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Jüdisches Volksblatt · 1900-04-13 · 15 (13.4.1900) · page 11

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
2 (1900)
Issue
15 (13.4.1900)
Date
1900-04-13
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Passnli-Beilago zum Jürlisclion Volksblatt.“. wenn die Reihe an die Charoses kommt, vertheilt man diese Ntischung van Apfelmus und gestoßenen Flüssen unter die Kinder und spricht: „Esset, esset mit, Kinder, das ist S e ch e r l e t i t, Ihr müsset dabei an den Lehm denken, den unsere Vorfahren in Aegypten kneten mussten." Welch ein Symbol, welch ein Vergleich! Lehm und Charoses! Aber ich möchte wohl gern den Chemiker sehen, der uns die Charoses für den „Seder der Zukunft" bereitet, der uns eine Mischung herstellt, die uns wenigstens äußerlich an all das erinnert, was wir heute alles zu „kneten" haben . . . IV. Seither sind Jahre vergangen . . . Ich nehme mechanisch die Bibel zur Hand und schlage die Stelle ans, wo von dem wunderbaren Anszuge der Vorfahren aus Aegypten die Rede ist. . . Und wenn ich am Sederabend nach althergebrachter Art an den Vater die traditionellen „Vier Fragen" richten soll, wie dies mir als ältestem Sohne sozusagen von amtswegen obliegt, so drängen sich nur unwillkürlich noch eine Menge anderer Fragen auf die Lippen. Allein ich unterdrücke sie. Wozu'? Weiß ich ja im voraus, dass die einzige Antwort auf alle möglichen Fragen in bcm traditionellen Worte enthalten ist: „Sclaven des Pharao waren wir in Aegypten. . . ." Peßlllhftst bei den S’iuiumtmiern. Der Gottesdienst nimmt ungefähr eine halbe Stunde vor Sonnenuntergang seinen Anfang. Auf einem Hügel befindet sich eine kleine, durch Steine eingehegte Umfriedigung, innerhalb welcher das Opfer gegessen wird, in der Nähe ein langer, nicht sehr tiefer Graben, worin Feuer brennt, und darüber zwei mit Wasser gefüllte Kessel; hier ist der Platz, wo das Schlachten der Lämmer vor sich geht. Etwas höher hinauf befindet sich eine zweite, 8—10 Fuß tiefe, runde Grube, ebenfalls mit Holzfeuer gefüllt, worin die Fleischtheile, nachdem sie gehörig gereinigt und vorbereitet sind, gebraten werden sollen. Der Hohepriester, als das anerkannte Oberhaupt der Gemeinde. ist in einen grül'en Mantel gekleidet, der durch einen reichverzierten Gürtel znsämmengehalten wird, mit einem türkischen Orden decoriert und niacht einen vorzüglichen Eindruck; sein Gesicht nach Westen gewandt, um — die Zeit mit Singen ausfüllend — den Sonnenuntergang abzuwarten. Die übrigen Männer sind sämmtlich in weiße, durch lose hängende leinene Träger gehaltene Mäntel gekleidet, mit Tmlica, Gürtel und Turban. Bei allen jedoch sind die ebenerwähnten Kleidungsstücke nur über darunter befindliche gezogen, wegen der rauhen und kalten Witterung. Die sieben Lämmer — prächtige Thiere von reiner syrischer Rasse — eines für jede Familie, warteten inzwischen der Dinge die da kommen sollten. Der Gottesdienst begann mit einem immer lebhafter werdenden Gesang und fortwährendem Niederwerfen, und nachdem der Höhepunkt erreicht, liefen sämmtliche Anwesende — mit Ausnahme des Hohenpriesters — der erwähnten tieferen Grube zu, die Lämmer wurden zusammengeholt und jedes von einem Schächter gehalten, da bei ihnen das eigentliche Schlachten von geübten Leuten zu geschehen pflegt. Ein älterer Mann, eine Art Aufseher, begieng fortwährend den Platz, indem er gleichzeitig von dem Hohenpriester Befehle entgegennahm resp. solche erwartete. Der bis dahin bedeckt gewesene Himmel klärte sich im Augenblicke des Sonnenuntergangs auf, die Sonne kam noch einen Augenblick zum Vorschein und zauberte am östlichen Horizont einen prachtvollen Regenbogen hervor. In diesem Momente — ein Zeichen des Hohenpriesters — ein Blitzen von sieben haarscharf geschlissenen Messern — und der Schlachtact war vorüber. Damit hatte die Aufregung ihren Höhepunkt erreicht; alles umarmte sich und begrüßte sich mit dem Friedenskuss — ein bekannter orientalischer Brauch — und auch dem Hohenpriester küsste man die Hände, sodann beeilte man sich, die Lämmer aufzuhängen und ihnen das Fell abzuziehen, zu welchem Zwecke man aus den Kesseln heißes Wasser herbeiholte; man schnitt die Wolle von den Häuten, entfernte die Eingeweide und schnitt die dem Hohenpriester gehörenden rechten Schulterstücke ab. Nun wurden die Thiere mit den Hinterfüßen nach oben auf einen langen Spieß gesteckt und unter dem Kopfe ein Querholz befestigt, so dass es einem auf dem Kopfe stehenden Kreuze ähnlich sah, und jeder Theil, selbst wie es schien, auch die Wolle, vorsichtig niit Salz bestreut. Hierauf brachte man Lichter herbei, und die Thiere wurden genau darauf untersucht, ob alles vorschriftsmäßig ausgeführt sei. Bei einem Lamme war der Schächtschnitt nicht in correcter Weise ausgeführt, und wurde daher ein anderes Thier herbeigeschafft und mit demselben die ganze Operation aufs neue vorgenommen. Gegen 9 Uhr nachts war alles zum Braten bereit. Es war ein zauberischer Anblick, als alle die weiß gekleideten Gestalten in hellem Mondscheine um die offene Grube standen, aus der die hellen Flammen emporloderten; die am nächsten stehenden sieben Männer drehten unter forwährendem, durch kurze Pausen unterbrochenen wilden Gesänge und in gleichmäßigem Hineinwerfen ihre Spieße in dem feurigem Schlunde. Endlich wurde ein schweres Gitterwerk über die Oeffnung gelegt und Nasen und Erde darauf geworfen, bis die Glut gedämpft war, so dass nur noch die Enden der Spieße aus dem so geschlossenen Ofen hervorragten. Eine nun folgende Pause von mehr als zwei Stunden wurde ausgefüllt durch eine lebhafte, aber ungeordnete Discussion theologischen Inhalts zwischen dem Hohenpriester und den übrigen Anwesenden in des erstereu Zelt. Allem Anscheine nach glauben auch die Samaritaner an den Messias und hoffen auf seine Ankunft, jedoch nur, um von ihm eine völlige Wiederherstellung der von Moses gegebenen Gesetze in ihrer vollen Ursprünglichkeit zu erwarten; auf eine an den Hohenpriester gerichtete Frage, wann sein Kommen zu erwarten wäre, gab derselbe die Antwort, die ans dem Talmud stammt: Wenn in der ganzen Welt nur Ungläubige sind. Das Peßachopfer wird von ihnen in der Hauptsache als ein rituelles Gedächtnisfest gefeiert; während der^Opferceremonie wurden einige der Lagcrzelte mit Blut gezeichnet, ob alle, konnte der Beschauer nicht wahrnehmen, ebensowenig ob an jeder Seite und ob über den Eingängen. Sie sind sehr vorsichtig, dass kein Knochen zerbrochen wird, und erklären das Wegnehmen des Schulterstückes als nur „fortgeschafft". Während die einen sich an der Discussion betheiligten, beschäftigten sich die anderen mit Verbrennen der Eingeweide und der dem Priester gehörenden Stücke, alle diese Verrichtungen mit Gesang begleitend. Der letzte Act der Ceremouie begann etwas nach 11 Uhr, nachdem sich die ganze Gesellschaft wieder um den Ofen versammelt hatte. Nach einem Gebete wurde das Gitter entfernt und die gerösteten Fleischstücke herausgehoben. Vieles war verkohlt, ein Spieß verbrannt und ein Mann daher in die Grube hinuntergelassen, um die Theile zusammenzusuchen; schnell wurde dann das Fleisch in bereit gestellten .Körben verpackt und zum Festplatze getragen. Nach einem laugen, lauten Dankgebete machte sich jede der verschiedenen Gruppen über ihr Lamm her, indem sie das Fleisch mit den Fingern von den Knochen abstreiften und solches mit bitteren Kräutern und ungesäuertem Brote verzehrtet!. Wein wurde nicht dazu getrunken, indem hiervon bei den im zweiten Buche Moses befindlichen Passahvorschriften nichts erwähnt ist. Der eigentliche Festact währte nicht lange; hie und da sah mau Knaben, welche mit großer Vorsicht ihren Müttern in deren Zelt Speise brachten, nur einige hielten Stöcke in der Hand, aber alle hatten die Lenden umgürtet. Den Fremden gegenüber waren sie von einer peinlichen Genauigkeit, dass dieselben nichts berührten. Als die Mahlzeit vorüber war, wurden alle Ueberreste in die Grube geworfen und verbrannt, und wenige Minuten vor Mitternacht war die Ceremonie zu Ende. Olga. Eine Peßachskizze von R. A. Brandes. Sederabend des Jahres 1882. Im großen Saale des Jakob Efros ist der Tisch geschmackvoll gedeckt. Sowohl Efros wie seine Frau legten großes Gewicht darauf, den neuen Gästen einen möglichst prächtigen Empfang zu bereiten. Um den Tisch herum wird die Zahl der Sessel vermehrt und zwei „Hesebes" für den Gebrauch bereit gemacht. Die eine oben für den Hausherrn, die andere zu seiner Rechten für den Gast. Und der Gast ist ihnen sehr theuer. Es ist dies Gedalja, der älteste Sohn Jakobs, der sammt Frau und Tochter hierher übergesiedelt, nachdem ihm sein Haus in Kiew während der Straßentumulte des vorigen Jahres fast demoliert worden ist. Gedalja Efros gehörte zu den Fortschrittlern und sein Haus wurde auch dementsprechend geführt. Oft rühmte er sich dessen, und mit einem gewissen Stolze bekannte er, der alten jüdischen Art und Sitte Thür und Thor verschlossen zu haben. Beinahe hätte er es vergessen, dass er noch Jude ist, wenn ihn nicht die Straßentumulte und die eingeschlagenen Fenster in seinem Hause jäh und grausam daran gemahnt hätten. Und er verließ auch wirklich Kiew, übersiedelte mit seiner Familie nach der Wohnstätte seines Vaters, um hier dauernden Aufenthalt zu nehmen, und heute ist er bei feinem Vater zum ersten Seder geladen, er, seine Frau und seine Tochter Olga, ein lOjähriges Mädchen. Olga, im Sinne ihres Vaters erzogen, sieht hier zum erstenmale nicht wenig verwundert die Vorbereitungen, welche die „Alten" zum Peßachfeste treffen. An dem Tische wird seit Mittag von Jakob und seiner Frau eifrig gearbeitet. Nun ist derselbe vollständig nach der alten Sitte hergestellt. Große, dreiarmige, silberne Leuchter, versehen mit Kerzen, stehen in der Mitte. Vornan prangen zwei breitspurige silberne Tablettes, von denen jede drei ungesäuerte Brote und die! übrigen ceremoniellen Utensilien enthält, überdeckt mit seidenen Tüchern, auf denen in Gold gestickt das Wort „Peßach" steht. Zu beiden Seiten des Tisches sind, der Zahl der Gäste entsprechend, vergoldete Becher und mehrere Flaschen mit Wein ausgestellt. Jakob und sein Sohn sind noch im Tempel. Beide Frauen bessern noch immer um den Tisch herum. Olga dagegen sitzt in einem Winkel. Mit aufrichtiger Verwunderung sieht sie allem zu, und ein Lächeln spielt oft um ihre Lippen. Sie wurde in einem christlichen Pensionat in Kiew erzogen, las uud sprach mit derselben Leichtigkeit die Landessprache, wie das Französische. Aber das Jüdische war für sie eine fremde Welt. Sie ist jung und schön, und mit einer gewissen Begeisterung liebt sie den Verkehr mit jungen Edetleuten und Officieren. Von einer echten Leidenschaft oder Liebe ist bei ihr noch keine Rede, aber die Phantasie treibt schon ihr natürliches Spiel, und freudig bewegt sie der Gruß, den ihr ein schöner, junger Uniformträger entbietet. Die Thür des Salons wurde geöffnet. Jakob und sein Sohn sind vom Teinpel zurück. Wie schön sieht jetzt der „Alte" in seinem feierlichen Gewände aus! Sein langer, weißer, ihm biszur Brust herabwallender Bart verleiht seinem frohbewegten, lächelnden Gesichte eine gewisse Würde. Seine Äugen drücken Zufriedenheit aus, und unbeweglich hängen seine silbernen Locken herab, gleichsam stumme Zeugen seiner Seelenruhe. Nach einer Weile sitzen alle bei Tische, auch Olga hat Platz erhalten. „Ich habe Dir eine Hagada nrit russischer Uebersetzung gekauft," sagte der Großvater, indem er seinem Enkelkinde ein kleines, elegant eingebundenes Büchlein übergab. Der „Seder" geht vorschriftsmäßig vor sich. Der Älte und sein Sohn sprechen über die gefüllten Becher den Segen. Älle trinken. Die Magd reicht den Männern das Waschbecken. Sie nehmen jeder ein Stück vom Grünzeug und theilen es mit ihren Frauen, brechen eiire Mazze in zwei gleiche Theile, von welchen der eine unter den Polster gesteckt wird. Alles erhebt sich von den Sitzen. Man schwingt die Silbertablettes mit den, ungesäuerten Brote und spricht: „Das ist das Brot . . Man füllt die Becher wieder. Die Hagada wird in singender Weise vorgetragen. Olga wendet mit gespanntem Blicke all diesen Vorgängen ihre Aufmerksamkeit zu. Wie eiue Scene aus einem Schauspiel erscheint es ihr. Sie sieht, wie die Becher bald gehoben, balb wieder auf den Tisch gesetzt werden, die Mazzoth bald auf-, bald zugedeckt werden. Sie möchte laut auflachen, aber die Rücksicht auf den Großvater zwingt sie, ins Buch zu schauen. Sie beginnt, die russische Uebersetzung zu lesen, und als sie zur Stelle kommt: „Diese Mazzoth, welche wir heute essen, was bedeuten sie?" wendet sie sich plötzlich mit naivem Ernste zum Großvater uud sagt: „Ich Habe hier eine wichtige Frage entdeckt, Großvater! Wirklich, weshalb essen wir diese ungesäuerten Brote? Wäre ein gutes, echtes Brot nicht entsprechender für unser Festmahl?" „Warte nur, Tochter, bis wir die Hagada zu Ende gelesen, dann will ich Dir Antwort geben." Die Großmutter nickt unzufrieden mit dem Kopse ob des Unglaubens Olgas; sie möchte etwas sagen, aber die Anwesenheit ihres Mannes und die feierliche Stimlnung gebieten ihr Schweigen. Der erste Theil der Hagada ist zu Ende gelesen worden. Man trinkt den zweiten Becher, wäscht sich noch einmal die Hände und das Nachtmahl wird aufgetragen. Der Alte wendet sich nun an Olga und sagt: „Du hast mit Recht gefragt, mein Kind. Höre, ich will Dir eine wunderbare Geschichte erzählen, einen interessanten Roman." Olga blickt aufmerksam auf. „Vor vielen, vielen Jahren kamen fremde Leute nach Aegypten, um sich dort anzusiedeln und ihre Schafe zn weiden. Mit Bewilligung des Königs, ja sogar aus seinen Befehl geschah es. Einer ihrer Brüder war Vicekönig daselbst, und der König gebot ihm, seine Familie ins Land zu bringen. Die Leute kamen, setzten sich fest, arbeiteten und ein paar Jahrhunderte lang brachten sie dem Lande Segen. Da bestieg ein neuer König den Thron. Sein Grundsatz war: „Aegypten nur für Aegypter!" und eine Verfolgung der Fremden begann. Er nahm ihnen ihre bürgerlichen Rechte weg und machte sie zu Sclaven und quälte sie in unbarmherziger Weise. Ihre Kinder ließ er in den Nil werfen und verübte die schrecklichsten Greuelthaten in Fülle. Und seine Beamten waren noch blutgieriger und strenger als er... . Mein Kind! Diese unschuldig Verfolgten waren Deine und meine Ahnen, die Ahnen des jüdischen Volkes!" Eine verborgene Thräne quillt aus den Augen Olgas, und der Alte setzt seine Erzählung fort: „Plötzlich erscheint diesem Volke ein Retter. Ein Mann aus ihrer Mitte, Moses, verkündete den Unglücklichen ein neues Leben, Freiheit und Selbständigkeit. Durch eine wundervolle That befreit er mit einemmale 600.000 Männer, außer Frauen und Kindern. Von 000.000 armen Sclaven sprengt er die drückenden Fesseln! Durch einen glücklichen Zufall wurde Moses am Hofe des Königs erzogen. Hier genoss er Bildung und eignete sich Kenntnisse des Krieges an. Und als er sein Volk unterdrückt sah, beschäftigte ihn nur ein Gedanke, ihm Rettung zn bringen, es zu befreien. Um Mitternacht verließ das ganze Volk unter seiner Leitung Aegypten, um durch die Wüste nach dem Lande seiner Väter zu gelangen.... Auch in der Wüste gab es Herrscher und Könige, die die Juden am Weiterziehen hinderten und zum Kampfe zwangen. Aber Moses war ein muthiger und hervorragender Führer und Josua, ei» junger, tüchtiger Krieger, stand ihm als Feldherr zur Seite. Sie besiegten bald die stolzen Wüstensöhne und unterwarfen die 31 Könige, die das ßcitib ihrer Väter besetzt hatten. Darauf begründeten sie ein selbständiges Reich, das die Achtung aller Völker jener Zeit genoss. Ja, mein Kind, wir waren auch einmal ein freies Volk. Bei uns im Lande herrschte Gleichberechtigung für alle. Wir haben niemals jemand seiner Religion wegen verfolg! und einen Fremden in seinen Rechten gekürzt.... Wir haben auch, wie andere Völker, um nationale Ehre gekämpft und gesiegt, bis uns fremde, stärkere Stämme überflutet, aus unserem Lande vertrieben, uns in alle Welttheile zerstreut haben. Und nun sind wir wieder unfreie, unterdrückte, verfolgte Menschen . . ." Olga weint bitter. „Heute aber feiern wir das Andenken unserer ersten Befreiung und geben der Hoffnung Ausdruck, dass ein» Retter kommt, ein Erlöser erscheint, der uns wieder befreit und in das Land unserer Väter zurückführt. .. ." Die ganze Nacht hindurch dachte Olga an diese Erzählung. Die Bilder der Judenverfolgung in Kiew tauchten in ihrer Erinnerung auf und mit einer jugendlichen, ungebändigten Leidenschaft gab sie sich nur einem Gedanden hin, dem einer nahenden Erlösung. In ihrer Phantasie glaubt sie es zu sehen, wie Moses als Führer, Josua als ein General, beide hoch zu Ross, mit geschwungenein Schwert, den Feind in die Schranken fordern, um ihr Volk zu befreien. „Aber warum haben wir jetzt keinen Moses, keinen Josua?" dachte Olga nach. „Warum ist in Kiew kein Erlöser, kein Retter erstanden? Und vielleicht kommt er noch .. ..! Der Großvater sagt ja, dass er kommen muss . . . ." Am nächsten Sederabend sehen wir Olga im Vereine mit der Mutter und Großmutter den festlichen Tisch besorgen. Nun kann sie dem Großvater zurufen: „Jetzt weiß ich, warum wir die ungesäuerten Brote genießen!"

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