Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 2 (1900)
- Issue
- 12 (23.3.1900)
- Date
- 1900-03-23
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Kedactivn: V1I1/1, 11. Eprcchst»ndeur W» Wochentagen von 10 bis >8 Uhr vormittag?; an Sonntagen von II bis 13 Mir vorniiltags. p»si.,i-refs-: Indisches VolkSblatt, Lvten, erdrn wegen veripitteter ober gar nicht erfolgter Anstellung erbitten tvir uns dringend. — Mnnuscrtvte werden nicht zurülkgesteSt. Postspareassen-Coiirv ot-7»^7. In das k bounenient kann man täglich eintretcn. Erscheint jeden Freiing unter Mitwirkung der vom jüdischen Vollroverein erwählten Prvl'srowmisiivu. Inserate übernehmen die Firmen: I. Danncbcrg, W. Dnkes, Haasenstein Sc Bögler, Rudolf Moste, A. Lppelik. M. Pozsonyi, A. Schalek in Wien, ferner alle Annoncen-^xpcdilionen im kluölande. Einzel-Nummer in Wien IG Heller. Kdminil'iraiion: VIU/1, Schlösielgaste 11. Abonnemcntöpecis: Für Wien n. Orstrrreich-ttngaru Für das gesaniintc Ausland fainmt Franeozuftellung.! >a»»nl Franco.,„stellung. Ganzjährig.Är. N. Halbjährig. Bierleljährig.„ %.~ <d»,iziälirig . Halbjäbrig . Vierteljährig . Kr. 8 — . „ 4.8« . . s.»s 12 Wien, 23. Marx 1900. H. Jahrgang. SK Glnnbensbrnder! Volksgenossen! Der Anfang des neuen Jahrhunderts sieht Oesterreich in einem beispiellosen Chaos von endlosen Wirrnissen verstrickt. Heftiger denn je tobt der Kampf der Nationen und Parteien durch die Länder und entfesselt rücksichtslos die geheimsten, wildesten Jnstincte der Massen. Nur in einem Punkte sind alle Parteien und Nationen einig: Im brutalen Kampfe gegen die Juden. Von allen Seiten verlassen, gesellschaftlich geächtet, wirtschaftlich boykottiert, politisch rechtlos, bleibt uns Juden nur e i n Weg übrig : D e r W e g d e r Selbst- Hilfe. Diese einzig mögliche Bahn hat der „Jüdische V o l k s v e r e i n" betreten. Der „Jüdische Volks- .verein" hat während der kurzen Zeit seines Bestandes durch seine erfolgreiche Thäiigkeit bewiesen, dass seine auf jüdisch-volklicher Basis beruhenden Tendenzen die einzige Möglichkeit bieten, unsere Gegner mit ihren eigenen Waffen zu schlagen. Der „Jüdische Volksverein" erstrebt vor allem die Organisation d e r I u d e n O e st e r r e i ch s auf demokratischer, volklicher Basis nach dem Muster der anderen in Oesterreich lebenden und wirkenden Nationen und Parteien. Nur diese Organisation kann uns Juden in die Lage versetzen, uns einerseits nach außen hin politisch unserer Gegner kräftig zu erwehren, andererseits nach innen hin die wirtschaftlichen - und culturellen Schäden wettzumachen, die uns Assimilation und Antisemitismus zu gefügt. Um dieses Ziel zu erreichen, fordert der Ausschuss des „JüdischenVolksvereins" alle Juden ohne Unterschied des Standes, die noch ein Herz für ihr Volk und ihre Religion haben, auf, dem Vereine beizutreten. Der „Indische Volksverein" soll die Central-Organisation der österreichischen Judenschaft werden, deren Vertretung dann gehört und auch beachtet werden wird. Der Ausschuss des „Indischen Volksverein". y- * * Einem Theile der heutigen Nummer des „Jüdischen Bolksblatt" liegt ein Aufruf nebst Anmeldungöschein bei. Dieser Anmeldungsschein kann abgetrennt werde» und zusammengefaltet als offene Drnrksorte an die angegebene Adresse übersandt werden. Typen aus meiner Gaffe. Wie Mendele verkischest*) wurde. M e n d e l e hatte seine vollen dreißig Jahre ans dem Rücken und war noch ledig. Das zählte zu den Todsünden in der Gaffe. Und diese strenge Auffassung von den Pflichten des Mannes war nur gerecht, denn die Statistik der Gaffe, die damals allerdings noch keinen amtlichen Matrikelführer hatte, aber in Gelle G l 0 ck ein lebeildiges Civilstandesregister besaß, wies ohnehin eine Ueberzahl der Mädchen gegen die jungen Männer auf, und wenn nun auch von diesen noch einige zur Ehelosigkeit neigten, wie sollten die armen Mädchen an den Mann kommen? Man löste ein Hauptstück der socialen Frage durch die Verachtung, mit der man unverheirateten Männern begegnete. Meine lieben Galanthaer übertrafen darin noch die Spartaner, bei denen Hagestolze mitten im Winter durch deu Schnee waten mussten, wobei sie sich höchstens eilten Schnupfen holten, dass ihnen dann die schwarze Suppe nicht schineckte, während der Hagestolz in Gnlantha vieler Ehren in der Synagoge verlustig war, die Zutritt zu ben religiösen Symposien gewährten, die aus Süßigkeiten und Leckerbissen bestanden, wie zum Beispiel bei einem Barmizwah oder der Feier bei Verleihung des Chower- oder Morene-Titels. Warum ist aber M c 11 b e l e [0 lauge ledig geblieben? Wollte er eine Milliouürstochter heiraten? Erstens war in Galantha und weit und breit keilt Millionär zu finden, llnd zweitens verdieilte er gar nicht, der Schwiegersohn eines Mllliouärs zu werden, denn er war zwar lhätig und sparsam, aber doch nur ein armer Junge. Es wären viele standesgemäße Partien für ihn dagewesen. Am besten *) Verhext. Die Juden und die Nationalitätenfrage in Oesterreich. 1. . Heftiger denn je tobt in diesem alten Reiche der Nationalitätenkampf, er legt alle fruchtbringende Tbätigkcit lahm, ja er droht sogar, den gesammten Parlamentarismus zu vernichten und dem Absolutismus, die Wege zu ebnen. Unter solchen Umständen können die österreichischen Juden, die unter den rassenantisemitischen Auswüchsen des nationalen Chauvinismus in allen Lagern empfindlich leiden, umsoweniger ohne Antwort es lassen, wenn verschiedene Fractionen, und besonders die Christlich-Socialen, immer von neuem die Inden als die nationalen Friedensstörer hinstellen und sie, sowie die „Judenpresse" für das Scheitern der nationalen Ausgleichsbestrebungen, für die Nichtbeendigung des Nationalitätenkampses in Oesterreich verantwortlich machen. Ebensowenig als das deutsche Volk identisch ist mit den Scheinliberalen, Christlich-Socialen oder Schönererianern und ebensowenig als die Gesammtheit der Czechen identificiert werden kann mit der alt- oder jungczechischen Politik, mit ebensowenig Recht kann das ganze jüdische Volk mit der Politik eines Theiles ihrer Vertreter und der Presse in denselben Topf geworfen werden. Gerade diejenigen, welche von Seite der antisemitischen Gruppe als unsere Vertreter und unsere Presse hingestellt werden, sie vertreten andersnationale Politik, andersnn.ionale Interessen, nicht aber die Interessen unseres Volkstbn ' > .Rur so weit betrachten sie sich als Juden, als |ic es mchc verleugnen können und sie jüdisches Geld und jüdische Stimmen bei Wahlen nöthig haben. Die jüdischen Gemeinderäthe und Abgeordneten sprechen und handeln nicht als jüdische Gemeinderäthe, nicht als jüdische Volksvertreter, sondern als Stimmvieh der Deutschfortschrittler, Liberalen, Socialdemokraten, des Polenclubs u. s. w. Die bisherige Nationalitätenpolitik der jüdischen Wortführer hat es nun so weit gebracht, dass der eine Theil der österreichischen Nationalitäten in uns direct nationale Gegner erblickt, den Juden direct ihre nationale Unterdrückung aufs Kerbholz schreibt, und der andere Theil nur so lange er unsere Unterstützung benöthigt, nicht in das antisemitische Horn bläst. Sehr lehrreich ist diesbezüglich ein im „Slavischen Echo" erschienener Artikel, betitelt „Slaven und Juden", in welchem der allerdings theilweise berechtigte Vorwurf erhoben wird, dass die Juden in Böhmen, Mähren und den anderen Alpenländern die germanisierenden Centralisationsbestrebnngen, in Galizien die Polonisicrung der Nuthenen, im Küstenlande die Vcrwelschung der Slovenen und in Ungarn, Siebenbürgen und Croatien die Magyarisieruug und Unterdrückung der nichtmagyarischen Völker fördern. Der Artikelschreiber des „Slavischen Echo" meint. hätte zu ihm H a n n e l e gepasst, ein elternloses, armes Mädchen, das auch nicht mehr ganz jung war und der Gemeinde viele Sorgen machte, dass es für immer sitzen bleiben werde. Die einflussreichsten Personen bemühten sich, dieses Paar zusammenzubringen, aber Mendele wollte an keine Heirat denken. Religiöse, sociale, wirtschaftliche Gründe — alles war vergebens. Er lachte nur satanisch, wenn man ihm vom Heiraten sprach. In der glücklichsten Junggesellenstimmung erwachte Mendele eines Tages, an dem just in der ganzen Gaffe eine fröhliche Aufregung herrschte. Der Vorsteher verheiratete seine einzige Tochter, und die ganze Gemeinde war zu dem Festmahle geladen, welches in dem Castell des eine halbe Stunde entfernt gelegenen Gutes, dessen Pächter der Vorsteher war, abgehalten werden sollte. Mendele war ein Geschäftsfreund des Vorstehers. Dieser betrieb nämlich einen Großhandel in Rohprodukten und Mendele pflegte als Hausierer in den Dörfern derartige Produete von den Bauern einzutauschen und verkaufte sie dann dem Vorsteher. Erst einige Tage früher befand sieh Mendele in einer solchen Geschäftsangelegenheit im Magazin des Vorstehers und wurde von ihm, nach einer väterlichen Strafpredigt über seine beharrliche Weigerung, in den Ehestand zu treten, zu dem bevorstehenden Familienfeste eingeladen. Mendele fühlte sich von dieser direkten Einladung nicht wenig geschmeichelt, und heute, an diesem großen Tage, war sein erster Gedanke, auch ins „Schloss" hinauszupllgern, wo alle Welt versammelt sein wird. Aber Mendele war, wie alle alten Junggesellen, sehr eitel in seiner Toilette, wenn es einem öffentlichen Erscheinen galt. Der Hemdkragen musste tadellos weiß, Rock und Hose streng geputzt und geglättet sein und die Stiefel mussten glänzen, dass man sich darin spiegeln „dass die Revanche für diese Politik von slavischer Seite der Antisemitismus sein könnte. (Er ist es auch!!) Die Slaven fordern von den Juden nichts anderes als freundschaftliche Nachbarschaft und Neutralität im Nationalitätenkampfe, und sie könnten dann auf eine freundschaftliche Gesinnung auf slavischer Seite rechnen". — Andererseits stellen sich bei jeder Gelegenheit die Schönererianer, hinter denen ein großer Bruchtheil des deutschen Bürgerthums steht, die Juden ebenso wie die Slaven als inferiore Rasse und Schädlinge des 0 ent scheu Volksthums hin, dasselbe thut die Deutsche Volkspartei und selbst die Deutsche Fortschrittspartei, die Erbin der Altliberalen, zeigt, wie ihre laue Haltung zur Wiener Gemeinderathsreform beweist, keine allzu große Rücksicht auf ihre „deutschen Mitbürger mosaischer Religion". Und blicken wir nach Galizien, wo die Herren Byk und Consorten Hauptstützen der Herrschaft der polnischen Schlachta bilden, so sehen wir ein Umsichgreifen des Antisemitismus nicht nur unter den mit Hilfe der Inden unterdrückten Rnthenen, sondern anch unter der polnischen Schlachta, deren Bundesgenossen unsere Abgeordneten bilden. Und schauen wir hinüber über die Leitha, in das gelobte Land des magyarischen Liberalismus, ins „freie" Ungarn, dort erblicken die unterdrückten Nationalitäten der Deulschen, Slaven und Rumänen in den Inden noch viel grimmigere Gegner, als in den eigentlichen Magyaren, und diese lassen sich das Bündnis mit diesen Juden nur so lange gefallen, als sie dieselben zur Förderung ihrer Zwecke brauchen. Das sind die Früchte der jüdischen Assimilantenpolitik in der „Oesterreichischen Monarchie". So schädigt die bisherige Nationalitätenpolitik der Juden das Reich, seine Völker, aber am empfindlichsten sie selvst. Darum muss die Losung lauten: Hinaus aus allen andersnationalen Parteien in den verschiedenen Kronländern der Monarchie, Bildung einer Gesammt-Oesterreich umfassenden jüdisch-volklichen Organisation mit der Devise: Verfassungsrevision auf Grundlage der nationalen Autonomie. Bei der ungeheuren Zerfahrenheit des politischen Parteiwesens Oesterreichs, das sich nicht nur in Nationalitäten spaltet, sondern innerhalb jeder nationalen Gruppe eine Reihe von Fractionen gezeitigt hat, könnte eine jüdisch-volkliche Fraction mit dem Programme der nationalen, socialen und confessionellen Gleichberechtigung, besonders in den gemischtsprachigen Kronlävdern, große Erfolge erzielen. Neutral gegenüver den deutschcze-ischen, polnisch-rnthenischen, italienisch-südslavischen und magyarisch-nichtmagyarischen Kämpfen, würde eine jüdisch-volkliche Organisation für die Selbstverwaltung eines jeden Volksstammes etntreten und unter strengster Wahrung des jüdischen Interesses, ihres socialen und österreichischen Charakters sich allezeit mit denjenigen Gruppen coalieren, welche jedwede nationale, cvnfessionelle oder sociale Unterdrückung bekäinpfen. Eine jüdisch-volkliche Organisation würde für die Wahrung der konnte. Damit brachte er bis nachmittag zu. . Dann stopfte er sich noch seine echte Chemnitzer Tabakpfeife und machte sich auf dem Weg. Auf dem Schlosse hatte das Fest seinen Höhepunkt erreicht, als Mendele daselbst ankam. Im großen Hofe promenierte ein Theil der Jugend paarweise singend und untereinander schäkernd, ein anderes Paar sprang und tanzte, während Gruppen „Einschichtiger" auf den Grasplätzen lagerten und die Zuschauer abgabeu. Mendele lenkte aber seine Schritte direct in den Speisesaal, wo er stürmisch begrüßt wurde. „Mendele! Mendele!" reichte man ihm von allen Seilen das das Glas entgegen, „Bechaim! Bechaun!" und Mendele konnte nicht unhöflich sein und trank jedem tapfer zu, obwohl er sonst niemals außer zum Kiddusch, trank. Würdevoll setzte er sich dann zu Tische. Nach einiger Zeit musste er schon gegen Ueblichkeiten kämpfen, und um sich vor dieser ihn sv ehrenden Gesellschaft keine Blöße zu geben, schützte er eine wichtige Geschäflsangelegenheit vor, die ihn nölhige, nachhause zu gehen. Der Vorsteher drückte ihm die Hand, und mit der witzigen Bemerkung: „Für Weib und Kinder!" steckte er ihm in die Rocktasche eine Flasche Wein und in die andere einige Riesenstücke Kuchen, und nach noch einigen Bechaim-Schlücken verließ er den Saal. Es war bereits Abend geworden. Mendele schwankte durch den noch immer belebten Hof. Auf der Straße drehte sich alles um ihn hermn. Er war sehr heiler gestimmt. Alles, was er nur ansah, reizte ihn zum Lachen. Der Weg, auf dem er sich zietlilich mühsam fortbewegte, die Wichen mit ihren Gräsern und Blumen, kurz alle Gegenstände, die ihn umgaben, schienen ihm zuzulächeln und er glaubte sogar, die Bäume und Sträucher tanzen zu sehen. Die Arme in die Seiteil