Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 2 (1900)
- Issue
- 7 (16.2.1900)
- Date
- 1900-02-16
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Kedarlion: VIII/1, Hchlvstelpasse II. Sprechstunden r An Wochentagen von 10 bis 12 Uhr vonnittagS; an Sonntagen von II bis 12 Uhr vormittags. ssosta»resse: Jüdtsch-S «olkSblatt, Wien, VIII, 1. Vrsrljwe? den tvtßen veripätctev obre gar nicht erfolgter Ziisielliing erbitte» wir UNS dringend. — Mannsertvte werden nicht znrnifgrstrttt. Postsparcassen-Conto 847037. In da- Abonnement kann man täglich eintreten. Erscheint jeden Freiing unter Mitwirkung der Vvm jüdischen VnlKsverein erwählten Prrsscommisston. Inserate übernehmen die Finnen: I. Danneberg, M. Dnkes, Haasenstein Sc Vogler, Rudolf Niosse, A. Oppclik, M. Pozsonhi, St. Schale! in Wien, ferner alle Annoneen-Expeditionen im AuSlandc. Eiuzel-Nummer in Wien 16 Heller. Kr. 7 Wien, 16. Februar 1900. Rlnuiniftraiwu: Mlllh Schlvsjelgalse 11. NboirrrementspreiS: Für Wien n. Oesterreich-Ungarn sammt Franeozustcllnng. Ganzjährig . Halbjährig Vierteljährig . Kr. 8.- „ 1- „ 2- Fiir da<< gcsammtc AnSland samml Giiiizjährig . Halbjährig . Vierteljährig Frnuev,Zustellung. Kr. 4.81» „ 58.85 ■fr!WSH II. Jahrgang. Oesterreich in Galizien. Dieser Tage war eine merkwürdige Deputation beim Minister des Innern : ein galizischer Jude in Begleitung von Würdenträgern, welcher den Minister bat, seine geraubte Tochter aus dem Kloster der Felicianer zu befreien uud sie ihm zurückzugeben. Am Samstag den 30. December ist das Kind in Begleitung einer Wäscherin in das Kloster gegangen und seit der Zeit lässt man das Judenmädchen nicht mehr heraus. Die abenteuerlichsten Dinge erzählte der unglückliche Vater dem Minister. Als er am Tage nach dem Verschwinden seiner Tochter am 31. December im Kloster erschien, empfieng ihn die Oberin und sagte: „Das Mädchen ist freiwillig zu uns gekommen, l^ott hat sie gerufen!" Auf die flehentlichen Bitten des Vaters sagte ihm die Oberin zu, er solle sein Kind sehen, und sie entfernte sich, um das Mädchen zu holen. In ängstlicher Spannung und Erregung harrte nun Herr Araten und hörte in der Thal bald, dass die Oberin mit seiner Tochter ins Nebenzimmer trat und mit dem Mädchen sprach. Gleich darauf vernahm er aber, dass das Kind in krampfhaftes Schluchzen und Weinen ausbrach. Die Thür öffnete sich, uud die Oberin trat allein herein und sagte Herrn Araten, er könne seine Tochter jetzt nicht sehen, sie sei zu erschrocken und aufgeregt, sie fürchte sich, und er möge daher erst in drei Tagen wiederkommen. Als er nach drei Tagen sich wieder einstellte, wurde ihm die Zusammenkunft mit dem Mädchen verweigert, und er hat sein Kind seitdem nicht wieder gesehen, so oft er auch den Versuch wiederholte. Als er einmal mit einem Polizeibeaniteu erschien und in der Erregung über die abermalige Abweisung heftig wurde und außer sich gerieth, sagte ihm der Beamte: „Vergessen Sie nicht, wo Sie sich befinden." Nur dem Großvater war es zweimal vergönnt, seine Enkelin Michalina im Kloster zu sehen und zu sprechen, aber das Mädchen schluchzte und weinte dabei unausgesetzt, und statt seiner antworteten die Nonnen. Mit Thronen in den Augen flehte der alte Mann das Kind an, es möge zu seiner Mutter zurückkehren, die krank darniederliege und sich nach dem Anblicke der Tochter sehne. Da bemerkte eine der Nonnen mit sanfter Stimme uud in mildem Tone: „Das Kind wird ja seine Mutter im Himmel Wiedersehen." Endlich hieß es sogar, das Kind sei schwer krank — es habe geschwollene Füße und sei herzleidend. Der besorgie Vater sendete sofort drei Aerzte, darunter einen Professor und einen Gerichtsarzt, ins Kloster, um Michalina zu untersuchen, und alle drei Aerzte erklärten übereinstimmend. Typen ans meiner Gasse. Schmüle Gröf. Gros Eszterhazh de G a l a n t h a ist ein bekannter Name; von Schmüle Gros von und zu Galantha hat die Welt früher noch nie etwas gehört und der Leser wird ihn auch vergebens im Gothaer Almauach suchen. Dafür ist aber Gros Eszterhazh de Galantha in Galantha selbst ganz fremd, während Schmüle Gros daselbst vvm kleinsten Kinde gekannt ist. Es ist dies aber nicht der einzige Unterschied. Schmüle sieht gar nicht wie ein Gros aus. Er ist weder schlank, noch hat er eilten schlotternden Gang, noch trägt er ein Monoele; vielmehr war er sehr stark in der Runde gediehen, wiegt sich beim Gehen und hat kein anderes Glas als eine Hornbrille, und setzt sie nur ans, wenn er die Tagespsalmen sagt, welche er nicht auswendig fmtu, wie die ordentlichen Gebete. Schmüle näselt auch nicht, sondern spricht sein Jüdisch-Deutsch mit vollstem Brustton, hat keine aristokratischen Allüren und kennt keine anderen noblen Passionen als höchstens Freitag abends Fische und Samstag mittags eine Grieskngel zu haben. Das Ungräflichste an Schmüle jedoch ist, dass er nicht nur kein Schloss, sondern nicht einnlal ein Hänschen besitzt, und auch seine Eltern und Großeltern, so weit er seine Ahnen kennt, arme Leute waren, deren Fideicommiß in alten Getbüchern bestand, die nun auf dem Dachboden der Synagoge liegen. Und wie ist Schwüle doch zn dem Grafentitel gekommen? Die Gasse hat ein stark ansgebildetes juristisches Gefühl. Sie hält den, der die Geschäfte eines anderen besorgt, für den Auftraggeber selbst. Und Schmüle ist der H a u s j n d eines Grafen, sein Factotum bei Käufen und Berkänfen, der Geldauftreiber, wenn der Cavalier in momentanen finanziellen Nöthen ist, seil» Rathgeber bei Speculationen und Bauten, sein heiinlicher Cvlttrolor der Beamten und Dienerschaft, sei,» Anekdotenerzähler, sein Wetterprophet — mit einem Worte: die das Kind sei vollkommen gesund. Als nun Herr Araten erkannte, dass alle seine Schritte, die er in Krakau that, um die Herausgabe seiner Tochter aus dem Kloster zu erreichen, vergeblich seien, kam er nach Wien . . . Herr v. K o e r b e r ist ein Mann von äußerst empfindlichen Umgangsformen. Ein anderer Minister des Innern märe zweifellos bei solchen Räubergeschichten losgebrochen : „Ja, was ist denn das für eine Schweinerei? Kindesraub am hellen Tage! Wo hat denn dieser. . ., der P i n i n s k i. seine.. . Ohren. Den . . . muss ich gleich zum . . . jagen. Leben mir denn in — Galizien?" So ungefähr hätte ein anderer Minister gesprochen, aber Herr v. Ko erb er, der eben in „Ausgleich" arbeitet, hat wahrscheinlich jede derartige Meinungsäußerung unterdrückt und nur seine Intervention zugesagt. Allerdings ist es fraglich, ob die genügen wird. Krakau ist eine feste Stadt. In jedem Winkel steht ein Kloster; nicht weit von jenem finsteren, einsamen Karmeliterhause, indem eine Nonne 21 Jahre in einem Stalle „erzogen" wurde, steht jenes der Felicianer, wo junge Mädchen auch gegen den Willen ihrer Eltern zu frommen Schwestern „herangebildet" werden. Reicht der Arm des Ministers in diese Klöster hinein? Hoffentlich! Das Land Galizien hat sich zwar, dank der Hunde- und Katzenkriege des zerütteten Oesterreich, zu einer Ausnahmsstellung hinaufgeschwindelt, in der seine bodenlosen Straßen und seine uferlosen Taschen über das ganze Reich dominieren. Aber am Ende wachsen doch die galizischen Schlachzizenpappeln auch nicht in den Himmel. Wohl heißt es im Volksmunde. dass der Statthalter von Galizien mächtiger fei als dv'r-'-Kaiser; aber ein tüchtiger Mann am Reichssteuer kann mit einer einzigen wohlgezielten Maulschelle den Volksmund eines besseren belehren. Russland ist groß und der C z a r ist »veit; Krakau aber liegt von Wien leider Gottes kauin acht Bahnstunden entfernt. Der Stall muss doch noch rein zu bringen sein! Wenn Minister ans Ruder kommen, bereisen sie ihr Reich. Vielleicht reist Herr v. Ko erb er einmal nach Galizien, aber nicht zum Statthalter Grafen P i n i n s k i, sondern allein, incognito. Da wird er Straßen zu säubern, Klöster zu reinigen und last not least Hunger zu stillen vorfinden, dass den Leuten daheim, die sich u»n „Zcle“ und „Hier" streiten, die Augen aufgehen werden, wenn er ihnen davon erzählt. Die österreichische Nationalitätenfrage ist unseres Erachtens nur über Galizien zu lösen. Erst wer den Jammer von Krakau seitwärts kennt, der kann wissen, »vas Oesterreichs Nationen noththut. Der alte Araten aus Krakau erscheint dem Herrn Minister als ein Fingerzeig Gottes. Wie weit wir in Oesterreich schon sind, das Denkkraft Sr. gräflichen Gnaden, und wenn der Satz: Cogito, ergo sum wahr ist, so ist eigentlich Schwüle der Graf, weil er für ihn denkt. Es ist kein so angenehmes Geschäft, Haurjud zn sein, wie »nancher vielleicht denkt. Wenn etlvas missräth, schlägt der Graf nicht s i ch ans die Stirne, sondern den Hansjnden auf den Rücken. Er hat zu diesem humanen Zwecke stets die Reitpeitsche in der Hand, und Schmüle hat sie öfter schon gekostet. Allein nach außen gibt diese Stellung ein gewisses Prestige. Die Welt sieht wie auf ein höheres Wesen auf Schmüle, der im Schlosse aus- und eingeht, von den Beamten freundlich gegrüßt und von den Dienern gefürchtet ist. Nicht selten kommt sogar ein gräflicher Wagen, Schmüle abzuholen, und da sammeln sich sännntliche schulfreie Kinder der Gasse und gafferr Schinüle an. wenn er einsteigt. Znweileu beschreibt der Graf, wenn er gerade sein Lever in Pressburg oder Budapest hält, Schinüle an sein Hvflager, und da thut Schmüle so »vichtig, als ob er in Staatsgeschäften abzureisen hätte, und wenn er wieder zurückkommt, lächelt er jedermann so zufrieden au, wie wenn von seiner vollbrachten Mission wenigstens das europäische Gleichgewicht zur Noch noch zusammengehalte» winde, obivohl der Graf ihn eigentlich nur berief, sich von ihm die Fußsohlen kitzeln zu lassen, womit er seine ermatteten Lebensgeister wieder auffrischen zn lassen pflegte und »vas Schmüle außerordentlich gnt versteht. Jedes zlveite Wort Schrnüles, wenn er mit den Leuten spricht, ist: „Der Grüf hat's gesagt" oder „Ich hab's dem Gros gesagt", dabei bramarbasiert er sehr viel und hält es nicht streng mit der Wahrheit. Bewundert man in feiner Gegenwart irgend etlvas Schönes, so hat er erst die vorige Woche für den Grafen ein noch schöneres gekauft oder tvird er nächste Woche im Allftrage des Grafen ein noch schöneres kaufen. Bald lässt er den Grafen ein neues Palais bauen, bald ihn eine Reise nach Afrika zur Lölvenjagd machen; bald ihn ein gefährliches Abenteuer bestehen — kurz, der Graf ist in seinem Munde immer der Prinz aus dem Märchen von Tausend und zeigt uns Galizien. Es muss gründlich sauber gemacht werden — und in Galizien muss man anfangen. Die Cnltnsgemeinde nnd die jüdischen Unterlehrer. Zum Artikel, den wir in Nr. 5 des „Jüdischen Volksblatt" veröffentlichter», erhalten wir folgende Zuschrift : Geehrter Herr Redacteur! In Ihrem geschätzten Blatte vom 2. Februar 1900 beschäftigt sich ein längerer Artikel unter der Spitzmarke „Die Cultusgemeinde und die jüdischen Unterlehrer" mit der in diesem Schuljahre neu creierten Anstalt zur Heranbildung jüdischer Religionslehrer und kommt auf Grundlage unrichtiger, schon von vornherein sollte rnan »neinen, ga»lz unwahrscheinlicher Informationen und falscher Beurtheilung des Sachverhaltes zu irrigen Conclusionen. Ein regelmäßiger Leser Ihres geschätzten Blattes, kam ich diesesmal etrvas verspätet dazu, und so bin ich erst heute in der Lage, Ihnen in Kürze nachstehende Richtigstellung zur Kenntnis zu bringen. Die traurige Lage der jüdischen Communallehrer, insbesondere aber der provisorischen, ist mir wie dem Cultusvorstande nicht unbekannt und hat denselben wiederholt von Fall zu Fall anlässlich von Hilfsactionen beschäftigt. Aber nicht wegen dieser Nothlage und nicht zur Unterstützung dieser Herren, sondern lediglich zur Heranbildung jüdischer Religionslehrer wurde der in Rede stehende Lehrcurs eröffnet und wurden diesfalls im Einvernehmen mit dein Curatorium der israelitisch-theologischen Lehranstalt in der Plenarsitzung vom 12. Februar 1900 nachstehende Beschlüsse gefasst: 1. Der Vorstand begrüßt und unterstützt das Bestreben der Lehranstalt, einen Religionscurs zu errichten und gibt dem vorgelegten Lehrplane seine Zustimmung. 2. Der Vorstand bestimrnt Stipendien im Gesammtbetrage von 2000 fl. für Zöglinge dieser Lehrerbildungs- Anstalt. welche Stipendien über Vorschlag des Lehrkörpers durch den Vorstand zu verleihen sind. 3. Der Vorstand eröffnet der israelitisch-theologischen Lehranstalt, dass nach Absolvierung des Curses, bei Anstellung von Religionslehrern, jene Lehrer bei der Cultusgemeinde in erster Linie bevorzugt werden sollen, welche mit gutem Erfolge diesen Religionscurs absolviert haben. eine Nacht, das gewöhnliche Maß menschlichen Wollens und Könnens überragend, das Urbild aller irdischen Größe, die Achse, um die sich die ganze Welt dreht, der Mittelpunkt alles gesellschaftlichen Lebens. Schmüle macht es nicht wie Diener, die ge»vöhnlich über ihre Herrschaft nur Böses reden, sie noch schlechter maleu, als sie ist. Er lügt über den Grafen, »vas Zeug hält, aber immer nur, dass der Gras dabei im schönsten Lichte erscheint, er ist sein Stolz, sein Abgott. Und so weit ein Graf einen Menschen achten und schätzen ka»»n, achtet unb schätzt dieser auch Schmüle, er kann keine acht Tage ohne ihn existieren. Nur z»veimal ist dieses Verhältnis auf längere Zeit unterbrochen worden und hätte sich ganz gelöst, wenn Schinüle nicht so versöhnlicher Natur ge»vesen »väre. In einer seiner böserr Lannen agostrophierte der Graf einmal Schmüle: „Du elender Jnd„Jud", schrie Schmüle, am ganzen Leibe vor Awregnng zitternd, „)vas »vollen gräfliche Gnaden von meinem Stamme; meine Person können gräfliche Gnaden schimpfen, schlagen, von den Hunden zerfleischen lassen, meinen Stamm haben gräfliche Gnaden kein Recht zn beleidigen, er hat nichts verschuldet." Und damit nah»»» er die Thür in die Hand und verließ den Grafen. Wochenlang ließ er sich im Schlosse nicht mehr blicken. Es »vurde Diener um Diener nach ihm geschickt; »ver nicht kam, war Schmüle. In der Gasse konnte sich niemand Schwüles Verhalten enträthseln. Er war wie ansgeivechselt, der Grüf kam nicht mehr über seine Lippen und er gieng auch ganz anderen Geschäften nach als seit Jahren. Da fuhr endlich ei»»es schönen Tages der Gros selbst bei Schmüle vor, blieb über eine halbe Stunde bei ihm und Schmüle bestieg dann mit ihn» den Wagen. Er sah aus, als ob er geweint hätte, aber »vie die Sonne, wenn sie die Wolken durchbricht, lag jetzt ein Lächeln auf seine« Gesichte, als er, hart neben dem Grafen sitzend, rechts und links das Spalier der staunenden Menge, durch die Gasse fuhr. Bon dem Tage ab war Schmüle wieder der Alte.