Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 2 (1900)
- Issue
- 17 (27.4.1900)
- Date
- 1900-04-27
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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liiftifdiffillnlkcililntf Erslhemt jeden Freitag ♦-« «rdartion: VIII/1, Schlöhelgassr 11. Eprechstnnden r An Wochentagen von 10 bis 12 Uhr vormittags; an Sonntagen von 11 bis 18 Uhr vormittags. Postadresse: Jüdische« VolkSblatt, Wien, Vlll|l. Vrsrhwrrden wegen verspäteter oder gar nicht erfolgter Zustellung erbitten wir uns dringend. — Manuferivte werden nicht zurülkgcstellt. Postsparcasien-Conto 8*7037. In das Abonnement kann man täglich eintrete». 17 7 w 4 unter Mitwirkung der vom jüdischen Volks- Verein erwählten Pressrommifston. Inserate übernehmen die Firmen: I. Danneberg, M. Dukes, Haasenstein <fc Bögler, Rudolf Mosse, A. Lppelik, M. Pozsonyi, «. Schale! in Wien, fenicr alle Annoncen-Expeditionen im AuSIande. . Einzel-Nummer in Wien 16 Heller. ..■■■ — ■—- — Administration: VIII/ Abonnem, Für Wien u. Oefterretch-Ungarn sainmt Francozustellung. Ganzjährig . . Kr. 8.— Halbjährig.. 4.— Bierteliährig.. Ä.— --- 1, Schlohelgasse 11. «ntSpreiS: Für da« gefamrnte Ausland sammt Francozustellung. Ganzjährig.Kr. 9.— Halbjährig 4.50 Vierteljährig.. 58.85 -- Nr. 17 Mir«. 27. April 1900. II. Jahrgang. Die Juden n. die Wiener Gemeindeniahlen. Jüdische Wühler! Am Dienstag den 1. Mai abends 8 Uhr veranstaltet der „Jüdische Volksverein" im Saale des Gasthauses: „Zum goldenen Widder", II., Taborstraße 86, eine Große allgemeine Dotlrsversammlnng in welchem das augenblicklich actuellste Thema: Die Juden und die Wiener Gemeindewahlen zur Besprechung gelangen soll. Die Zeit, in der wir leben, erfordert dringendst den ganzen Ernst der jüdischen Wählerschaft und deren thatkrästigstes Eingreifen in die bevorstehende Wahlcampagne. Es ist deshalb die heilige Pflicht jedes jüdischen Wählers, die Versammlung zu besuchen und sich über die Interessen der Inden an dieser Wahl zu informieren. Wir erwarten eine massenhafte Betheilignng der jüdischen Wählerschaft! Das jüdische Volk muss endlich anch sprechen, wenn es gehört werden soll, und zwar laut und deutlich! Der Ausschuss des Indischen Kolirsnereines. Die Wahlbewegung. Die Gemeindewahlen in Wien stehen bevor, und rege, wie noch nie zuvor, wird diesmal von den Parteien um das Regime gekämpft. Wir Juden, die wir bisher in unbegreiflicher Geduld den Sturmblock für die Parteien abgegeben haben, wollen diesmal etwas gescheiter sein, zurücktreten und die gegen einander stürmenden Parteien gegen ihre eigenen Schädel rennen lassen. Wir haben die P f l i ch t, die niederträchtigen Verleumdungen und Beschimpfungen, mit denen uns Christlich-Sociale und Deutschnationale in edler Uebereinstimmung täglich übergießen, mit dem Stimmzettel zu beantworten; wir verdienten wirklich jene Die Juden in Tirol und Vorarlberg. Von Dr. Aron Tänzer. Die Geschichte der Juden in unseren Alpenländern gehört eigentlich zum weitaus größten Theile Vorarlberg und der nahezu drei Jahrhunderte alten Jsraelitengemeinde in Hohenems an, doch haben die wenigen auch in Tirol zu allen Zeiten und an verschiedenen Orten unter freilich harten Bedingungen ansässig gewesenen Juden ihre Geschichte, deren Darstellung auf Grund mehrjähriger Forschung in den Landes- und Privatarchiven ich in meiner „Geschichte der Juden in Tirol und Vorarlberg", deren erster Theil gegen Ende dieses Jahres vor die Oeffentlichkeit treten dürfte, bieten werde. Besonderes Interesse verdient die folgende Periode der Franzosenkriege, umsomehr als über die großartigen patriotischen Leistungen der Juden in jener Epoche bisher noch kein Sterbenswörtchen zur Veröffentlichung gelangte. Schon der Krieg der ersten Coalition gegen Frankreich legte dem kleinen Ländchen insgesammt und so auch seinen Juden schwere Opfer an Kriegsdarlehen, Durchmärsche und Truppeneinlagernngen auf. Im August des Jahres 1796, nach Napoleons Siegen in Italien, galt es die von Graubündten her erfolgte Invasion der Franzosen in Vorarlberg zu bekämpfen. Wohl kam es damals zu keinem eigentlichen Kampfe, weil das in Bregenz lagernde österreichische Militär unter den Generalen Gräffen und Wolff sich infolge höheren Befehles und des Unglückes der österreichischen Waffen zurückziehen musste und schließlich der Friede zu Campo formio (do) dem Waffen- Bezeichnungen, die man in den Blättern der genannten Parteien auf uns anwendet, wenn wir das unterließen. Der „Jüdische Volksverein^ist rührig in die Wahlbewegung eingetreten, und wir erfüllen unsere publicistische Pflicht, wenn wir seine Bemühungen nach Kräften unterstützen. Es gilt diesmal, die ganze jüdische Wählerschaft zumobilisieren, und zwar weder für die Liberalen, noch für deren Compromissp a r t e i e n, sondern für uns, fürunsergeschmähtes, unterdrücktes Volk, für das Judenthum. Die große Versammlung am Dienstag, zu welcher der Volksoerein vorstehend einladet, wird die Gesichtspunkte klarlegen, von welchen der „Volksverein" die kommenden Wahlen beurtheilt; heute wollen wir im Nachfolgenden eine Darstellung der Aufmerksamkeit unserer Leser empfehlen, die wohl geeignet ist, auch jene in die Provenienz dieser Wahl einzuführen, die bisher über diese Wahl nicht im klaren sind. Die Darstellung stammt von einer politischen Persönlichkeit, die einen tiefen Einblick in die Parteienwirtschaft hat; sie ist darum ebenso objectiv als beweiskräftig. Wir lassen sie nun folgen: Zu den Gemeinderathswahlm. Der Wahlkampf beginnt, Mobilisierungsordres erfließen aus allen Parteilager'.'., di..'"Volksversammlungen bilden die Heerschau — Kampfrufe hüb en und drüben. Die eine der gegnerischen Parteien hat einen Kampfruf, der zündet und ralliiert, er ist die Parole, um die sich alles schart. Und welches ist diese Parole? Ist es etwa ein Kampfruf gleich dem, welcher in den county borouh (Stadtgrafschaften) der Londoner City wider die die Union mit den anderen Londoner Stadtheilen bezweckende Bill Harcourt erschallte? Oder ist es etwa die Parole der Pariser Municipialwahlen gegen die Ueberordnung des Präfeeten über die Gemeinde-Autonomie? Fürwahr, dem Zeithistoriker, der die Geschichte der Kämpfe um die Macht in der Wiener Gemeindestube zu schreiben haben wird, wird keine dieser großen Ideen begegnen. Ein kleines Wörtchen nur und doch so umstürzend in allen politischen Machtverhältnissen dieser Stadt, bildet die Parole, und dieses Wörtchen, welches viele gar nicht bemerkt haben wollen, heißt — „Jud". Ja, vom Juden sprechen die antisemitischen Heerführer, wenn sie Gaswerke bauen, vom Juden, wenn sie pflastern, vom Juden, wenn sie die Straßen nicht reinigen, kurz gefasst, bei der christlich-socialen Partei, bei drei Vierteln der tanze ebenfalls eine Ende bereitete. Aber schon in dieser ersten Periode des französischen Krieges thaten sich die Hohenemser Juden ruhmvoll hervor. Einen Theil der Lieferungen für das k. k. Militär war dem Vorsteher der israelitisä)en Gemeinde in Hohenems übertragen, Wolf Josef Levi, der in Anerkennung seiner Verdienste zum k. k. Hoffactor ernannt wurde. Als 1796 die Franzosen Bregenz besetzten, ward eine Deputation Hohenemser Bürger ins französische Hauptquartier geschickt, um Schonung für den Ort zu erwirken. Mitglieder dieser Deputation waren auch sieben Juden, und in der hierüber aufgenommenen Urkunde vom 10. August heißt es wörtlich: „Dass in der Gemeinde alle für einen und einer für alle haften sollen: Jud für Christ und Christ für Jud." — Bemerkenswert sind die anerkennenden Atteste, die die Hohenemser Juden von den hervorragendsten Commandanten jener Vorarlberger Kriegsepoche ob ihres lobenswerten Verhaltens erhielten. So bezeugt Ignaz Freiherr von Turtenbach wörtlich, „dass er und seine Compagnie sämmtlich von dortiger Judenschaft freundlichst ausgenommen, gut und ganz unentgeltlich verpflegt und quartiert worden sind, ja das Wohlwollen und der patriotische Eifer besagter Judenschaft erstreckte sich noch weiter, dass dieselbe freiwilligst dieser Compagnie Ergänzung ihrer Monturen und einige Stücke wollene Tücher ebenfalls ganz unentgeltlich angeschafft haben". Der durch seine Tapferkeit berühmte Christian Graf v. Leiningen- Westerburg bescheinigt ein Gleiches für sich und seine Compagnie und fügt noch wörtlich hinzu: „Besonders aber habe die Judenschast sich am anhänglichsten gezeigt gegen das k. k. Militär, auch gegen die Landesschützen in den Tagen von denen vorgefallenen Gefechten vom 16., 18., 28. August und 16. September d. I., wo die Juden- Wählerschaft der Stadt Wien, dreht sich alles um den Juden. <> Und die sich liberal oder fortschrittlich nennenden Gegner der Antisemiten, wovon sprechen denn die? Was ist ihr Kampfruf? Da ist etwas Charakteristisches zn bemerken, was man vielleicht in keinem Wahlkampfe der ganzen Welt wahrgenommen hat: die liberalen Gegner, respective die liberalen Führer, deren Wähler sich zu achtzig Percent ausJuden recrutieren, die wollen von allem in der Welt sprechen, nur nicht vom Juden. Hat man dies je erlebt? In einem jeden Wahlkampfe wird die Schlachtparole stets von beiden Theilen im positiven oder negativen Sinne betont. Für die Militärvorlage oder gegen die Militärvorlage, für die Home ruIe-Bill oder gegen dieselbe, das sind die Ruse, um die sich alles schart. Und wie ist es in Wien? „Gegen die, ode r nieder mit den Juden", rufen die einen, und die anderen, sie rufen weder für, noch gegen die Juden. Sie reden eben gar nicht von den Juden. Ja! Noch mehr! Neben den Hepp Hepp-Rufern minderer Sorte gibt es auch sogenannte „intellektuelle" Hepp Hepp-Rufer. Es sind die „deutsch" - nationalen Beamten, Lehrer, Schönererianer, Wolfianer, die echten Deutsch volklichen. Diese sind zwar die größten Feinde der jetzigen Machthaber im Rathhause, aber ebenso große Feinde der „Juden". Sie sind, wie sie sich nennen, „ehrliche" Antisemiten. Wolf und Schönerer waren es, welche in einer der ersten Sitzungen des Reichsrath es den Antrag auf Einschränkung der staaatsgrundgesetzlich gewährlei st eten Rechte in Ansehung der Judeneinbrachten. Sie wollen die Besitzunfähigkeit, die active und passive Wahlunfähigkeit der Juden, die Unzulässigkeit der Besetzung von Staats-, Landes- und Gemeindeämtern mit Juden. Sie haben diesen ihren antisemitischen Principien auch wiederholt im Abgeordnetenhause durch Anträge Ausdruck gegeben. Und nun kommen die liberalen Schweiger in der Judenfrage und stellen an die Juden die Zumuthung, sie mögen, zwar nicht als Juden, sondern als Liberale, ein Compromiss mit diesen „ehrlichen" Antisemiten schließen. Kurz gesagt, die Juden in der liberalen Partei sollen als „Liberale" charakterlose Juden sein. Und wie will man dies den Juden beibringen? Auf eine sehr einfache und radicale Weise. Es wird principiell von „ihnen" nicht gesprochen, mögen die anderen noch so laut als möglich schreien. Eine liberale Volksversammlung, besucht zumeist von 90% Juden und 10% Ariern, die schaft die zurückgekommenen Blessierten von denen Vorposten nicht nur menschenfreundlichst in ihre Behausungen ausgenommen, dieselben mit Essen und Trinken versahen und die dermalen fehlende Leinwand und Charpie freiwillig ohne Aufforderung aus ihren Mitteln darreichten." In einer Eingabe vom Jahre 1796 erklärte die Hohenemser Israelitische Gemeinde, auf allen Ersatz der Kriegserlittenheiten dieses Jahres verzichten zu wollen, wofür ihr mittelst Erlasses vom 26. Jänner 1797 der allerhöchste Dank ausgesprochen ward. Auch aus den nun folgenden Kriegsjahren liegen zahlreiche ähnliche Ehrenzeugnisse für die Juden vor. Vom Jahre 1797 vom Hauptmanne Jovanori, der mit 797 Mann von der Obristen-Compagnie des k. k. ersten componierten Banaler Bataillons während 18 Tagen von den Juden trefflich verköstigt worden sei. Ihm folgen im Jahre 1798 Hauptmann Vamberti, Lieutenant Ferry, Graf zu Pappenheim, Freiherr v. Eichler, Major v. Stein, und endlich der Commandant des 60. Linien-Jnfanteüe-Regimentes Major Clunchett, die alle nächst dem patriotischen Eifer insbesondere die Uneigennützigkeit der Juden betonen. Im Jahre 1800, da die Kriege der zweiten Coalition auch in Vorarlberg blutigen Wiederhall fanden, sind die Zeugen jüdischer Opferwilligkeit für Kaiser und Vaterland die Hauptleute Johannes Bauer, Franz Josef Griß, Marx Älois Luoger, der Oberlieutenant Bretschneider, der Fähnrich Mathis Gissinger nnd zum Schluffe noch das glänzende, in Lobeserhebungen sich erschöpfende Zeugnis der Vorarlberger Stände. All diese Documente sind theils in Originalen, theils in amtlich beglaubigten Copien vorhanden und stehen mit Vergnügen dem ehrenwerten Herrn Reichsrathsabgeordneten Schneider — diesem, wie Franzos sagen würde, Bajazzo der Reaction zur Verfügung, falls