen; für uns Juden vielleicht oder vielmehr gewiss n o ch wichtiger, weil wir da ungleich leichter zu einem praktischen Erfolge kommen können. Mit Recht hat der Referent der letzten Versammlung des „Jüdischen Volksvereines" darauf hingewiesen, und nicht laut genug kann diese Wichtigkeit hervorgehoben werden. Die Leitung des Mir», 18. Mai 1900. Volksvereines wird zweife^ohne die Gelegenheit wahrnehmen, hier einen größeÄin Erfolg zu erreichen; die ganze Arbeit, die der Verein geleistet hat, wäre gelohnt, wenn das möglich würde. Das kann allerdings^ nur geschehen, wenn wir — nicht, wie jener Muster-Orthodoxe in der Versammlung meinte, als „Staatsbürgers, sondern als Juden zur Wahl gehen. Als Juden und nur als Juden müssen wir wählen, wenn uns ein Erfolg werden soll. Denn kein Christ kann unsere Sache so, vertreten, wie wir es können; es muss, wie ein anderer Redner so warmfühlend sagte, mit dem ganzen Herzen geschehen, wenn es ersprießlich sein soll. Und darum müssen die Juden als solche wählen, einig und zielbewusst! Die Versammlung am Dienstag in G u t h s Restaurant war stark besucht und verlief sehr lebhaft. Des Bemühen des Herrn H o f b a u e r, mit einer Schar seiner Geschäftsangestellten die Versammlung zu stören, wurde energisch zurückgewiesen und die abstracte Orthodoxie des Herrn selbst gebürend abgefertigt. Nachdem Herrn P l a s ch k e s sein beifälligst aufgenommenes Referat erstattet hatte, ergänzte Herr Doctor Schreiber seine Ausführungen in der vorletzten Versammlung mit einem energischen Plardoyer für eine entschiedene nationale Propaganda, ohne Rücksicht ans die praktischen Erfolge. „Schämen Sie sich nicht," ries er der jüdischen Wählerschaft zu. „Kommen Sie nur hervor, stellen Sie sich auf die öffentliche Straße, sagen Sie offen Ihre Meinung und man wird sie hören und beachten!" Die anderen Redner waren theils für die liberale, theils für die socialdemokratische Partei, aus Opportunitätsgründen; den Herren Blass und H o f b a. u e r antworteten die H ^ren Dr. W e i s e n g r ü n, Dr. K a d i s ch, Dr. K a h n u. a. in wirkungsvoller Polemik. Herr Lauser sprach für den Gewerbestand, Herr R. R a p p a p o r t fasste den Eindruck der Versammlung in einem wirkungsvollen Resume zusammen. Während andere Parteien gar nicht einmal vor ihre Wähler zu treten es für wert erachten, habe der Volksverein den jüdischen Wählern schon zweimal Gelegenheit gegeben, sich über ihre Interessen auszusprechen. Den Vorwurf eines Redners, man hätte bereits Candidaten normieren sollen, gebe er an die Juden weiter; wenn diese schon eine bloße Selbständigkeit für ein Unglück halten, wegen der „Stimmenzersplitterung", wie hätte sie da erst vorzeitig aufgestellte Candidaten begrüßt. Unter den jetzigen Verhältnissen leidet das Jndenthum Schaden an seinen mächtigsten Waffen: in seinem Stolze, in seinem Gefühle; wenn uns diese gebrochen werden, dann werden wir auch in praktischen Fragen nicht zur Geltung kommen. Wie antwortet man heute auf solche Angriffe gegen diese Waffen! Jene, welche Antworten darauf haben, mögen ja den guten Willen hierzu besitzen; als Christen können sie aber das Gefühl für unsere Sache nicht haben. Es muss II. Jahrgang. ein Jude, ein wirklicher Jude sein, der wird die richtige, impulsive Antwort dafür finden. Wenn uns nun aber die christlichen Vertreter nicht vollgiltig vertreten können und die jüdischen es nicht wollen, wer soll uns dann vertreten? In scharfen Worten geißelt Herr Rappaport die jetzige Vertretung der Juden und kommt zu dem Schluffe: „Wozu wir Sie aufrufen, das ist, dass man endlich den jetzigen Herren vom Regime in Erinnerung bringt: Wir Inden sind auch auf der Welt und länger wollen wir uns nicht unterdrücken lassen." Den Beifall, der dieser Rede gezollt wurde, unterbrach Herr Hofbauer mit einem Geschwätze, das er „thatsächliche Berichtigung" genannt wissen wollte. Die Versammlung machte der Ueberhebung des aufgeregten Herrn bald ein Ende, indem sie sich anflöste. * * * Wir müssen diesem nierkwiirdigen „Orthodoxen", der mit einer Schar junger Angestellter seines Geschäftes gekommen war, offenbar, um die Versammlung zu stören, noch einige Worte sagen. Er hat sich erkühnt, unsere Bemerkung, dass sich Herr H o f b a u e r als Führer der Orthodoxen declarierte, als „Lüge" zu bezeichnen, auf die er nicht reagiere, weil das unter seiner Würde sei. So hoch diese Einbildung des Herrn Hofbauer auch gehen möge, er kann nicht so hoch stehen, als dass er von uns nicht die moralische Ohrfeige erhalten könnte, dass er sich in einer Versammlung bei Khuner als Führer der Orthodoxen bezeichnet hat. Damit ist für uns dieser Herr Gernegroß abgethan. Sein ebenso geistloses, als unjüdisches Geschwätz über das Judenthum, das er am allerwenigsten achtet, trotzdem er sich einen Orthodoxen nennt, mag in liberalen Wählerversammlungen Weisheit sein; für uns und alle vernünftigen Menschen ist es — das Gegentheil. Die Indische Rationalität. (Z u r b e v o r st eh e n d e n Volkszählung in Oesterreich.) IV. *) Nun haben wir es! Die juridische Person, die im Namen der Judenschaft Oesterreichs, respective Galiziens auftreten könnte, und die wir bisher vergebens gesucht haben — ist in den letzten Tagen geschaffen worden. Der zweite jüdische Gemeindetag in Galizien hat bekanntlich eine „ständige Commission" gewählt, deren Aufgabe es ist, die Interessen der Judenschaft sowohl in politischer, als auch in ökonomischer Hinsicht zu vertreten. Es handelt sich uns nämlich darum, dass die Juden von der Regierung die Erlaubnis erhalten, bei der bevorstehenden Volkszählung in die Rubriken „Nationalität" und „Umgangssprache" der vorliegenden statistischen Bogen die Angabe *) Siehe „Jüdisches Volksblatt", II. Jahrgang, Nr. 9, 10 und 11. Auf dem großen Sroppelfelde wogen Krieger ohne Zahl, Weil der junge Fürst der Perser, weil es Cyrus so befahl. Schwergerüstct, nackt die Füße, sind sie ans sein Wort erschienen, llnd er winket, und sie horchen, und er spricht also zu ihnen: Mühevolle Arbeit, Perser, Hab' ich heut' Euch zugedacht; Müsst dies Feld mir heut' noch jäten, eh' der Tag sich neigt zur Nacht. Bis der letzte Schaft entwurzelt, rastet nicht und steht nicht stille; Rinnt der Schweiß auch schwer vom Antlitz, murret nicht, es ist mein Wille." Stumm beginnen sie das Tagwerk, steh'n nicht still und rasten nicht, Steh'n gebückt und Tropfen Schweißes fließen übers Angesicht. Und wie sich die Sonne neiget und der Tag zur Nacht sich wendet, Haben schweigend sie die Arbeit, wie der Fürst befahl, vollendet. „Seid wohl müde? Gehet, Kinder!" und sein Auge freundlich blickt; Morgen gibt es aud're Arbeit, morgen kommt zum Fest geschmückt." Ist der Morgen aufgedämmert, sind sie neugestärkt erschienen, Steh'n geschmückt vor ihrem Fürsten, und er spricht also zu ihnen: „Sagt mir, Persiens edle Männer! Was für Tage wünscht Ihr Euch? Tage, wie Ihr gestern lebtet, oder Tage, diesem gleich?" „Alle seid Ihr meine Gäste, mein seid Ihr für diesen Tag; Schon gerüstet steht die Tafel, wähle jeder, was er mag; Und das Festmahl zu begeben, soll auch Wein uns heute fließen. Soll der Stirne Falten glätten, soll des Herzens Thor erschließen. Dann der Kämpfe freie Spiele sei'n zum lauten Mahl gesellt, Wo sich Männerkraft entfaltet Und den Preis gewinnt der Held. Dass der Becher oft geleeret, oft zum Rand sich wieder fülle! Laßt der Lust die Zügel schießen! freuet Euch! Es ist mein Wille." Wilder Jubel tönt im Lager Zechen. Ringen, rascher Lauf, Und des Wernes fremdes Glühen stammt im Kriegerherzen auf. Doch ein Ruf vom Fürstenmunde dämpft der Wogen wildes Rauschen; Sie umgeben ihn im Kreise, seinem Wort' und Wink' zu lauschen. Und sie lachen, und sie rufen: „Wahrlich, bist ein arger Spötter; Gestern lebten wir wie Hunde, heute wie gebor'ne Götter." „Nun so wählet!" ruft der Jüngling. Wollt Ihr sein wie Götter frei, Oder wie die Hunde leben in der Meder Sclaverei? Perser, Ihr seid starke Männer, seid geboren zu befehlen, Habet Mark in Euren Knochen, habet Math in Euren Seelen. Feige Sclaven sind die Meder; ja, wir müssen uns befrei'n! Folget mir ins Kampfgetümmel, und die Welt soll Euer sein." Wilden Beifall seinen Worten jauchzen alle, und sie schwören: „Stets und immer ihm im Leben, ihm im Tode zu gehören; Stets zu folgen treu und muthig im auf seinem Weltenlauf —" Und sein Siegesstern geht blutig an des Ruhmes Himmel auf.