Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 2 (1900)
- Issue
- 14 (6.4.1900)
- Date
- 1900-04-06
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Lrdartion: >111/1, Hchli'llrlnalfL 11. EHrrchstunden: Ctn Wnchentagcn von 10 bis 12 Wir vormittags; au Lmuttagcn von 11 bis 12 Uhr Vonnittags, foitodresie: Jüdisches NolkSblatt, Wien, vnijl. Vrlchlvrr drn wegen verspäteter oder gar nicht erfolgter Ziislcvung erbitte» wir uns bringend. — Manuseridte werden nicht znrüitgestellt. Postsparcassen-Conto «47037. In das?lbo»nen'ent kann man täglich eintreten. Erscheint jeden Freitag unter Mitwirkung der vom jüdischen VnlKsvereiu erwatztten Pressconunisstyn. Inserate übernehme» die Firme»: I. Danneberg, M. DukeS, Haascnttein & Vogler, Rudolf Mo sie, W. Oppelik, M. Pozsonyi, A. Schales in Wien, ferner alle Aimoncen-Expcditioncn im AuLlande. Ginzel-Nuwmer in Wie» 16 Heller. JUnniniHvathm: >111/1, Schlöstelgasse 11. AbonnementSpreis: Für Wien n. Ocsterreich-Nngarn l Für das gesummte Ansland samml Franeoznstellung. > sammt Franeozustellung. Ganzjährig Halbjährig Vierteljährig Kr. 8.— > Ganzjährig.Kr. 4.- | Halbjährig 450 „ 2.— | Vierteljährig.„ 22S Kr. 14 Mira. 6. April 1900. füses II. Jahrgang. An unsere p. t. Abonnenten. Seitens auswärtiger Poftorgane geht man gegen unser Blatt rücksichtslos vor. Man schickt Blätter mit dem Vermerk zurück: „Nicht angenommen", die gar nicht in die Hände der Abonnenten gekommen sind, man stellt Blätter gar nicht zn, man schickt wegen kleiner Formfehler das Blatt einfach zurück. Da wir gegen derartige Machinationen keine Waffen haben, bitten wir unsere Abnehmer, jede fehlende Nummer bei dem Postamte solange zn reelamieren — portofrei; — bis sie da ist, und uns jeden Fall von Unznkömmlichket zn melden. Die Administration des „Jüdischen Volksblatt". BBWBWUJUliinMifliai »cfuaieNKivaHKM.Kn Nur keine Liebedienerei! Die Fürsprache der Judendeputation beim Ministerpräsidenten hat in der Judenschaft eine unbehagliche Stimmung erweckt. Die Ansicht, dass solche Fürsprachen keinen Zweck haben, ist heute eine ziemlich allgemeine und außerdem ist der Jude des ewigen fruchtlosen Bittens müde geworden. Er fühlt nach seiner Arbeitsleistung im Staate sich zum Fordern dessen berechtigt, was in den Fundamentalgesetzen des Staates ihm verbürgt worden ist und ist begreiflicherweise' erzürnt darüber, wenn das fruchtlose Betteln fortgesetzt wird. Vielleicht war es eine weise Concession gegenüber dieser zutage getretenen unbehaglichen Stimmung, wenn die Judenabordnung den nach de^Mdienz umherschwirrenden Gerüchten: „der MinisterprSfident habe bereits in Bezug auf die Prater ierun g jüdischer Lehrer an den Schulen der Gemeinde ersprießliche Schritte unternommen," nicht entgegentrat. An denGerücht en ist, wie wir nach bester Quelle versichern können, kein w a h r e s W o r s! — In der Audienz wurde die Lehrerfrage gar nicht berührt; die Herren von der Abordnung haben sich mit den allgenieinen Redensarten, die da gewechselt wurden, begnügt. Dass Herr von Koerber die schreiende Ungerechtigkeit in Bezug auf die Lehrer nicht billigt, das kann man seiner entschieden constitutionellen Gesinnung unbedingt zumuthen und demgemäß auch leicht errathen. Auf bestimmte Erfolge aber hinzuweisen, das ist bedenklich in einer so wichtigen Sache, wie sie die Lehrer-Angelegenheit ist; eine Enttäuschung ist hier doppelt schmerzlich, und sie muss früher oder später eintreten, weil ein Schritt zugunsten der präierierten Gemeindelehrer nicht g e t h a n wurde! Gefährlich aber ist es geradezu, aus der vollständig programmlos erfolgten Fürsprache einiger, mit keinerlei Mandat ausgestatteter Juden beim Ministerpräsidenten Folgerungen zu ziehen, für welche jede Grundlage fehlt. Den besten Willen mögen die Herren ja gehabt haben; welche Autorität aber kann ihnen der Ministerpräsident beimessen, um ihnen irgendwelches Zugeständnis machen zu wollen oder zu können? Mit demselben Rechte als die Herren Auspitz, Katzau, Oser rc., können ja auch Rothschild oder Guttmann zum Ministerpräsidenten gehen; kommen sie als Mandatare des Volkes oder einer Körperschaft? Kann ein Ministerpräsident jedem Privatmanne gegenüber politische Zugeständnisse machen . ..? Wenn nun in Zeitungen und Versammlungen in diese harmlose Höflichkeit des Ministerpräsidenten eine politische Tendenz hineingedichtet und eine politische Verpflichtung herausdeduciert wird, so muss man vor solchem Optimismus warnen. Gewiss ist der Resolution einer intimen Ver einsversammlung keine sonderlich beklagenswerte Verwirrung der Ansichten beizumessen; aber schon der bloße S ch e i n nach außen nützt der jüdischen Sache keineswegs. Wir Juden müssen klug und entschieden bleiben! Gewiss haben wir keinen Anlass, wegen einer Gemeinde-Wahlreform gegen die Regierung in Opposition zu treten. Wir haben aber auch keine U r s a ch e. einer Regierung zuliebe, die nichts für die Juden thut, der oppositionellen Agitation e n t ge g e n z u t r ete n. Und die Worte des Ministerpräsidenten an die Deputation enthalten nichts anderes, als die verbindliche Versicherung eines constitutionellen Ministers, die Verfassung seinerseits stets respeetieren zu wollen. Genügt das den Herren, die daraufhin schon die Juden ins Negierungslager eonunandieren möchten? Uns nicht! Wir verlangen mehr! Wir verlangen zum mindesten, dass ein Minister auch den Schutz der Verfassung verspricht, dass er Verletzungen dieser Verfassung, auch wenn sie unter einem scheinbaren Rechtsgrunde erfolgen. energisch entgegentritt! Ganz und gar sind wir der Meinung, dass Herr von Koerber nicht der Mann i st, den man den oppositionell-kampflustigen Liebedienerei-Bedürfnissen der „Reuen Freien Presse" leichterdings opfern soll. Dieses „Judenblatt" hat dem Judenthum schon soviel geschadet, dass es seinen Einfluss auf das angeblich von ihm geleitete Volk l ä n g st v e r l o r e n h a t, und wenn es sich heute veranlasst fühlt, dem fadenscheinigen Liberalismus und dem teutschnationalen Radicalismus das traditionelle „nationale Banner" voranzutragen, s o sollen die Juden den schwarz - rothgoldenen Fetzen der „Reuen Freien Presse" ruhig v o r a n f l a t t e r n lassen. Aber erst dann, wenn wir ein Zeichen dafür haben, dass in der Wipplingerstraße das Unrecht, das gegen die Juden täglich und stündlich verübt wird, gesehen wird, und dass man gesonnen ist, es nicht mehr zu dulden, erst dann werden wir dieser Fahne den „gelben Fleck" entgegenstellen und sagen: wir sind dagegen! Ins Regiervngslager gehen — davor fürchten wir Juden uns nicht. Aber wir müssen vorher die Ueberzeugung haben, dass wir dort nicht mehr die Parias sind! Dann wird man sehen, wie gut die Juden kämpfen können. Aber auch erst dann, früher nicht! Das muss unsere Verhaltungsmaßregel sein. Juden-AmyeMiten Stanislau, 5. April. Die Besetzung eines Schulleiter- resp. Bürgerschul- Directorpostens in einer galizischen Provinzstadt von der Qualität S t a n i s l a u ist eine so gewöhnliche, alltägliche Sache, dass alle Welt gewiss große Augen machen wird, wenn wir dieser Angelegenheit in den Spalten unseres für jüdische Interessen kämpfenden Blattes Raum gewähren. Wir wollen aber gleich vvrausschickeu, dass wir uns durch die Veröffentlichung dieser Zeilen keinen Erfolg versprechen, wir wollen nur öffentlich den Beweis erbracht haben, dass wir unsere Pflicht erfüllt haben. Wir agitieren nicht; wir bekämpfen niemanden. Wir mahnen nur und warnen, und deshalb genügt es, wenn wir den Sachverhalt nur andeutungsweise schildern: Der Directorposten der Knabenbürgerschnle in Stanislan ist vacaut. Der k. k. Bezirksschulrath hat Concurs ausgeschrieben und heimische und auswärtige Bewerber sind etwa 10 an der Zahl erschienen. Die Bewerberliste ist judenrein, denn so anmaßend sind die jüdischen Lehrer in Galizien nicht, dass es ihnen gar einfallen könnte, Bürgerschuldirectoren zu werden. Aber dafür ist unter den Bewerbern Herr Peter Tyszecki, der auf Anschlagzetteln wiederholt als Schriftführer des christlich-socialen Vereines mit Vor- und Zunamen gefertigt war und sich mit seiner antisemitischen Gesinnung bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit brüstet. Wiewohl Herr Tyszecki unter allen Bewerbern der dienstälteste ist, so hat es doch der k. k. Bezirksschulrath vermieden, diesen Lehrer eben wegen seiner antisemitischen Gesinnung in das dem Gemeinderathe in Vorfchlag zu bringende Terno aufzuuehmeu, sondern es wurden die Herren: N a d a ch v w s k i (Stauislau), Staszkiewicz (Halicz) und C z y z o w s k i (Tlumacz) vorgeschlagen. Der k. k. Bezirksschulrath, der, nebenbei bemerkt, zur Hälfte aus katholischen Priestern besteht, ist'nämlich von dem richtigen Standpunkte ausgegangen, dass es nicht angeht, denjenigen Lehrer zum Director der vorwiegend von jüdifchen Knaben besuchte Bürgerschule vorzuschlagen, dem der Gemeinderath erst vor zwei Jahren, wegen judenfeindlicher Gesinnung, die Präsentation als Volksschnlleiter verweigerte. Seit dieser Zeit hat Herr Tyszecki als ehrlicher und überzeugungstreuer Antisemit seine Denkungsart nicht geändert, aber jüdische Mitglieder des Gemeinderathes — und unter ihnen auch solche, die der soeben ins Leben gerufenen b'n e i - b r i Lli - Q o g e entweder schon beigetreten sind, od-w demnächst beitreten werden — haben ihre Ansicht in dieser Frage geändert: Gegen den Willen des k. k. Bezirksschulrathes, wollen jüdische Mitglieder des Gemeinderathes, dessen Hälfte sie ausniachen, einen ausgesprochenen, nicht etwa einen verkappten, Antisemiten zum Bürgerschuldirector designieren. In der Befürchtung, es könnten unter der Leitung des so hervorragenden und tüchtigen Antisemiten, wie es Herr Tyszecki ist, in der hiesigen Bürgerschule sehr bald Verhältnisse eintreten, wie sie in Kvlomea leider schon seit Jahren herrschen — wo die Kinder jüdischer Confession nicht nur i n a b g e s o n d e r t e n Bänken sitzen, sondern auch eigene Kleiderrechen, einen eigenen Wasserkrng und Wafferbecher zngewieseu haben, und wo es jenem jüdischen Kinde, welches seine Oberkleider auf dem christlichen Kleiderrechen anbringt oder gar aus dem christlichen KrugeWasser trinken wollte, schlecht ergienge— begab sich ein jüdischer Schulmann zu den einzelnen Herren Gemeinderäthen jüdischer Confession, um sie auf diesen Umstand aufmerksam zu machen. Leider wurde diesem sonst sehr geachteten Schulmann nicht überall Gehör geschenkt. Manche wollten schon ihr Wort an Herrn Tyszecki oder an seine antisemitische Fürsprecher verpfändet haben, andere gaben ihm so ausweichende Antworten, dass man ihr Interesse für die Leiden und Qualen jüdischer Kinder in einer von einem Antisemiten geleiteten Schule stark bezweifeln muss. Es geht eben diesen Herren nicht an den eigenen Leib; ihre Kinder sind schon entweder im Gymnasium, auf der Hochschule oder anderwärts. . . Wir müssen aber auch hinzufügen, dass manche Herren, wie z. B. Adolf Byk, Selig R u b t it st c i it und andere über diesen Caudidaten sehr entrüstet waren und alles aufbieten zu wollen erklärten, diese Candidatur zum Falle zu bringen. Unverständlich ist hier eines: Wenn es heißt, einen antisemitischen Reichsraths- oder Landtagsabgeordneten-Regieruugs- Candidaten zu unterstützen, so sagt man: Wir Juden dürfen nicht gegen die Regierung. Wenn es aber heißt, einen Antisemiten gegen den Willen des k. k. Bezirksschulrathes, also gegen den Willen der R e g i e r u n g, auf den Posten eines Bürgerschuldirectvrs zu bringen, dann dürfen wir Juden gegen die Regierung? Aus diesen zwei Voraussetzungen folgt der harte logische Schluss, dass wir Juden für und gegen die Regierung „dürfen", wenn wir nur die Antisemiten unterstützen. Und da beklagen sich noch die undankbaren Antisemiten über uns! Es wäre zum Lachen, wenn es nur nicht so traurig wäre! — Von denjenigen jüdischen Gemeinderäthen, die sich — sei es durch Unkenntnis der Verhältnisse, sei es durch Umstände, die der Jndifferentismus und Servilismus zeitigen — für den antisemitischen Herrn Tiszecki etwa verpflichtet haben, erwarten wir mit voller Bestimmtheit, dass sie die ihnen ausschließlich von Juden verliehenen Mandate demnächst niederlegen werden, da sie doch solche zum Unglücke ihrer Glaubensgenossen in gar keinem Falle missbrauchen dürfen. Vom Tage. Der Abgeordnete Schneider hat im niederösterreichischen Landtage einen Antrag auf Ueberwachung der Juden während der Osterfeiertage eingebracht. Jeder Schritt gegen dieses hirnlose Geschwätz dieses, nur mehr pathologisches Interesse erregenden Stampiglienfälschers wäre eine Selbstentwürdigung, welcher sich die Juden nicht schuldig machen werden. Wenn der Antrag zum Beschluss erhoben würde, könnte die Ueberwachung höchstens dazu beitragen, L i ch t in die Thätigkeit zu bringen, welche zur Construierung solcher „Ritualmorde" seitens antisemitischer Agitatoren a u f g e b o t e n wird. Gegen Ueberwachung braucht sich das Judenthum nicht zu wehren, es hat nichts zu verbergen. Und vor Denuncianten spuckt man höchstens aus! Die Czechische Bolkspartei und die Juden. Am 1. April hat sich in Prag die „Czechische Volkspartei" constituiert und ihre Organisation für Böhmen, Mähren und Schlesien beschlossen. Professor M a s a r y k ist bekanntlich der Gründer der Partei, und seine Person, sowie die durchaus sympathische Begrüßung, welche die neue Partei allerorts — ausgenommen bei den Jnugczechen — findet, verbürgen einen Erfolg des realistischen Programmes der Partei. Interessant für die Inden und für uns speciell ist der Umstand, dass sich die neue Partei auf den Boden einer gesunden Nationala u t o u o m i e stellt und in dieser den einzigen Ausweg aus den jetzigen Kämpfen erblickt. Die Partei sieht die Juden a l s eigene Nation an, mit der auf Grund der nationalen Gleichberechtigung ein Ausgleich getroffen werden muffe. Das ist ein ebenso kluger als menschlicher Standpunkt. Entgegen den bisherigen sogenannten „liberalen" oder „fortschrittlichen" Principien, welche den Inden bislang die Rolle minderbewerteter F r o h n k n e ch t e zuwieseu, betrachtet die neue Volkspartei die Juden als eine selbständige Nation, mit der ein Ausgleich angestrebt werden müsse. Es ist allerdings nicht ganz klar, inwiefern ein „Ausgleich" die geschmälerten Rechte der Juden wieder ergänzen soll; man kann es nur dahin verstehen, dass die „Czechische Volkspartei" im Sinne hat, von Fall zu Fall gerechte Ansprüche der Inden zu unterstützen. Das ist schon etwas. Mehr für uns