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Jüdisches Volksblatt · 1900-03-09 · 10 (9.3.1900) · page 1

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
2 (1900)
Issue
10 (9.3.1900)
Date
1900-03-09
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Äedartivn: V1II/1, Schttftft'lyafle 11. Eprechstundenr An Wochentagen von 10 bis l2Ufjr vormittags; a» Sountagen von II bis 18 Uhr voniüttaqs. Postadresse: Jüdisches «ottsvlntt, Mten, VIII, 1. Drsrlrwrr'or» wegen verspäteter ober gar nicht erfolgter jU'ürlliing erbiiten wir uns dringend. — Manuscrtdte werden nicht znriikkgcstellt. Postsparcasten-k.onto 847ö!{7. In das Abinineuient kann man täglich einrreten. . 10 unter Mitwirkung der vom jüdischen NoUrsderein erwählten Prrssronmrifston. Inserate übernehmen die Firmen: I. Tanneberg, M. Dukes, HansensE-^rwgler, Rudolf Moste, A. Oppelik, M. Pozsonyi, A. Schnick in Wien, ferner alle Annoncen-Expeditione» im Anslande. Cinzel-Nurnmer in Wien JG Heller. Kdmülistrativn: YIII/1* Schlöstelgasse 11. Abonnementspreis: Für Wien «. Oesterretch-Nngarn , Für das gesammte Ausland sammt Franeozustellung. Wanzjährig.Kr. 8.- Halbjährig.„ 1 Bierteliährig.„ 2.—! sammt Franeozustestung. Ganzjährig . Halbjährig . Vierteljährig Kr. « 4.50 ,, 8 2» iien, 9. Mär; 1900. II. Jahrgang. Purim und der „Swict". Das Purimfest steht vor der Thüre. Wir sagen F e st, denn Purim ist kein eigentlicher Feiertag. Weder in der Cynogoge noch im Leben wird er als solcher gefeiert. Er ist vielmehr eine Art G h e t t 0 - C a r n e v a l, ein Tag der Unterhaltung, des Fröhlichseins. Auch die Juden im Ghetto waren des Winters milde und wollten den kommenden Lenz mit Freuden empfangen und ihm fröhlich entgegengehen. Aber ganz ihrer Eigenart und ihren Gewohnheiten entsprechend, feierten sie das Fest nicht in öffentlichen Belustigungen, sondern wie alles bei den Juden, wurde auch dieses Fest zuhause im Familienkreise, zwischen den vier Wanden des traulichen Heims, durch harmlose Spiele, Maskierungen und ähnliche naive Unterhaltungen begangen. Stets nur daheim beim häuslichen Herde und im gemüthlichen Sinne. Und wie das.Ghettoleben überhaupt im allgemeinen eine bedeutende Rückwirkung auf die Synagoge hatte, so hat auch das Purimfest, dieses fröhliche Fest des Sichgehen-lassens, ein Stückchen Carneval in die Synagoge hineingebracht. Das „Hamcm-Klopfen" oder „Human- Schlagen" ist zu einem Scherze der Kinder geworden. Jedes Kind wurde in früherer Zeit mit einem „Haman- Klopfer" oder mit einer „Haman-Ratsche" aus Blech oder Holz versehen worden, und wenn daun in der Synagoge oer Vorbeier beim Lesen der „Megilah" den Namen „Haman" erwähnte, da gieng stets das Klopfen, Ratschen, Stampfen, kurz ein wahrer Höllenlärm los. — Die Väter .murmelten, gewissermaßen pro fonm., zu den Kindern, dass sie das Vorlesen der Megilah nicht stören sollen, aber die Kinder wussten ganz gut, dass dies nicht ernst gemeint sei, und klopften, ratschten und stampften lustig weiter, bis dann endlich der „Schames" kam, zur Ruhe mahnte und das Vorlesen fortgesetzt wurde. . . Es ist eigentlich alles Glückssache. Von allen Verfolgern der Juden, von Pharao, der die neugeborenen Judenknaben in den Nil werfen ließ, bis zum römischeu Kaiser Titus, und von diesem bis zu dem spanischen Großinquisitor Torquemada und bis zu Bratiauu und Jgnatiew in unserer Zeit, hat niemano das Glück gehabt, bei den Juden sich in dem Maße unsterblich zu machen, wie der persische Minister H a m a n! Keiner von ihnen hat sich in der Geschichte und im Leben des jüdischen Volkes derart verewigt, wie er! Haman ist geradezu zum Prototyp, zum Symbol des Antisemitismus geworden. Und das hat auch seine Begründung. Denn jeder von allen den berüchtigten Judenfeinden hat seinen Judenhass wenigstens unter irgendeine Maske zu verbergen gesucht; bald war es eine politische, bald eine religiöse Maske, allein Haman hat seine Feindseligkeit den Juden gegenüber ganz ohne Feigenblatt zur Schau getragen. — Und die Juden maskieren sich an dem Haman-Tage und haben den Tag zum „Carneval" gemacht, vielleicht auch deshalb, weil seine ganze Geschichte gar so carnevalartig ist. Man denke: Ein persischer Despot verjagt bei einem Weingelage seine Frau Waschti; und wieder bei einem Weiugelage verjagt er später auch seinen Minister Haman, lässt ihn aus knüpfen — und die Juden sind gerettet. Haman hat zwar am Galgen sein Leben geendet — aber sein Name ist bis heute am Leben erhalten geblieben. Wahrlich, es ist eigentlich doch fast ärgerlich, wenn man bedenkt, dass er sich einer solchen Popularität erfreut, wie nur wenige Große des Alterthums. Ja, er ist unsterblich geblieben bis auf die heutigen Tage, wo ihn unsere modernen „Hamane" zu ihren judenfeindlichen Zwecken hervorgeholt haben. Der alte Haman wird von ihnen, so unglaublich es auch klingen mag, zu einer neuartigen Ritualmord-Beschuldigung wider die Juden verwendet. Die Herren Antisemiten sind bekanntlich recht erfinderisch. Sie dachten: Ein Ritualmord bloß auf Peßach ist viel zu wenig. Und dann ist die Geschichte auch schon allzu trivial. — Da kommt nun der Correspondent des russischenTagblattes „Swiet" mit etwas Neuem, Originellem! Er hat nämlich entdeckt, dass das sogenannte „Haman- Schlagen" am Purim denn doch nicht so harmlos sei, wie dies die Juden angeben. , Er erzählt den Lesern des genannten Blattes, dass er aus sehr verlässlicher Quelle erfahren habe, dass es bei den Juden Brauch sei, zum „Haman-Klopfen" auf Purim'einen „Goi" für Geld und gute Worte anzuwerben, damit er in der Synagoge den „Haman" darstelle und sich schlagen lasse. Sie nehmen ihn gewöhnlich nur unter der Bedingung auf, dass er verspricht, kein Sterbenswörtchen über die ganze Sache zu verrathen. Dieser „Goi-Haman" werde aber dann stets von den Juden zutode geprügelt. Und nicht wenige Christen seien bereits in dieser Weise von den Juden umgebracht worden, fügt der wohlinformierte, geistvolle Correspondeiit hinzu. Haman! Ob Du Dir wohl am Galgen gedacht hättest, dass dritthalbtausend Jahre nach Deinem Tode die Antisemiten Deinen Namen wieder benützen werden, um gegen die Juden zu Hetzen und sie zu verleumden! Dem „Swiet" ist es zwar vorläufig noch mcht gelungen, den jüdischen Carneval zu einem Krawall zu beliützen, aber ein neues Mittel, wider die Juden zu Hetzen und das Volk gegen sie aufzustacheln, ist darin bereits gefunden worden. — Und wer weiß, ob diese „Legende" nicht auch mit der Zeit Glauben finden und so ein neuer „Haman-Ruualmord" entstehen wird. — Der „Peßach-Ritualmord" war am Anfänge wahrscheinlich Haman und Esther. Von Sacher-Masoch. Es war zur Zeit des „Schnschan-Purnn" (der zweite jüdische Carneval, der nur noch von den pvlmschen Inden gefeiert wird), die ganze Stadt Kolonien war in heilerer Aufregung und ein jeder nach Kräften bemüht, die Nacht in hellen Tag zu verwandeln. Alle Fenster waren erleuchtet, hie und da die Häuser mit farbigen Lämpchen und Ballons geschmückt, an den Fenstern saßen schöne jüdische Frauen und Mädchen, in üppige Pelzjacken geschmiegt, und lachten und aßen Buckwerk, und die Straßen durchzogen fröhliche Menjchen in langen Kaftanen und die Maskerade war ui vollem Zuge. Hier kam ein Trupp jüdischer Jünglinge, die als kleinrnssische Bauer» gekleidet waren und vor jedem befreundeten Hanse Halt machten und kleinrnssische Volkslieder sangen, wobei sie sich mit Bassgeigen und Flöten begleiteten. Andere kamen als Bären und ichreckten die Maschen, die in den Tbüren standen. Wieder andere führten das Ahasverns-Spiel ans. Da war Esther, die in Seide, Sammt und Hermelin gekleidet, eme Krone von Gvidpapier auf dem Kopfe, von vier Scluven getragen wurde, König Ahasverns mit seinem rvthen Mantel „Monderlsch" (Mvrdvchei) mit seinem großen Turban und endlich Haman. der nm eo-em schäbigen Kastvrhnte auf dem Kopse, in weiße znjammengenähte Leintücher gekleidet, auf Stelzen einhergieng, wie ein Ruft die Menge überragte und seine große Nase nut den drei giganuschen Kaifnnki'lwarzen bald hier, bald dort an einem Fenster des ersten Stockes der kleinen, niedrigen Häuser erscheinen ließ, so dass die Schönen erschreckt znrückfuhren und das Necken und Lachen kein Ende nahm. Haman war natürlich Laktef Wilna. Wer hätte auch in Kvlomea gewagt, den Haman darznstellen, als Laktef Wilna, der hübscheste, kräftigste, keckste und lustigste jüdische Bursche der ganzen Kreisstadt, der es wahrlich an Juden in keiner Weise fehlte. Wo der echt türkische Lärm der großen Trommel, der Blechdeckel und einer heiseren Trompete das Herannahen der Personen des Abasverus-Spieles anknndigte, wurden trotz der grimmigen Kälte die Fenster ganz oder doch ein wenig geöffnet iluo rosige Miidcheng'rstchter und dunkle Frauenangen blickten in die Straßen, ni d schnell war Laktef Wilna auf seinen Stelzen zur Stelle lind spielte den Neugierigen irgendeinen Possen. Der Madame Pflaumenbaum, die nur einen Augenblick das Guckfenster handbreit Öffnete, warf er einen alten Pantoffel hinein, der schönen Fra» Zncke'fpitz, die in ihrer mit Zobel auvgeschlagrnen und gefütlerren Kazabaika im Fenster lag, denn sie wollte gesehen werden, überreichte er einen großen vergoldeten Husaren aus Lebkuchen und machte sie errölhen und schiiell verschwiliden. Der etwas allzu schlanken Tochter Grüne- Walds schwor er, dass er einen sehr passeirdeli Bräutigam für sie gefunden habe und gab ihr einen Härmg. Bei Jonathan Schmeikes, dem Kaufmanne, wo ein halbes Diltzelid junger Mädchen versammelt war, ließ er eine Maus in das Zimmer und ergötzte sich an der wilden Jagd, die n ur folgte, an dem Zetergeschrei, mit dem alles, was lange Röcke trug, auf Stühle und Tische sprang, bis der kleine Störenfried glücklich in ein Mauerlvch geschlupft war. Auf diese Weise karn Lakt'f Wilna auch zn einem ganz kleinen Hanse in der langen Gasse, dessen Mauern sich wie die Blütier eines Kartenhauses nach innen neigten, und in dem, hinter mit Papier zusammengeklebten zerbrochenen Scheiben und morschen Thüren, in zivei Stockwerken und zwölf Zimmern bei dreißig dürftige jüdische Famlien wohnten. Er blickte durch ein Fenster, d>ssen Scheibe ein großes Loch hatte, das nicht mehr durch bunte Papierstreifen unschädlich gemacht werden konnte und daher mit verschiedenen alten Strümpfen verstopft war, und auch höchst lächerlich erschienen und wird gewiss auch wenig Glauben gefunden haben, aber allmählich ist er doch in das Volk gedrungen und hat bereits viel Leid gebracht. Ein jüdisches Blatt in Petersburg hat demnach vollkommen recht, wenn es, an den erwähnten Bericht des „Swiet" atlknüpfend, aufmerksam macht, dass wir Juden gegen diese neue Verleumdung. schon jetzt Stellung nehmen sollen, da, wenn wir eine Zeit verstreichen lassen, es zu spät seiu könnte. Aber wir wollen uns trotzdem die Freude am Purimfeste nicht vergällen lassen; obgleich die Thatsache an und für sich höchst traurig ist, dass wir am Anfänge des 20. Jahrhunderts uns vor solchen unsinnigen Verdächtigungen fürchten müssen und nicht einmal einen Tag im Jahre ein lustiges Carnevalssest mit sicherem und ruhigem Muthe mitmachen dürfen! Der Jude Wird verbrannt. Von Carl Zengrer. Seit Wochen beschäftigt die Zeitnngsleser der Fall „Michalina Araten". Ein minderjähriges jüdisches Mädchen, das mit einem christlichen Regimentsarzte ein Liebesverhältnis eingeht, flüchtet aus dem väterlichen Hause in ein Nonnenkloster, um sich dort taufen zu lassen und dann wahrscheinlich die Ehe mit dem Christen eingehen zu können. Das letztere ein nicht mehr ungewöhnlicher Fall. Der alte Vater, die ganze Familie setzen natürlich Himmel und Hölle in Bewegung, um ihre Tochter, ihr Kind zurückzubekommeu, doch vergebens. Die Polizei, die Gendarmerie entwickeln eine fieberhafte Thätigkeit. Kaum haben sie eruiert, dass sich das Mädchen im Felicianerinnen-Kloster befinde und sie daselbst die Hausdurchsuchung Vornahmen, da ist das Mädchen nicht mehr dort. Neuerliche Recherchen geben Kenntnis von dem Aufenthalte der Flüchtigen in Stanislau. Dort gesucht, befindet sie sich bereits in Bnczacz, und so geht es im ewigen Kreisläufe. Alle geben sich redliche Mühe. Mit dem Aufgebote aller Kraft, mit großem Eifer wird gesucht, aber man kommt, wie immer in Oesterreich, überall um fünf Minuten zn spät. Das die Geschichte dieses merkwürdigen Falles. Eigentlich nicht mehr merkwürdig, da sich dieser Fall schon öfter ereignet hat. Wer ivill es nun dem Vater, der Faulilie übel nehmen, dass sie mit allen möglichen Mitteln ihr Kind zurückznverlangen suchen? Wer begreift nicht den unendlichen Schmerz einer frommen jüdischen Familie, ein Kind dieser Familie getauft, dem Glauben der Väter abtrünnig zu wissen? Doch abgesehen davon, hat der Vater auch das gesetzlich gewährleistete Recht, sein Kind zurückzusordern. Das Gesetz vom 2o.j$)lai 1868, R.-G.-Bl. Nr. 49, bestimmt im Art. 4 : „Nach vollendetem vierzehntem sah in einem Stübchen, nicht größer als ein Hühnerstall, . ein Mädchen in einem schlechten, geflickten Kattunkleidchen sitzen und bitterlich weinen. Das verdarb Laktef Wilna den ganzen Schuschan-Pnrim, denn er hatte das beste Herz und konnte vor allem keine Thränen sehen. Er verhielt sich also vollkommen still, legte seine Riesennase an die Scheibe und horchte. In dem Stübchen brannte in einem ansgehöhlten Erdapfel ein Stümpfchen Talglicht, und saß in einem alten Lehnstuhl, dem ein Bein fehlte, ein Mann in einem zerissenen Kaftan, die „Jarmurka" (kleiiles schwarzes Käppchen) auf dem ergrauten Kopfe, die Hände gefaltet, und starrte in das Leere. Es war der Flickschneider Tobia Fischthran und das Mädchen seine Tochter Esther. Laktef Wilna kannte sie jetzt. „Weine nicht", sprach Tobia milde, „vom Weinen verliert man das Augenlicht. Was soll werden, wen» auch Du nicht mehr kannst arbeiten, Estherka." „Was hilft es zu arbeiten, Tate," erwiderte das Mädchen seufzend, „wenn man verlassen ist von Gott?" „Kem Mensch ist von Gott verlassen," versetzte Tobia, „keiner, nur geprüft wird man von Gott, nicht verlassen." „Wir werden aber mehr geprüft als alle anderen zusammen," gab Esther zur Antwort, „und doch haben wir nicht mehr gesündigt als sie. Bin ich nicht fleißig von Anbruch des Tages bis tief in die Nacht hinein, Tate, und kann nicht einmal meinem blinden Vater das Stübchen Heizen und Kuchen backen, die doch der Aermste hat zum Schnschan Purim." „Was brauchen wir Kuchen, wir hören doch die Musik und hören die Leute lachen," sagte Vater Fischthran. „Mir thnt es im Herzen weh, wenn Sie lachen," murmelte das arme Mädchen und begann wieder zu weinen, aber ganz leise, damit es ihr alter Vater nicht höre, denn sehen konnte er es ja nicht, wie sie die kleinen, mageren Hände vor die Augen presste; aber Haman sah es, Laktef Wilna J

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