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Jüdisches Volksblatt · 1900-04-13 · 15 (13.4.1900) · page 1

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
2 (1900)
Issue
15 (13.4.1900)
Date
1900-04-13
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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*---4 «edartion: YIII/1, Schlöffelgastr 11. Estrechstunden r An Wochentagen von 10 bis 12 Uhr vormittags; an Sonntagen von 11 bis 18 Uhr vormittags. Postadresse: IiidtscheS BolkSblatt, Wien, VI1I|1. Vrsrhwrrden wegen verspäteter oder gar nicht erfolgter Zustellung erbitten wir uns dringend. — Dtannscridte werden nicht znruügesteklt. Postsparcassen-Cvnto 847037. In das Abonnement kann man täglich eintreten. A—... . M .- .......L ► ' ' ' * unter Mitwirkung der vom jüdischen Volks- Verein erwählten Pressrommisston. Inserate übernehmen die Finnen: I. Danncberg, M. Dukes, Haasenstein & Bögler, Rudolf Mosse, 51. Oppelik, M. Pozsonyi, A. Schalek in Wien, ferner alle Nnnoiicen-Expeditionen im Auslands. , Eiuzel-Nummer in Wien 16 Heller. Administration: VIII/ Abonnem, Für Wien n. Oesterreich-Ungarn fammt Franeozustellung. Ganzjährig . . Ur. 8.— Halbjährig.. 4.— Vierteljährig.„ 2 — ■ .....v 1, Schlöstelgasse 11. mtspreiS: Für daS gefammte Ansland fammt Franeozustellung. Ganzjährig.Kr. ö.— Halbjährig 4.50 Vierteljährig.„ 2.25 ----» Ur. 15 Wien, 13. April 1900. II. Jahrgang. Gfficielle Mittheilungen des „Jüdischen YoKsverein", An die jüdischen Gemeindewähler Wiens richtet der gefertigte Vereins Vorstand hiermit das dringende Ersuchen, ihr Wahlrecht zu reklamieren! Die betr. Kundmachung des Bürgermeisters sagt: „Gemäß L 23 des Wiener Gemeindestatuts (Gesetz von: 24. März 1900, L.-G.- und V.-Bl. Nr. 17) sind im Jahre 1900 vom II. Wahlkörper die Ergänzungswahlen, dann in den Gemeindebezirken I, III, IV, VII, VIII, IX, X und XIX vom I. Wahlkörper und in den Bezirken IV und X vom III. Mahlkörper Ersatzwahlen für den Gemeinderath vorzunehmen. Ferner hat gemäß H 43 des Gemeindestatus im XVI. Gemeindebezirke und gemäß Artikel IV des bezogenen Gesetzes im II. und XX. Gemeindebezirke die gänzliche Neuwahl der Bezirksvertretung stattzuftnden. Aus diesem Anlasse wird Nachstehendes bekanntgemacht: Die nach den Bestimmungen der Gemeindewahlocdnung verfassten Wählerlisten liegen gemäß 8 10 dieser Wahlordnung, wonach die Auflegung der Wählerlisten m i n d e st e n s sechs Wochen vor der Wahl stattzufinden hat, v o m 10. A p r i l d. I. an, und zwar für den I. Bezirk im neuen Rathhause, Steuer- und Wahlcataster, Hochparterre, für den II. und XX. Bezirk in der Gemeindebezirks-Kanzlei des II. Bezirkes und für alle übrigen Bezirke in den betreffenden Gemeindebezirks-Kanzleien zu jedermanns Einsicht auf. Einwendungen gegen die Wählerlisten können in der Zeit vom 10. bis eiuschliefflich 2». April d. I. m ü u d l i ch oder schriftlich eingebracht werden. Auf später eingebrachte Einwendungen kann keine N ü ctsicht genommen werden. Alle jene Wahlberechtigten, welche gegen diese Wählerlisten auf Grund des Gesetzes Einwendungen erheben zu können glauben, werden eingeladen, diese Einwendungen an den bezeichneten Orten einzubringen. Hierbei find die das beanspruchte Wahlrecht begründenden Doeumente (Zuständigkeitsdecret, Heimatschein, Anstellungsdecret, dann Tauf-, bezw. Geburtsschein, Steuerdocumente re.) v o rz u l e g e n. Mündliche Einwendungen werden daselbst innerhalb der obigen Frist täglich von 9 Uhr vormittags bis 2 Uhr nachmittags zu Protokoll genommen, schriftliche Einwendungen können ebendaselbst oder im Einreichungs-Protokolle des Magistrates (I., neues Rathhaus) überreicht werden. Ueber die rechtzeitig erhobenen Einwendungen entscheidet der Magistrat binnen längstens zehn Tagen und nimmt die für zulässig anerkannten Berichtigungen sogleich vor. Gegen die Entscheidung des Magistrates steht innerhalb drei Tagen die Berufung an den Stadtrath offen, welcher endgiltig entscheidet. Acht Tage vor der Wahl darf in den Wählerlisten für die im Zuge befindliche Wahl keine Veränderung vorgenommen werden." Das ist deutlich und bedarf keines Commentars. Wer sein Wahlrecht nicht in der Zeit vom 11. bis 23. April reelamiert, der hat es für diese Wahl verloren. Gerade diesmal aber liegt besonders viel an dem Wahlrecht, weil wir Juden es vielleicht sehr gut brauchen können. Wir bitten deshalb alle jüdischen Wähler „Dir Inden von Zirndorf". Roman von Jacob Wassermann. Ein Roman findet selten allzu strenge Richter. Man nimmt ihn dankbar an als einen Zeitvertreib für regnerische Tage oder für Nächte, in denen man keinen Schlaf findet. Man begleitet den Helden voll Mitleids in seinen Seelenkämpfen und freut sich mit ihm, wenn er trotz aller widerstrebenden Mächte schließlich dennoch die Braut heimführt. Wenn sich ein Roman aber mit actuellen Fragen befasst, die vielen tausenden Menschen Lebensfragen bedeuten und gewissermaßen ein Heiligthum geworden sind, verschwindet der „Held" mit seinen Seelenkämpfen, und die Seele des Verfassers selbst wird analysiert. Denn dann wird der Dichter zum Docenten und man hat zu untersuchen, ob er die Wahrheit lehrt oder die Lüge. Wassermann schickt dem eigentlichen Roman ein Vorspiel voraus, das der tollen Zeit des Sabbatai Zewi gewidmet ist. Der Ruf dieses Propheten ist auch nach Franken gedrungen und alle Juden von Nürnberg und der Umgebung verfallen in eine ranschartige Begeisterung. „Aller Sehnsucht hatte nun ein Ziel bekommen und jeder wusste: auch ich werde dem Rufe des Propheten folgen." Die ganze Jndenschaft ist außer Rand und Band. Die Hoffnung, mm bald ins Land der Väter einziehen zu können, die Freude, dass sie endlich den europäischen Gastfrennden Valet sagen dürfen, das Vorgefühl eines künftigen Glückes macht sie zu einer Schar wahnwitziger Fanatiker, zu Flagellanten, zu Blödsittnigen. Und wie behandelt Wassermann, der Jude, diese Unglücklichen, von denen er selbst sagt: „Das hier war kein Vaterland für sie und konnte es niemals werden, wie sich auch die Zeiten wandeln mochten"? Man gewahrt mit Entrüstung, wie er sich labt an der Lust, alles Jüdische zu verhöhnen. Er tadelt nicht, um zu bessern, sondern dringendst, die Wählerlisten zu prüfen und evenfnell ihr Wahlrecht ungesäumt zn reelamieren. Alle etwaigen Auskünfte ertheilt das Secretariat des „Jüdischen Vo lks v erein", II., Haasgasse 8 (Untere Augartenstraße 19). Der Bor st a n d. Der Ausruf des Volksvereines. Der heutigen Nummer unseres Blattes liegt abermals eine Einladung des „Jüdischen Volksvereines" bei, dem Vereine beizutrelen. Der Aufruf hat einen so schönen Erfolg gehabt, dass sich der Verein veranlasst sieht, seinen Versuch zu wiederholen. Es wäre zu wünschen, dass die zweite Einladung noch erfolgreicher ist. Der „Jüdische Volksverein" wandelt einen steinigen Weg. Er war der erste öffentliche Factor des politischen Lebens, der das Wort „Jude" nicht mit anderen, angeblich salonfähigen Bezeichnungen verwässerte, sondern es breit und mit voller Betonung als Tendenz seiner Bestrebungen in den Vordergrund stellte. Das hat ihm viele Freunde zugeführt, aber auch zahlreiche Gegner geschaffen. Das Wort ist durch ihn und mit ihm zu Ehren gekommen. Heute scheut sich schon so mancher, der ehedem nur ein „Israelit" war, nicht, ein „Jude" zu sein! Der Verein hat still aber rastlos seine Thätigkeit entfaltet. Als sein ofsicielles Organ sind wir nicht berufen, sein Lob zu singen. Das aber darf wohl auch sein bester Freund constatieren, dass der „Jüdische Volksverein" die einzige jüdische Organisation war, welche, den Bedürfnissen unserer Zeit Rechnung tragend, das gesammte innerpolitische Leben Oesterreichs stetig im Auge behielt und den gegen dasJudenthum gerichteten Bestrebungen kräftig entgegenarbeitete. Sein Eintreten in die Wiener Cultusgemeindewahlen war wirkungsvoll; seine Versammlungen so zahlreich besucht, wie es Judenversammlungen niemals waren; seine Agitation in der jüdischen Bevölkerung Oesterreichs hat deren nationalen Sinn geweckt und jene Begeisterung wachgerufen, die heute allerorts zu bemerken ist und auf eine um zu spotten, es ist keine unschuldige Ironie, sondern herzlose Gehässigkeit. Er empfindet, dass es den Inden schlecht geht, aber er scheint sich an ihrem Leide zn ergötzen. Und obwohl er oft genug betont, Deutschland sei nicht das Vaterland der Juden, gönnt er ihnen nicht die Sehnsucht nach den „guten Triften der ererbten Wohnsitze." Unter der Unmenge von Personen, die im Vorspiele auftreten, findet keine des Dichters Sympathie, sie sind entweder Idioten oder Hallunken. Nur ein christlicher Student erscheint als ein braver Charakter, weil er keine religiösen Vorurtheile kennt und die Rahel, ein jüdisches Mädchen, verführt. Rahel ist auch brav und gut. Von ihr sagt Wassermann: „Sie hasste Vater und Mutter, hasste die bleichen, gebetseifrigen jüdischen Männer, ihre gefräßigen, schwatzhaften Weiber, die altklugen Knaben, die frühreifen Mädchen, die kindischen, fanatischen Greise . . .." Nicht ein Geschlecht, nicht eine Altersstufe unter den Juden findet Gnade vor den Augen dieses jüdischen Romanciers. Und gibt es wirklich kein anderes Attribut, das man den jüdischen Weibern beilegen könnte, als dass sie schwatzhaft seien und gefräßig? Wenn nicht das spanische Rohr die einzige Waffe gegen derartige Verleumdungen wäre, könnte man Herrn Wassermann vielleicht fragen, ob er ein Antochthon ist oder ob ihn eine jüdische Mutter geboren hat. Im zweiten Theile des Romans, der „Die Juden von Zirndorf" speciell behandelt, wird die Darstellung nicht weniger gehässig. Dieser Abschnitt spielt um das Jahr 1890, und man wundert sich, dass auch hier alle Juden aus der Gegend von Fürth und Nürnberg verrückt sind. Was sie reden, sind geschwollene, unverständliche Phrasen, sie sind Figuren einer decadenten Dichterphantasie. Die jüdischen Mädchen sind Priesterinnen der freien Liebe, ein sechzehnjähriger Schüler wird zum Religionsphilvsophen und Schulreformator. Der Knabe sagt: „Ich habe nie die jüdische Religion geliebt" und sehnt sich nach Jesus Christus. So viel pietistische Gefühlsgedeihliche Entwicklung der jüdisch-nationalen Bewegung schließen lässt. Neben dieser Arbeit der Propaganda gieng die ernste erziehliche Thätigkeit. Der Verein hat seit Jahresfrist ein Vereinslocal, in welchem eine große Anzahl von Zeitungen und Zeitschriften aufliegen, in welchem allwöchentlich ein zahlreiches Publicum den Vorträgen lauscht, welche gute Redner und hervorragende Parteigenossen dort abhalten. Der Raum hat sich als z u klein erwiesen; es mussten deshalb bereits neue, große Localitäten gemietet werden. Auch mit den Vorbereitungen für eine größere wirtschaftliche Institution ist der Verein beschäftigt deren Gelingen ist außer Zweifel, Wenn sich nun der Verein an die Judenschaft Oesterreichs wendet, sie möge sich um ihn scharen, in ihm sammeln, ihn kräftig unterstützen, so erfüllt er damit wohl nur aufs neue seine Pflicht. Erst wenn eine Repräsentanz, eine Vertretung des g e s a m m t e n Judenthums seine Stimme in die politische Wage werfen wird, erst dann wird das Judenthum seine Existenz zu verbessern in der Lage sein. Eine kraftvolle, zielbewusste und unerschrockene Vertretung des Judenthums thut uns noth. Diese zu schaffen ist des Volksvereines einzige, heilige Pflicht. Er huldigt keiner Fractionsfahne, er appelliert an alle, die sich Juden nennen und Juden sein und bleiben wollen. Darum mögen ihn alle Juden Oesterreichs mit ihrem Beitritte unterstützen. Werbe jeder für den „Jüdischen Volksverein", er wirbt Truppen für sein Volksthum! Der befreiende Frühling. (Zum Peß a ch - Feste.) „Heute ziehet Ihr aus, in dem Frühlingsmonate." (II. Buch Moses, XIII, 4.) Im Frühling, in dieser herrlichsten Jahreszeit, feierte Israel sein Befreiungsfest: Den Tag, an welchem ein nationaler Frühling für ihn herangebrochen war. Wie schön der Frühling in der Natur auch sein mag, der Frühling in der Entwicklung eines Volkes ist schöner! Wie herrlich die Frühlingssonne auch scheinen mag, das strahlende Antlitz Moses' verdunkelt sie! Das ist keine mythische, von duselei und Sehnsucht nach dem „Heiland", so viel Kreuze wie hier bei den Juden findet man sicherlich in keinem christlichen Missionstractätchen. Indessen gefällt Herrn Wassermann auch das Christenthum nicht, da es von Juden stamme und jüdische Schwächen und jüdische Lebensunlust popularisiert habe. — Wie im Vorspiel wird auch hier der Jude verdammt. Rabbiner, Banquiers und Schacherer werden verhöhnt und der jüdische Schriftsteller wird als der Teufel dargestellt, der die Seelen der guten Germanen verdirbt und die reine Atmospäre des deutschen Schriftthums mit seinem Athem vergiftet. Und wo bleibt Herr Wassermann selbst? Was er bei seinen Stammesgenossen rücksichtslos verurtheilt, umgibt er beim Christen mit dem Heiligenschein der Romantik. Da ist zum Beispiel der Gastwirt Sürich Sperling, ein eigenthümlicher Mensch, wie sie alle eigenthümlich sind, die Geschöpfe dieses Romans. Der Gastwirt ist ein Judenfeind, dabei ein Hüne, und er scheut nicht davor, einen jüdischen Knaben ins Wasser zu stürzen. Ein Jude ist sein Schuldner, den er peinigt und plagt, schlimmer als es Shylock gethan hat. lieber ihn heißt es: „Der Sürich ist nicht wie Gläubiger sonst, das mus man nicht glauben. Es ist ein eig'ner Geist in ihm. Rastlos kommt er herein und in seinen Augen fnnkelt's vor Hass. Er kommt herein, streckt seinen Hals, lacht oder knipst mit den Fingern. Ich weiß nicht, was es ist, er ist unheimlich, ja wohl, aber er hat etwas Edles an sich." Dabei muss bemerkt werden, dass auch nicht ein einziger guter Zug von ihm erzählt wird. Es ist eben schwer, sich einen Christen nicht edel vorzustelleu. Und wenn man so sieht, wie schlecht und verworfen das Volk ist, dem man anzugehören das Pech hat, und wenn man dann zur fürchterlichen Vermuthnng kommt, dass man vielleicht selbst nicht besser sei, so freut man sich doch endlich, einen Christen zu finden, der auch ein Lump ist, uud man fühlt sich nicht ganz vereinsamt. Eine solche Person ist in dem Romane Stephan Gudstikker. Und welch ein Schuft muss er sein, wenn der Dichter ihn so

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