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Jüdisches Volksblatt · 1900-03-02 · 9 (2.3.1900) · page 1

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
2 (1900)
Issue
9 (2.3.1900)
Date
1900-03-02
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Kedarlion: V1I1/1, SchlöNelgaste II. Eprechstnndeor An Wochentagen von Iv bis 12 Uhr vormittags^<Kl von I I bis 12 Mir vormittags. Postadresse: Jüdische« BolkSblatt, Wien, V111|J. Vrschwrrden wegen verspäteter oder gar nicht erfolgter Zustellung erbitten wir uns dringend. — Mnimscrivte werden nicht znrückg «stellt. Postsparcasien-Eonto 847037. In das Abonnement kann man täglich eintretrn. Erscheint jeden Freitag unter Mitwirkung der vom jüdischen Volksverein erwählten Prefsrmnmifston. Inserate iibeniehme» die ginnen: I. Danneberg, M. DukeS, Haasenfiem & Vogler. Rudolf Masse, A. Lppelik, M. Pozsonyi, A. Schalek in Wien, fenicr alle Annonccii-E^peditioucn i>n AuSlande. Einzel-Nummer in Wien 16 Heller. Administration: VIII/I, Schlößelgaffe 11. Abonnementspreis: Für Wien n. Oestcrreich-Nngnrn samml Franeozustellung. Ganzjährig.Kr. 8.— Halbjährig.. 4.— Bierteljäbn'g.. 58.— Iiür daS gefnnnnte Ausland sammt Franeozustellung. Ganzjährig . Halbjährig . Vierteljährig Kr. 0.- 4.50 „ 58.585 Mr. 9 lien, 2. Marx 1900. II. Jahrgang. Glanbensbräder! Ualksgenossen! Der Anfang des neuen Jahrhunderts sieht Oesterreich in einem beispiellosen Chaos von endlosen Wirrnissen verstrickt. Heftiger denn je tobt der Kampf der Nationen und Parteien durch die Länder und entfesselt rücksichtslos die geheimsten, wildesten Jnstincte der Massen. Nur in eine m Punkte sind alle Parteien und Stationen einig: Im brutalen Kampfe gegen die Juden. Von allen Seiten verlassen, gesellschaftlich geächtet, wirtschaftlich boycoltiert, politisch rechtlos, bleibt uns Juden nur ein Weg übrig: Der Weg der Selbsthilfe. Diese einzig mögliche Bahn hat der „Jüdische V o l k s v e r e i n" betreten. Der „Jüdische Volksverein" hat während der kurzen Zeit seines Bestandes durch seine erfolgreiche Thätigkeit bewiesen, dass seine auf jüdisch-volklicher Basis beruhenden Tendenzen die einzige Möglichkeit bieten, unsere Gegner mit ihren eigenen Waffen zu schlagen. . Der „Jüdische Volksverein" erstrebt vor allem die Organisation der Juden Oesterreichs auf demokratischer, volklicher Basis nach dem Muster der anderen in Oesterreich lebenden und wirkenden Nationen und Parteien. Nur diese Organisation kann uns Juden in die Lage versetzen, uns einerseits nach außen hin politisch unserer Gegner kräftig zu erwehren, andererseits nach innen hin die wirtschaftlichen und culturellen Schäden wettzumachen, die uns Assimilation und Antisemitismus zugefügt. Um dieses Ziel zu erreichen, fordert der Ausschuss des „JüdischenVolksvereins" alle Juden ohne Unterschied des Standes, die noch ein Herz für ihr Volk und ihre Religion haben, aus, dem Vereine beizutreten. Der „Jüdische Volksverein" soll die Central-Organisation der österreichischen Judenschaft werden, deren Vertretung dann gehört und auch beachtet werden wird. Der Ausschuss des „Jüdischen Bolksverein". Der Mitgliedsbeitrag für den „Jüdischen Volksverein" ist dem Willen und Können der Mitglieder anheimgestellt, beträgt jedoch mindestens 1 fl. 2 Kr. jährlich. Anmeldungen nimmt das Secretariat des Vereines in Wien, II., Haasgasse 8, oder die Redaction entgegen. Abonnements-Einladung. Am 1. März beginnt das 2. Quartal dieses Jahrganges, und wir laden zum Bezüge unseres Blattes ein. Das „Jüdische Volksblatt" hat in der kurzen Zeit seines Bestandes eine stattliche Freundeszahl gefunden; es ist heute wohl die in Oesterreich-Ungarn verbreitetste jüdische Zeitung. Das „Jüdische V o l k s b l a t t" aber braucht noch viele Freunde, soll es seiner Ausgabe gerecht werden. Der Kreis der Feinde unseres Volkes schließt sich immer enger zusammen; ein energisches Kampsblatt muss alle Kraft anfbieten, um das jüdische Volk aus seiner Lethargie zu wecken und ihm die drohende Gefahr zu zeigen. Das „Jüdische V o l k s b l a t t" ist nicht auf Gewinn gegründet, es wirkt und arbeitet nur für unser Volk. Darum kann es wohl auch von seinen Freunden und von den Angehörigen^der Nation ungescheut verlangen: Abonniert und verbreitet das „Jüdische Volksblatt"! Das „Jüdische Vol ks b l att" ist das billigste jüdische Blatt. Die Bezugsbedingnisse sind am Kopfe des Blattes ersichtlich. Hochachtungsvoll D i e V e r w a l t u n g d e s „I ü d i s ch e n V o l k s b l a t t". Das M im Slaßer. Die kleine A r a t e n ist noch immer in einem Kloster der Felicianerinnen. In welchem? Das weiß man nicht. Der Vater des Mädchens hat zwar der Behörde den neuen Aufenthalt angezeigt, aber in Klöstern schreitet man nicht so rasch ein. . . Der Minister für Galizien, Herr P i e n t a k, hat die Aeußerung. welche er der Deputation gegenüber machte: „An der Pforte des Klosters hört die Staatsgewalt auf", dementiert. Hofrath Kareis war so „undiplomatisch", dieses Dementi zu dementieren. Er bleibt vielmehr dabei, dass Herr Pientak, welcher diese Bemerkung als eine alberne erklärt, wirklich diese Worte ausgesprochen hat! Herr Pientak soll deshalb sogar den Hofrath Kareis gefordert haben. Das macht aber die gerade Wahrheit nicht krumm. Herr Hofrath Kareis ist ein Ehrenmann, kein Knabe mehr, und ist sich der Verantwortung bewusst, welche er mit seiner Behauptung übernimmt. Wir und die gesammte Oeffentlichkeit können ihn: Glauben schenken! ' Dass übrigens Herr Pientak nicht so unrech hatte, wenn er von einem Anfhören der Staatsgewalt an der Klosterpforte sprach, das beweist ja die Vergangenheit und die Gegenwart! Was ist denn seinerzeit der Oberin des Karmeliterklosters geschehen, welche die unglückliche Barbara U b r i k wie ein Schwein gefangen hielt? Und ist denn die junge Tochter des Herrn Araten heute schon frei? Nein! Sie wird von Versteck zu Versteck geschleppt und n: ';t freigegeben, trotzdem einige Minister von der Sache wissen. In Galizien gibt es eben höhere Mächte als die Staatsgewalt. Mehr als der Staat hat ja in Galizien schon der Statthalter zu befehlen; wem der wieder gehorcht, das weiß man in Galizien; hier darf man es leider wegen des Pressgesetzes nicht aussprechen. Also wegen eines Mädchens, dass sich widerrechtlich in einem galizischen Kloster befindet, müssen sich einige Minister bemühen, einer kann sich sogar — dementieren; aber das Mädchen kommt doch nicht heraus! Ist das nicht heiter? Da steht die Staatsgewalt mit Millionen Vermögen, Milliarden Schulden, mit Armeen und Völkern. Eine schlichte Klosterfrau aber ist mächtiger als er! Was man wohl in Preußen im gleichen Falle machen würde? Wahrscheinlich wäre das ganze Kloster schon ausgehoben. Nicht wegen des Judenmädchens, nein, an dem liegt auch dem Staate Preußen nicht viel. Aber wegen der Ordnung und wegen derAutorit ä td e s Staates! In Oesterreich aber hat man die Wahrung der Autorität offenbar nicht nöthig; oder man hält das in Galizien speciell für nutzlos. Das junge Judenmädchen aber bleibt im Kloster, bis die paar Tage, die ihm zum 14. Lebensjahre noch fehlen, vorbei sind. Dann wird es getauft. Es hat seinen Glauben „frei gewählt". „Glück auf den Weg!" kann man den frommen Klosterfrauen zurufen; die Seele, die sie auf solche Art gewinnen, muss besonders kostbar sein. Was sagt man aber einem Ministerium, das nicht die Macht hat, seine Autorität bis hinter die Mauern eines galizischen Klosters geltend zu machen? Das tritt mit einem großen Programm vor das Volk, bahnt die Versöhnung der Völker an, brüstet sich, die Staatsgewalt in den Dienst der wirtschaftlichen Wohlfahrt zu stellen! Kann man zu solchen Versprechungen Vertrauen haben, wenn diejenigen, die sie geben, nicht einmal ein paar alten Klosterweibern zu imponieren vermögen? Wahrlich, der Fall Araten hat dem Ministerium K o e r b e r mehr geschadet, als drei gescheiterte Versöhnungsversuche. Ein großes Gelächter muss heute durch Oesterreich. Unter tarnten. Skizzen v o n Rnbm; Fahn. I. Es ist einige Jahre her, dass ich H a l i c z zum steten Quartier mir bestellte. Es ist dies ein kleines Städtchen Ostgaliziens, aber groß in seiner Geschichte. Die Stadt gehört zu den ältesten Galiziens. Am rechten Ufer des ruhig in seinem breiten Bette dahinrauschenden Dniestr, liegt sie drei Meilen von Stanislau entfernt und drei Stunden Bahnfahrt von Lemberg, welche Städte zwar größer, aber jünger sind. Bor vielen Jahren war Halicz die Hauptstadt eines Landstriches von Galizien, „Rothrussland" genannt, und von lange her die Residenz. Von dieser Stadt führt auch das Land seinen Namen: im Nuthenischen „Haliczhna", im Polnischen „Galicia". Als die ruthenischen Fürsten noch hier residierten, war Halicz eine große, schöne und blühende Stadt, trotz vieler Verheerungen und Zerstörungen, denen sie ausgesetzt war infolge der Schlachten, die die ruthenischen Fürsten not den Nachbarkönigthümern Ungarn und Polen führten. Halicz war abwechselnd unter ruthenischer und polnischer Herrschaft, und hatte namentlich viel zu leiden unter den harten Schlägen von polnischer Seite. Daniel, einer der ruthenischen Regenten, ließ vor langen Jahren den Berg, auf welchem die Stadt lag, mit einer Mauer befestigen, zum Schutze vor feindlichem Uebersalle, insbesondere vor den barbarischen Tartaren, die damals wie ein reißender Strom das Land überfluteten. Bom Orient her (höchst wahrscheinlich vom jetzigen asiatischen Russland) kamen scharenweise wilde Horden kriegerischer Tartaren, untersetzte, breitschulterige und kräftige Männer, mit eigenartigen, abscheulichen Sitten, und überfielen Galizien, Haus und Scheuer sengend, Städte und Dörfer plündernd und verheerend. Zu dieser Zeit, ungefähr im Jahre 1240, stürzte auch Halicz. Eine Rotte Tartaren belagerte die Stadt, nachdem sie die Umgebung in eine Wüste verwandelt hatte, und bemühte sich, die Mauer zu erstürmen und in das Innere der Stadt zu gelangen, um dort ihre Greuelthaten zu vollenden. Diese Mauer aber war hoch und stark genug, ihrem Zwecke entsprechend, dem Feinde Hohn zu bieten, und als die Eindringlinge versuchten, durch die schiefen Fenster derselben sich in die Stadt hineinzuschleichen, wurden sie von einer siedenden Flut überströmt, so dass die Feinde tödtlich verwundet hinunterrollten, verfolgt vom Kugelregen der Besatzung' auf der Mauer. Nach schwerem Kampfe aber und anhaltender Belagerung ward Halicz besiegt, die Häuser schonungslos von dem erbitterten Feinde zerstört, unter denselben auch die große Festung. Ein Ueberrest derselben, welcher als alterthümliche Ruine noch jetzt auf dem Berge besteht, zeigt eben ihre Stärke. Selbst der Berg an und für sich bezeugt die Wahrheit dieser fabelhaft riesigen Mauer, denn er ist schräg, senkrecht 'geformt wie steile Wände, sein Rand besteht durchwegs aus 'Mauerwerk und Schutthaufen. Nach der Zerstörung konnte die Stadt auf demselben Orte nicht mehr hergestellt werden, wurde aber in kleinerem Umfange am Fuße des Berges wieder erbaut, wo sie auch heute besteht. Ich kam das erstemal in diese Stadt, da heimelte sie mich so an, als wenn ihre Vergangenheit mir nahe am Herzen läge. Wahrlich! Der Sturz von Halicz erinnerte mich unwillkürlich an den Verfall Jerusalems, und die Ruine auf dem Berge stellte in meiner Phantasie die Klagemauer vom Zionsberge dar. Ein ganz besonderer Grund aber war noch vorhanden, mein Interesse für diese meine neue Heimat zu bestärken, und zwar die Thatsache, dass sich hier eine Karaitengemeinde befindet. Bekanntlich besitzt unser Judenthum keine Dogmen und Secten, mit Ausnahme dieser einen Secte „Karaiten", welche noch im siebenten Jahrhundert in Babylonien sich officiell vom traditionellen (talmudischen) Judenthum lossagte, um nur nach den Vorschriften der Bibel zu leben. Ihre Anhänger haben sich bis auf den heutigen Tag erhalten. Woher, in welchem Zeitalter und auf welche Weise sie nach Halicz gekommen sind, konnte mir niemand bestimmt sagen. Im jüdischen Volksmunde herrscht darüber eine lächerliche Sage, über die ich hinweggehen will; die ruthenischen Geschichtsschreiber verlegen ihre Einwanderung um vierhundert Jahre zurück, auch die polnischen wollen wissen, dass sie im sechzehnten Jahrhundert unter der Regierung Stefan B a t h o r i s einwanderten, während die Karaiten selbst unbestimmt ihre Herkunft als vor ungefähr sechshundert Jahren bezeichnen. Erst ein unbedeutender Brief, welcher, von karaitischer Feder ans Russland stammend, als Mannscript irgendeines Archives vor einigen Jahren in einer hebräischen Zeitung erschien, gab mir gewissermaßen Aufschluss. Dort heißt es nämlich: Im Jahre 1243 wurde der Chan Bathi (Häuptling der Nachbartartaren Russlands) bei seinem Angriffe und Raubznge gegen Galizien vom Fürstregenten Daniel Romanow in Halicz besiegt. Beim Friedensabschlusse versprach der Tartarenführer, den Daniel mit einer merkwürdigen Menschensorte zu beschenken, die nur in seinen Ländereien sich aufhält. Bald darauf kamen hundert' Karaitenfamilien nach Halicz, wo sie sich mit Erlaubnis Daniels niederließen und von demselben ein Toleranzedict erwarben, nach welchem ihnen der Aufenthalt und Handel hierzulande erlaubt wurde. In einer Gasse, welche links der Stadt und rechts am Ufer des Dniestr sich erstreckt und nach ihnen Karaitengasse genannt wird, dort wohnt jetzt dieses Häuflein Leute, welches heroisch aus den verschiedenen Zeitabschuitteu emporstieg, ohne sich zu verlieren im Tumulte der Menschheit. Dorthin beschloss ich Besuche zu machen. Besuche auf Besuche, um mich über ihr Leben zu informieren, welches ich hier nacheinander aufzeichnen will. Bei meinem ersten Betreten dieser Gasse habe ich mir den Phönix vergegenwärtigt, der aus seinem Alterthum sich stets verjüngt. Ja, darin eben steckt ihr Judenthlim. Eine Gruppe Kinder schaute mich neugierig an, aber sie

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