Mannheim
Compact Memory

Jüdisches Volksblatt · 1900-04-13 · 15 (13.4.1900) · page 10

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
2 (1900)
Issue
15 (13.4.1900)
Date
1900-04-13
Page
– (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2432763-2432811-2432826--0500-2434142
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Passah O. r-\ ncsT Beilage zum »Jüdischen Volksblatt « Erwachen! Was zögerst Du, Juda, was zögerst Du nach, Die Schlacht um die Freiheit zu schlagen? Du zitterst und schweigst? Du senkest den Blick! Ermann' Dich, mein Volk! Mit uns ist das (Rück, Wir wollen und werden es wagen! , . . Dort stehen die Feinde in eisernen Reih'n, Sie spotten der Gegner, der schwachen; Ihr Völker, o spottet und höhnt nicht zu sehr! Nicht Sklaven sind eure Gegner mehr, Gefesselte Löwen erwachen! Die Löwen erwachen ans düsterem Traum, In dem sie so lauge gelegen. — Die Fesseln zerreißen, die Kette zerschellt, Ein donnender Schlachtruf durchhallt die Welt: Durch Kampf zu Freiheit und Segen! Beda. Peßach. Erinnerungen! Der moderne Jude, den das liberale Phrasengeklingel der Sechziger- und Siebzigerjahre aus dem festgefügten Gefühlsleben seines engen, aber in seiner Einsamkeit charakterstarken Ghettos hinauswarf in das täuschende I Parteigetriebe seiner bewussten und unbewussten Feinde, | der hat ja nicht mehr von dem Feste der ungesäuerten | Brote, als den Namen und die Erinnerung! H Wenn an den Vortagen die Gefäße und Koch- | geschirre der lieben Mutter zum Schames getragen wurden, 8 der sie mit Feuer und Wasser für ihre Festtagsbestimmung 8 präparieren sollte; wenn die Mutter mit ihrem Hausmädchen das Tischzeug hinaus in die alte „Almer" trug, um von dort die blassgelben, flachen Mazzesteller zu holen, wenn endlich am „Eref" der Vater im Hause umbergieng, um die verstreuten Brotkürnchen und das sonstige Chomez „zusammenzubatteln" und zu verbrennen! — Wie das ahnungsvolle Kinderherz voll Festtagslust und in erwartungsvoller Erregung die vielen kleinen Handlangerdienste verrichtete; wie man an den Rockfalten der Mutter hieng und die Zeit nicht erwarten konnte, bis der Sedertisch aufgestellt wurde! Erinnerungen! Und dann an der Hand des Vaters in die „Schul", wo der flammende Kerzenschein und die heiligen Sänge die neugierige Ungeduld in weihevolle Andacht verwandelten. Auf dem Heimwege konnten die Beinchen gar nicht eilig genug fortkommen. Dann gieng endlich die Thür auf, und im strahlenden Glanze der Lichter stand die lange, silberbesetzte Tafel, mit den in Servietten eingeschlagenen Mazzes, den Weinbechern und den duftenden Kräutern neben den aufgeschlagenen „Godes", die dem jüngsten Sprossen des Hauses den Lorbeer der fehlerlos vorgetrageneu „Ma nischtane" bringen sollten. Erinnerungen! Wie sie auf den im Kampfe gestählten und ermüdeten Manne einstürmen! Lebendig liegt die ganze Scenerie da, als wären es Tage der letzten Zeit gewesen! Liegen wirklich Jahrzehnte dazwischen? Und die ga..ze lange Zwischenzeit hat in den arbeitsreichen Tagen kaum die Erinnerung daran aufkommen lassen! Erst die Zeit mit ihrer steten Wiederkehr des Alten m"sste die so lange unverstandene Knechtschaft wieder vor uns hinstellen, roh und brutal; musste uns mit eiserner Hand am Genicke fassen und uns die vielbeneidete Assimilationsfähigkeit aus der Seele schütteln. N u n feiern wir Peßach, nicht in der glücklichen Ahnungslosigkeit der Jugend, nein, mit der inbrünstigen Bitte des bedrängten Gemüthes auf den Lippen: „Leschono habo . . . ." Es ist, als ob das „Erwachen", das in der Feier des Peßachfestes seine symbolische Bedeutung findet, auch an unser Innerstes rütteln würde. Vor Jahrtausenden sind die Väter erwacht aus der Lethargie der entwürdigenden Knechtschaft und haben sich mit Kraft den Weg gebahnt durch die Meereswogen und Sandwüste. Und tausende Jahre später rüttelt Peßach an die Seelen der in der Scheinfreiheit lässig und pflichtvergessen gewordenen Enkelkinder und mahnt sie, sich ihrem Traumleben zu entreißen, das Joch einer a.igewöhnteu Denkungsweise abzuschütteln und kraftvoll zurückzukehren zum Geiste der Väter, die ein Volksthum nicht geschaffen haben, damit es in unfreier Anpassungslüge dahindämmere. Die Erinnerunge.i zaubern die Tage der glücklichen Kindheit hervor und senden sie als Propheten einer neuen Zeit der Gegenwart voraus. Wie es war, so könnte es lverden. Frei sein ist Glück; das höchste Glück liegt in der Freiheit. „Awodim choujinu leparo" — murmelt es dem grauen Barte des geliebten Vaters von den ^agen der Kindheit herüber. Knechte waren wir den Tyrannen, bevor wir die Ketten brachen. Dann wurden vir frei und litten mit Freude Durst und Hunger, üllten am Manna unsere Fleischgelüste. Unser nationale!' Mhlen war erwacht, ein neues Leben begann.... Möchte es doch beginnen! Was sotten wir unseren Kindern sagen, wenn sie uns mit ihren Hellen Augen ansehen und fragen: „Ma nischtane . . ." Warum ist diese flacht ausgezeichnet vor allen anderen, wenn sie Euch leuchtet seit tausenden von Jahren und Ihr sie glühen sehet in ihrer großen Bedeutung und in ihrem stillen Kummer, und eine nach der anderen dahingeht, ohne eine sichtbare Spur zu hinterlassen? Was sollen wir ihnen sagen, wenn wir die vieltausendjährige Geschichte unseres Voltes nicht fortzuspinnen suchen mit neuen Thaten? Seit Jahrzehnten lebt ein rühmloses Geschlecht dahin. Thatenlos und kraftlos. Leuchtet ihm Peßach nicht in die Seele itub lockt es zu neuer That, 51t neuem Leben? Soll die Erinnerung unser ganzes Leben sein? Wozu dann Peßach? n. Charoses. E i n e P e ß a ch-E r i n n e r u n g v 0n S i m 0 n S. Fru g. (Autorisierte Uebersetzung au§ dem Russischen.) I. Seid mir gegrüßt, Ihr lieben Schatten der stillen, Hellen Kinderjahre!. . . „Was machst Du da, Großväterchen?" „Was ich mache?" antwortet mein Großvater, während er mit dem Stößel den rothen, blank gescheuerten Mörser stampft. „Was ich mache, fragst Du? Siehst Du, mein Kind, ich habe nämlich vor, ägyptische Festungen zu bauen. Siehst Du?" Und der Großvater zeigt mir das Ende des Stößels, das mit einem klebrigen, grauen Brei überzogen ist. „Pithom und Ramses will ich bauen." „Wieso? Pithom und Ramses?" rufe ich verwundert. „Diese Festungen haben ja längst unsere Väter in Aegypten aufgeführt. .. Was sprichst Du da, Großväterchen?" „Längst, sagst Du, haben sie sie aufgeführt... Ja, lange, sehr lange ist es her," wiederholt leise und traurig der Greis, indem er sein graues Haupt schüttelt und seine Augen irgendwo in die Ferne, gerichtet sind, mit einem mir unbegreiflichen Ausdruck großer, ehrsüchtiger Wehmnth. „Ach ja, mein Kind! Längst, sagst Du, hätten sie's aufgebaut? Natürlich, sehr lange ist es her. Selber mussten sie den Lehm kneten, das Stroh sammeln und die Ziegel trocknen, in den Steinbrüchen haben sie gearbeitet, Steine von hundert Pud haben sie herbeigeschleppt und haben die Fundamente gelegt, und Wände haben sie aufgeführt, hohe, ganz hohe Wände .. . Marsch fort, Katze! Beinahe hätte sie das Tischtuch heruntergezoqen..." Ich rücke das Tiscytuch zurück, jage die Katze fort, stütze mein Haupt auf die Hände und bitte: „Erzähle weiter, Großväterchen..." Großvater entfernt aus dem Mörser ein Stückchen Nussschale und erzählt weiter mit seiner gleichmäßigen, langsamen Stimme: „'Ja so . .. Ziegel haben sie selber gefertigt und Wasser getragen, aus demselben Fluss, in den man ihre Kinder hineinwarf . . . Man ersäufte nämlich die armen Kleinen... Und wir, die Väter der armen Kinder mein' ich nämlich, mussten unterdessen aus den Straßen Strohhalme sammeln, denn von der Regierung bekamen wir nämlich kein Gräslein. . . Dieser Pharao, weißt Du, mein Kind, war grausam, ach sehr grausam war er, dieser Czar von Aegypten! Denk' Dir, der verwandelte ein ganzes Volk in Arbeitsvieh, in Parias, welche den ganzen lieben Tag verpflichtet waren, Lehm zu kneten und Ziegel zu brennen .. . Doch das ist im Grunde nichts, im Vergleiche zu .. . Wart' ein bisschen, reich', mir nur diesen rothen Apfel her .. ." Und Papa schält langsam den Apfel ab, schneidet ihn in kleine Theilchen, wirft sie in den Mörser und fängt an, sie gewissenhaft mit dem Stößel zu zerdrücken. „Ich sage Dir ja." fährt der Greis fort, während er in den Mörser einige Tropfen Wein träufelt. „Ich sage Dir ja: Ziegel brennen. Gut, mag sein, Ziegel brennen. Aber wie soll ich Dir jeden Tag eine bestimmte Anzahl Ziegel in die Regieruugömagazine abliefern, wenn Du mir das Stroh zur Herstellung dieser Ziegel verweigerst?^ Such' Dir selber Stroh zusammen! Gut. Da finde ich iu der Straße einen Strohhalm, einen zweiten, einen dritten. . . Habe ich schon Stroh genug zusammengelesen, jetzt heißt es, geh', knete Lehm. Ist der Lehm fertig, nun mach' Dich daran, die Ziegel zu bereiten . . . Da hat man mir den ältesten Sohn zuin Militär genommen, er musste helfen, für die Aegypter die lybischen und äthiopischen Völker zu besiegen, der zweite Sohn sitzt beim Ofen und brennt die Ziegel, das Neugeborene hat man im Nil ertränkt, und Du geh' mit Deiner kranken Frau Stroh zu sammeln . .. Pharao genießt den Ruhm eines der mächtigsten Herrscher der Welt, Aegypten ist wegen seines Reichthums berühmt, es vergrößert seinen Umfang systematisch durch die Eroberung der benachbarten Stämme, jeder Aegypter lebt wie ein König, genießt die Früchte der Sklavenarbeit, und Du, Nachkomme des schönen j Josef, geh', sammle Stroh im Kothe und im Staube!... Reich' mir, Herzchen, ein paar Nüsse... Genug..." Einige Nusskörner verschwinden im Mörser, der Stößel fängt wieder seine Arbeit au, und der Großvater setzt seine Erzählung fort. II. „Ja so, mein Kind . . . Pittom und Ramses, sagst Du, sind sängst schon erbaut worden... Du kennst die Geschichte aus der Bibel. Aber hast Du beim Lesen daran gedacht — hast Du daran gedacht — wie schwer dieses Sammeln von Stroh zum Bauen der ägyptischen Festungen war? Sinn. das Strohsammeln au und für sich mar freilich bloß eine erniedrigende und unangenehme Tätigkeit, aber im Grunde war es eine ziemlich leichte Sache. Wenn es hier kein Stroh gibt, findest Du es an einem zweiten oder dritten Orte .. . Nicht wahr? Aber, weißt Du, Kind, hier ist eben der Knoten. Von dem ganzen, weiten Aegypten durften die Juden nur in einer bestimmten Provinz wohnen, nämlich in Gosen. In Gosen wurden sie geboren, in Gosen starben sie. . . Nun frage ich Dich, kann mau längere Zeit an einem Orte, in einem beschränkten Raume, Stroh sammeln, wo auf ein Hähnchen gleich zehn Menschen sich stürzen? Was sollten nun die armen Leute machen? Sie siengen an. sich über die Grenze ihres Ansiedelungsrayons zu stehlen. Ob sie wollten oder nicht, sie mussten die Grenze überschreiten. Nun stelle Dir vor, mein Kind, in ein Städtchen, welches an der Grenze von Gosen liegt, kommen jüdische Bauarbeiter, zerstreuen sich über die Straßen, Felder und Weiden, um Strohhalme zu suchen. Und da plötzlich taucht vor ihnen, wie aus einer Versenkung, solch ein ägyptisch-kaiserlicher Polizist auf. Ein Kerl, hoch wie der Thurm, rothe Augen, blaue Nase, in der Hand hält er eine Peitsche mit Bleikügelchen am Ende. Er stampft mit dem Fuße und brüllt nach ägyptischer Art aus vollem Halse: „Ach, Ihr verfluchtes Gesindel! Wie, zum Teufel, kommt Ihr denn hierher?! Was? . .. Stroh wollt Ihr für die kaiserlich ägyptischen Ziegel sammeln?... Schön... Aber, woher kann ich denn wissen, dass Ihr wirklich Stroh im Interesse der lästerlichen Regierung sammelt? Vielleicht bringt Ihr Diebe Contrebande mit Euch?' Was? .. . Mich, einen alten Practicus, werdet Ihr nicht hinters Licht führen. Ich kenne Euch, Ihr jüdischen Betrüger!" Und seine mächtige Peitsche saust nieder über ihre Nacken und Schultern. Eine ganze Flut ägyptischer Schimpfwörter strömt über seine Lippen . . . Die armen Juden begeben sich in den Schutz eines anderen, höheren ägyptischen Polizisten. Der waltet seines' Amtes schon ohne Peitsche, seine Augen sind nicht roth, sondern gelblichgrün, wie mit einer öligen Flüssigkeit überzogen, vielleicht Ist es übrigens eine fromme Thräne, die so feucht glänzt. „So und so verhält sich die Sache," wehren sich die angeklagten Juden. „Wir müssen für die kaiserlich ägyptische Regierung Stroh sammeln, daher . ,." „Aber, meine Herren, was haben Sie gethan!" spricht sie der höhere Beamte in einem ganz anderen Tone au, indem er sie mit gnädigen und theilnehmenden Blicken betrachtet. „Wie konntet Ihr nur von Gosen auswandern, da Ihr ja in Gosen Eure zugewiesenen festen Sitze habt?! Ihr wollt Stroh sammeln für die kaiserlich ägyptische Regierung? Schön. Aber zeigt mir einen Punkt oder einen Paragraph des bestehenden Gesetzes, welches Ihnen erlaubt, die Grenze Ihres Ansiedlungsrayons zu überchreiten? . .. Was?" Die Inden wussten natürlich nicht, was zu antworten' standen da, und schüttelten sich, wie im Fieber. „Eure ägyptische Excellenz." rapportierte inzwischen der Polizist. „Da diese und diese Juden widerrechtlich ihren Ansiedlungsrayon ohne Bewilligung der Behörde verlassen haben, ferner in Anbetracht dessen, dass ..." „Und so weiter und so weiter, mein Kind. Der Text ist bekannt... Ja, das waren schwere, schwere Zeiten." III. Immer langsamer bewegt sich der Stößel in den Händen des Großvaters. Seine alten, verträumten Augen, voll grenzenloser Wehmuth, glänzen hinter den herabhängenden dichten, grauen Brauen. Das Gesicht des Alten und seine ganze Haltung nahmen weiche, zarte Formen an . . . Etwas Kindlliches und zugleich Ohnmächtiges liegt in diesem siebzigjährigen Greise, während er, mit seiner etwas steifen Hand auf dem Stößel dastehend, leise und langsam spricht, schon ganz ohne meiner Gegenwart zu achten. „ . . . Und sie machten ihnen das Leben bitter von immerwährender Arbeit bei dem Lehm und den Ziegeln . . ." „Dann befahl der ägyptische König: wenn eine jüdische Mutter gebärt, so gebt acht, ist's ein Sohn, so muss er getödtet werden ..." Der breite Nil wälzt sein blauen mächtigen Fluten. Hohe, wunderbare Palmen haben droben in. der Höhe ihre herrlichen grünen Fächer ausgebreitet und schützen die heiligen Gewässer des ewigen Flusses vor dem Staub und der Hitze der Wüste. Ein heller, rosiger Morgen hat den ganzen Himmel vergoldet. Wie rein ist dieses südliche Himmelszelt, wie fröhlich tönt in den Lorbeerbäumen das Summen der Bienen und der Gesang der buntgefiederten Vögel, und — wie grausam, wie fürchterlich grausam sind die Menschen! . . . Stoch wenige Stunden und man wird sich zur Tafel setzen, um das große Fest der Befreiung zu feiern, und

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.