Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 2 (1900)
- Issue
- 11 (16.3.1900)
- Date
- 1900-03-16
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Erscheint jeden Freiing unter Mitwirkung der vom fiiMWjim t?olksvei ein erwählten Prelsruinrnisstan. Inserate iibernelimc» dicIirmcn: I. Daimebrr,^ M. Dütes, Hassrn^ stein & Vogler, Rudolf Moste, vl. Oppelik, M. Pozsonyi, A. Lchalek in Wien, ferner cilir klnnonccn-Nxpeditionen im Auölande. Einzel-Nummer in Wien IS Heller. IM» ,un«»n«7, n^?Z> ^»trtrvnnm«»«»»>wr»tU) mtwuww iwommwwnWl»iM!■■■*mmwm■ Kedartivn: >'111/1, Krlllöllelgullr 11. Gprechftunden r kln Wochentagen von 1< bi? 12 Ulir vvrmittags; an Sonntagen ven N biS 12 U»r vorniittags. po»a»resse: Jüdisches MoirSblatt, Wien. VIII 1. Nrwjlvri den wegen veripiueter oder gar nicht erfolgter z-üiNellung erbitten wir uns dringend. — Viarruferivte werden nicht -urülkgestellt. Postspareasicii-iLonto a4-7<»H7. In das Abonnement kann man täglich eintretm. O—■- - ■■ -$ Administration: >111/1, Kchlöffelguffe 11. 'AbonncincntspreiS: Für Wien u. Lcsicrrcich-Niigarn saunnt Iran^n,Zustellung. Ganzjährig.Kr. 8.— Halbjährig.. 4.— Licrleljährig.„ 8 — Für daS gesanimte Au-land sammt Francozustellung. g-ilitzfübrig.Kr. K Halbjährig ...... Äierleljähria. 4.50 L.8L Nr. 11 Mir», 16. März il»00. 11. Jahrgang. >mWMWWWKWI Thullie und Byk. Das Lemberger Polhtechnicum ist wegen der gegen Professor Thullie gerichteten Sludenten- Demonstrationen geschlossen, und in den Straßen Lembergs verkünden Placate den Dank PFe n t a k 8 für seine Wahl zum Landtags-Abgeordneteiz^Dr. Leonard Pientak, Minister für Galizien, der Ckkndidat des antisemitischen „Dzieniek Polskie', ist in dem Wahlkampfe um das erledigte Landlagsmandat für Lemberg Sieger aeblieben, und die ihm dazu verhalfen, waren Professor Thullie, antisemitischer Gemeinderath und Präsi» dent der katholischen Lesehalle in Lemberg, und Dr. Byk, jüdisch-polnischer Abgeordneterund ^Lr ä s i d e nt d e r L e m be r g e rCul tuest e m e i n d e. jön dem Aufrufe der Sludenlen gegen Professor TlMllie heißt eS, rbie Behörden sollten doch einsehen, dass es nothwendig erscheine, eine derartige moralische Fäulnis, wie sie Professor Thullie verbreite, von der studierenden Jugend fernzuhalten. Im Namen der Sittlichkeitsgrundsätze, würden die Studenten alles zur Beseitigung des Professors ausbieten." Im Namen der Sittlichkeit protestieren die Lemberger Studenten gegen die öffentliche Thäligkeit Professor T d u l l i e s.-Doch gegen die öffentliche Thätigkeit des Dr. B y k ist belang noch kein Protest erflossen, weder im Namen der Sittlichkeit, noch in dem des Judenthums. V, Wie einen Faustschlag ins Gesicht wird die ehrlich empfindende Judenschaft die schmachvolle Haltung des Abgeordneten Dr. Byk empfinden. Die ekelerregende Corruption, die entsetzliche Fäulnis, von denen die herrschenden Kreise der österreichischen Judenschaft ergriffen sind, ist vielleicht nie so sehr in ihrer scheusslichen Nacktheit zutage getreten, wie anlässlich dieses Wahlkampfes Pientak contra Daszynsk i. Bei der ersten, von der polnisch-antisemitischen Partei für Pientak einberufenen Versammlung erklärte Dr. Byk: er wisse nicht, ob die Juden Lembergs ihm diesmal folgen würden, da P i e n t a k von den Antisemiten kandidiert würde und selbst die polnischen Liberalen gegen sich habe. Doch werde er alles für Pientak thun, was in seiner Macht stehe, worauf Professor Thullie auf Dr. Byk zutrat und demselben liebevoll die Hand drückte — der Präsident der katholischen Lesehalle dem Präsidenten der jüdischen Cultusgemeinde. Welch erhebendes Bild von Frieden und Eintracht im gesegneten Lande Galizien! Bald darauf wurde Rabbiner Doctor Schmelkes znm Statthalter berufen und ihm bedeuiet, die Regierung wünsche, dass Pientak gewählt werde. Und nun geschah das Ungeheuerliche. Die Gemeinderabbiner Lembergs, Schmelkes und Caro, und noch etliche andere, sämmtlich gefügige Werkzeuge Dr. Byks, predigten in denTempelnfür den Antisemiten Pientak und gegen den j uden freundlichen Daszynski. Die Politik der Assimilation hat ihre reifste Frucht getragen: Der Präsident der katholischen Lesehalle Hand in Hand mit dem Präsidenten der israelitischen Cultusgemeinde, die Wahl des Antisemiten mit Hilfe der Juden. Die Wahl P i e n t a k s hat gezeigt, was die Judenschaft Oesterreichs von den Männern, die sich heute zu ihren Vertretern aufwerfen, erwarten kann. Sie hat aber auch wie mit einem Blitz grell in das Dunkel der Action geleuchtet, an deren Spitze Dr. Byk steht. Dr. Byk steht an der Spitze der Lemberger Loge der ,Bnei Brüh" und die „Bnei Brith" sind eben wieder einmal daran, die armen galizischen Juden zu „retten". Run weiß man doch wenigstens, was diese gerühmte „galt zische Action" zu bedeuten hat! Von Tag zu Tag dringt der radical-nationale Gedanke tiefer in die Judenschaft Galiziens ein. Je ärmer die Juden Galiziens werden, je mehr sie materiell und geistig zu leiden haben, je trostloser sich ihre heutige Lage, je aussichtsloser ihre Zukunst sich gestaltet, desto radicaler und nationaler werden, sie Und schon diese Wabl hat gezeigt, dass selbst in dem Lande der brutalsten Corruption die Idee mächtiger ist denn alle Mittel der Coterie. Denn die jüdischen Proletarier und Handwerker Lembergs haben ungeachtet der frommen Predigten der Gemeinderabbiner für Daszynski und gegen Pientak gestimmt. Und diesen ungefügigen Theil der galizischen Judenschaft, der von Tag zu Tag in einem für die herrschende Clique erschreckenden Maße wächst, soll die „qalizische Action" mürbe macken. Unter dem Deckmantel humaner, volksfreundlicher Bestrebungen, unter dem frivolen Vorwände, den Armen Brot zu verschaffen, soll die arme nativnal-radical fühlende Judenschaft Galiziens zum Schweigen gebracht, zum willenlosen Werkzeuge Dr. Byks und Genossen herabgewürdigt und als Stimmvieh der polnischen Schlachta missbraucht werden. Der Classenkampf im Judenthum, den uns die Assimilation und nur diese beschert und der die« arbeitenden Schichten des jüdischen Volkes mit elementarer Gewalt zum Nationalismus drängt, soll verdeckt und das Volk wieder ein Spielball hohler Phrasen und trügerischer Versprechungen werden. Aber so wenig es Dr. Byk diesmal gelang, die gesummte Judenschaft an seine Fersen zu heften, so wenig wird ihm sein Zukunftsplan gelingen. Wohl hatj der radicale Theil der Lemberger Judenschafr noch nicht! im Namen des Judenthums gegen die Präsidentschaft und■ Führung Dr. Byks protestie't. Allein das kann und' wird noch kommen. Die Jad charuzim“, die so mannhaft für Daszynski eiugetreten, werden sich fragen müssen. i ob eS angehe, die polnischen Studenten allein gegen Professor Thullie demonstrieren zu lassen, ohne gleichzeitig auch die geeigneten Maßregeln gegen Dr. B y k zu ergreifen. Und unterstützt von den^ Nationalen werden sie auf die schmachvollen Vorkommnisse die laute Antwort geben: H i n w e g m i t d e n V e r r ä t h e r u d e s V o Ml KkilitMS in GaliMU. Wenn wir die Geschichte der judenfeindlichen Bewegung in Galizien einer näheren Betrachtung unterziehen, werden wir zugeben müssen, dass als eigentliche Antisemiten in diesem Lande zuerst die Jesuiten wie auch die von ihnen erzogene und auf jeden Schritt und Tritt beeinflusste polnische Schlachta auftreten. Sie geberden sich allerdings nicht als offenkundige Antisemiten, sondern befriedigen sich mit der Veranstaltung verschiedener Judenhetzen, wobei sie immer eine unschuldige Miene aufsetzen, nach außen hin sich „neutral" verhalten und sich von. anderen Herrschaften vertreten lassen. Diese Politik hal^ ein Schlachziz vor ein paar Jahren in einer Broschüre sehrgut präcisiert, indem er unter anderem sagte: „Wir sind, nicht Antisemiten, sondern Asemiten." In dieser Broschüre sagt er deutlich genug, die Herrschaften seien Judenfeinde, verabscheuen aber die pöbelhafte Bezeichnung „Antisemitismus". Eine offictelle Partei mit der antisemitischen Firma hat erst jüngst Pater Stojalowski gegründet. Der Antisemitismus dieses Herrn hängt mit seiner politischen (Saniere zusammen. Der Pfarrer Stojalowski war ein Ruthenenfeind, ein gefügiges Handwerk der polnischen Schlachta, er galt für einen Russenfeind par excellence — mar ein Todfeind der damals noch starken ruthenischrussopbilen Partei und bekämpfte den damaligen Anführer dieser Partei N a u m o w y c z — nicht immer mit erlaubten Mitteln. Bald hat er sich aber mit der Schlachta und mit der kirchlichen Hierarchie zerschlagen — in einem Nu wurde der Katholicissimus-Stojalowski zu einem radicalen Demokraten und Jesuitenfeind. Cr näherte sich der Socialdemokratie, wurde von derselben unterstützt und befreundete sich mit vielen Juden. Als die katholische Kirche den Pater Stojalowski excommunicierte, schrieb er in seinem Blatte: „Ich werde gewiss nicht nach Canossa pilgern!" Aber tempora mutantur! Es sind Zeilen gekommen, wo Herr Stojalowski doch nach Canossa pilgerte. Er versöhnte sich mit der römischen Kirche und der volnischen Schlachta einerseits und mit der . . russischen Regierung andererseits. (Von seiner platonischen Liebe zum russischen Gendarmen-Chef hat man verschiedenes erzählt; alle Dolnifchen Journalisten, die Vater Stoialowski des- Skizzen von Rubin Fahr». (Schluß.) *) „Betrachten beim die christlichen Bürger den Karaiten als ganzen oder halben Juden?" fragte ich darauf. .Nun, diese sogen: kein Jnd', kein Christ, ein religionsloser Teilst lsmensch!" Sv werden die armen Karaiten von den Juden als unjüdisch, von den Christen als unmenschlich betrachtet. Noch ärger als em „Zyd=$araim," sagt das rncheiusche Sprichwort hier. In höheren Kreisen aber genieste» sie von jeher den Schutz, ivelcker der Minorität gehört. Sv z. B. hat noch vor früheren Jahren der Chacham Josef Leonowicz (auf welchen ich noch zurückkoimnen weide) sich nach Wien degeben, als das Gesetz in Kiaft trat, jüdische Soldaten, folglich auch karaitische, zu assenneren. Cr erwirkte Audienz beim Kaiser, wo er die Bitte vorbrachte; im Rücksicht auf das Verbot der Bibel — welche sie buchstäblich ohne Auslegung oder Deutung beobachten — feilt Meiischenblnt z» vagießen, von seiner Secte kein Militär zu nehmen. Das wurde auch von allerhöchster Stelle bestätigt, wit Hinblick auf ihre winzige Zahl werden die karailischen Soldaten nur für sanitäre Dienste verwendet. Sie schwingen sich auch empor zu höheren Stellen. So hat cs ei» Karaite vor einigen Jahren dazu gebracht, in der Nachbarstadt Bnrsztyn als G e r i ch t S s e c r e t ä r zu fungieren, und das ohne höhere Schnibildlmg, was natürlich einem Juden nie gelingen würde. Hier in Halicz lebt ein Karaite, welcher nur die Bürget schule besuchte, als Schreiber beim Gerichte angestellt war, unlängst aber znm Grün döuchführer avanciert ist. Seine Vorgesetzten hatten ihn *) Sick' Nr. ü bco „Jü . Vviköblt." protegiert — gewiss nach Absolvierung der erforderlichen Prüfung. In Bnczacz lebt jetzt ein karaitischer Adjunct, der ohne Schwierigkeiten rasch ans Ziel gelangte. Natürlich hat er höhere Schulen absolviert. Es erzählte mir einer seiner Studiencollegen, dass dieser Karaite. als er um dieses Amt sich bewarb, in Lemberg beim Oberlandesgerichts - Präsidenten empfangen wurde. „Betrachten Sie mich al§ Jude oder Katholik?" fragte er, worauf er lächelnd zur Antwort bekam: „Na, Ihre karaitische« Glaubensgenossen machen «ir wenig Cvncurrenz in Siellenbewerbung, schon gut." Ob auch während des Studiums — denn auch jetzt besuchen einige Karaiten daS Gymnasium — ihnen keine Hindernisse begegnen, kann ich nicht bestimmt sagen. „Wunderbar," sagte ich einmal einem hiesigen Juden, j „dass sie eine so kleine, eingeschrumpfte Gemeinde bilden, trotzdem sie hier eine längere Zeit schon leben." „Was Wunder," antwortete mir der Jude, „sie haben doch über sich einen Fluch vom seligen Rabbi von Przemislany, dass sie sich nicht vermehren sollen, so dass ein Karaite selten mehr als vier Kinder hat." Er sagte dies so bestimmt, wie ein Historiker, der sich bewusst ist im Besitze schlagender Argumente und Beweise zu sein. Ich wollte diesem den frommen Glauben daran nicht nehmen, denn dies würde auf Kosten meines Rufes im Städtchen geschehen. Factisch ist die geringe Vermehrung auf die Verehelichung ulltereinander zurückzuführen. Ein Mann muss oft viele Jahre warten, bis für ihn eine ziemlich passende Lebensgefährtin heranwächst, und umgekehrt. Die Worte dieses Juden aber klangen mir wie eine Allegorie. Ja, ja, der Fluch des rabbinischen Judenthums lastet auf ihnen; sie sind anSgeschiedm aus der jüdischen Gemeinschaft und das gereicht beu Karaiten zum Nachtheile. III. Worin eigentlich besteht der Grundunterschied zwischen 1 den Juden und Karaiten in religiöser Beziehung? | Das wird wohl jeder Jude gleich zu beantworten wißen: das Jndenthnm besteht als Religion der That nach der traditio-! nellen Ueberliekerung, wie die Talmudweisen iüre Grenzen er-! weiterten, während die Karaiten nur nach dem Wortlaute der i Bibel streng leben, ohne sonstige Anslegung oder Deutung, worauf sogar ihr angenommener Sectenname „Karajim" (Kara oder M>kra ist eine Benennung der Bibel und Propheten) ganz deutlich hinweist. In Bezug darauf will ich eine treffende Bemerkung des berühmten jüdischen Literaten G o t t l o b e r anführen. dass wahrscheinlich beim Entstehen der Secte dieselbe von den Jude» mit „Karaim" (d. h. Ausreißer, Renegaten) benannt wurde, worauf sie selbst sich „Karaim" (ersteres kommt im Hetnäischen mit E, letzteres mit A, ein Wortspiel der! Sprache), d. h. Blbeljuden, nannten.*)! Religionen müsse» sich ausbilden, damit sie sich zu einem Großen m.d Ganzen gestalten. So haben Misere Weisen daS j Gebiet der Gebote und Verbote erweitert, insoferne sie dafür eine Dentnng in der Bibel fanden. Indem aber die Karaiten Idieses System verwaisen, empfanden sie Mangel im Ausüben der Gesetze, ihre Religion war vyne Veibindung der Tradition,! nur einseitig, Nlivollkomitteil, lückenhaft. Was sie aber von den Talmudisten anzunehmen sich weigerten, ersetzten ihnen die aus ihrer Mitte hervorgegangenen „Cbachams" (Rabbinen). Es entstand also bei ihnen ein eigenartiger Cnltns mit rituellen Werken über Schächten u. dergl. — Als ich in einem karaitischen Geb, tünche blätterte, fand ich über manchen Festgebeten die *) Grundfalsch aber ist die Annahme, dass sie ihren Namen von der Halbinsel Krim führen.