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Jüdisches Volksblatt · 1900-02-09 · 6 (9.2.1900) · p. Seite 4

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
2 (1900)
Issue
6 (9.2.1900)
Date
1900-02-09
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 1 Wion, Frtdt.i» .Indisches Volksbblr Febril*r 1900 Nr. l$ s ch in i d t namens der III. Gection erstattete Referat werden an Verschiedene Vereine und Korporationen Subventionen für das Kahr 189!) im Gesammtbetrage von 1632 Kronen bewilligt. I. Vicepräsident Herr Dr. Alfred Stern referiert namenS der V. Section über die Activierung neuer Stiftungen und Widmungen, und zwar: der ,.Sigmund und Regina Räubers'schen HeiratZausstattungs-Stiftung für mittellose jüdische Bräute" mit einem 8apitale von Nominale Kronen 6000; der „Josef Siegfried und Clara P a n e t h'schen Kadischgebet- und Graberhaltungs-Stiftung" mit einem Eapitale von Nominale Kronen 7600; der Fanny N a s s a u'schen Widmung für Reconvalescente des israelitischen Spitals mit einem Kapitale vom Nominale Kronen 2000. Die Uebernahme dieser Stiftungen und Widmungen wird im Sinnne der Sectionsanlräge beschlossen. Endlich wird eine Abänderung der Stiftbriefe der Janas und Fanny Fröhlich'schen Geelengedächtnis-Stiftungen über Einschreiten der Hinterbliebenen genehmigt. Nach Erledigung von Personalien wird die Sitzung um 1 Uhr nachmittags geschlossen. Prag. (Vom „Jüdischen Vvlksverei n".) Den 4. d. M. fand in der Prodnctenbörse ein Discussionsabend des „Jüdischen Volksvereines" statt. Der Vortragende war Doctor Leopold Kahn ans Wien. Wer die Vortragsweise, die Verve dieses Redners kennt, dem muss man gewiss nicht versichern, dass derselbe mit reichlichem und bestverdientem Beifalle überschüttet wurde. Nachdem er geendet hatte, kamen die Herren Socialdemokraten zum Worte, in erster Linie Herr Gehorsam, dessen Mitverdienst es ist, dass die erste jüdische Volksversammlung in Prag im März vorigen Jahres zerschlagen wurde. Er sprach von allem Möglichen, von Christus, Marx, Lassalle, vom nationalen Chauvinismus, dessen wir doch nachgerade in Oesterreich genug hätten, gleichwohl werde noch eine neue Nationalität erfunden u. s. w. Er sagte aber das, was er vorbrachte, gut und mit Verve. Was soll man aber von diesen drei Jungen, die er als Redner abcommandierte, wovon zwei noch Milchgesichter sind, halten, die ein fades Gewäsch zum besten gaben? Es gehörte Hillels Geduld dazu, sie anznhören. Arme Socialvemokratie! Wenn sie keine besseren Kämpfer hätte, die sie unter Männer, die Großes anstreben, zu entsenden imstande wäre — mit solchen schadet sie sich ganz gewaltig. Noch solche einige Abende und sie hat unter den Prager Juden keinen einzigen Anhänger. Das Wort ergriffen weiter Herr B a d e r l e aus Zleb, Herr W e r t h e i m e r, am Schlüsse sodann Herr Dr. Kahn zn einer Polemik, die wahrhaftig einzig dastehen mag. Es ist unmöglich, auf jedes einzelne zurückzukommen; es möge genügen, wenn gesagt wird, dass jeder Satz einen Jubel hervorrief. Punkt für Punkt entkräftete er die Argumente, die die Herren Socialdemokraten vorbrachten, er verschmähte es nicht, selbst die abgedroschenste Phrase unter seiner zersetzenden Satire in nichts zerfließen zu lassen, so dass es die Herren Socialdemokraten vorzogen, vor dem Ende, welches um 12 Uhr nachts erfolgte, sich aus dem Staube zu machen. Ihren Abgang verherrlichten sie jedoch noch mit einer bubenhaften Ungezogenheit. Sie verlieren eben von Stunde zu Stunde an Boden unter den Juden Prags, daher der verbissene Aerger! Kuttenberg. (Von der czechisch-jüdischen Vereinigung.) Auf diesem elastischen Boden hielt am 4. Februar dieses Jahres die Ceska - zidovska Jednota (Böhmisch- oder Czechisch-jüdischer Verband) hier einen Kreistag ab, an dem die Herren Dr. Scharf und Dr. A r nst e i n aus Prag theilnehmen sollten. Der erstere war verhindert zu kommen, so dass bloß der letztere die etwas verblasste Bedeutung des Verbandes wieder aufzufrischen unternahm. Er führte in seinem Vortrage ganz richtig aus, dass die letzter Zeit stattgehabten Ereignisse die Thätigkeit des Verbandes bemmten. Denn es sei unmöglich, die Verbitterung zu unterdrücken, welche die jüdischen Gemüther beherrschte, die sich solchen Widerwärtigkeiten, Verdächtigungen und Bedrohungen ausgesetzt sähen. Es sei trotz alledem kein Grund, die czechische Sache zu verlassen, denn der Jude gebe noch immer Grund zur Unzufriedenheit, er bevorzuge noch immer die deutsche Sprache und er provociere sogar manchmal. Dies in kurzem die Richtung, in welcher sich der Redner bewegte. Er erntete jedoch keineswegs ungetheilten Beifall. Nach ihm ergriff ein Redner aus Prag das Wort, von dessen Anwesenheit der Herr Doctor gewusst hatte. Dieser Redner, dem 15 Minuten Redezeit bewilligt wurden, verfocht die Sache der Juden. Ec bewies, dass die Juden eine Nation sind, er bewies, dass das Sichducken ein Ende haben müsse, und offen möge der Jude sein Recht verlangen. Er setzte auseinander, was der Zionismus austrebt, wie nothwendig er sei, da die Assimilation so schändliche Früchte getragen. Die Redezeit wurde zweimal erstreckt. Nun war der Damm gebrochen. Der Zionismus bildete jetzt für alle nachkommenden Redner, die sich in Pro und Contra theilten, das alleinige Thema. Zwei von den hiesigen Juden sprachen für und einige gegen. Unter diesen erhob einer den Vorwurf, dass zwei Studenten sich für ausgesprochen. Die Jugend habe ja noch keine Erfahrung. Nun griff nochmals der zweite in der Reihe zum Worte und wies darauf hin, dass gerade darin das große Verdienst des Zionismus liege, dass er die Jugend dem Judenthum zurückerobert habe, was auch bei der Zuhörerschaft Beifall fand. In seinem Nesume fand der Herr Doctor keine besonders große Zustimmung, und das Resultat? Die Czechisch-jüdische Vereinigung dürfte eine ganz gewaltige Erschütterung erleben. Brüx. (Deutschnationale Arbeiterpolitik.) Den Idealisten, die da meinten, die sogenannte deutschuativnale Arbeiterschaft werde doch etwas weniger vertrottelt sein, wie die deutschen Spießer, empfehlen wir als beste Arznei 'die Lectüre des „H onimt r". Was sich dieses Organ des Herrn S t e i n an Blödheit leistet, ist so ziemlich unerhört. So meldet er jetzt, der Abgeordnete Dr. Verkauf — ein f 11 Jude — solle zum ----- Sectio nsrathe ernannt werden. Nun ist ja das an sich zu dumm. Aber davon abgesehen! Was hat Dr. Verkauf heute mit Inden und Judenthum zu thun? Dr. Verkauf war wohl einmal „Kadimahner". Wieviel dämm bei ihm verschlagen hat, bewies ja die letzte Judendebatte im Parlamente. Aber das geniert den „Hammer" nicht. Er concludiert. Er concludiert: Die Socialdemokratie ist jüdisch, die „großen Ausbeuter" sind jüdisch. Deshalb will die Socialdemokratie den „großen Ausbeutern" nicht wehe thun. Zur Besorgung dieses Geschäftes ist Dr. Verkauf ausersehcn. Der wird Sectionsrath, und als Jude wird er die jüdischen Ausbeuter schon schützen. — Heilo! Herr Franko Stein ist doch ein Genie. Wer's nicht glaubt, der lese eben den „Hammer". Und wenn die Grafen La risch, Wilzek, die Skoda und W i t t g e n st e i n, sowie die deutschnationalen Fabrikanten in Neichenberg und Gablonz sich bass verwundern sollten, dass Dr. Verkauf so über Nacht ihr — Stammesgenosse und Beschützer werden soll, so mögen sie sich mir an den „Hammer" wenden. Der versteht das eben besser und wird sie schon anfklären. Berlin. (Persona gruti .ssiina be« beutf^eti Kaisers über Philo- »n d Antisemitismus.) Major Laufs, der Wiesbadener Hofdramaturg und Verfasser der Hohenzollern-Drame.n, der jetzt Hahn im Korbe des Berliner Kaiserhofes ist, wurde, wie es in neuester Zeit bei jeder Persönlichkeit von Bedeutung gang und gäbe ist, interviewt. Die folgenden Aeußernngen des Interviewten bei dieser Gelegenheit dürften unseren Lesern von umso größerer Wichtigkeit erscheinen, als er seinen diesbezüglichen Gedanken in seinen genannten Dramen beredten Ausdruck verlieh und den Dramen bekanntlich das Wohlgefallen Sr. Majestät im besonderen Maße ostentativ zutheil wurde. Sie lauten: „Ich hasse alle, die das Volk im falschen Wahne erziehen, der blöden Menge Unduldsamkeit lehren. In einem in vierfüßigen Jamben und in sechzehn Gesängen geschriebenen Epos „Die Geißlerin", das ich im März dem Druck übergebe, bekämpfe ich die Volksbethörer und deren Intoleranz. Das Epos spielt zur Zeit des Flagellanten-Wahnsinns im Mittelalter, aber ich wende mich darin gegen die Ausschreitungen und die Ausbeuter des Volkswahns zn allen Zeit. 1348, zur Zeit der furchtbarsten Pestepidemie in Deutschland, ziehen die Flagellanten in Worms ein. Alsbald verdächtigt man die reichen Juden des Ghetto, die bisher infolge eines vom Kaiser Heinrich JV. erlassenen Freibriefes die Vorrechte der Patricier genossen, als Urheber der Seuche. Vergebens veeschwendet der berühmte Rahbi Beer ben Tolede seine feurige Beredtsamkeit an das wahnbethörte Volk, die Befehle des gesetzesstrengen Oberbürgermeisters, der die Juden in Schutz nimmt, werden missachtet..." Auf die Zwischenfrage, ob der Antisemitismus zum Siege gelange, antwortete Major Laufs: „Wie jeder Volkswahn zu allen Zeiten — für kurze Zeit. Denn es lauert das rächende Verhängnis — ich versinnbildliche es in meiner epischen Dichtung als den personificierten Tod, der einherschreitet." Auf den ferneren Einwurf des Interviewers, ob die Dichtung in philosemitischer Tendenz gehalten sei, erwiderte der Gefragte: „Ja. Es nahm diese Tendenz immer mehr an, während ich in den alten hebräischen Documenten, die ich mir aus Worms kommen ließ, studierte. Ans ihnen lernte ich die Sabbath-Gebräuche der spanischen Juden des Mittelalters, welche ich in meiner Dichtung genau schildere, aus ihnen lernte ich echte Toleranz, wahre Menschlichkeit und Nächstenliebe . . ." Berlin. (Musikdirector Sally Philipp.) In voller Leibes- und Seelenfrische feierte am 27. Jänner dieses Jahres Herr Sally Philipp, Musikdirector und Musikalienhändler hier, seinen 75. Geburtstag. Zahlreiche Gratulationen und Geschenke liefen bei dem Jubelgreise ein, der als Mitbegründer des Allgemeinen deutschen Musikerverbandes und des Berliner Musiker-Krankennttterstützungs- Vereines in weiteren Kreisen gekannt und geehrt ist. Nom. (Nekrolog.) In aller Stille starb hier der jüdische Gelehrte Dr. Moschet) E h r e n r e i ch. Im Jahre 1819 zu Brody in Galizien geboren, trieb ihn sein Wissensdrang nach Padua, wo er zn Füßen des berühmten Hebraisten Samuel David L u z z a t t o — in Literatenkreisen unter dem Namen „Sch'dal" bekannt — mehrere Jahre zubrachte und dort seine volle Ausbildung erlangte. Er heiratete dann eine Tochter des unter dem Schriftstellernamen „Jaschar" (Jizchak Schmuel Riggay) berühmten Gelehrten und functionierte hierauf in mehreren italienischen Städten als Rabbiner. Von seinem letzten Rabbinate wurde er als Professor der Rabbinerschule zu Rom dorthin berufen. Als die Rabbinerschule aufgelöst wurde, sah er sich in alten Tagen ohne Einkommen. Viele Werke, die jedoch nur den engsten Kreisen bekannt sind, vererben seinen Namen auf die Nachwelt. Still wie sein Streben und Wirken war auch sein Tod. Ehre seiner Asche! Haag. (E h r n n g.) Aus Anlass des fünfzigjährigen Jubiläums des hiesigen jüdischen Waisenhauses wurde Herrn D. de I o n g, dem ältesten Mitgliede des hiesigen israelitischen Cnltusvorstandes, von unserer jungfräulichen Königin das Ritterkreuz des Ordens von Orattieil-Nassan verliehen. London. (W i e la n g e wird noch der Krieg dauern?) Zeitungsberichten zufolge hat Sir Samuel M o n t a g u versprochen, für die jüdischen Soldaten, welche in Südafrika kämpfen, 3000 Pfund Mazzoth auf die kommenden jüdischen 8 Ostertage zu schicken. Offenbar ist Sir Montag» der Ansicht, dass der Krieg nicht so schnell beendigt sein wird. Netv-Uork. (Der Segen der gemischten E h e n.) Vor kurzem fand hier eine Gerichtsverhandlung statt, in welcher ein jüdischer Gatte gegen seine Frau und Kinder im Klagewege auftrat. Bei der Verhandlung schilderte der Kläger seine traurige Situation folgendermaßen: Er habe als wohlhabender Mann seine gegenwärtige Frau als armes Lhristenmädchen geheiratet. Friedlich lebte sie mit ihm einige Jahre zusammen. D« kam plötzlich ein Etwas. —■ Sie wolle mit ihm nun nicht einmal sprechen und reize die Kinder gegen ihn auf, dass dieselben ihn schlagen und ihm „verdammter Jude" Nachrufen. — Die Verhandlung wurde zum Zwecke der Vorladung neuer Zeugeu vertagt. gjipenöct Wir erhalten folgende Zuschrift, die wir ohne jche Aendernng veröffentlichen: Wien, 0. Februar 190«. LöblicheRedactiondes „Jüdisch. Volksblatt"! Ich bitte um gefällige Antwort, was ich machen soll. Ich bin 41 Jahre alt, wir haben 3 kleine Kinder, durch die Krankheit meiner Frau ganz verarmt, war viele Jahre « Ehicago selbständiger Kaufmann, und nur auf Anrathen der Aerzte war ich gezwungen, das amerikanische Klima zn verlassen, um hier ärztliche Hilfe zn suchen, was auch thatsächlich geschah, indem meine Frau auf der Klinik des Herrn Hofrath Prof. Cbrvbak operiert worden ist, bin hier circa 2'/2 Jahre, und trotz meiner größten Anstrengung will es mir nicht gelingen, irgendwelchen Verdienst zu finden, habe nicht mehr waS zu versetzen, nicht genug, dass meine Familie hungert, sind wir in der Gefahr ausgesetzt, jeden Augenblick delogiert zu werden, falls wir den schuldigen Zins von 30 fl. nicht erlegen sollten. In der größten Verzweiflung gieng ich znm Vicepräsidenten der isr. Cnltusgemeinde, Gemeinderath Dr. Stern, schilderte ihm meine Lage und bat um Hilfe; als ich ihm sagte, dass wir, falls ich bis 8 d. keine Hilfe bekomme, delogiert werden, antwortete er mir, „es geschieht uns recht, ich hätte nicht sollen Amerika verlassen, ich soll nur sammt meiner Familie auf der Straße schlafen". Um den wohlwollenden Rath des edlen Vicepräsidenten Gemeinderath Herrn Dr. Stern zu befolgen, bin ich aus zwei Ursachen nicht imstande, erstens kann ich mit Frau und 3 kleinen Kindern ans der Straße nicht schlafen, weil die Witterung es nicht gestattet, und die Prateranen anfznsuchen, könnten wir, selbst wenn eS Sommer wäre, von der Polizei aufgehoben und per Schub geschickt werden. Wenn Sie meinen Brief veröffentlichen werden ohne Namen der genannten Herrn, werde es mir vielleicht gelingen, eine Stelle als Haus- oder Lohndiener oder Hausknecht zu bekommen, damit ich meine Familie erhalten kann. Bitte gütigst um Antwort und zeichne ganz ergebenst Paul Rosen rauch, UL, Treustraße Nr. 54, Thür 18. Die Zumuthung, diesen Brief ohne Namensnennung z« veröffentlichen, haben wir selbstverständlich abgelehnt. Der Einsender hat erklärt, dass er für seine Behauptung die volle Verantwortung übernehme. Die Red. Aus den Organisationen. (Jüdischer Volksverein.) Der am 7. d. M. abgeh altone Discussionsabend hatte die Fortsetzung der Debatte über den Vortrag des Herrn Dr. M. Rosen selb „Nationalismus und Religiosität im Judenthuine" aus der Tagesordnung. Der Besuch war ein sehr zahlreicher und gestaltete sich die Debatte, durch das Eingreifen mehrerer Redner der verschiedensten Fractionen außerordentlich lebhaft. Zunächst ergänzte Herr Dr. R o s e n f e l d mit einigen erläuternden Sätzen sein vorwöchentliches Referat. Der Tenor des ganzen Referates klang dahin aus, dass es hoch an der Zeit sei, dass sich die Juden auf sich selbst besinnen, dass sie keine andere als eine speeiftsch jüdische Politik befolgen sollen und dass hierzu das Zusammenwirken sowohl der nationalen als auch der religiösen Inden unbedingt nothwendig ist. Redner verficht noch die These, dass ein nationales Judenthum ohne Religion eine Unmöglichkeit sei, und dass nur beide Factoren vereint imstande sind, ein geeinigtes Judenthum zu organisieren. Ihm entgegneten Herr B u ch s b a u m und Herr M o r g e n st e r n, welche Herren das Hauptaugenmerk auf die Religion gerichtet wissen wollen und nur denjenigen als Juden anerkennen wollen, der strenggläubig nach dem Gesetze Mosis lebt. Hierauf gelangte Herr Pilpel zum Mort, der den „Jüdischen Volksoerein" dagegen verwahrte, als ob wir zusammengekommen wären, um religiöse Streitigkeiten hierauszutragen. Wir können keine Patentjuden anerkennen, bei uns ist jeder Jude, dessen Herz für jüdische Interessen fühlt und oer bereit ist, sich uns im Kampfe, um unsere bürgerlichen und wirtschaftlichen Rechte anzuschließen, ein gleichwertiges Mitglied, ohne Rücksicht auf sein religiöses Fühlen. Auch Herr Dr. K a d t s ch und Herr Dr. L i s e z e s verträte« diesen Standpunkt. Herr Dr. L l f c z e s führte noch aus, dass wir ja religiös gar nicht bedrückt werden, wir werden nur politisch und wirtschaftlich bekämpft und müssen uns eben hier zur Wehre setzen. Am Beten hinoert man uns ja gar nicht, aber verhungern möchte man uns lassen. Erregt wurde erst die Deba te, als ein junger, jüdischer Soemlvemokrat znm Worte gelangte. Diese Herrchen, die überall päpstlicher als der Papst sein wollen, sich jedoch nur in jüdische Versammlungen trauen, iveil sie wissen, dass sie hier gefahrlos krakehlen können, spielen überall ^die Besserwissenden, haben für alles das bessere Verständnis und betrachten jeden, nicht zu ihrer Partei Gehörigen als dumme« Jungen. So fand vor den Augen dieses Herrn Salzer gleich der Titel unseres Vereines keine Gnade, wir sollen unS bloß „Bolksverein" nennen und das Wort „jüdisch" streichen und noch einige ebenso geistreiche Rathschläge beliebte es ihm uns zu er-- theilen. Als er aber anfieng, sich über unsere jüdische Politik lustig zu machen, wurde er vom Herrn Präsidenten H. Eltbog e u energisch zurückgeiviesen und musste aus das Wort verzichten. Nach ihm sprach noch Herr Dr. Kadisch und Herr Bauch, woraus der sehr interessante Abend geschlossen wurde. (Jüdischer Volksverein.) Mittivorl) den 14. Februar l. I., 8 Uhr abends, hält Herr Dr. EarlLisczls in unserem Vereinslocale 2. Be;., HaaSgasse 8 (Untere Augartenstraße 19), einen politisch-historischen Vortrag über „Einiges aus dem R e ch ts- und W ir tS sch a f ts le b e u der Juden im 18. unb 1 9. Jahr hunder t". Die Mitglieder iverden ersucht, an diesem Abend recht zahlreich zu erscheinen und in ihre« Bekanntenkreisen recht fleißig zu agitieren. Die Vereinsleitung. Wien. (Z u g u n st e u der Bo r y s l a »v e r u o t tzlei d e n d e u Arbeiter) veranstaltet die jüdisch-akademische Verbindiiug „Unitas" an» 18. 1. M. im Saale Ronacher eine« Elite-Ball und fand am 7. Februar die zweite Eo>nilö-Besprerhung in Verbindung mit einer kleinen Akademie und darauffolgendem recht aniinierten Tanzlränzchen im Hotel Eentral slati. Karten sind int Verbindnngs-Locale (IX., Hahngasse 33) von 6—9 Uhr abends und bei deii Eomltö-Mttgliedern zu haben.

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