Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 2 (1900)
- Issue
- 19 (11.5.1900)
- Date
- 1900-05-11
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 11. Mai 1900 Nr. 19 Marburg (Antisemiten und I u d e n g e l d.) Die hier erscheinende „Hessische Landeszeitung" schreibt: Der antisemitische Abgeordnete Ludwig Werner hat sich nun endlich doch noch bereit gefunden, die Privat-Beleidigungsklage gegen unseren verantwortlichen Redacteur Erdmannsd ö r s s e r einzureichen. E r d m a n n s d ö r f f e r wird den Wahrheitsbeweis dafür antreten, dass Werner einem jüdischen Parlaments-Journalisten gegen Entgelt Nachrichten geliefert und, als er dies ableugnete, eine bewusste Unwahrheit ausgesprochen hat. Petersburg. (M i n i st e r i e l l e V e r o r d n u n g e it.) Der Unterrichtsminister hat die Anordnung getroffen, dass in den jüdischen Schulen Russlands die Lehrer keine Mädchen, die Lehrerinnen keine Knaben unterrichten dürfen, eine neue und höchst unnütze Erschwerung des jüdischen Unternchtswesens. — Nicht uninteressant ist es, dass die jüdisch-russische Wochenschrift „Woschod" von der Censur eine Rüge erhalten hat, weil sie allein von allen russischen Zeitungen seinen englandfreundlichen Standpunkt auch jetzt beibehalten hat. New-Zork. (Ein interessanter Plan) wird hier vielfach discutiert. Die Amerikanisch-Orientalische Gesellschaft in Palästina will ein Institut für Orientalin und für Erforschung Palästinas errichten. Bereits haben eine Reihe der größten Universitäten uuseres Landes regelmäßige Beiträge auf eine Reihe von Jahren zugesagt, so dass die Verwirklichung dieses interessanten Planes in nicht allzu ferner Zukunft erfolgen wird. Cincinnati. (Nekrolog.) Im Alter von 81 Jahren ist Dr. Jsaac M. W i s e, Rabbiner der hiesigen B'nei Jeschnrun-Gemeinde, Begründer und Leiter des I-Jebrew Union College (Rabbiner - Seminars), Herausgeber des „American Jsraelite" und der „Deborah", einem Schlaganfalle erlegen. Von Anbeginn seiner Wirksamkeit hat der Verblichene in Wort und Schrift den Standpunkt der weitestgehenden Neuerungssucht und der rücksichtslosesten Bekämpfung des Altüberlieferten in einer Weise vertreten, welche auch den Widerspruch principieller Anhänger seiner Anschauungen gefunden hat. Sein umfassendes Wissen und die schriftstellerische Gewandtheit, die ihn auszeichnete, hätten im Dienste einer besseren Sache Segen stiften können. Seine muthige Bekämpfung des Antisemitismus hat ihm Anerkennung auch in den Kreisen erworben, welche seinen fatalistischen Einfluss auf den religiösen Niedergang bekämpften. dass es gefährlich sei, mit einer momentan schwächeren Nation sich zu verfeinden, da diese schon morgen zur herrschenden werden kann und dann, theilweise mit Recht, sich gegen uns kehrt. Die R u t h e n e n bilden bereits heute schon im Osten Galiziens die Majorität der Bevölkerung. Ihre Cultnr ist im Wachsen begriffen, und mit ihr wächst aber auch ihr Hass und ihre Feindseligkeit gegen uns ... Uebrigens war dies die einzige, wir möchten sagen „cultnrelle" Frage am zweiten Gemeindetage, und wahrlich es wäre viel vernünftiger gewesen, wenn auch diese weggeblieben wäre. Die übrigen Gegenstände, die verhandelt wurden, waren rein ökonomische, theilweise auch politische — aber leider sind in dieser Hinsicht keine positiven Beschlüsse gefasst worden. Man hat wieder hin- und herdebattiert, die Dinge einer „ständigen Commission" Angewiesen —■ und damit basta! Die Beschlüsse des ersten „Gemeindetages" sind durch die Orthodoxen, die den Gegenverein „Machsike Hadath" gegründet hatten, vereitelt worden; auf dem zweiten Gemeindetage haben sich die Zionisten behauptet und sind auch in die „ständige Commission" gewählt worden. — Mögen diese die Worte in Thaten verwandeln, und mögen die guten Beschlüsse diesesmal ja durchgeführt werden des Tages lässt sich mit folgenden Nach zwanzig Jahren. Am 1. und 2. Mai hat in Lemberg der „zweite jüdische Gemeindetag in Galizien" getagt. Schon die Bezeichnung „zweiter" führt uns zur Erinnerung an den e r st e n jüdischen Gemeindetag, der im Jahre 1878 vom Vereine „Schomer Israel" einberufen worden ist, und unwillkürlich müssen wir da ausrufen: „Die Zeiten ändern sich und wir mit ihnen!" Damals und heute — welch ein gewaltiger Unterschied! Damals war die deutschliberale Partei am Ruder, und fast die gesammte Bevölkerung Oesterreichs, besonders aber die Juden waren begeisterte Anhänger des Liberalismus. Und der liberalen Ideen wegen ist auch der jüdische Gemeindetag seinerzeit einberufen worden. Zwei Hauptgegenstände waren damals auf die Tagesordnung gesetzt worden: ein Musterstatut für die jüdischen Gemeinden Galiziens und die E rrichtung einesRabbiner-Seminars. Die jüdischen Gemeinden Galiziens hatten nämlich von der 1867er Verfassung, auf Grund deren ihnen das Recht zugetheilt worden war, selbständige Gemeinden zu gründen, damals noch keinen Gebrauch gemacht. Sie hatten noch keine Statuten besessen und waren noch immer auf Basis des von Kaiser Josef stammenden „Toleranz-Edictes" geblieben. Der erste Gemeindetag hatte hier nun Wandlung schaffen wollen. Er arbeitete ein Musterstatut aus, nach welchem sich sämmtliche Gemeinden Galiziens einrichten sollten. Und man berieth den Plan der Errichtung eines Rabbiner-Seminars, um durch die aus dem Seminar gewonnenen modernen Rabbiner das geistige Niveau der Juden Galiziens zu heben. Oekonomische und politische Fragen wurden damals gar nicht berührt, ebensowenig die Polonisierung der Juden. Die Assimilation herrschte zwar damals auch schon, aber es war die deutsche Assimilation. Der Verein „Z g o d a", der zu jener Zeit von Dr. G o l d m a n n gegründet worden war, „um den Frieden mit den Polen zu stiften", batte uur sehr schwachen Anklang gefunden. — Ja, die Juden Galiziens hatten damals noch nicht das Jahr 1873 vergessen gehabt, in welchem sie mit den Ruthenen, anlässlich der ersten directen Reichsrathswahlen, einen Pack geschlossen hatten, gemeinsam gegen die Polen zu kämpfen und die Beschlüsse des galizischeu Landtages kraftlos zu machen. Die zündenden Reden eines Dr. H e n i g m a n n und vieler anderer, die das Volk zum Wahlkampfe wider die Polen aufgefordert hatten, klangen den Leuten damals noch in den Ohren. Weder politische noch ökonomische Fragen haben den ersten Gemeindetag beschäftigt — rein culturelle Angelegenheiten waren es, die ihn ansfüllten. Doch wie anders ist es heute! Die Polonisiernng der Juden ist schon so weit gelangt, dass der Antrag des Dr. Gold mann, die polnische Sprache in allen Cultusgemeiuden Galiziens als Amtssprache einzuführen, angenommen worden i st! Wir theilen auch die Ansichten der Zionisten nicht, die hebräische Sprache als interne und die polnische als externe Sprache zu wählen; wir wollen überhaupt auf die Sprachenverordnung für die jüdischen Cultusgemeiuden Galiziens nicht näher eingeheu. Wir fragen bloß: Ist es für uus Inden opportun, gegen die Ruthenen polnische Politik zu machen? Kennen die Herren noch immer nicht die alte Erfahrung, dass es der Jude stets zu bereuen bat, wenn er die Partei einer von zwei im selben Lande wohnenden, einander befehdenden Nationen ergreift? Könnte Böhmen diesbezüglich nicht als warnendes Beispiel dienen. Trat es dort nicht klar zutage, Das Ergebnis Punkten feststellen: Bei Punkt 1: „Die ökonomische Nothlage der Juden in Galizien und deren Abwehr", wurden folgende Anträge angenommen : „Es verwahrt sich der II. Tag der gallischen israelitischen Cultusgemeiuden gegen jene Tendenzen und Organisationen, sowie deren offene oder bemäntelte Patronanzen, welche auf die Ausschließung oder Abdrängung jüdischer Bürger von mancherlei Erwerbszweigen und dem ehrlichen Wettbewerbe im harten Kampfe ums Dasein gerichtet sind, und beschließt überdies: I. Die Erwerbslosigkeit, sowie die Noth und das Elend der galizischen Juden sind durch folgende Mittel zu bekämpfen: 1. Durch Hebung oer Cultnr, worunter in erster Linie die Verwirklichung^ der bestehenden allgemeinen Schulpflicht begriffen ist; 2. durch Hebung und Kräftigung bestehender, sowie durch Schaffung neuer Erwerbsarten und Arbeitsgelegenheiten. Dieses Ziel wäre anzustreben: a) durch gründliche fachliche Vorbildung der Kaufleute und Handwerker, b) durch Stipendien für jüdische Handwerkslehrlinge, wobei auch das besondere Augenmerk auf solche Handwerke zu richten ist, welche bis nunzu von Juden nicht betrieben wurden, o) durch ausgedehntere Betreibung des Ackerbaues, tl) durch Organisation von Vorschusscassen, welche den jüdischen Kleinhändlern, Handwerkern und Anerbautreibenden billigsten und langsichtigen Credit zu ertheilen hätten, wobei in erster Linie solche Petenten zu berücksichtigen sind, welche den Credit zur Schaffung selbständiger Existenzen in Anspruch nehmen, e) durch Förderung jeder Art Industrie, besonders aber der Hausindustrie, thunlichst unter Anlehnung an bestehende Anfänge. Hierher gehören auch Reisestipendien, sowie die Gewinnung von Wanderlehrern; f) durch Zuführung solcher jüdischer Erwerbsloser, welche physische Eignung besitzen zu allen Zweigen von productiver, besonders auch physischer Arbeit. Dies ist durch moralische Mittel und im Bedarfsfälle auch durch Prämiierung, besondes in der ersten Zeit dieser Arbeit und bis zu ihrer vollkommenen Erlernung anzustreben; 3. durch Unterstützung und Organisation jener Emigration, deren Triebfedern einzig und allein auf dem Erwerbsmomente beruhen. II. Die Repräsentanzen der israelitischen Cultusgemeindeu in Galizien haben aus dem ethischen Titel der Menschenliebe, sowie aus dem Rechtstitel der ihnen überwiesenen Armenpflege die Bekämpfung der Erwerbslosigkeit und ihrer erschreckenden Ausbreitung in ihr Programm in weit höherem und ausgedehnterem Sinne aufzunehmen, als dies bis nunzu geschehen ist. Demnach ist es heilige Pflicht der Cultußgemeinde-Verwaltungen, alle im Absätze I der gegenwärtigen Resolution angeführten Hilfsmittel unausgesetzt im Auge zu behalten; zunächst aber Folgendes anzustreben: 1. Die Unterbringung einer möglichst großen Anzahl von Lehrlingen bei Handwerkern, wobei das besondere Augenmerk auf solche Handwerke zu richten ist, welche bis nunzu von Juden nicht betrieben wurden. 2. Die Zuführung jüdischer Erwerbsloser mit entsprechender physischer Eignung zu allen Zweigen productiver, besonders auch 1 physischer Arbeit; dies ist durch moralische Mittel, als Ermittlung der Arbeitsgelegenheit und Aufmunterung zur Arbeit, im Bedarfsfälle auch durch Prämiierung, jedoch nur in der ersten Zeit dieser Arbeit und bis zu ihrer vollkommenen Erlernung, anzustreben. 3. Die Errichtung von Vorschusscassen, welche den jüdischen Kleinhändlern, Handwerkern und Ackerbautreibenden billigsten und langsichtigen Credit zu ertheilen hätten, wobei in erster Linie solche Petenten zu berücksichtigen wären, welche den Credit zur Schaffung selbständiger Existenzen in Anspruch nehmen." Auch der zweite Punkt der Tagesordnung: „Der zweite Tag der israelitischen Cultusgerneinden hält es für erwünscht und angezeigt, dass in den Repräsentationen der israelitischen Cultusgerneinden Galiziens die polnische Amtssprache eingeführt werde", wurde angenommen. Gegen den albernen Antrag opponierten die Zionisten. Weiter wurden noch folgende vier Anträge angenommen: 1. betreffend das Nichtzulassen der jüdischen Candidaten zu öffentlichen Aemtern, 2. betreffend die Vertretung der israelitischen Cultusangelegenheiten in dem k. k. Schulrathe, 3. betreffend die Errichtung von Stipendien für jüdische Lehrercandidaten, welche mosaischen Religionsunterricht in den Volksschulen zu ertheilen haben, und 4. betreffend die Einführung der jüdischen Feiertage als Ferialtage in Civil- und Strafgerichten. Am Ende wurden noch die Wahlen in die „ständige Commission des Gemeindetages" vorgenommen. Se. Ehrwürden Herr Rabbiner Dr. M. Gäste willkommen. Jung aus Ung.-Brod. hat (Garten-Eröffnung.) Im „Hotel Central", II., Taborstr. 8 der rührige Restaurateur Herr S. G o l d n e r bereits den Garten eröffnet. Der prachtvolle, schattige Aufenthalt sei für die Sommermonate umso eindringlicher empfohlen, als Küche und Keller der Restauration in der That nichts zu wünschen übrig lassen. (Billige und gnte Kinderwagen) sind in der heutigen Zeit, welche der Kinderpflege erhöhte Sorgfalt widmet, ein Bedürfnis. Die Spielwaren- und Kinderwagen-Fabrik I. Ruzicka liefert Kinderwagen modernster Constructron in bester Qualität von 1 fl. aufwärts. 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